Interview & Porträt

Wie eine Zen-Meditation

Von
Jakob Buhre
Foto: Gregor Hohenberg
Foto: Gregor Hohenberg

Der aus Westnorwegen stammende und in Bergen lebende Leif Ove Andsnes ist seit Jahrzehnten einer der großen Namen der Klavierszene. Er war unter anderem Artist-in-Residence bei den Berliner und den New Yorker Philharmonikern und wurde von der Juilliard School in New York mit einem Ehrendoktor ausgezeichnet. 2023 erschien eine 36-CD-Box mit seinen Einspielungen für Warner, inzwischen nimmt er exklusiv für Sony Classical auf.  

Herr Andsnes, ist Ihre neue Liszt-Einspielung die langsamste CD, die Sie je aufgenommen haben?

Da könnten Sie recht haben, zumindest was die ersten 45 Minuten anbelangt, die Vertonung von Jesu Kreuzweg „Via Crucis“.

… eine Art Oratorium, das den meisten Liszt-Klischees widerspricht.

Ja, manche Hörer würden wohl kaum vermuten, dass es sich um ein Werk von Liszt handelt. Er hat leider dieses Image, ein oberflächlicher Virtuose gewesen zu sein. Ja, er war Virtuose, und sicher gab es in seinen Konzerten auch oberflächliche Momente. Aber das intensive Konzertieren war in seiner Biografie nur eine kurze Phase, nach der er sich wieder zurückzog, sich aufs Komponieren konzentrierte und unterrichtete. Später lebte er gar wie ein Mönch und schrieb sehr introvertierte Musik wie die „Via Crucis“.

Technisch werden Sie in dem Stück nicht gefordert. Wo lagen hier die Herausforderungen?

Es kommt sehr auf die Dramaturgie an, wie man lange Bögen spannt, wie man überraschende Momente und Übergänge schafft, die Sinn ergeben. Es bewegt sich ständig wie auf Messers Schneide zwischen dem Abgrund und der Offenbarung von etwas Heiligem und unglaublich Schönem. Um das Publikum in seinen Bann zu ziehen, sind oft winzige Details entscheidend. Deswegen war ich froh, mit den Sängern des Norske Solistkor arbeiten zu können, die wunderbar präzise mit Klang und Worten umgehen.

Hätten Sie sich zu Beginn Ihrer Karriere vorstellen können, ein Werk wie „Via Crucis“ aufzuführen?

Nein. Als Zwanzigjähriger hätte ich das eher seltsam gefunden. Es ist ja wirklich ein ungewöhnliches Stück, das viel Zeit und Geduld braucht, man muss diese langsamen Tempi ausfüllen, man kann nichts forcieren – es ist ein bisschen wie eine Zen-Meditation. Heute fasziniert mich so etwas, aber vor dreißig Jahren wäre ich dafür noch nicht reif gewesen.

Wie ist Ihr persönlicher Bezug zur Religion?

Ich bin in einer religiösen Familie aufgewachsen, das war ein Teil meiner Kindheit, weshalb ich die Geschichten aus der Bibel gut kenne. Als junger Erwachsener habe ich mich dann von der Kirche etwas abgewendet, aber grundsätzlich ist mir diese Hinwendung zum Glauben, vor allem auch in der Musik, sehr vertraut. Bachs Johannes- und Matthäus-Passion waren und sind für mich der größte künstlerische Ausdruck von Menschlichkeit. Und es ist rührend zu sehen, wie sich Liszt in „Via Crucis“ auf Bach bezieht: Es gibt darin zwei lutherische Choräle, von denen einer sogar so klingt, als hätte er ihn von Bach geklaut. (lacht)

Apropos: Von Ihren über siebzig CD-Aufnahmen entfallen genau drei Minuten und zwölf Sekunden auf Bach. Wie kommt das?

Als Pianist habe ich noch keinen Weg gefunden, mich mit Bach wohlzufühlen, ich fühle mich nicht gut dabei, ihn öffentlich zu spielen. Das hängt auch mit der Frage zusammen, ob man ihn überhaupt auf dem modernen Klavier spielen sollte. Manche Interpreten, die das tun, überzeugen mich, insofern habe ich nicht grundsätzlich etwas dagegen, aber … es ist kompliziert. Vielleicht werde ich eines Tages noch mal etwas von ihm aufführen, aber dass Bach ein wesentlicher Teil meines Repertoires wird, glaube ich nicht.

Bedauern Sie das?

Nein, es gibt doch so unglaublich viel Klavierliteratur, und ich habe schon ein sehr breites Repertoire aufgeführt und aufgenommen. Dennoch gibt es Komponisten, die ich nie gespielt habe. Einer meiner absoluten Lieblinge ist Ravel, gespielt habe ich ihn fast nie. Das gleiche gilt für Tschaikowsky, den ich persönlich genauso mag. Unsere Lebenszeit ist nun mal begrenzt, da muss man sich entscheiden und eine Auswahl treffen.

Ich erreiche Sie gerade in den USA, wo Sie mehrere Konzerte geben. Ihr Kammermusikpartner Christian Tetzlaff hat jüngst seine USA-Konzerte abgesagt, aus Protest gegen die neue Regierung. Was denken Sie darüber?

Ich schätze sein Engagement in dieser Sache und respektiere seine Meinung. Alles, was Christian dazu gesagt hat, ergibt Sinn. Was meine Konzerte betrifft, habe ich mich gefragt: Wer würde meinen Boykott zu spüren bekommen? Das wären in erster Linie die Organisatoren und das Publikum, das sich für klassische Musik interessiert. Und zumindest bei den Veranstaltern und Institutionen sind das ganz überwiegend liberale Menschen, die schockiert sind von dem, was gerade in der US-Politik passiert. Mir war es wichtig, jetzt in die USA zu reisen, nicht weil ich um jeden Preis auftreten möchte, sondern weil es für mich eine sehr emotionale Angelegenheit ist. Ich komme seit dreißig Jahren hierher und habe viele enge Freunde in den USA. Und über die neue Politik diskutiere ich mit jedem, den ich auf dieser Tour treffe, überall, die ganze Zeit.

Haben Sie in der Vergangenheit schon mal Auftritte aus moralischen beziehungsweise politischen Gründen abgesagt?

Ich spiele seit 2022 keine Konzerte mehr in Russland. Wer weiß, vielleicht wird auch in den USA eine Situation eintreten, die es mir unmöglich macht, hier aufzutreten..