Interview & Porträt

Schumann auf dem Hackbrett

Von
Tobias Hell
Foto: Sophia Hegewald
Foto: Sophia Hegewald

Die Volksmusik war von jeher eine wichtige Inspirationsquelle für Komponistinnen und Komponisten. Ein Mozart holte sich da ebenso seine Inspiration wie Brahms oder Schubert. Nicht zu vergessen Béla Bartók, der auf seinen Reisen durch Ungarn, Rumänien oder die Slowakei mehr als zehntausend bis dahin meist nur mündlich überlieferte Lieder für die Nachwelt dokumentierte und auch in seine Kompositionen einfließen ließ.

Den umgekehrten Weg beschreitet seit Kurzem das in München beheimatete Ensemble Almanach, das bei seinen Auftritten Kunstlieder in volkstümlichen Arrangements für Hackbrett, Klarinette, Akkordeon und Kontrabass präsentiert. Ein Hörerlebnis der etwas anderen Art, das klassische Formen mit dem typischen Klang der alpenländischen Stubenmusi verbindet und für Ensemble-Mitbegründerin Isabelle Rejall aus einem ganz einfachen Gedanken heraus entstanden ist. „Ich liebe den Liedgesang. Aber es hat mich immer gestört, dass diese Form so immobil ist und man immer einen Raum mit Klavier braucht. Weil die Lieder selbst eigentlich von ganz anderen Dingen und Situationen erzählen: von der Weite der Berge oder von der Liebe auf der Weide.“ Mit den neuen Bearbeitungen will das Ensemble nun die intime Kunstform zu ihren Wurzeln zurückführen. Und vor allem auch an die Orte, an denen sich die darin besungenen Geschichten abspielen. Sei es nun im Wirtshaus oder unter freiem Himmel.

Die Keimzelle für das Projekt wurde dabei schon 2017 gelegt, als Isabelle Rejall mit ihrem Mann in die bayerische Landeshauptstadt zog. Inspiriert von einem Auftritt des Ensembles Franui, wuchs auch in ihr die Neugier, Klassisches mit Instrumenten aus der Volksmusik zu kombinieren. Und schnell hatte sich an der Münchner Musikhochschule eine Handvoll Gleichgesinnter gefunden, die ihre Leidenschaft teilten.

Was sich daraus entwickelte, lässt sich nun endlich auch auf der Debüt-CD nachhören, auf der sich hinter dem doppelbödigen Titel „Schönheit & Staatsversagen“, neben Ins­trumentalmusik von Leopold Mozart oder Joseph Haydn auch Werke weniger präsenter Namen wie Joseph Peter von Lindpaintner, Franz Lachner oder Josephine Lang finden. Sie wieder ins kollektive Gedächtnis zu bringen, liegt den Almanach-Musikerinnen besonders am Herzen. Waren doch alle drei prägende Persönlichkeiten im Münchner Musikleben des beginnenden 19. Jahrhunderts.

Im ersten Moment wirkt es zwar tatsächlich ein wenig kurios, dass es für deren Wiederbelebung nun ausgerechnet eine Gruppe von „zugroasten“ Neu-Münchnerinnen brauchte. Immerhin setzt sich das Ensemble Almanach neben der aus Potsdam gebürtigen Rejall unter anderem noch aus Musikerinnen mit niederländischem und serbischem Pass zusammen. Aber es wäre nicht das erste Mal, dass Propheten im eigenen Lande nur wenig gelten und Hilfestellung von außen benötigen.

