„Darauf werde ich mich wie ein Sportler vorbereiten“
Xavier de Maistre über neue Programme, Händel auf der Harfe und die Rache seines Schülers
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Es gibt nur wenige Musiker, die so eine Bedeutung für ihr Instrument haben wie Xavier de Maistre für die Harfe. 2010 kündigte er, nach elf Jahren, seine Stelle als Soloharfenist der Wiener Philharmoniker, um sich ganz auf seine Karriere als Solist und Kammermusiker zu konzentrieren. Mit Erfolg: Sein Kalender ist prall gefüllt mit Gastspielen bei Orchestern in aller Welt und Kammermusikprojekten, unter anderem mit Diana Damrau und Martina Gedeck, und auch seine Solo-CDs bei der Sony haben der Harfe ungeahnte Popularität beschert. Wenn er nicht unterwegs ist oder in Hamburg unterrichtet, wohnt de Maistre, der aus dem südfranzösischen Toulon stammt und 1998 den bedeutendsten Harfenwettbewerb der Welt in Bloomington gewann, mit seiner Familie in Monaco. Zeit fürs Interview fand sich spontan in einer Aufnahmepause fürs neue Händel-Album im Frühjahr in Berlin.
Herr de Maistre, das neue Album ist Ihr zehntes für die Sony. Fallen Ihnen immer noch neue Programme ein?
Ich bin immer wieder selbst überrascht. Manchmal denke ich, ich habe allmählich genug aufgenommen. Und dann kommt doch wieder eine neue Idee. Und wenn ich die Chance und das Glück habe, mit so einem tollen Orchester wie den Festival Strings Luzern Händel aufzunehmen, kann ich nicht Nein sagen. Ich mache nur Projekte, bei denen ich das Gefühl habe, es bringt etwas fürs Repertoire. Und es muss einen Unterschied machen, das Werk auf der Harfe zu spielen. Ich denke, ich habe mit meiner Harfe inzwischen etwas erreicht, von dem ich nicht gedacht hätte, dass es möglich sei.
Ist es schön oder eher blöd, dass es so wenig Originalrepertoire gibt und Sie sich immer etwas Neues einfallen lassen müssen?
Ich denke sehr oft, warum habe ich nicht auch fünf Beethoven-Konzerte und 26 Mozart-Konzerte? Aber andererseits: So muss ich kreativ bleiben und eigene Projekte entwickeln. Und das mag ich. Dieser Kreationszwang, wenn man das so sagen kann, ist eine Herausforderung, aber auch ein Glück.
Mit den Originalwerken sind Sie durch, oder?
Na, das Händel-Konzert war bis jetzt noch offen. Das ist ein Klassiker, aber ich habe mich lange gescheut, es aufzunehmen. Das gibt es schon tausendmal. Es wird ständig bei Vorspielen verlangt. Und ich beschäftige mich dauernd damit im Unterricht. Aber ich habe es für die Aufnahme neu gelernt. Ich habe in meiner Schulzeit so eine romantische Fassung gelernt, die ich nicht mehr vertreten kann mit dem, was man heute über die Barockmusik weiß. Aber man kann es auch nicht so schlicht lassen, wie es im Notentext steht. Man muss es verzieren. Ich habe jetzt eine üppige Fassung aufgenommen mit ganz vielen Ornamenten. Es ist schwer zu spielen, aber es klingt, glaube ich, ganz interessant. Da wird das Stück ein bisschen anders belichtet. Aber ansonsten bin ich mit dem Originalrepertoire durch, glaube ich. Bis auf Ravels Introduction et Allegro, das habe ich noch nicht aufgenommen.
Meine Idee war von Anfang an, ungewöhnliche Projekte zu machen. Die Sony wünschte sich als Erstes das Mozart-Konzert für Flöte und Harfe, aber ich habe gesagt, nein, ich möchte zuerst Debussy aufnehmen und dann Haydn und dann spanisches Repertoire. Zuerst etwas Ungewöhnliches, wo die Harfe anders klingt, als man es erwartet. Ich möchte das Publikum überraschen. Und ich denke, das hat funktioniert. Ich wollte mit jeder meiner CDs eine neue Klangwelt eröffnen, eine andere musikalische Geschichte erzählen.
Bei unserem ersten Interview 2010 hatten Sie gerade die Wiener Philharmoniker verlassen und waren noch unsicher, ob das eine gute Entscheidung war.
Alle haben mir davon abgeraten. Und ich war selbst unsicher. Aber ich habe es eigentlich keine Sekunde bereut. Ich glaube, ich hätte es nicht ausgehalten, vierzig Jahre lang im Orchester zu sitzen, immer dasselbe zu spielen und auf meinen Einsatz zu warten. In der Pandemie habe ich manchmal gedacht, es wäre schon schön, jetzt angestellt zu sein und ein festes Gehalt zu bekommen. Zwei, drei Jahre war es schwierig, aber es war trotzdem unbedingt die richtige Entscheidung: immer neue Wege zu gehen und eigene Projekte zu machen.
