Ein gebrochener Spätromantiker
Der Dirigent Fabian Enders hat die erste Symphonie von Günter Raphael wiederentdeckt

Günter Raphael ist einer jener Namen, die man immer wieder liest, wenn man sich mit deutschen Komponisten des 20. Jahrhunderts beschäftigt. Doch gespielt wird die Musik des gebürtigen Berliners, der 1960 mit nur 57 Jahren starb, kaum noch. Das war mal anders. So stammt die Aufnahme der zweiten Symphonie in der cpo-Edition, die 2010 erschien (aber derzeit nicht erhältlich ist), immerhin von den Berliner Philharmonikern unter Sergiu Celibidache, die der dritten vom Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter Michael Gielen. Auch Fabian Enders ist Berliner und studierter Orchesterdirigent. Als Künstlerischer Leiter der Deutschen Philharmonischen Akademie und als Gastdirigent konzentriert er sich auf das, was ihm besonders am Herzen liegt, und das sind vor allem Raritäten, Wiederentdeckungen und Uraufführungen.
Herr Enders, wie sind Sie auf Günter Raphaels erste Symphonie gestoßen?
Ich habe mich am Anfang meiner Laufbahn viel mit Chormusik beschäftigt und auch einige kleinere Chorwerke von Raphael aufgeführt. Ich begann mich für den Komponisten zu interessieren, und da führte der Weg dann über die Chorsinfonik zur Sinfonik. Es gibt die Edition der Symphonien 2 bis 5 von cpo, da hat mich natürlich interessiert: Was ist mit der ersten Symphonie? Warum ist die nicht dabei? Also habe ich mich auf die Suche begeben und mich mit Raphaels Verwandtschaft hier in Berlin in Verbindung gesetzt. Raphaels Schwiegersohn, Fredrik Pachla, hat mich im Archiv der Stiftung stöbern lassen. Und da habe ich einige interessante Werke entdeckt und begann, die Spur der ersten Symphonie zu verfolgen.
„Aus völlig verschiedenen Stilelementen hat Raphael eingroßes Ganzes gemacht.“
In welcher Form?
Es gibt eine Druckausgabe bei Breitkopf & Härtel. Die Symphonie wurde 1926 vom Gewandhausorchester und Wilhelm Furtwängler in Leipzig uraufgeführt – das zeigt, wie sehr Furtwängler den damals erst 23-jährigen Komponisten geschätzt hat. Die Stimmen waren allerdings verloren gegangen und mussten Anfang 2024 für die Aufnahme neu aus der Partitur gewonnen werden.
Und was Sie in den Noten gelesen haben, hat Sie sofort beeindruckt?
Absolut. Ich habe die Symphonie nicht aus enzyklopädischen Gründen aufgenommen, sondern weil es wirklich spannende Musik ist. Da ist Raphael noch auf der Suche. Später hat er sich sehr in Richtung der Orgelbewegung orientiert. Ich nenne das „Neue Sachlichkeit“ – wir haben keinen richtigen Begriff für diese Strömung, Neoklassizismus passt hier irgendwie nicht. In der ersten Symphonie deutet sich der Spätstil Raphaels mit strenger Kontrapunktik nur ganz gelegentlich an. Viel dominanter ist noch der Einfluss der Spätromantik. Dennoch ist sie nicht Reger-epigonal oder Sibelius-epigonal. Man spürt schon die Brüche, da kommt Modales zur Geltung, aber aus diesen völlig verschiedenen Stil-
elementen hat Raphael ein großes Ganzes gemacht.
Sie würden es nicht spätromantisch mit modernen Einschlägen nennen?
Eher umgekehrt. Vielleicht kann man den jungen Raphael einen gebrochenen Spätromantiker nennen. Es wird nicht mehr nur Reichtum und Opulenz gefeiert, es finden sich viele tragische Elemente, wir hören da vielleicht den Ersten Weltkrieg heraus – oder hinein.
Viele Komponisten waren damals schon „weiter“.
Raphael war ganz sicher kein Revolutionär. Er war ein Schüler von Arnold Mendelssohn, und dank dessen Einflusses würde ich Raphael als Neuerer in einer Linie sehen, die man von Schütz über Bach und Felix Mendelssohn zu Reger ziehen könnte. Das ist nicht der Weg der Zweiten Wiener Schule. Aber Raphael war ein behutsamer und innovativer Reformer.
Ist die erste Symphonie schon ein meisterliches Werk?
