Interview & Porträt

Archäologie der Oper

Von
Corina Kolbe
Foto: Marion Kerno
Foto: Marion Kerno

Dass Bizets „Carmen“ eines Tages zu den meistgespielten Opern zählen und sogar die Popkultur beeinflussen würde, war bei ihrer Uraufführung nicht absehbar. Bei der Premiere am 3. März 1875 in der Opéra-Comique in Paris reagierten die meisten Zuschauer kühl. Die Vertonung der gleichnamigen Novelle von Prosper Mérimée entsprach in ihrer Dramatik nicht dem Genre der komischen Oper, das sich damals allgemeiner Beliebtheit erfreute. Die Hauptfigur war ruchlos und unangepasst, und die Zustände in einem von Bizet imaginierten Spanien erschienen den konservativen Zuschauern als zu drastisch. 

Dabei hatten die Librettisten Henri Meilhac und Ludovic Halévy die dreißig Jahre alte Vorlage sogar gehörig entschärft und die finstersten Aspekte aus Prosper Mérimées Erzählung getilgt. Carmen, ursprünglich als mordlüsterne Lügnerin und Diebin dargestellt, verwandelte sich im Libretto in eine aufrichtige und freie Frau, ähnlich der „schönen Helena“, die Meilhac und Halévy ein Jahrzehnt zuvor für Jacques Offenbach ersonnen hatten. Während in der Novelle ein Mord auf den anderen folgt, bleibt es in der Oper bei einer einzigen Gewalttat, der zum Schluss die Protagonistin zum Opfer fällt.

Nach der missglückten Uraufführung feierte „Carmen“ jedoch innerhalb weniger Jahre weltweit Erfolge – unter anderem in Wien, Brüssel, Antwerpen, Budapest, Lüttich, St. Petersburg, Stockholm, London, Dublin, New York, Philadelphia, Chicago, San Francisco und Melbourne. In Deutschland kam das Werk erstmals 1879 im Stadttheater Königsberg auf die Bühne. Bizet konnte den Triumphzug seiner Oper nicht mehr miterleben, er starb am 3. Juni 1875, genau drei Monate nach der Uraufführung, mit nur 36 Jahren an einem Herzanfall. 

Als Camille du Locle, der Direktor der Opéra-Comique, ihn mit einem abendfüllenden Werk beauftragte, war er als junger Komponist bereits hochgeschätzt. Franz Liszt, Gioachino Rossini und auch Offenbach hatten sich lobend über ihn geäußert. Die charismatische Mezzosopranistin Célestine Galli-Marié, der Bizet die „Habanera“-Arie auf den Leib schneiderte, verkörperte die Rolle der Carmen an vielen Opernhäusern, gegen Ende ihrer Karriere auch bei der hundertsten Vorstellung in Paris 1885. Für die Aufführungen im Ausland wurde eine zuerst in Wien gezeigte Neufassung erstellt, in der Rezitative von Ernest Guiraud die gesprochenen Dialoge ersetzten.

Die Farbenpracht der originalenBühnenbilder machte die Forscher neugierig

Der Palazzetto Bru Zane in Venedig, der sich die Neu- und Wiederentdeckungen französischer Musik der Romantik auf die Fahnen geschrieben hat, begab sich vor einigen Jahren auf Spurensuche, um die Originalinszenierung von „Carmen“ zu rekonstruieren. Die akribisch vorbereitete Produktion, deren Mitschnitt auch als aufwendig gestaltetes DVD-Buch mit zahlreichen Abbildungen erschienen ist, erlebte im September 2023 am Théâtre des Arts in Rouen ihre Premiere. In den Hauptrollen traten Deepa Johnny (Carmen), Stanislas de Barbeyrac (Don José), Nicolas Courjal (Escamillo) und Iulia Maria Dan (Micaëla) auf. Anfang 2025 kam diese „Ur-Carmen“ an der Opéra Royal du Château de Versailles und im Grand Theatre des Hong Kong Cultural Centre auf die Bühne.

Foto: Marion Kerno

Was aber hat den auf Raritäten spezialisierten Palazzetto Bru Zane an dem Projekt gereizt? In der Tat, erklärt Alexandre Dratwicki, der künstlerische Leiter des Palazzetto, habe man sich eigentlich nie eine so bekannte Oper vornehmen wollen. Doch was man in der Bibliothèque historique de la Ville de Paris im Marais-Viertel zur „Carmen“ fand, war dann doch zu verlockend. Seit 2013 widmete sich der Palazzetto der Katalogisierung und Digitalisierung von fast 2.000 Regiebüchern und Begleitdokumenten, die heute online auf der Website der Bibliothèque historique de la Ville de Paris und auf der eigenen Bru Zane Mediabase verfügbar sind. Die Bibliothek verfüge über eine beeindruckende Sammlung dieser kleinformatigen, handgeschriebenen „livrets de mise en scène“ – an die 3.000 zum Sprechtheater und fast 2.000 zu Opern und Operetten, berichtet Dratwicki. Für Charles Gounods „Faust“, „Samson et Dalila“ von Camille Saint-Saëns oder „Pelléas et Mélisande“ von Claude Debussy seien kolorierte Bildtafeln für Kostüme und Bühnenbild, Skizzen für den Bühnenaufbau sowie Pläne für die Bewegungsabläufe aus der Entstehungszeit der Werke erhalten. Und eben für die „Carmen“. Allein die Farbenpracht der überlieferten historischen Bühnenbilder, die sich von zu Akt zu Akt stark unterscheiden, reizte die Forscher, die Entstehung der Oper näher zu erkunden. Und es zeigte sich, dass die Archivfunde es ihnen ermöglichten, den gesamten visuellen Apparat der „Carmen“-Uraufführung zu rekonstruieren – und somit dem heutigen Publikum die Bühnenbilder und das Bühnengeschehen zur Zeit der französischen Spätromantik nahezubringen.  

