Interview & Porträt

Die Schönheit der Verzweiflung

Von
Barbara Schulz
Foto: SIrène Zandel
Foto: SIrène Zandel

Auf den ersten Blick scheint alles sehr stimmig und unisono düster: zwei sehr ernste Menschen auf einem sehr schwarzen Cover mit dem sehr schweren Titel „Echoes of Eternity“. Ein Album, das man eher um Allerheiligen als im Frühjahr erwarten würde. Und doch haben sich der Bassbariton Milan Siljanov und seine künstlerische Partnerin und Frau, die Pianistin Nino Chokhonelidze, entschieden, neben Johannes Brahms’ „Vier ernsten Gesängen“ op. 121 mit Texten aus der Bibel sechs Lieder respektive musikalische Gedichtinterpretationen von Franz Schubert und „Sechs Monologe aus ‚Jedermann‘“ des Schweizer Komponisten Frank Martin zu veröffentlichen.

Lässt ein zweiter Blick – der ins Booklet – auch ein wenig Hoffnung durchschimmern, wenn Trostlosigkeit und Verzweiflung über existenzielle Fragen immer wieder durch kleine Leuchtpunkte aufgebrochen werden, so löst die Musik das nur in Nuancen ein. Bedrückend klingt es, wenn sie von Tod, Verzweiflung und Untergang erzählt – allein das vierte Brahms-Lied, das der Komponist nachträglich in den Zyklus eingefügt hat, gibt Aussicht, dass „der Tod nicht das Ende ist, sondern eine Weiterführung in eine ferne Ewigkeit“. Und Milan Siljanov verleiht seinen Worten aus dem Booklet Nachdruck im persönlichen Gespräch: „Ja, das war die Idee des Albums: eine Seele, die immer weiterwandert.“

Den Eindruck, es handle sich bei dem Sänger mit persisch-mazedonischen Wurzeln und seiner georgischen Frau um ein Künstlerpaar, das dem Ernst des Lebens näher ist als der Leichtigkeit, widerlegt sehr schnell der dritte Blick: der auf die beiden live, als sie ihr neues Album vorstellen. „Ich musste meiner Plattenfirma versprechen, dass ich, falls es eine nächste CD geben wird, ein ganz heiteres Programm machen werde“, erzählt Siljanov launig, um augenzwinkernd zu ergänzen: „Und dann fange ich mit ‚An Silvia‘ von Schubert an.“

Tatsächlich sind die beiden schlicht: sehr ernsthafte Musiker, egal ob im heiteren oder im dramatischen Genre, dabei menschlich mit einem so guten, geistreichen und schnellen Humor ausgestattet, dass man ihnen gern dabei zuhört, wie sie sich gegenseitig die Bälle zuwerfen. Und das tun sie oft. Allein die Geschichte, wie sie sich kennengelernt haben, erzählt viel über sie und ihre Beziehung, aber auch ihren Werdegang, der für Siljanov am Klavier begann. Es war im Sommer 2008, als sie sich bei einem Meisterkurs im Schloss Weidenkam am Starnberger See trafen, Nino Chokhonelidze war bereits ausgebildete Pianistin, Siljanov „angehender Möchtegernstudent – im Kopf war ich Swjatoslaw Richter, an den Tasten war ich weit weg davon“. Und lachend fährt er fort, dass er die Situation vielleicht dramatischer erzähle, als sie gewesen sei, aber Nino hätte ihn damals gefragt: „Warum spielst du Klavier?“ Dabei hatte seine Frau ihn natürlich längst singen gehört und gesagt, er gehöre eher zum Gesang. Wie auch immer ihre Wortwahl gewesen sei, grinst Siljanov, „es muss einen dramatischen Effekt auf mich gehabt haben“.

