Interview & Porträt

„Ein Traum ist wahr geworden“

Von
Arnt Cobbers
Foto: Peter Rigaud
Foto: Peter Rigaud

Diesen Namen muss man sich merken: Petr Popelka scheint alles zu können. Beim neuen Festival der Wiener Symphoniker in Triest, „Frühling aus Wien“, leitete er alle drei Programme: Wagner und Verdi am ersten Abend, Mahlers Vierte am zweiten und ein Johann-Strauss-Programm am dritten – alles sehr überzeugend, der Mahler schlicht sensationell. Außerdem hat der studierte Kontrabassist ein Faible für Neue Musik, komponiert und scheint nicht nur ein netter Gesprächspartner zu sein. Die Orchesterleute schwärmen jedenfalls in den höchsten Tönen von diesem „Glücksfall“. Auf die Frage, warum der 39-Jährige auch fließend Italienisch spricht, sagt er, das habe er in seinem freien Jahr per Youtube gelernt. Das sei wie ein Instrument zu lernen: jeden Tag eine halbe Stunde, aber das konsequent und wirklich jeden Tag.

Herr Popelka, es heißt immer, man brauche viel Erfahrung, um ein guter Dirigent zu werden. Sie sind das Gegenbeispiel. Reichen also doch Talent und Intuition?

Nein, selbstverständlich nicht. Es war ja nicht so, dass ich eines Tages aufgewacht bin und gesagt habe, jetzt werde ich Dirigent. Das war schon immer mein Traum. Ich habe mit 18 Jahren im Orchester angefangen, kam mit 23 in die Dresdner Staatskapelle und habe dort zehn Jahre lang gespielt. Ich habe wahnsinnig viel Musik studiert, auch aus der Komponistenperspektive, weil ich auch komponiere. Bei jeder Probe, bei jeder Opernaufführung hatte ich die Partitur auf meinem Pult. Ich habe die Dirigenten beobachtet und versucht, von ihnen zu lernen, und zwar nicht nur abzuschauen, was sie technisch machen, sondern auch, wie sie mit den Musikern umgehen. Denn das ist das Wesentliche: wie man das ganze Ensemble von etwas überzeugt. Es ist so ein Klischee, dass ein gutes Orchester einfach zu dirigieren sei, weil es von allein spielt. Ich denke, das Gegenteil ist der Fall. Ein gutes Orchester hat viel höhere Ansprüche. Ich habe in Dresden lernen können, wie man zu den Musikern sprechen muss, um sie zu inspirieren, um einen Raum zu schaffen, dass sie das Beste geben wollen. Dirigieren ist eine sehr komplexe Sache. Natürlich sieht vieles einfacher aus, als es ist, wenn man es dann selbst macht. Aber diese Erfahrung im Orchester hat mir wahnsinnig viel gegeben.

Im Internet liest man, dass Sie erst mit zehn Jahren zur Musik gekommen sind – als Sie mit Ihren Eltern einen Freund der Familie besucht haben, der einen Flügel hatte.

Genau so war es. Meine Eltern hatten mich und meinen Bruder einige Jahre vorher auf die Musikschule geben wollen, aber bei der Aufnahmeprüfung wurde festgestellt, dass ich kein Talent habe. Ich konnte keinen Rhythmus wiederholen und keinen Ton nachsingen. Die Lehrer haben gesagt: Es macht keinen Sinn, dass er sich mit Musik beschäftigt. Und als ich dann den Freund bei diesem Besuch auf dem Flügel spielen hörte, habe ich mich sofort in Musik verliebt. Ich wollte auch solche Stücke komponieren. Ich habe mir selbst die Noten beigebracht und mit Klavier angefangen. Eigentlich wollte ich Geige lernen, aber dafür sei ich mit elf Jahren schon zu alt, hieß es. Sie haben mich zwar in der Musikschule aufgenommen, aber da gab es Kinder, die hatten schon mit fünf oder sechs Jahren angefangen mit Geige oder Cello oder Klavier. Und es hieß, das könne ich nie aufholen.

Wie sind Sie dann an den Kontrabass geraten?

Ich wollte unbedingt ein Streichinstrument spielen. Und es hieß, für Kontrabass sei es noch nicht zu spät.

