Interview & Porträt

„Es geht um Millisekunden“

Von
Jakob Buhre
Foto: PR
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Einem Schlagzeug-Trio begegnet man nicht alle Tage. So ist die Neugier groß, als im Mai im Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie vor dem Orchester zwei Marimbas, ein Vibrafon und verschiedene Percussion-Instrumente aufgebaut sind. Auf dem Programm der Sinfonietta92 steht „In Flux“, ein Konzert für Orchester und Schlagwerk-Trio, komponiert von Avner Dorman für die drei Musiker des Trio Colores. Und das im Januar frisch uraufgeführte Werk ist tatsächlich ein Hörereignis: Geschickt verwebt Dorman Orchester und Schlagwerk mit einer eigenen Klangästhetik, komponiert melodische Trommelwirbel, lässt die drei Perkussionisten mal das harmonische und mal das rhythmische Geschehen gestalten. Begleitet von Streicherteppichen sausen die Schlägel wie ein Uhrwerk auf die Klangstäbe nieder, im getragenen zweiten Satz wird das Ohr auf den flirrenden Klang von Vibrafon und Glockenspiel gelenkt, bevor das dramatische Finale an ein Klavierkonzert im Stile Schostakowitschs erinnert. Die Virtuosität und Synchronität der Musiker ist beeindruckend, weshalb das Publikum dem Trio lange applaudiert.

Luca Staffelbach und Fabian Ziegler aus der Schweiz sowie der Österreicher Matthias Kessler lernten sich während des Studiums an der Zürcher Hochschule der Künste kennen. Nachdem sie bereits solistisch und in verschiedenen Ensemblebesetzungen Erfahrung und Auszeichnungen gesammelt hatten, starteten sie 2017 das gemeinsame Projekt, mit dem sie sich einer großen Bandbreite von Schlagzeugmusik widmen. Darunter sind Kompositionen wie Thierry de Meys minimalistische „Musique de Table“, die nur mit Händen auf drei Holzbrettern gespielt wird, und das fulminante „Trio per uno“ von Nebojša Živković, bei dem sich drei Spieler eine große Basstrommel teilen. Oder auch Iannis Xenakis’ für drei Djemben komponiertes Stück „Okho“, mit dem das Trio 2019 den ersten Preis beim „Migros-Kulturprozent“ gewann, einem Schweizer Musikwettbewerb, der ihnen viel Aufmerksamkeit und neue Auftrittsmöglichkeiten verschaffte.

Einen wesentlichen Fokus legt das Trio auf Marimba und Vibrafon, für die sie auch Werke arrangieren, etwa von Debussy, Saint-Saëns oder Ravel. „In vielen Werken der französischen Moderne ist das Vibrafon enthalten, da ist der Bezug zum Instrument schon vorhanden“, erklärt Luca Staffelbach. „Wir arrangieren aber auch Werke aus einer Zeit, in denen es dieses Instrumentarium noch nicht gab. Die Leute hören dann ein Stück, das sie vielleicht bereits kennen, aber eben auf eine bisher nicht da gewesene Art und Weise.“

Diese Erfahrung macht man auch bei ihrer Debüt-CD „En Couleur“, die seit Kurzem vorliegt. Gleich am Anfang steht mit Saint-Saëns’ „Danse Macabre“ ein Orchesterwerk, dem die Musiker ein faszinierendes neues Klanggewand geben. Kreativ und präzise übertragen sie die Melodien auf ihre Instrumente, ohne dass der dramatische Charakter des Stücks verloren geht. Anschließend wendet sich das Trio Klavierliteratur zu zwei oder vier Händen zu, wie Debussys „Petite Suite“ oder Ravels „Le Tombeau de Couperin“. „Die Klangerzeugung funktioniert beim Klavier sehr ähnlich: Dort schlägt ein Hammer auf die Saite, bei uns ist es der Schlägel auf der Trommel oder den Klangstäben. Allerdings sind wir nicht ein Pianist, sondern zu dritt, so können wir manche Schichten in der Komposition noch mehr herausarbeiten als ein einzelner Interpret.“

Das Trio gibt vielen bekannten Werken ein faszinierendes neues Klang­gewand

Fürs Arrangieren nehmen sich die Musiker viel Zeit. „Wir wollen, dass das Ergebnis mindestens genauso gut klingt wie das Original.“ Wobei die Gegebenheiten der perkussiven Instrumente immer eine Herausforderung darstellen: „Anders als Streicher können wir einen Ton nicht einschwingen lassen, sondern jeder Ton ist bei uns Impuls. Das ist wie ein Streichquartett, das die ganze Zeit nur pizzicato spielt“, beschreibt es Luca Staffelbach. „Fürs gemeinsame Musizieren bedeutet das: Es geht um Millisekunden, die entscheiden, ob es zusammen ist oder nicht.“

Ein Ziel sei es, solche Grenzen des Schlagwerks im kammermusikalischen Kontext zu überwinden, sagt Fabian Ziegler. „Man versucht, stereotype Klangweisen zu vermeiden und stattdessen einen Klang zu erreichen, dem man die Einschränkungen, die ein Schlaginstrument mit sich bringt, nicht mehr anhört.“

Generell ist es den dreien ein wichtiges Anliegen, ihren Instrumenten mehr Publikum zu gewinnen. Zumal sich der Schlagzeug-Star Martin Grubinger von der Konzertbühne zurückgezogen hat. „Grubinger hat natürlich sehr viel erreicht, auch weil er namhafte zeitgenössische Komponisten dazu gebracht hat, für Schlagzeug zu schreiben. Unser Instrumentarium wird jetzt nicht mehr als so exotisch wahrgenommen wie vor zwanzig Jahren. Trotzdem treffen wir auch heute noch Zuhörer, die Marimba oder Vibrafon noch nie als Soloinstrument gehört haben.“

Auch das Trio Colores plant, weitere Kompositionen für die Dreier­besetzung in Auftrag zu geben. Wie versiert und engagiert sie als Botschafter ihres Genres sind, lässt sich indes auch im Internet beobachten: An wechselnden, teils ungewöhnlichen Orten setzen sie in Videos ihr Repertoire und die Instrumente sehenswert in Szene. Ein besonderes Highlight ist die schwungvolle „Brasileira“ aus Darius Milhauds Suite für zwei Klaviere. Hier musiziert das Trio auf zwei Marimbas und Vibrafon so lebhaft und genau aufeinander abgestimmt, dass der Eindruck entsteht, Milhaud hätte das Stück exakt für diese Besetzung komponiert.