Zum Glück! Siljanov wechselte das Fach, und es war der Anfang einer wunderbaren Karriere. Geboren und aufgewachsen in Zürich, studierte er zunächst an der Zürcher Hochschule der Künste, bevor er an der Guildhall School of Music and Drama in London mit dem Opera Course seine Ausbildung abschloss. Es sei Bryn Terfel gewesen, weshalb er nach London gegangen sei – er wollte zum selben Lehrer wie er, zu Rudolf Piernay. Und die „Berliner Schnauze“ sei genau richtig gewesen nach einem sehr lockeren Lehrer in Zürich.

Foto: Sven Germann

Erste Preise beim Liedwettbewerb der Wigmore Hall und beim 50. Internationalen Gesangswettbewerb in ’s-Hertogenbosch sowie der zweite Preis und der Publikumspreis beim ARD-Musikwettbewerb 2018 folgten, darüber hinaus war er Stipendiat der Independent Opera Voice Fellowship der Wigmore Hall. Von 2016 bis 2018 war er Mitglied im Opernstudio, seither ist er Ensemblemitglied der Bayerischen Staatsoper. Entsprechend lebt das Ehepaar mit zwei Kindern heute in München. Gastspiele führen ihn nach Wien, Dublin, Verbier, Berlin, Stuttgart sowie an die Opéra national de Paris, wo er 2024 als Förster in Janáčeks „Das schlaue Füchslein“ debütierte. Große Rollen in „Rheingold“, „Katja Kabanová“, „Hänsel und Gretel“, „Tosca“ und als Wilderer Haraschta in „Das schlaue Füchslein“ stehen in der aktuellen Spielzeit in München auf dem Plan.

Ist es also doch die Oper, die über das Lied gewonnen hat? Nein, er singe alles gern, sagt Siljanov, es sei einfach der Weg der momentanen Karriere, dass er vor allem Oper und Konzerte singe und weniger Liederabende. „Dabei ist so ein Liederabend wie ein Neustart für die Stimme, er bringt mich zu ihrer Essenz zurück. Würde ich zehn Jahre lang nur Oper machen, würde sie rauer und härter werden und an Weichheit und Agilität verlieren. Auf der Opernbühne muss man eine gewisse Tongebung haben, eine gewisse Dezibelzahl. Im Lied hingegen kann man sich viel mehr auf kleinste Details konzen­trieren. Das Zusammenspiel ist viel intimer.“ Und ja, er schätze am Liedgesang auch die Autonomie: „Es ist keiner da, der es besser weiß oder der einem die Hosen weiter schneidet.“ Und mit einem Blick auf seine Frau: „Die Verhandlung findet zwischen uns statt. Wir entscheiden.“

Seit 2010 beschäftigen sich die beiden mit Liedkunst. Und weil das auch für die Pianistin Neuland war, sei das eine sehr intensive Zeit gewesen. „Klar mussten wir am Anfang viel üben“, denkt Nino zurück, „auch Repertoire aufbauen. Heute sind die Proben intensiv, aber kurz, weil wir uns wirklich gut kennen.“ Und seine Frau fügt hinzu: „Anfangs haben wir uns auch öfter über das eine oder andere gestritten. Heute ist das nicht mehr so.“ Siljanovs nicht ganz ernst gemeinter Kommentar dazu: „Klar, weil die Proben kürzer sind!“ Aber ja, es sei schon die Pianistin, die den Überblick habe. Seine Ausrede wie die vieler Sänger sei auch immer gewesen: „Ich kann das nicht, weil ich es nicht kann.“ Die Antwort seiner Frau: „Dann musst du es von deiner Stimme verlangen.“ Dieser Satz sei seither sein Mantra.

„Das ist natürlich ein Riesenvorteil unserer so langen Zusammenarbeit“, sagt Nino Chokhonelidze. „Man ist ja fast nackt auf der Bühne. Es ist nur Stimme, Text und Instrument. Das ist im Grunde eine zweite Stimme. Special Effects gibt es da keine.“

