Farbenfroh
Das Orchester Les Siècles stellt Hörgewohnheiten infrage

Die Instrumentalmusik vor Bach und Scarlatti ist heute fest in den Händen derer, die auf historischen Instrumenten spielen. Das Repertoire des späten Barocks und der frühen Klassik teilt man sich dann mit moderne Instrumente spielenden Musikern, während Klassik und Romantik, trotz gelegentlicher Ausflüge der alten Instrumente, überwiegend eine Domäne der modernen geblieben sind.
Doch seit 2003 rüttelt das französische Orchester Les Siècles an dieser Aufteilung – mit der Idee, mit einem Orchester die ganze Bandbreite der Musik von Lully bis in die Gegenwart auf dem jeweils passenden Instrumentarium zu spielen; die Orchestermusiker wechseln dabei wie selbstverständlich zwischen den verschiedensten Instrumenten. Gleichzeitig verschob man die Grenzen für die Verwendung „historischer“ Instrumente bis ins 20. Jahrhundert hinein. „Bei Mahlers ‚Titan‘“, so erklärt die Dirigentin Ustina Dubitsky dieses Konzept, „war es plötzlich ganz selbstverständlich, warum stellenweise vier Flöten unisono spielen: Die damalige Flöte war klanglich zu ‚schwach‘ – mit vier Instrumenten klingt es genau richtig ausgewogen. Dieses Wissen um Mahlers ‚Klangideal‘ hilft mir wiederum bei Aufführungen seiner Werke mit modernen Instrumenten. Und wenn man das ‚Biest‘ in Ravels ‚Ma Mère l’Oye‘ einmal mit einem französischen Kontrafagott aus der Zeit gehört hat, wünscht man es sich in jeder Aufführung. Ich habe da zum ersten Mal so richtig verstanden, warum Ravel dem Biest dieses Instrument zugeordnet hat. Es war so theatralisch, so lustig, so dramatisch, so absurd und auch grotesk, und dabei sticht es auch noch visuell aus dem Orchester heraus, weil es so hoch ist!“
Besonders öffentlichkeitswirksam war Les Siècles’ Einspielung zum hundertsten Geburtstag des „Sacre du printemps“ mit Instrumenten, wie Strawinsky sie 1913 verwendete. Es sei zwar viel komplizierter, die Musik von Strawinsky oder Ravel auf Originalinstrumenten zu spielen als die von Mozart oder Beethoven, sagte Orchestergründer François-Xavier Roth einmal im FONO FORUM-Interview, aber es lohne sich. „Es gab Anfang der 1920er-Jahre in Paris zur Zeit der Balletts Russes ein Mosaik an Instrumenten, das absolut faszinierend ist.“
Eine große Sammlung von internationalen Schallplattenpreisen zeigt, dass nicht nur die Idee einschlug, sondern auch die handwerkliche und künstlerische Präzision, mit der man sie umsetzte. Mehrfach gewann man den Preis der Deutschen Schallplattenkritik, den niederländischen Edison Klassiek, den britischen Gramophone Award und natürlich zahlreiche französische Diapason d’or. Auch die Kritiker im FONO FORUM waren immer wieder begeistert; 2022 schafften es gleich zwei Aufnahmen unter die CDs des Jahres, mit Debussys „Pelleas“ und Mahlers vierter Sinfonie. Dabei ist es insbesondere der große Farbenreichtum des Orchesters, den die Rezensenten preisen.
Die Rezensenten preisen immer wieder den großen Farbenreichtum des Orchesters
Als französische Formation legt das Orchester großen Wert darauf, dem Publikum französisches Repertoire vorzustellen. So entführte man zum 20. Geburtstag des Ensembles 2023 das Publikum des Théâtre des Champs-Élysées in das Paris um 1900, mit Debussy, Dukas, Lalo und Roussel. Selten Gehörtem von Bizet widmete man eine ganze CD, außerdem präsentierte man den Hörern Komponisten wie Félicien David (1810-76) oder Théodore Dubois (1837-1924). Und das Jahr 2013 feierte man nicht nur mit dem hundertsten Geburtstag des „Sacre du printemps“, sondern auch mit der Kantate „Faust et Hélène“, für die Lily Boulanger 1913 den Prix de Rome erhielt. Übervater Beethoven stellten Les Siècles seine Zeitgenossen Méhul und Gossec an die Seite. Aber auch um Mahlers Sinfonien oder Debussys Renner „La mer“ macht das Ensemble keineswegs einen Bogen. Ebenso gern widmet man sich der Neuen Musik – gerade ist eine Aufnahme mit Ligeti-Concerti erschienen. Solistin ist dabei Isabelle Faust, die schon oft mit dem Ensemble zusammengearbeitet hat. Kein Wunder, sie ist ebenfalls jederzeit bereit, den Bogen und die Besaitung ihres Instruments dem Repertoire anzupassen.
Besonders ist die Organisation des Orchesters: Begonnen hat man 2003 als kleines Kammerorchester, inzwischen kann man die gesamte Bandbreite der Sinfonik realisieren. Dabei ist die Formation kein Projektorchester, das sich immer wieder neu zusammensetzt, sondern verfügt über feste Mitglieder, die überwiegend aus Frankreich kommen. Und viele sind schon seit der Gründung vor über zwanzig Jahren dabei.
Wie sehr das Orchester Hörerfahrungen infrage stellt und wie aufschlussreich und interessant das ist, kann man besonders gut in einem Programm nachvollziehen, mit dem Les Siècles gemeinsam mit der Dirigentin Ustina Dubitsky und der Geigerin Isabelle Faust beim Berliner Musikfest zu Gast ist: Beethovens Violinkonzert und Berlioz’ Sinfonie fantastique. Bei Beethoven werde „allein durch den samtigen Klang der Streicher mit Darmsaiten gerade die Zartheit im zweiten Satz viel besser hörbar“, verspricht die Dirigentin, und man dürfe gespannt sein auf die Pauken, „die damals regelrecht winzig waren im Vergleich zu heute“. Für Berlioz wechselt man dann die Instrumente – und will insbesondere „die von ihm vorgegebene Streicherbalance einhalten. Wir haben zwar leider nicht seine gewünschte Anzahl, haben aber das Verhältnis (so verlangt er mehr Celli als Bratschen) mit unserer Streicheranzahl eingehalten. Wir werden auch vier Harfen haben – Berlioz möchte ja mindestens zwei pro Stimme.“
Auf viele andere Klangfarben und Instrumente darf man ebenfalls gespannt sein. Denn kein anderer Komponist hat sich so intensiv mit den Möglichkeiten aller Arten von Klangfarben des Orchesters auseinandergesetzt wie Berlioz, der 1843 eine Instrumentationslehre verfasste. Bei der Sinfonie fantastique hat Berlioz 1830 eine ganze Reihe damals neuer Instrumente vorgesehen, die für uns längst wieder historisch geworden sind, zum Beispiel die damals recht neue, voll chromatische Trompete oder die Ophikleide. Und es lohnt sich, diese Instrumente einmal in ihren originalen Klangfarben kennenzulernen.


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