Duo zu entdecken
Die Pianistin Sabine Weyer und der Cellist Dimitri Maslennikov gehen auf Entdeckungsreise gen Osten

Zoltán Kodálys Sonate h-Moll op. 8 ist eines der berühmtesten und meistgespielten Werke für Violoncello solo. Auch Dimitri Maslennikov träumt schon lange davon, das Werk einmal aufzunehmen. Da er aber eine Pianistin als Lebensgefährtin hat und mit der eine neue CD aufnehmen wollte, entschied er sich für Kodálys fünf Jahre zuvor, 1910, komponierte Sonate für Violoncello und Klavier, die man so gut wie nie zu hören bekommt. Eine gute Entscheidung, wie man auf der gerade erschienenen CD „An Eastern Trip“ hören kann.
Ausgangspunkt des Programms war die berühmte Cellosonate von Sergej Prokofjew, zu der Maslennikov eine persönliche Verbindung hat – über Mstislaw Rostropowitsch, den Widmungsträger des Werkes. Der legendäre Cellist war zwar nicht Maslennikovs Lehrer, doch er hielt Kontakt mit dem jungen St. Petersburger Cellisten nach dessen gutem Abschneiden beim Tschaikowsky- und beim Rostropowitsch-Wettbewerb 1997. „Das waren wichtige Begegnungen für mich, wir haben auch über die Prokofjew-Sonate gesprochen, und einmal durfte ich sie sogar als Einspringer für ihn spielen“, erzählt Dimitri Maslennikov und ergänzt lachend: „Das ist lange her, 1999 in Berlin.“
Das weitere CD-Programm entstand auf einer Autofahrt aus Deutschland zurück nach Luxemburg, erzählt Sabine Weyer. „Unser Agent rief an und fragte, ob wir ihm rasch durchgeben könnten, was wir außer dem Prokofjew aufnehmen wollten. Da kam wie ein Funke die Idee, den Kodály und Miklos Rózsas Duo op. 8 zu spielen, das eine schöne Brücke bildet zwischen Prokofjew und Kodály. Es ist sehr volksmusikalisch und leicht zugänglich. Und den Abschluss bildet ein kurzes Stück von Rodion Schtschedrin, ‚Im Stile von Albéniz‘, das eigentlich für Geige geschrieben ist und erst vor Kurzem für Cello arrangiert wurde.“
„Wir kennen uns so gut, dass wir nicht zu reden brauchen. Meist reicht es zu fühlen, zuzuhören und zu spielen.“
„Die Kodály-Sonate anzugeben, war etwas gewagt“, erzählt Dimitri Maslennikov grinsend. „Ich kannte nur den ersten Satz, der ist sehr beeindruckend, er erinnert an den ersten Satz der Solosonate. Den zweiten Satz kannte ich nicht.“ Und Sabine Weyer ergänzt: „Ich hatte die Sonate vor langer Zeit mal gehört, an den zweiten Satz konnte ich mich überhaupt nicht mehr erinnern. Also haben wir uns zu Hause sofort die Noten bestellt. Als sie kamen, haben wir reingeschaut und nach zehn Sekunden beide gesagt: Das machen wir!“
„Weil die Sonate so gut ist?“, frage ich. „Weil sie interessant ist“, antwortet Sabine Weyer. „Der erste Satz ist ein Meisterwerk, der zweite Satz ist lang und ein bisschen seltsam. Ursprünglich sollte es noch einen dritten Satz geben, aber den hat Kodály nie veröffentlicht. Es ist ein ungewöhnliches Stück, der zweite Satz ist fürs Klavier viel schwerer als fürs Cello.“ – „Aber die beiden Instrumente stehen im Dialog, es macht Spaß zu spielen“, übernimmt wieder Dimitri Maslennikov.
Es ist die zweite gemeinsame CD der beiden, vor drei Jahren haben sie die erste Sonate von Brahms mit den jeweils ersten Sonaten von Herzogenberg und Fuchs kombiniert. Sabine Weyer stammt aus Esch-sur-Alzette, studierte in Metz und Brüssel, unterrichtet seit 2016 als Professorin am Konservatorium in Luxemburg und nimmt seit zehn Jahren regelmäßig CDs auf, zum Beispiel Bach, Busoni oder Myaskowsky solo, Mendelssohn und Schostakowitsch mit Orchester (für Ars)– und zuletzt die drei Violinsonaten von Emilie Mayer mit Emeline Pierre Larsen für cpo. Dimitri Maslennikov kam als 14-Jähriger mit einem Dreijahresstipendium nach Paris und startete nach dem Studium eine große Karriere als Solist und Kammermusiker. Unter anderem nahm er die Schostakowitsch-Konzerte mit dem NDR Sinfonieorchester (für Phoenix) und die Rokoko-Variation mit dem Berliner DSO (für Capriccio) auf, beides mit Christoph Eschenbach. 2008 brachte er das Cellokonzert von Marc-André Dalbavie mit dem Ensemble Intercontemporain in New York zur Uraufführung.