Merken Sie, dass sich die Stellung der Harfe geändert hat in den 15 Jahren?
Ja, es hat sich etwas geändert, das sagen mir auch meine Kollegen. Seit ich so präsent bin, ist es auch für sie leichter geworden. Die Veranstalter und Orchestermanager haben gemerkt, dass auch die Harfe ein Publikum ziehen kann. Natürlich kann man nicht jedes Jahr ein Harfenkonzert programmieren, aber es ist auch nicht mehr die absolute Rarität. Die Harfe ist noch immer exotisch, aber sie ist attraktiv geworden.
„Für mich muss ein Arrangement klingen, als wäre das Werk für Harfe geschrieben.“
Sie können ja auch alles spielen, solo, als Liedbegleiter statt des Klaviers und mit Orchester.
Aber es gibt auch Repertoire, das ich viel geübt habe, und dann habe ich gemerkt, das wird nie so klingen, wie ich es mir vorstelle, und das wird der Musik nicht dienen. Die Beethoven-Sonaten zum Beispiel habe ich sein gelassen und auch Bach. Viele Kollegen spielen Bach auf der Harfe, aber mich macht das nie glücklich, weil die Harfe zu sehr nachklingt und die Dialektik der Stimmen verschleiert. Auch die „Scheherazade“ oder „Romeo und Julia“ von Prokofjew klingen auf der Harfe durchaus beeindruckend und sind interessant zu spielen – aber bringt das etwas für die Musik, und tut man den Komponisten damit einen Gefallen? Ich spiele nur Arrangements, von denen ich denke, da vermisst man das Original nicht. Für mich muss ein Arrangement klingen, als wäre das Werk für Harfe geschrieben.
Nun haben Sie also endlich Händel aufgenommen.
Ich finde die Orgelkonzerte, die Studenten für mich arrangiert haben, hochinteressant. Vor allem das F-Dur-Konzert, das Almós Tallós arrangiert hat, ein sehr begabter Harfenist aus Ungarn, der auch Komposition studiert. Es ist sehr schwer, ich vermute, das ist seine Rache für das, was er bei mir im Unterricht erlitten hat. Diese Orgelkonzerte sind sehr interessant, weil sie für eine Orgel ohne Pedal geschrieben wurden. Händel hat sie selbst gespielt in den Pausen seiner Oratorien oder Opern.
Wir nennen das B-Dur-Konzert Harfenkonzert, aber es ist für Orgel oder Harfe geschrieben. Vermutlich war Händel krank geworden, und dann hat der Harfenist des Orchesters, ein bekannter Virtuose aus
Wales, die Solostimme übernommen. Händel war davon so überzeugt, dass er das Konzert für Orgel oder Harfe oder Cembalo veröffentlicht hat. Auf der Harfe ist es vielleicht weniger imposant, aber dafür kontrastreicher. Man kann auf der Harfe viel filigraner spielen, mit viel mehr Farben und Verzierungen. Und ich finde, es ist auch viel besser abgestimmt mit dem Orchester. Die Harfe fügt sich perfekt ein. Auch das d-Moll-Konzert ist ein wunderschönes Stück, ein bisschen düster am Anfang, aber sehr intim und vielleicht ein bisschen weniger prachtvoll und offen als die anderen. Ich hoffe, die Konzerte klingen so, als seien sie für Harfe komponiert.
Sie sind seit 24 Jahren Professor in Hamburg. Ist das spannender, als im Orchester zu sitzen?
Ich finde es immer noch spannend. Natürlich, wenn man manche Stücke wie das Händel-Konzert zum tausendsten Mal unterrichtet, wird man ungeduldig. Aber es ist eine schöne Aufgabe, jedem Studenten zu helfen, seine eigene Persönlichkeit auszudrücken. Was ich schön finde, ist, dass jeder Student ganz anders spielt. Sie versuchen, mich nicht nachzumachen. Einmal kam eine Studentin ganz fassungslos in den Unterricht und sagte: Ich verstehe es nicht, Sie haben mir gesagt, es ist alles okay, wie ich spiele, aber jetzt habe ich Ihre Aufnahme gehört, und da ist alles ganz anders. Und ich habe geantwortet: Ja, aber du hast mich mit deiner Version überzeugt. Es ist wichtig, die jungen Leute zu animieren, ihren Weg zu finden und mutig zu sein, natürlich in dem Rahmen, in dem es stilistisch passt. Das ist eine schöne Aufgabe, bei der man selbst extrem viel lernt. Wobei man auch im Orchester viel lernt. Ich habe sehr viel von den Sängern in der Oper gelernt, wie man phrasiert, wie man die Kräfte spart, wie man einen Bogen spannt oder wie man effektiv probt. Aber jetzt habe ich den Luxus, dass ich mir meine Studenten aussuchen kann, und die sind alle extrem gut.