Und acht Jahre später, mit 19, wurden Sie Mitglied des Prager Rundfunk-Sinfonieorchesters!

Das war direkt nach meinem Abitur. Ich hatte großes Glück mit meinen Lehrern in der Musikschule und am Konservatorium, das war wirklich Fügung. Natürlich habe ich sehr viel geübt, aber irgendwie ging alles ziemlich schnell. Ich habe das Instrument wirklich geliebt – und tue es bis heute.

Wie sind Sie dann zum Studium nach Freiburg gekommen?

Ich habe das Probejahr in Prag bestanden, fand es aber noch zu früh für eine feste Stelle. Ich hatte noch meine Träume vom Dirigieren und Komponieren und dachte, ich müsse mindestens für ein Jahr noch etwas anderes kennenlernen. Ich hab im Orchester gekündigt und bin zum Studium gegangen.

Und dann ging es rasant weiter.

Nach zwei Jahren bekam ich die Möglichkeit, Akademist beim Sinfonieorchester des Bayerischen Rundfunks zu werden. Ich habe das Studium unterbrochen, bin nach München gegangen und bekam dann die Stelle in Dresden. Ich habe mein Studium nie beendet.

Mit 23 Jahren waren Sie stellvertretender Solobassist der Sächsischen Staatskapelle, eines der besten Orchester der Welt. Normalerweise wäre damit die Laufbahn zu Ende gewesen.

Es ging alles wahnsinnig schnell. Aber ich habe die Jahre auch genossen. Schon beim Bayerischen Rundfunk habe ich meine absoluten Idole erlebt, vor allem Mariss Jansons in seinen besten Jahren. Auch später, als ich in Dresden war, habe ich häufiger ausgeholfen beim Bayerischen Rundfunk, wenn Mariss Jansons dirigiert hat. Und in Dresden war das Opernrepertoire für mich ganz neu, da habe ich enorm viel gelernt. Aber als ich auf die dreißig zuging, wurde mir wieder bewusst, dass ich eben doch dirigieren und komponieren und mich mit moderner Musik beschäftigen wollte. Ich bin also zum Orchesterdirektor Jan Nast gegangen, das war das erste Mal, dass ich mit ihm persönlich gesprochen habe, und habe ihn gebeten, mir ein Jahr unbezahlten Urlaub zu geben. Jan Nast, der ja jetzt Intendant der Wiener Symphoniker ist, sagt, ich sei sehr schüchtern gewesen. Aber er sagte: Na gut, machen Sie mal. Ich bin in diesem Jahr viel gereist. Ich war zum ersten Mal bei den Donaueschinger Musiktagen und habe in München bei Musica viva alle Konzerte mit Stockhausen gehört. Ich bin überall hingereist, wo mich etwas interessierte, und habe sehr, sehr viel Musik geschrieben, ohne etwas unbedingt fertig zu machen. Und ich habe mich bei Meisterkursen beworben. Mein erster war in Budapest bei Peter Eötvös. Er war ein sehr strenger Lehrer, aber ich kam damit gut klar. Ich habe sehr viel von ihm lernen können. Nach diesem Jahr war ich mir sicher: Das ist der Weg, den ich gehen möchte. Aber natürlich war ich noch weit davon entfernt, davon leben zu können.

Zurück in Dresden haben Sie dann Ihr eigenes Ensemble gegründet.

Es begann damit, dass Kollegen ein Stück von Sofia Gubaidulina spielen wollten, „Concordanza“. Sie kamen zu mir und sagten: Du bist doch so ein Neue-Musik-Freak, wir kriegen das nicht hin ohne Dirigent. Das war mein erstes Konzert als Dirigent. Und dann haben wir mit einigen Kollegen die Kapelle 21 gegründet. Es gibt bei der Staatskapelle jedes Jahr einen Composer-in-Residence, den „Kapellkompositeur“, und für den haben wir jedes Jahr ein Por­trätkonzert veranstaltet, aus dem Orchester heraus. Wir haben Kontakt mit den Komponisten aufgenommen, haben Werke von ihnen aufgeführt, aber auch Stücke von anderen Komponisten, die sie hören wollten. Wir haben zum Beispiel mit Arvo Pärt, Peter Eötvös und Matthias Pintscher gearbeitet. Und wenn wir einen Dirigenten brauchten, habe ich das übernommen.

