Klangpracht in acht Stimmen
Palestrinas Missa „Fratres ego enim accepi“ mit den Augsburger Domsingknaben

Vermutlich 1525 wurde Giovanni Pierluigi da Palestrina geboren. Zu seinem fünfhundertsten Geburtstag widmen ihm nun die Augsburger Domsingknaben unter dem Domkapellmeister Stefan Steinemann gemeinsam mit dem Ensemble I Fedeli eine ganz besondere Aufnahme.
Bereits die Kombination aus einem Vokal- und einem Instrumentalensemble wird alle überraschen, die Palestrina nur mit A-cappella-Klängen in Verbindung bringen – so präsentieren ihn zahlreiche Kirchenchöre, aber auch Vokalensemble wie The Sixteen in ihrer Palestrina-Edition. Doch die Augsburger Aufnahme setzt auf eine Tradition, wie sie von Palestrinas Zeitgenossen Orlando di Lasso in München verbürgt ist: Bei mehrchörigen Werken wurden die Chöre mit Stimmen und unterschiedlichen Instrumenten besetzt. Mal wurden Streichern Bläser entgegengesetzt, mal ein Solo-Zink mit einer Violine kontrastiert. „Wer dieser Ordnung folgt, wird gewiss eine anmutige und erfreuliche Harmonie erlangen“, zitiert das Booklet den Münchner Hofmusiker Bernardo Borlesca (1616).
Hinzu kommt die Verwendung eines besonders hohen Stimmtons, wie er in Rom üblich war. „In der Lateranbasilika San Giovanni in Laterano“, erklärt Domkapellmeister Stefan Steinemann, „wurde auf Stimmtonhöhen bis zu 490 Hertz, teilweise sogar noch höher, musiziert. Das liegt etwa einen Ganzton über dem Kammerton, wie man ihn heute kennt. Diese Stimmtonhöhe lässt sowohl die Instrumente als auch die Stimmen auf besondere Weise strahlen. Gerade bei den Werken, die um eine Quarte nach unten transponiert werden sollen.“ Auch wenn 490 Herz für ein Instrument wie die Posaune eine besondere Herausforderung darstelle. Es sei ein Versuch, ein Klangbild zu erzeugen, das einerseits dem in Rom entspreche und auf der anderen Seite „ein Stück weit einen regionalen klanglichen Dialekt“ einbringe, wie man ihn in Süddeutschland vor vierhundert Jahren möglicherweise praktiziert habe.
Kombiniert und kontrastiert wird Palestrinas „Missa Fratres ego enim accepi“ mit Werken anderer Renaissancemeister – Palestrina soll so in einen Kontext gestellt werden, der vom 1510 geborenen, in Madrid wirkenden Flamen Pierre de Manchicourt über Orlando di Lasso bis zu den eine Generation jüngeren William Byrd und Tomas Luís da Victoria reicht. Nur das Misere Byrds erklingt dabei a cappella – schließlich gehöre es, so Steinemann, in die Fastenzeit, da sei etwas weniger Klangpracht durchaus angemessen.
Diese Stimmtonhöhe lässt sowohl die Instrumente als auch die Stimmen auf besondere Weise strahlen
Eine weitere Besonderheit der Aufnahme sind die reichen Verzierungen, die die Instrumentalisten in ihre Stimmen einfügen. Auch das entspreche, so Steinemann, der Aufführungspraxis der Zeit; dass auch die Knabenstimmen an solchen Diminutionen beteiligt gewesen seien, dafür finde man nur wenige Belege, etwa bei Michael Praetorius, der aber empfehle, das mit Vorsicht zu genießen. Die Gefahr von Fehlern sei aufgrund mangelnder Erfahrung doch ein bisschen größer als bei den erwachsenen Profis. Gerade dieses Diminuieren sei im Aufnahmeprozess eine besondere Herausforderung; der Reichtum dieser Praxis komme einerseits wunderbar zum Vorschein, insbesondere im Zusammenspiel von Zink und Violine, aber sobald dann doch einmal ein Schnitt notwendig sei, müsse man immer schauen, ob das überhaupt noch zusammenpasse.
Erarbeitet wurde das Programm nicht nur für die CD-Aufnahme, sondern bereits für einige Konzerte zuvor. Allerdings singen „manche Knaben, die im vergangenen Jahr bei einem Konzert noch dabei gewesen sind, bei der CD-Produktion nicht mehr mit. Und wenn wir im Oktober dieses Programm noch einmal bei der Residenzwoche in München aufführen, wird sich auch da die Besetzung wieder ein bisschen unterscheiden“. Diese ständige Dynamik sei eine der größten Herausforderungen bei der Arbeit mit Knabenchören, sagt Stefan Steinemann: „Alle zweieinhalb Jahre hat man mehr oder weniger zwei Drittel des Chors komplett ausgetauscht.“
Ein Knabenchor existierte in Augsburg bereits im Jahre 1439, auch wenn dabei weniger von einem Chor die Rede sein könne als von einer klein besetzten Schola. Leider wisse man über die liturgische Praxis im Dom im 16. Jahrhundert relativ wenig. Dass im frühen 17. Jahrhundert mehrchörig musiziert wurde, sei aber gut belegt, und man könne davon ausgehen, dass diese Praxis spätestens bereits in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts geübt wurde. Für die Musik Palestrinas und seiner Zeitgenossen sei der Dom ideal: „Das klangliche Erlebnis in diesem großen Raum ist immer wieder ganz besonders. Gerade im Vergleich zur Musik Johann Sebastian Bachs, der in unserem Dom nicht ganz so gut funktioniert, weil er einfach dafür zu groß ist.“
Die Bachtradition der Augsburger Domsingknaben, die 1976 von seinem Vorgänger Reinhard Kammler neu gegründet wurden, wird Steinemann, der seit fünf Jahren Domkapellmeister ist, trotzdem weiter pflegen: Das alljährliche Weihnachtsoratorium und zu Ostern eine der beiden Bach’schen Passionen sei etwas, was auch ein katholischer Kathedral-Knabenchor den Kindern und Jugendlichen unbedingt mitgeben müsse.


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