Wer möchte überhaupt Harfe studieren? Sind es überwiegend Frauen aus Asien?
Ich habe zum ersten Mal fast Parität, ich habe drei Männer und fünf Frauen. Sonst sind es schon überwiegend Frauen, und ziemlich viele aus Frankreich, in Frankreich hat die Harfe eine starke Tradition.
Spielen Frauen anders Harfe als Männer?
Gute Frage. Ich glaube nicht, dass man es hören kann. Aber was ich sagen kann nach diesen 25 Jahren: Es waren weniger männliche Studenten, aber die da waren, haben sehr schnell gelernt. Viele von ihnen haben sich für Komposition interessiert. Vielleicht gehen die Frauen mehr ins Detail, und die Männer versuchen mehr, den Überblick zu behalten. Ich finde es immer überraschend: Am Anfang sind sehr wenige Männer da, aber am Ende sind genau die immer noch dabei. Es gibt inzwischen einige wirklich tolle männliche Harfenisten.
Warum zieht die Harfe überwiegend Frauen an?
Ich glaube, das liegt am Image der Harfe und an der Geschichte. Zur Zeit Marie Antoinettes haben alle Töchter der guten Gesellschaft Harfe gespielt, die Harfe war das Instrument des Salons. Das hat das Image geprägt und dazu geführt, dass man die Harfe vielleicht nie richtig ernst genommen hat. Heute sind auch die Instrumente viel zuverlässiger geworden. Im 19. Jahrhundert mussten Konzerte oft unterbrochen werden, weil die Saiten rissen. Es gibt diesen alten Witz, dass die Harfe die Hälfte der Zeit stimmt und die andere Hälfte falsch spielt, aber so ist es nicht mehr. Die Darmsaiten sind heute von viel besserer Qualität.
„Zur Zeit Marie Antoinettes haben alle Töchter der guten Gesellschaft Harfe gespielt.“
Sie gehen im Dezember auf große Tournee, 15 Konzerte mit Händel. Haben Sie da eine eigene Harfe dabei, oder spielen Sie auf Leihharfen?
Wir müssen noch an der Logistik arbeiten. Ich habe eine Harfe in Deutschland, die auch verschickt wird, wenn ich sie brauche. Aber bei so vielen Konzerten hintereinander werden mir auch Harfen zur Verfügung gestellt. Wenn ich als Solist mit einem Orchester spiele, bekomme ich oft die Harfe vom Orchester.
Sind die standardisiert, oder gibt es da auch mal böse Überraschungen?
Es ist wie beim Klavier. Der Steinway unter den Harfen ist Lyon & Healy, eine amerikanische Marke, die wird von den meisten Profi-Harfenisten gespielt. Das ist auch die einzige Bedingung, die ich stelle: Ich möchte auf einer Lyon & Healy spielen, weil die Abstände nicht genormt sind – anders als beim Klavier. Bei den deutschen Harfen zum Beispiel sind die Abstände kleiner, das ist fast, als würde man ein anderes Instrument spielen. Aber die sieht man immer weniger. Und die jungen Harfenisten passen auch gut auf ihre Instrumente auf, sie lassen sie öfter regulieren – das ist wichtig. Wir haben keinen Harfenstimmer, der vor jedem Konzert kommt. Wir stimmen unsere Harfen selbst, und es gibt auch nicht in jeder Stadt einen Hafenfachmann. Es gibt Experten, die herumreisen, aber die kommen meist nur einmal pro Jahr.
Und dann spielen Sie noch beim Weihnachtsmärchen in der Elbphilharmonie mit. Als Engel?
Klar, mit Flügeln! (lacht) Nein, ich habe auch zuerst abgelehnt. Ich spiele Anfang Dezember vier Konzerte mit dem Budapest Festival Orchestra, mache dann die Händel-Tour – und dann noch sechs- oder siebenmal das Wintermärchen: Das ist eigentlich zu viel. Aber sie haben mich dann doch überredet. Das wird ein Monat mit 22 Konzerten oder so was Absurdes. Aber es bietet sich halt an. Normalerweise spiele ich nicht so oft im Dezember. Aber meine Studenten haben meist viel zu tun, sie spielen für Kinder, mit Knabenchören und so weiter.
Ist Harfespielen eigentlich physisch anstrengend?
Es ist schon anstrengend, vor allem für die Schulter. Aber auch jeden Tag reisen, spielen, ein neues Hotel: Ich werde vorher viel schlafen und mich wie ein Sportler vorbereiten müssen. Und danach mache ich richtig Pause. Aber es ist so schön, dass ich diese Gelegenheit habe, so flächendeckend dieses Repertoire zu spielen und vor allem, das muss ich noch mal betonen, mit den Festival Strings. Das ist wirklich ein wunderbares Orchester. Sie sind zwar kein Barockorchester, sie spielen nicht auf Originalinstrumenten, aber sie spielen so kultiviert, so gepflegt – ich könnte mir keinen besseren Partner wünschen.


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