Tatsächlich fragt man sich aber genau das mitunter, wenn die beiden miteinander auf der Bühne stehen. Chokhonelidze grundsätzlich so virtous wie einfühlsam am Flügel, von Begleitung kann bei Schubert auch gar keine Rede sein – das Klavier ist gleichberechtigtes Gegenüber der Singstimme. Kunststücke sind allerdings bei Frank Martins „Sechs Monologen aus ‚Jedermann‘“ stimmlich wie pianistisch gefragt – für beide sind die ausgesprochen diffizilen und sehr unterschiedlichen Stücke eine echte Herausforderung. „Das Klavier gibt keine Idee, wo man die Töne herholen soll“, erzählt Siljanov. „Ich habe es einfach über Repetition gemacht – so lange eingetrichtert, bis es im Körper war. Allein im zweiten Lied gibt es eine Stelle, die so kontra geht gegen das Klavier, dass ich immer dachte, ich würde den falschen Ton singen, so sehr reibt sich das. Aber doch, es war so gemeint.“

„Ja, es ist ungemein anspruchsvoll, aber mindestens genauso reizvoll“, sagt Chokhonelidze. „Das Klavier ist sehr unterschiedlich in diesem Zyklus, sehr dramatisch, zugleich auch unheimlich leise. Und verrückt. Man hört am Klavier, wie sehr Jedermann mit diesem existenziellen inneren Konflikt beschäftigt ist.“ Eine große Rolle spielten hier Pedal, Artikulation, Dynamik, und die Bandbreite der Klangfarben sei enorm groß. „Man springt in diesem Zyklus auf der ganzen Tastatur von den tiefen bis zu den ganz hohen Tönen. Mir macht das großen Spaß, weil man das Gefühl hat, man spielt nicht einfach Klavier – es klingt wie ein ganzes Orchester.“ Also doch Special Effects, irgendwie.

Ein Wort zu Brahms’ „Vier ernsten Gesängen“? „Ich weiß nicht mehr genau, wie ich auf sie gestoßen bin, aber sie haben mich inspiriert und ungemein gefesselt. Als ich mir während der Coronazeit Gedanken über das Album gemacht habe, wusste ich: Ich baue das Programm um diese Brahms-Lieder“, erinnert sich Siljanov. Und seine Frau ergänzt: „Sie sind ein Beispiel für seine späte Schaffenszeit und haben eine so unglaubliche Tiefe und Reife. Man ist fasziniert und beeindruckt, zugleich ist es aber auch ein Risiko, weil das alles zu ernst und auch düster sein kann.“

Ja, das sind sie alle, diese Lieder und Monologe. Und wenn Brahms und Martin auch mit einer hellen Note enden – man ist erschöpft von all der Düsternis, beim Hören. Noch mehr aber beim Singen. Technisch wie inhaltlich. Schubert schließlich fordert den Sänger in seinem Lied „Der Wanderer an den Mond“ in besonderem Maße, geht es doch um Heimat. „Natürlich stellt sich für mich als Sohn einer mazedonischen Mutter und eines persischen Vaters, geboren und aufgewachsen in Zürich, die Frage nach dem Zuhause. Und doch ist es weniger die Heimatlosigkeit als die Identifikationsfrage, die mich umtreibt. Wie persisch bin ich eigentlich? Ich bin nicht mit der Kultur und nicht mit der Sprache aufgewachsen, sehe aber sehr persisch aus und habe Familie dort.“ Früher sei das Gefühl nur zweispurig gewesen – schweizerisch oder mazedonisch. Seit einigen Jahren hat Siljanov jedoch Kontakt zu seiner Familie im Iran. „Erst seit dieser Verbindung mache ich mir Gedanken um diese weitere Komponente.“

Da ist sie also wieder, die Traurigkeit, die Wehmut, die Schwere – vorsichtig ausgedrückt. Und würde Milan Siljanov nicht noch anmerken, dass ihm dieses Album ein Anliegen war, auf das er in zwanzig Jahren zurückblicken und stolz sein möchte, würde er nicht nach dem Gespräch Anekdoten in feinstem Zürich-Deutsch erzählen, dann läge die Versuchung nahe, seine Worte zu Brahms aus ihrem Zusammenhang zu reißen und zu zitieren: dann „wäre die Trostlosigkeit dieser Gesänge kaum zu ertragen“.