Perspektivwechsel für Beethoven
Die Münchner Geigerin Lena Neudauer hat die Beethoven-Sonaten neu eingespielt

Braucht die Welt wirklich noch eine Aufnahme der Beethoven-Sonaten?“ Das war tatsächlich auch Lena Neudauers erste Reaktion, wie sie im Gespräch mit einem verschmitzten Lächeln gesteht. Aber ihr Label cpo blieb zum Glück hartnäckig. Und natürlich gibt es auch für die Münchner Geigerin „kaum etwas Schöneres, als sich für ein solches Projekt noch einmal intensiv mit diesen traumhaft wunderbaren Stücken auseinandersetzen zu dürfen. Das war einfach nur ein Geschenk. Insofern hab ich auch nicht Nein gesagt, als die Anfrage kam“.
Ihr Gespür für Beethovens Musik hat Neudauer bereits im Jubiläumsjahr 2020 bewiesen, als sie gemeinsam mit dem Dirigenten Marcus Bosch und der Cappella Aquileia ihre Sicht auf das Violinkonzert vorlegte (ebenfalls bei cpo). Die Sonaten für Violine und Klavier sind hierzu quasi die Fortsetzung: alle zehn harmonisch vereinigt in einer 3-CD-Box, deren Cover Caspar David Friedrichs berühmtes Gemälde vom „Wanderer über dem Nebelmeer“ ziert. Es ist ein Motiv, das viele Assoziationen weckt und Erwartungen schürt. Auf die Frage, wie sie sich angesichts der Flut prominenter Vorbilder diesen Klassikern nähert, gibt sich die Geigerin selbstbewusst. „Ich bin so ‚ignorant‘, dass ich inzwischen gar nicht mehr so viele andere Aufnahmen höre. Das habe ich früher interessehalber gemacht, als ich noch im Studium war. Aber ich hatte eigentlich schon immer eine eigene Vorstellung davon, wie gewisse Werke in meiner Gedankenwelt klingen sollten.“ Und diese Ideen umzusetzen, steht für sie an erster Stelle. Sei es nun im Konzert oder im Studio. „Man wird nie allen Geschmäckern gerecht. Also ist es besser, das erst gar nicht zu versuchen. Denn dadurch verliert eine Interpretation das Authentische.“
Ein Rundumschlag wie die neue Kompletteinspielung bringt natürlich noch einmal ganz eigene Herausforderungen. Wobei sich Lena Neudauer und ihr langjähriger Kammermusik-Komplize Paul Rivinius bewusst gegen ein chronologisches Vorgehen entschieden haben, um sich die Kräfte für die drei jeweils fünftägigen Studio-Sessions gut einzuteilen. „Da haben wir uns schon Gedanken gemacht, womit wir gut in Fluss kommen. Oder was die großen Brocken sind, die wir uns lieber nicht bis zum Schluss aufheben, weil sie besondere Konzentration erfordern.“
Wie bei den meisten ihrer Kolleginnen und Kollegen spielen die Beethoven-Sonaten auch bei Lena Neudauer schon seit Beginn ihrer Karriere eine wichtige Rolle. Das geht bis in ihre Teenagerjahre zurück. Und irgendwo in den Archiven des Bayerischen Rundfunks schlummert sogar noch eine Aufnahme der „Kreutzer-Sonate“, die sie als 18-Jährige eingespielt hat. Dass sich nicht nur bei diesem Klassiker ihre Sichtweise verändert hat, muss nicht groß erwähnt werden. Jede Einspielung ist eine Momentaufnahme. „Ich habe diese Stücke schon lange im Gepäck. Und bei jeder Begegnung tun sich wieder neue Dimensionen auf. Beethoven hat eine geistige Tragweite, der nur wenig Komponisten gleichkommen.“
Zur Vorbereitung auf das Marathonprojekt ging die Geigerin diesmal einen eher ungewöhnlichen Weg. „Ich habe als Kind viel Klavier gespielt. Und deshalb habe ich mich jetzt noch mal selbst an den Flügel gesetzt, um auch den anderen Part für mich durchzuspielen.“ Ein Perspektivwechsel, der für Neudauer beinahe eine Voraussetzung ist, schließlich wurden die Sonaten sehr vom Klavier aus konzipiert. „Natürlich höre ich das auch, wenn ich die Geigenstimme spiele. Aber eben nur passiv. Und es ist erstaunlich, wie anders man diese Werke wahrnimmt, wenn man sich die Töne plötzlich selber zusammensuchen muss.“ Wobei Neudauer immer wieder auf sympathisch bescheidene Art betont, dass sie diesen Ausflug zu ihrem früheren Zweitinstrument wirklich nur zu Studienzwecken unternahm und sich damit gleichzeitig vor ihrem Klavierpartner Paul Rivinius verbeugt: „Er ist ein Mensch, dem ich blind vertraue. Paul weiß genau, wie er subtile Impulse geben und wann er einen unterstützen muss. Aber trotzdem bleibt es immer ein Dialog, weil er unglaublich sensibel auf seine Partner reagiert.“
Für die Beethoven-Sonaten war Rivinius Lena Neudauers Wunschpartner. „Er ist vom Gemüt her ein sehr ausgeglichener und entspannter Mensch. Und gerade bei einem solchen Großprojekt ist es wichtig, dass man jemand im Studio hat, der stets die Nerven bewahrt und trotzdem mit Herzblut bei der Sache ist.“ Kurz gesagt: Teamwork, bei dem sich niemand in den Vordergrund drängt und auf Augenhöhe kommuniziert wird.
Diesen respektvollen Umgang miteinander (und mit der Musik) versucht Lena Neudauer auch ihren Studierenden an der Münchner Musikhochschule zu vermitteln. Wobei sie den jungen Talenten nicht nur zuhört, sondern im Unterricht hin und wieder auch selbst zur Geige greift. „Anfangs dachte ich, dass es ohne geht. Aber es kommt eben immer darauf an, wen man vor sich hat. Ich will keine Klone heranzüchten. Mir sind die emotionalen Fragen wichtig, das, was sie beim Spielen fühlen. Und da gibt es einfach Dinge, die sich schwer verbalisieren lassen. Aber wenn man dann die Musik sprechen lässt, ist plötzlich klar, was gemeint ist.“
In dieser Beziehung erinnert sie sich gerne an ihre eigene Studienzeit bei Thomas Zehetmair, mit dem sie die „Kreutzer-Sonate“ einstudiert hat. Viele seiner Anmerkungen stehen bis heute in ihren Noten. „Von Zehetmair habe ich gelernt, wie man eine Phrase anlegt. Er hat mit mir vor allem an Nicht-Betonungen und Nicht-Dynamiken gearbeitet, weil vieles von Beethoven für die damalige Zeit fast schon überbezeichnet war.“ Die Gretchenfrage nach der persönlichen Lieblingssonate wird von ihr charmant ignoriert. Jede von ihnen hat für Lena Neudauer ihren eigenen Reiz und ihre eigenen Herausforderungen. Und so hebt sie neben den „üblichen Verdächtigen“ auch die gern unterschätzte Nr. 2 hervor, die oft zu Unrecht verharmlost wird – ebenso wie die Zehnte. „Die mag technisch vielleicht nicht so raffiniert sein wie die ‚Kreutzer‘, steht aber auf einer musikalisch geistigen Ebene, die einfach eine gewisse künstlerische Reife verlangt. Wenn man hier nur die Töne spielt, funktioniert es nicht.“


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