Die rekonstruierte „Ur-Carmen“ kann heute in jedem Theater aufgeführt werden – auch mit den Instrumenten von heute. Statt für die ursprünglichen Dialoge entschied man sich für Guirauds Rezitative, damit auch Sängerinnen und Sänger, die nicht perfekt Französisch sprechen, ihre Rollen überzeugend spielen können. Das Projekt fordert dazu heraus, sich nochmals mit den Umständen zu beschäftigen, unter denen das Stück damals das Licht der Welt erblickte. 

Im Gegensatz zu heute hatte der Regisseur keinerlei Einfluss auf die Stückgestaltung. Als „régisseur général“ war Charles Ponchard 1875 an der Opéra-Comique lediglich für den störungsfreien Ablauf der Aufführungen zuständig. Die Inszenierung im heutigen Sinne schuf der Theaterdirektor gemeinsam mit dem Librettisten, dem Komponisten, den Sängern sowie den Bühnen- und Kostümbildnern. Minutiös festgehalten wurde das Bühnengeschehen im Regiebuch, das für die originalgetreue Weitergabe von Produktionen an andere Häuser unerlässlich war. Abbildungen von Bühnenbild und Kostümen wurden auch von den Verlagen der Notenausgaben gedruckt.

Bei der „Carmen“ seien im Regiebuch auch wichtige Elemente des Bühnenbildes festgehalten worden, erklärt Étienne Jardin, der Leiter der Forschungsabteilung des Palazzetto Bru Zane. Die Platzierung der Sänger auf der Bühne wurde durch Zahlen oder Buchstaben angegeben. Pfeile deuten die Bewegungen der Sängerinnen und Sänger an. Dennoch bleibt vieles offen, denn zur eigentlichen Rollenarbeit über die Positionen und Bewegungen hinaus gibt es nur wenige Hinweise. Romain Gilbert, der Regisseur der „Carmen“-Rekonstruktion, ergänzt, dass die historischen Dokumente fast nichts über Posen, Gesten oder den Gesichtsausdruck verraten. Bei den Vorbereitungen habe er intensiv mit den Künstlern gearbeitet, um auf
der Bühne ein „Tableau“ im Stil des 19. Jahrhunderts zu schaffen.

Foto: Marion Kerno

Auch dem Kostümbildner eröffneten sich einige Freiräume. Christian Lacroix, im Hauptberuf Modedesi­gner, bekennt, er habe schon immer davon geträumt, so dicht wie möglich an historischen Originalen zu arbeiten. Auf den Farbtafeln und den kolorierten Lithografien von 1875 seien zwar die Kostüme der Hauptrollen detailgenau überliefert, für einige Nebenfiguren dagegen habe er alles selbst entwerfen müssen. Und natürlich gebe es heute kaum noch Stoffe und Accessoires, wie sie vor 150 Jahren produziert wurden. Auch die Körperproportionen und die Haltung hätten sich verändert.

Der Bühnenbildner Antoine Fontaine musste bei seiner Rekonstruktion ganz ohne genauere Skizzen und originale Modelle auskommen. Nicht einmal der Name von Bizets Bühnenbildner ist bekannt. Anhand der alten kolorierten Lithografien ließ Fontaine riesige Bühnenbilder in Tempera auf Leinwände malen. Sie sind auf Spannrahmen aufgezogen und können ohne großen Aufwand zu anderen Aufführungsorten transportiert werden. Der rasche Wechsel der Bühnenelemente sei eine Herausforderung, so Fontaine. 1875 gab es während der Vorstellung drei Pausen von bis zu vierzig Minuten Länge – heute undenkbar. Der Bühnenboden ist, wie es im 19. Jahrhundert üblich war, leicht geneigt. Die Bühnenbeleuchtung ist dem Gaslicht jener Zeit nachempfunden, was dem Geschehen eine gewisse Patina verleiht.

So bleibt die Frage, ob sich das Publikum in einer Zeit, in der auf der Bühne schier alles denkbar ist, wie es Christian Lacroix formuliert, für die „Archäologie“ der Oper begeistern lässt. Kritiker verrissen die „Ur-Carmen“ nach der Premiere in Rouen als rückwärtsgewandt und museal, das Publikum zeigte sich begeistert – die acht Aufführungen in Rouen waren ausverkauft. Als Live-Übertragung wurde die „Carmen“ auf einer Großleinwand vor der Kathedrale gezeigt sowie in Theater und Kinos in der gesamten Normandie. Insgesamt erreichte das ehrgeizige Unternehmen rund 115.000 Zuschauer in Frankreich. Für Alexandre Dratwicki und seine Kollegen eine Bestätigung, dass sich die Arbeit gelohnt hat.