Drei Jahre nach Ihrer Rückkehr in die Staatskapelle, 2019, wurden Sie dann Assistent von Alan Gilbert beim NDR Sinfonieorchester in Hamburg.

Ich hatte in meinem freien Jahr eine Meisterklasse bei Alan Gilbert in Luzern besucht. Und kurz bevor er anfing in Hamburg, rief er mich an und sagte, er wolle eine neue Stelle schaffen: Conductor Fellow, eine Art Assistent. Er wollte die Stelle nicht ausschreiben, sondern nur einige Leute einladen zu einem Vordirigat. Ob ich nicht Lust hätte. Ich bin nach Hamburg gefahren und wurde genommen.

Und ein Jahr später wurden Sie Chefdirigent des Rundfunksinfonieorchesters in Oslo.

Da habe ich dann wirklich angefangen zu dirigieren. Ich hatte 2018 einen Wettbewerb in Kopenhagen mitgemacht, organisiert vom Dänischen Rundfunkorchester. Ich bin zwar im Halbfinale rausgeflogen, aber ich habe später gehört, dass einige Mitglieder des Orchesters zum Management gegangen sind und gesagt haben: Da war einer, den würden wir gern hier wiedersehen. Sie haben mich dann auch gleich zu einem Kinderkonzert eingeladen. Das war im Herbst 2018, das war mein erstes professionelles Konzert mit einem großen Orchester. Skandinavien ist klein, im Orchester saß als Aushilfe jemand aus dem Osloer Opernorchester, der mich dort empfohlen hat. Ich hab ein Galakonzert dirigiert, und die Stimmführerin der zweiten Geige war eine Aushilfe vom Rundfunkorchester – sie kommt übrigens aus Freiburg, was ich damals nicht wusste, so schließt sich der Kreis. Auch die haben mich eingeladen zu einem Konzert in Oslo und drei weiteren im Norden von Norwegen. Und nach dieser Woche haben sie mich gefragt, ob ich nicht ihr Chefdirigent werden wolle. Ich hab gesagt: Okay, machen wir das!

Petr Popelka dirigiert die Wiener Symphoniker im Politeama Rossetti in Triest. Foto: Werner Kmetitsch

Ganz schön mutig!

Ich hatte damals noch keine Website und kein Management, wenn man meinen Namen gegoogelt hat, kam nur Aschenbrödel – Popelka heißt Aschenbrödel, das stimmt wirklich! Beim Orchester haben Sie gesagt: Wir wissen, dass es ein totales Risiko ist, du bist noch ganz am Anfang. Aber wir glauben, es wird funktionieren.

Also haben Sie im Januar 2020 in Dresden gekündigt – und zwei Monate später begann die Pandemie.

Das Osloer Orchester war unglaublich kreativ in der Corona-Zeit. Wir haben nur eine einzige Woche pausiert. Ansonsten haben wir immer irgendeine Möglichkeit gefunden, etwas im Studio zu produzieren, und sei es in kleiner Besetzung. Ich hatte immer etwas zu tun. Es war verrückt, weil sich die Vorgaben dauernd änderten. Aber wir sind in dieser Zeit ganz eng zusammengewachsen. Es ist mir wahnsinnig schwergefallen, meinen Vertrag nicht zu verlängern. Aber ich wollte mich weiterentwickeln.

Sie haben also den Bass in die Ecke gestellt.

Ja, und da steht er immer noch. Ich komme nicht zum Spielen, aber ich verkaufe ihn auch nicht.

Prägt es Ihr Musikverständnis, dass Sie Bass gespielt haben?

Ja klar. Wenn ich Partituren lese, denke ich immer von unten nach oben. Aber auch vom ganzen Timing her. Die Bassgruppe hat in gewisser Weise das Orchester im Griff. Wenn der Bass nicht losgeht, geht niemand los. Der Bass hat nicht nur eine harmonische, sondern auch eine rhythmische Funktion. Und der dunkle Klang eines Orchesters kommt vom Bass her.

Sie waren in Dresden und sind jetzt Chefdirigent in Prag und in Wien. Ist es Zufall, dass Ihre Wirkungsorte so nah beieinanderliegen?