Wenn man so ein Konzept wie Idiomatik erlaubt, dann verwendet Raphael hier schon eine eigene Sprache, die kohärent ist. Eine Herausforderung sind die Tempobezeichnungen, die zumeist in deutscher Sprache gehalten und oft missverständlich sind. Die Proportionalität ist noch nicht so schlüssig, wie man das von einem reifen Symphoniker erwarten kann. Und das hat uns natürlich gefordert, andererseits aber auch Freiheiten gegeben, was die Wahl der Tempi angeht. Das kommt aus der Tradition von Schumann oder auch schon vom späten Beethoven, dass man in deutscher Sprache eher den Charakter als das Tempo beschreibt. Und manchmal klingt es etwas atonaler, als man es aus dem Gesamtzusammenhang erwarten sollte. Einige Dissonanzen sind sehr scharf und werden nicht aufgelöst, aber insgesamt ist es schlüssig.
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Manche Wendungen kamen mir doch bekannt vor, auch Carl Nielsen hört man durch, finde ich.
Raphael hat sich sehr nach Nordeuropa orientiert. Sibelius war ein wichtiger Einfluss. Raphaels Großvater war Albert Becker, zu seiner Zeit ein berühmter Komponist – und der Lehrer von Sibelius. Da gibt es also eine direkte Verbindung. Deshalb finden sich vielleicht einige Anklänge. Aber keine direkten Zitate. Raphael hat aus dem Reichtum der Musikgeschichte geschöpft, er hat sich keine Tabus auferlegt im neoklassizistischen Sinne, dass er sich zum Beispiel ausufernde Chromatik verboten hätte. Er nutzt den Reichtum der Spätromantik, aber ebenso Elemente der älteren Musik – Schütz war für ihn ein wichtiger Einfluss – und die Neuerungen des 20. Jahrhunderts.
Wo würden Sie die erste Symphonie in Raphaels Gesamtwerk einordnen?
Sie ist seine umfangreichste rein instrumentale Symphonie, und man spürt kaum einen Bruch zur nächsten, die schließt an die Stilistik der ersten an. Später wird seine Sprache streng und gelegentlich karg, das Spätromantische fällt immer mehr heraus.
Und nachdem Sie das Werk entdeckt hatten, sind Sie zum Österreichischen Rundfunk gegangen und haben gesagt, das würde ich gern aufnehmen, und die Orchesterleute haben sich gefreut?
Ganz so einfach war es natürlich nicht, aber am Ende haben wir es dank vieler aufgeschlossener Personen umsetzen können. Ob das Stück im Repertoire landen wird, da wage ich keine Prognose abzugeben. Noch habe ich keine Signale empfangen, dass jemand die Symphonie aufführen will. Vielleicht wird es kommen, wenn die Aufnahme eine gewisse Bekanntheit erreicht.
Was aufgenommen und was aufgeführt wird, entscheidet sich nicht immer nach den gleichen Kriterien.
Es ist mir ein Rätsel. Ich habe vor ein paar Jahren ein Osteroratorium aus der Romantik entdeckt, was ja wirklich eine Rarität ist, „Christus, der Auferstandene“ von Gustav Schreck. Das haben wir aufgenommen und einmal aufgeführt. Bis jetzt gab es keine einzige weitere Aufführung. Dabei ist das tolle Musik! Schreck war Thomaskantor in Leipzig und stand stilistisch zwischen Schumann und Wagner.
Können Sie sich vorstellen, noch mehr Entdeckungen von Raphael aufzunehmen oder aufzuführen?
Oh ja. Es gibt zum Beispiel ein ganz großartiges lateinisches Requiem für zwei große Chöre und großes Orchester. Ich hoffe, das irgendwann mit einem der Rundfunkchöre und einem Rundfunkorchester zu machen.
Mit Ihrem eigenen Orchester, der Deutschen Philharmonischen Akademie, ginge das nicht?
Dafür fehlt uns die monumentale Besetzung. Wir bauen gerade eine Gesellschaft auf, die Wiederentdeckungen fördern und begünstigen soll. Wir wenden uns unter anderem Ruth Zechlin zu, die nächstes Jahr hundert geworden wäre. Von ihr gibt es noch viele interessante Werke, die nie eingespielt worden sind. Aus dem 18. Jahrhundert wurden und werden viele Entdeckungen vorgestellt, aber es ist auch eine lohnende Aufgabe, das Standardrepertoire aus dem 19. und vor allem dem 20. Jahrhundert zu erweitern, da passiert noch sehr wenig. Gerade haben wir in der Berliner Philharmonie die Johannespassion in der Fassung von Robert Schumann aufgeführt. Die bekommt man sonst fast nie zu hören.


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