Funkelnde Brillanz und beseeltes Kantabile
Zu seinem achtzigsten Geburtstag würdigt Warner Classics den großen Geiger Itzhak Perlman mit einer Box, die noch einmal sämtliche Aufnahmen für EMI Classics, Teldec, Erato und Warner zusammenfasst

Itzhak Perlman, der brillante Virtuose, der Recital-Partner und Kammermusiker, der Meister der romantischen Miniatur – wie dieser charismatische Musiker sein Instrument auch einsetzte: Es war immer ein Fest sinnlichen Geigenklanges. Perlman, der seit Langem in New York lebt, kann auf eine einzigartige Weltkarriere zurückblicken, die am 31. August 1945 in Tel Aviv ihren Anfang nahm. Als Kind polnischer Einwanderer geboren, verliebte er sich über Musik im Radio in den Klang der Violine und begann, mit einer Spielzeuggeige herumzuspielen. Sein außergewöhnliches Talent für das Instrument war offensichtlich, am Konservatorium in Tel Aviv kam seine Ausbildung in professionelle Hände von Rivka Goldgarts, die ihn sofort anleitete, nach dem Vorbild von Jascha Heifetz jeden Tag Tonleitern zu üben. Auch eine Polio-Infektion, die Perlman im Alter von vier Jahren durchmachte und die zur Lähmung beider Beine führte, konnte seine Entwicklung als Geiger und Musiker nicht aufhalten. Die Garanten für seinen Erfolg waren die fürsorgliche Familie, die beste Förderung und nicht zuletzt sein sonniges Gemüt.
Im Alter von zehn Jahren trat er regelmäßig in Konzerten auf, musste sich auf Krücken fortbewegen und spielte im Sitzen, während seine Klavierbegleiter oder Dirigenten für ihn Geige und Bogen aufs Podium trugen. 1958 kam Perlman in die USA und erlangte dort bald eine Popularität, die weit über den klassischen Musikbetrieb hinausging. Mehrmals trat er in der landesweit ausgestrahlten „Ed Sullivan Show“ auf und verblüffte die Zuschauer mit seiner stupenden Spieltechnik, u. a. im Finale des Mendelssohn-Konzerts und in Rimsky-Korsakows „Hummelflug.“ Den letzten geigerischen Schliff holte er sich an der New Yorker Juilliard School beim legendären Pädagogen Ivan Galamian und bei Dorothy DeLay. Bei seinem Debüt in der Carnegie Hall 1963 begeisterte Perlman mit dem ersten Violinkonzert von Wieniawski. Ein Jahr später gewann er den renommierten Leventritt-Wettbewerb, und dem jungen Talent öffneten sich nun die Konzertsäle der Welt.
Sinnlicher und schöner kann eine Geige kaum klingen
Immer wieder verließ Perlman auch das Terrain des „klassischen“ Musikbetriebs, tat sich mit Jazzmusikern zusammen, spielte Klezmer- und Filmmusik; er tauchte in der „Sesamstraße“ auf oder sorgte mit Yo-Yo Ma für die musikalische Umrahmung der Amtseinführung von Präsident Obama. Der Popstar Billy Joel lud ihn zum Konzert in den New Yorker Madison Square Garden ein, 19.000 Fans lauschten den beiden in Joels Song „The Downeaster Alexa“. Perlman ist „open minded“, herzlich und weltoffen, interessiert an den neuen medialen Entwicklungen und vor allem an den Menschen, die dahinterstehen. Sein Handicap, die ein Leben mit Krücken bedeutete, empfindet er zwar als „lästig“, aber es hielt ihn nie zurück. Perlman ging seinen einzigartigen Weg mit Enthusiasmus und ansteckendem Humor, an der Begegnung mit jungen Musikern liegt ihm besonders viel. Er motiviert behinderte Menschen, macht ihnen Mut und glaubt einfach an die Kraft der Musik als eine internationale Sprache. Immer war seine Kunst auch ein Appell an die Menschlichkeit.