Das ist ein schöner Zufall. Ich wurde vom Prager Rundfunkorchester eingeladen, noch während Corona, und nach dem Konzert sofort gefragt, ob ich nicht Chefdirigent werden wolle. Irgendwie ging alles sehr schnell.

Und nun debütieren Sie bei den großen Orchestern der Welt. Werden Sie oft um tschechisches Repertoire gebeten?

Ich mag diese Klischees nicht, dass Italiener Verdi am besten dirigieren oder Franzosen Debussy oder Tschechen Dvořák. Andererseits ist da natürlich was dran: „Mein Vaterland“ von Smetana ist eng mit der Geschichte des Landes verbunden, und als Tscheche kennt man diese Hintergründe. Ich versuche, nicht zu viel tschechisches Repertoire zu dirigieren. Es stimmt, wenn ich bei einem großen Orchester mit tschechischem Repertoire debütiere, ist es einfacher. Da spricht man mir automatisch Kompetenz zu, aber ich will es mir gar nicht so einfach machen.

Was ist eigentlich anstrengender, das Debüt oder die zweite Einladung?

Beides ist fordernd. Alan Gilbert hat mal gesagt: Ein Debüt ist wie ein Blind Date, keine Seite weiß, was einen erwartet. Es geht ja nicht nur um musikalische Fragen. Manchmal spürt man gegenseitige Sympathie, manchmal nicht, das ist einfach so. Aber uns verbindet immer die Musik. Wenn die Musiker merken, dass es einem wirklich um die Musik, um das Stück geht, dann wird man sofort akzeptiert, das ist meine Erfahrung, und das habe ich auch immer aus dem Orchester heraus beobachtet: Wenn es einem Dirigenten wirklich nur um die Musik, um die Qualität geht, wenn da jemand ist, der etwas will und zu sagen hat, dann wird er sofort akzeptiert. Wenn man zum zweiten Mal zu einem Orchester kommt, dann gibt es schon Erwartungen. Man muss die erste Begegnung toppen, das ist auch nicht einfach. Und eine Chefstelle ist wieder etwas anderes. Da arbeitet man nicht von Woche zu Woche, sondern in der Perspektive von mehreren Jahren, man feilt an Dingen wie Klang, Ensemblespiel, Intonation, Balance et cetera. Es sind drei komplett verschiedene Disziplinen: Debüt, Wiedereinladung und eine Chefstelle.

Können Sie diese aktuelle Karrierephase überhaupt genießen? Oder müssen Sie vor allem neues Repertoire lernen und erarbeiten?

Nach fünf Jahren fängt das Repertoire an, sich langsam zu wiederholen. Bis jetzt musste ich immer neue Sachen lernen. Ich habe gelernt, schnell zu lernen, ich kann Partituren schnell lesen. Das hilft sehr, weil man einfach immer wenig Zeit hat.

Foto: Werner Kmetitsch

Sie haben gesagt, sehr gute Orchester zu dirigieren, sei nicht einfacher. Aber da können Sie sich doch komplett auf die Musik konzentrieren.

Es ist ein anderes Arbeiten. Je besser ein Orchester ist, desto größer sind die Erwartungen an den Dirigenten. Da sollte es immer weniger um technische Fragen gehen. Ich habe viele Dirigenten erlebt, auch große Namen, die denken, sie müssten Fehler korrigieren. Ich halte das für verkehrt. Wenn es beim ersten Mal nicht zusammen ist, wird’s beim zweiten Mal besser sein und beim dritten Mal stimmen, ohne dass der Dirigent etwas sagt. Die guten Orchester klären das von sich aus. Es nervt, wenn der Dirigent den Zeigefinger hervorholt. Man muss sich klarmachen, was es bedeutet, in so einem Orchester zu spielen. Da bewerben sich so viele Leute, die Solobläser in den großen Orchestern haben einfach ein unglaublich hohes Niveau. Und dann kommt ein Dirigent und sagt, bitte nicht zu schnell, hier ein bisschen kürzer oder so. Das geht nicht. Man muss die Musiker inspirieren und einen Raum schaffen, dass sie von sich aus das Beste geben wollen.

Eigentlich müssten die Orchester doch in jedem Konzert ihr Bestes geben wollen.