Dass im Laufe der Musikgeschichte womöglich nicht jedes vergessene Werk zu Unrecht vergessen wurde, kann zwar auch Isabelle Rejall nicht ganz abstreiten. „Aber durch eine Bearbeitung kann sich der Zugang sehr verändern. Lachners ‚Alpengang‘ ist in der Klavierversion eher simpel. Aber wenn bei uns das Akkordeon hinzutritt, assoziiert man da auf einmal eine Tanzkapelle, und eine neue Welt öffnet sich.“

Für diese und andere Bearbeitungen zeichnet der Komponist Patrick G. Braun verantwortlich, dessen Gespür für Klangfarben Rejall im Gespräch immer wieder hervorhebt. „Ohne seine Arrangements würde das Projekt nicht funktionieren. Vieles bekommt da eine leicht morbide Note, die mir unglaublich gut gefällt, weil es dadurch fast zu einer Art Theatermusik wird.“

Und nicht selten gelingt es, durch das neue Klanggewand den Blick auf Bekanntes und Unbekanntes zu schärfen. „Ich finde es schade, dass der Liedkanon heute meist doch sehr übersichtlich ist. Denn wenn man mal über den Tellerrand blickt, gibt es da vieles zu entdecken. Zum Beispiel Josephine Lang, deren Musik langsam wieder Beachtung findet. So etwas darf nicht gleich wieder in Vergessenheit geraten – weil sie Schubert und Lachner eine weibliche Sicht entgegensetzt und eine ganz andere Emotionalität mitbringt.“

Als weiterer Zeuge der Verteidigung lässt sich auch Felix Mendelssohn zitieren, der nicht nur Lindpaintner als einen der besten deutschen Orchesterdirigenten, sondern auch seine ehemalige Schülerin Josephine Lang stets in höchsten Tönen lobte. Wobei es dem Ensemble Almanach keineswegs nur um schlagzeilenverdächtige Ersteinspielungen geht. Wichtig ist dem Quintett vor allem, einen größeren kulturhistorischen Bogen zu schlagen und die Musik so zu verorten.

„Einfach nur Künstlerinnen und Künstler zusammenspannen, die an einem bestimmten Ort gewirkt haben, das kann jeder. Aber uns hat eben auch interessiert, wie das Leben dieser Menschen damals aussah. Und die Welt, von der sie in ihren Liedern erzählen.“ Die Klammer liefern dazu die Aufzeichnungen des Juristen Joseph von Hazzi, dessen „Statistische Aufschlüsse über das Herzogthum Baiern“ das Alltagsleben zwischen 1801 und 1808 einfingen. Spannende Zeitdokumente, die für das Album vom Schauspieler Frederic Böhle eingelesen wurden, den Rejall kurzerhand auf einer Hochzeitsfeier im Freundeskreis rekrutierte.

Was im ersten Moment nach trockenen Auflistungen klingt, erwies sich zunehmend als unschätzbare Fundgrube, mit teils skurrilen, teils düsteren Beschreibungen, in denen Isabelle Rejall einige Parallelen zu unserer heutigen Zeit findet. Wobei die Sängerin betont, dass es beim spitzzüngigen Titel des Projekts nicht darum ging, Dinge schlechtzureden, sondern das Bewusstsein der Menschen dafür zu schärfen, was man besser machen kann. „Das Publikum will im Konzert vor allem unterhalten werden. Da müssen wir uns gar nichts vormachen. Aber wenn Hazzi schon damals davon schreibt, dass es an Hebammen fehlte oder wie es um die Münchner Kulturszene bestellt war, kommt einem das halt irgendwie bekannt vor.“

Die enge Verbindung von Text und Musik, die gemeinsam eine längst vergangene und doch so nahbar wirkende Epoche heraufbeschwört, hat bei den bisherigen Auftritten selten seine Wirkung verfehlt. Und um dieses unmittelbare Gefühl auch auf dem Tonträger zu erhalten, entschied man sich bewusst gegen den typischen Hall vieler Klassikproduktionen und strebte einen direkten Klang an. „Alles ist dicht am Mikro aufgenommen. Deshalb hört man beispielsweise auch die Klappengeräusche der Klarinette und anderen ‚Lärm‘. Aber wir wollten bewusst nichts wegradieren, weil die Musik so einfach mehr atmet. Auch das ist Teil der Authentizität. Und die steht bei uns immer im Fokus.“