Mit seinem fokussierten Ton voller Sinnlichkeit, diesem besonderen, schmelzend-süffigen Timbre öffnete Perlman vielen Menschen die Ohren für die Welt der Geige. Allein schon durch seine Aufnahmen. Über die frühen Jahre informierte 2013 eine Box von Sony mit den ersten RCA-Aufnahmen Perlmans, der ab Mitte der 60er Jahre die Aufnahmestudios eroberte. Immer wieder gab es Perlman-Editionen. 1995, zum fünfzigsten Geburtstag, kam die „Itzhak Perlman Collection“ von EMI Classics, später folgte „The Perlman Edition“. Zum siebzigsten Geburtstag konnten sich Perlman-Fans über die Edition „Complete Recordings on Deutsche Grammophon“ freuen mit Repertoirestandards wie Beethovens Violinsonaten, den großen Mozartsonaten oder den Violinkonzerten von Berg, Strawinsky und Mozart. Aus demselben Anlass erschien, ebenfalls limitiert, die Box „Itzhak Perlman – The Complete Warner Recordings“, 77 CDs in Schubern mit Originalcovern sowie einer kompletten Diskografie und Filmografie, erstellt vom französischen Streicherexperten Jean-Michel Molkhou.
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„Itzhak Perlman – The Warner Classics Edition“ mit sämtlichen Aufnahmen der Labels EMI Classics, Teldec, Erato und Warner würdigt nun noch einmal das einzigartige Lebenswerk des Geigers, diesmal zum achtzigsten Geburtstag. Die Edition ist weitgehend inhaltsgleich mit der Ausgabe von 2015, hinzugekommen ist das 2016 erschienene Bach-Schumann-Brahms-Album mit Martha Argerich. D Essay im reich bebilderten Booklet hat diesmal der britische Musikschriftsteller Tully Potter verfasst. Die Edition offenbart die mannigfaltigen Spielarten geigerischer Ausdruckskunst. Einer Virtuosität, die immer wieder Staunen macht, als Teil eines künstlerischen Profils, das markanter kaum sein könnte. Perlman gehört zu den wenigen Geigern, die man am Ton relativ sicher erkennt. Sein künstlerischer Werdegang wird hier in allen Stadien seiner Karriere abgebildet, in einem faszinierenden Kompendium von Violinmusik. Alles, was er eingespielt hat, bewegt sich auf einem geigerisch unanfechtbar hohen Niveau. Die Aufnahmen der 70er Jahre vermitteln seine tonlichen Qualitäten vielleicht am eindringlichsten. Es gibt viele Highlights auf diesen 78 CDs, Aufnahmen, die interpretatorisch und perlmantypisch außergewöhnlich gut gelungen sind und bald zu Klassikern wurden. Da sind etwa die 24 Paganini-Capricen, wo auch etüdenhaftes Material musikalisch zu klingen beginnt. Die Violinkonzerte von Paganini (Nr. 1), Wieniawski und Vieuxtemps (Nr. 4 und 5) sind Musterbeispiele von Virtuosität als Ausdruckskunst. Die schwärmerische Einspielung des zweiten Violinkonzerts von Max Bruch mit Jésus López-Cobos hat Referenzqualitäten, trotz Heifetz-Konkurrenz. Dvořáks Romanze op. 11, gekoppelt mit dem Violinkonzert, ist ein romantisches Juwel – sinnlicher und schöner kann eine Geige kaum klingen. Der Inbrunst von Perlmans Spiel im Violinkonzert von Brahms in der Aufnahme mit dem Chicago Symphony Orchestra und Carlo Maria Giulini ist man förmlich ausgeliefert. Perlman breitet hier den Solopart mit Seelenruhe und einer genießerischen Klangsinnlichkeit vor dem Hörer aus, dass man darüber Raum und Zeit vergessen kann. Das Strawinsky-Album mit Bruno Canino ist eine Sensation, in Bezug auf rhythmische Präzision, Klarheit der Artikulation und überbordende Spielfreude unerreicht. Die urmusikalischen Duo-Aufnahmen mit Pinchas Zukerman setzten seinerzeit Maßstäbe für dieses Nischenrepertoire. Mit dem Scott-Joplin-Album „The Easy Winners“ serviert Perlman augenzwinkernd schmissige Ragtimes und fühlt sich in diesem Genre wohl besser aufgehoben als in den Jazz-Sessions mit André Previn. Und nicht zu vergessen: die Einspielungen der vielen Encore-Piècen, der romantischen Miniaturen und Virtuosenstückchen. Wie einst Kreisler, Elman oder Heifetz liebte es Itzhak Perlman, sein Publikum in guter alter Tradition mit diesen kleinen Preziosen des Violinrepertoires zu beglücken, genießerisch im Konzert wie in zahllosen Aufnahmen. Er tat dies ebenso unvergleichlich und unverwechselbar.


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