Interview & Porträt

Puccini-Held mit moralischem Kompass

Von
Corina Kolbe
Foto: Musacchio, Pasqualini / MUSA
Foto: Musacchio, Pasqualini / MUSA

Dank seiner ausdrucksstarken Stimme und charismatischen Bühnenpräsenz hat sich Jonathan Tetelman binnen weniger Jahre einen Namen in der internationalen Opernszene gemacht. „Singen hat mich von klein auf begeistert“, erinnert sich Tetelman, der 1988 in Chile geboren wurde und als Baby zu Adoptiveltern im US-Bundesstaat New Jersey kam. Den ersten Unterricht erhielt er im American Boychoir, einem Knabenchor, der von der Universitätsstadt Princeton aus Tourneen in alle Welt unternahm. „Eigentlich sollten alle Jungen im Chor singen“, meint er. „Es ist eine wunderbare Chance, um gemeinsam mit anderen etwas Schönes zu erschaffen.“

Die Suche nach der eigenen Stimme verlief bei Tetelman dann aber nicht geradlinig. „Ich hatte den großen Traum, als Bariton zu singen. Bryn Terfel, Dmitri Hvorostovsky und Erwin Schrott waren meine Vorbilder. Als ich dann entdeckte, dass das nicht meine ideale Stimmlage war, brach für mich eine Welt zusammen.“ Mit 23 Jahren nahm er sich eine Auszeit und jobbte als DJ in New Yorker Technoclubs – das sei seine persönliche „Quarterlife-Crisis“ gewesen. Dann kehrte er aber doch zur klassischen Musik zurück, gewann, jetzt als ausgebildeter Tenor, Preise bei Wettbewerben und erhielt erste Engagements. 2018 machte er von sich reden, als er beim Tanglewood Festival als Rodolfo in Puccinis „Bohème“ für Piotr Beczala einsprang. „Das war meine erste Tenorrolle, die mir sehr geholfen hat, meine Technik weiterzuentwickeln.“

Die italienische Oper fasziniert Tetelman schon lange, und seit er selbst in Italien auftritt, fühlt er sich dem Land und seiner Kultur noch tiefer verbunden. 2019 debütierte er als Mario Cavaradossi in „Tosca“ am Teatro Regio in Turin. „Ich höre die Musik nun mit neuen Ohren und drücke mich in ihr anders aus als vorher. In Turin und in anderen traditionsreichen Häusern in Italien zu singen, ist einfach unbeschreiblich“, schwärmt er.

Auch in Verdis „Traviata“, „Rigoletto“ und „Stiffelio“ hat Tetelman international Beachtung gefunden. Puccini bleibt für ihn sein Fixstern, dem er sich immer wieder zuwendet. Als armer Poet Rodolfo gastierte er in London, an der Komischen Oper Berlin und in Dresden, als Cavaradossi auch in Barcelona und Buenos Aires. Und folgerichtig nahm er 2023 bei der Deutschen Grammophon ein Album mit dem Titel  „The Great Puccini“ auf.

„Zu Cavaradossi kann man aufschauen.“

„Neulich habe ich an einem Abend 13 Puccini-Arien gesungen“, erzählt er. „Dafür braucht man eine Menge Ausdauer. Es gibt keinerlei Verschnaufpause, man ist stimmlich und emotional ständig gefordert. Als Interpret gehe ich bis zum Äußersten, sonst kann es nicht gelingen. Man muss versuchen, die Herzen der Zuhörer im Sturm zu erobern.“

Kurz vor Puccinis hundertstem Geburtstag sang Tetelman im Oktober 2023 im Auditorium Parco della Musica in Rom in einer konzertanten „Tosca“ mit dem Orchestra dell’Accademia Nazionale di Santa Cecilia. Die weibliche Hauptrolle sang die Italienerin Eleonora Buratto. Der neue Chefdirigent Daniel Harding dirigierte das Werk zum ersten Mal, und auch für das Orchester war das Ereignis eine Premiere – es hatte die Oper in den 1950er Jahren zwar zweimal auf Schallplatte eingespielt, jedoch noch nie vor Publikum aufgeführt. Ein Mitschnitt erscheint nun im März bei der Deutschen Grammophon.

„Nichts ist schöner, als den Cavaradossi in Rom mit diesem wunderbaren Orchester zu singen“, bekennt Tetelman. „Im ersten Akt bin ich auf der Bühne sehr präsent, dafür benötigt man Erfahrung. Erst nach rund dreißig ‚Tosca‘-Aufführungen hatte ich richtig verstanden, wie ich die Rolle angehen muss.“ Falsche Scheu vor Vergleichen mit Größen wie Franco Corelli, Mario Del Monaco oder Luciano Pavarotti hat er nicht. „Ich höre mir unterschiedliche Stimmen an, lasse mich von ihnen inspirieren und entwickle diese Ideen dann weiter. Vor allem von Live-Aufnahmen kann man viel lernen.“

Die Partie des revolutionär gesinnten Malers überzeugt Tetelman nicht nur in musikalischer Hinsicht. „Ich denke, das ist die einzige Tenorrolle bei Puccini, die keine großen Charakterschwächen aufweist. Cavaradossi entscheidet selbst über seinen weiteren Lebensweg und verfolgt ein Ziel, statt vor der Verantwortung davonzulaufen. Er ist ein Held mit einem moralischen Kompass, deshalb bewundere ich ihn sehr. Am Ende empfindet er zugleich Hoffnung und Verzweiflung, und immerhin erfüllt sich sein letzter Wunsch – er sieht Tosca noch einmal wieder, bevor er stirbt. An diesem Punkt hat er sein Schicksal längst akzeptiert. Mit Cavaradossi hat Puccini eine Figur erschaffen, zu der man aufschauen kann.“