Nach drei Jahrzehnten in Frankreich lebt Dimitri Maslennikov nun auch in Luxemburg – wegen Sabine Weyer. Ist es nicht gefährlich, Privatleben und Beruf zu mischen, frage ich die beiden bei unserem Treffen im Bahnhofscafé von Luxemburg. „Wir haben zuerst Musik zusammen gemacht und waren befreundet – und wurden dann erst ein Paar“, erzählt er. „Es gibt keinen Grund, warum es nicht funktionieren sollte.“
Und wenn man mal privat Streit hat? „Das ist noch nicht passiert“, sagt sie schlicht. Während er weiter ausholt: „Wir fühlen uns sicher zusammen auf der Bühne. Und wir fühlen die Musik gleich. Warum soll ich mir da einen anderen Pianisten suchen?“ – „Wir fühlen spontan das Gleiche“, sagt sie.
Sie reden nicht viel in den Proben? „Nein, wir reden nicht viel“, sagt sie, und beide müssen lachen. „Es gibt verschiedene Arten von Proben“, erläutert Sabine Weyer. „Mit französischen Musikern wird über jedes Detail, über jede Note gesprochen. In Deutschland reden die Leute weniger. Wir Luxemburger haben eher die deutsche Mentalität.“ Und Dimitri Maslennikov ergänzt: „Wir kennen uns so gut, dass wir nicht zu reden brauchen. Ich habe mit einigen wundervollen Musikern gearbeitet, deren Gehirn beim Proben immer heißlief. Es ist wichtig und gut, das Konzept des Komponisten und den Hintergrund und alles zu kennen. Aber meist reicht es zu fühlen, zuzuhören und zu spielen. So einfach ist das.“
Das Duo ist für die beiden im Moment das wichtigste Projekt. Wenn es sich ergibt, spielen sie in anderen Konstellationen oder erweitern sich zum Trio. Aber im Grunde sind sie glücklich als Duo, sagen sie – und wirken auch so. „Für einen Cellisten ist es perfekt, eine wundervolle Pianistin als Freundin zu haben. Wenn man etwas ausprobieren will, geht man einfach zu ihr ins nächste Zimmer.“ Machen Sie denn auch zum Vergnügen Musik? „Na klar“, antwortet sie. „Musik ist unser Beruf. Aber nicht nur. Er spielt mir etwas vor, ich spiele ihm etwas vor. Oder wir spielen etwas zusammen, das ist wunderbar!“
Im Moment erarbeiten sie ein Programm rund um die „Carmen“, etwa mit den virtuosen Variationen von Horowitz fürs Klavier oder denen von Franz Waxman für die Geige, arrangiert fürs Cello. „Die sind teuflisch schwer. Im Grunde bin ich schon zu alt für so ein Repertoire“, meint Dimitri Maslennikov und lacht wieder fröhlich.
Ihre CD haben die beiden in Paris bei einem befreundeten Klangtüftler aufgenommen. „Eigentlich arbeitet er in der Finanzbranche“, erzählt Maslennikov. „Aber er ist auch ein fantastischer Toningenieur. Er hat ein eigenes System der Mikrofonierung entwickelt, mit dem er in seinem eigenen Studio aufnimmt. Es klingt, als säße man mittendrin im Konzertsaal, das ist beeindruckend.“
Die Harley-Davidson auf dem CD-Cover ist auch eine Leihgabe dieses Freundes. „Wir fahren gar nicht Motorrad“, verrät Dimitri Maslennikov. „Aber weil die CD ‚An Eastern Trip‘ heißt, fanden wir, das passt. Vielleicht lockt das Cover auch ein paar andere Hörer an.“
„Wir hatten letztens ein interessantes Erlebnis“, erzählt Sabine Weyer. „Wir haben das Programm zweimal in Frankreich gespielt. Und einmal habe ich gehört, wie sich Leute vorher unterhielten und sagten: Rózsa, das wird so was Modernes sein. Und hinterher kamen dieselben Leute zu uns und sagten: Danke für diese Entdeckung! Sie waren wegen der Prokofjew-Sonate gekommen und sind nach Hause gegangen mit der Erfahrung einer schönen Entdeckung. So soll es sein.“


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