Ja, aber das ist nicht so einfach, wenn die Chemie nicht stimmt. Man muss die Musiker mitnehmen, man muss sie inspirieren. Und wenn das gelingt, dann kennen die wirklich guten Orchester kein Limit. Man kann sie dann immer noch um einen anderen Klang bitten oder um mehr Legato oder diese Note herauszuheben oder so etwas. Wenn das die Qualität verbessert, werden alle mitziehen. Dann kann man unermüdlich und auch unerbittlich mit einem Orchester arbeiten. Ich werde nie vergessen, wie Mariss Jansons mal Beethoven 4 und 5 gearbeitet hat, da war er schon ziemlich krank. Und das Orchester spielte schon in der ersten Probe wunderbar. Aber er hat gearbeitet und gearbeitet und hat damit die Musiker enorm inspiriert. Das war wirklich großartig zu erleben. Mariss Jansons ist ein großes Vorbild für mich.

Und wie ist es nun nach diesen ersten Jahren als Dirigent – ist es der Traumberuf, den Sie sich erhofft haben?

Ja und nein. Mein Lebensrhythmus hat sich komplett verändert. Die ersten drei Jahre waren enorm anstrengend mit diesen dauernden Reisen und dem Stress. Man steht ständig vor einem Orchester, das ist schon ein hoher Druck, das geht einem an die Psyche. So gesehen ist es ein hartes Leben, und ich lerne noch immer, damit umzugehen. Andererseits ist ein Traum wahr geworden. Ich kann mit tollen Orchestern das große Repertoire machen. Das ist eine große Erfüllung.

Mariss Jansons hat mir mal in einem Interview gesagt: Die Proben sind Arbeit, das Konzert ist reines Vergnügen.

In der Theorie und im idealen Fall ja. Aber im Konzert braucht man auch die höchste Konzentration. Die Orchester erwarten, dass man in den Proben alles sehr gut vorbereitet. Aber dann muss im Konzert eben noch der Funke Inspiration hinzukommen. Etwas, was man nicht vorbereitet hat. Ich kann das Konzert genießen, muss aber absolut konzen­triert bleiben. Wirklich genießen kann ich den Abend, wenn das Konzert vorbei ist. Wir haben die ganze Woche gearbeitet, und durch das Konzert macht die Arbeit plötzlich Sinn. Wenn die letzte Note verklungen ist, dann habe ich das Gefühl: Deshalb haben wir das alles gemacht.

Und dann meldet sich der Hinterkopf: Aber beim nächsten Mal machen wir es noch besser?

Ja klar. Wir haben mit den Wiener Symphonikern bereits mehrere Male Mahler 4 gespielt. Aber deshalb waren wir bei den Proben diesmal nicht eine Minute früher fertig. Wir haben wieder an neuen Stellen gearbeitet. Es nimmt kein Ende. Und das ist auch gut so, denke ich. Wenn man anfängt zu denken, jetzt ist es gut genug, dann entwickelt man sich nicht mehr weiter.

Letzte Frage: Auf Wikipedia werden Sie „Dirigent und Komponist“ genannt. Stimmt das noch?

Ja, aber ich komponiere nur wenig. Letztes Jahr habe ich nur ein Stück geschafft, ein Streichquartett. Dieses Jahr habe ich endlich ein Stück fertig gemacht und uraufgeführt, für Klarinette, Geige, Bass und Klavier – in Prag mit mir selbst am Klavier. Und im Sommer muss ich ein Stück für Flöte für den Wettbewerb beim Prager Frühling schreiben. Mehr schaffe ich nicht, leider.

Aber Sie dirigieren so viel und lernen immer neue Musik. Wo haben Sie noch Platz in Ihrem Kopf für Ihre eigene Musik?

Viel kommt durch das Lernen. Ich habe jetzt eine Woche frei, da werde ich mich mit dem Programm fürs Gewandhaus in Leipzig beschäftigen, das ist für mich ganz neu: „Der holzgeschnitzte Prinz“ von Bartók,
„Éclat“ von Boulez und das G-Dur-Konzert von Ravel, die drei Stücke habe ich alle noch nie dirigiert. Und wenn ich die Partitur von Bartók aufschlage und das lerne, dann kommen einfach viele Ideen. Ich sehe eine schöne Stelle, und schon entwickelt sich das in meinem Kopf weiter.