Vereint zum Gesamtkunstwerk
Das Schweizer Duo Praxedis lässt seit 15 Jahren die Tradition des Duos von Harfe und Klavier neu aufleben

Dass Familienmitglieder sich zu Ensembles zusammenschließen, ist unter Musikern keine Seltenheit. Aber selten ist deren Bindung so eng wie im Fall des Schweizer Duos Praxedis, zu dem sich die Harfenistin Praxedis Hug-Rütti und ihre Tochter, die Pianistin Praxedis Geneviève Hug, zusammengefunden haben. Dass die beiden – zusammen mit Praxedis Hug-Rüttis Mann – in Zürich und in der Zentralschweiz im selben Haushalt wohnen, „hat sich ganz natürlich so ergeben, weil wir uns gut verstehen und das für die Zusammenarbeit praktisch ist“, sagt die Tochter lachend. „Wir können so auch mal nachts in letzter Minute arbeiten.“ Von langer Hand geplant war das jedoch nicht. „Geneviève wollte als Kind zuerst Harfe lernen, einfach weil sie das von mir kannte“, erzählt die Mutter. „Ich schlug ihr stattdessen das Klavier vor, von dem man später gut zur Harfe wechseln kann. Aber sie blieb dann beim Klavier.“
Die Kombination Harfe und Klavier war in der Salonkultur von etwa 1750 bis nach 1900 fest etabliert
Auf die Idee, gemeinsam zu musizieren, kam sie erst, als ein Freund sich von ihnen ein gemeinsames Hauskonzert wünschte. „Wir arrangierten Mozarts Sonate für zwei Klaviere für Klavier und Harfe und stellten fest, dass sich die beiden Instrumente wunderbar ergänzen“, erzählt die Mutter. Und dass sich die Kombination für ein breites Stilspektrum eignet: Die CDs und Konzerte des Duos dokumentieren das von Bachs Goldberg-Variationen bis hin zu Astor Piazzolla, Chillout-Jazz und Auftragswerken von zeitgenössischen Komponisten. Dabei gibt es für die heute so exotisch wirkende Besetzung auch zahlreiche Originalliteratur – Duos mit Klavier und Harfe waren in der Salonkultur von etwa 1750 bis nach 1900 fest etabliert. „Franz Liszt trat zum Beispiel mit dem damals berühmtesten Harfenisten, Elias Parish-Alvars, auf. Und der bildete mit dem Pianisten Carl Czerny sogar ein festes Duo“, sagt Praxedis Geneviève Hug, die mit kriminalistischem Spürsinn in Bibliotheken nach unbekannter Literatur forscht. „Aber auch andere Klaviervirtuosen wie Johann Dussek oder Friedrich Kalkbrenner traten im Duo mit Harfe auf.“
Das ist insofern erstaunlich, als beide Instrumente mit der Möglichkeit zum akkordischen Spiel sich selbst genügen und ihnen dafür ein Melodieinstrument fehlt. „Ein Reiz liegt gerade darin, dass beide Instrumente einander ähnlich und klanglich trotzdem sehr verschieden sind“, sagt Praxedis Hug-Rütti. „Zudem verfallen wir nicht ins Muster, dass die eine die andere nur begleitet.“
In ihren eigenen Arrangements liegt die Kunst darin, die unterschiedlichen Möglichkeiten beider Instrumente zur Geltung zu bringen. „Leidenschaftliche Dramatik“, räumt Praxedis Hug-Rütti ein, „ist auf der Harfe nicht zu schaffen.“ Dafür ist das Klavier zuständig, und da kommt Praxedis Geneviève Hug zugute, dass sie sich als Solistin auf das Werk von Franz Liszt spezialisiert hat: „Liszts Klaviertechnik ermöglicht nicht nur einen vollen Klang, sondern auch eine filigrane Leichtigkeit, die sich gut mit der Harfe verbindet.“
Die Glissandi und Arpeggi der Harfe verweisen dagegen auf eine Klangeigenschaft, die dieses Instrument gegenüber dem Flügel voraus hat. Die Tochter nennt es den „offenen Klang“: „Anders als beim Flügel schwingen die Saiten bei der Harfe frei weiter, ohne dass es wie eine Sauce klingt.“ Glissandi sind noch aus einem anderen Grund eine Spezialität der Harfe: „Mit den sieben Pedalen – drei auf der linken, vier auf der rechten Seite – kann ich jeden Ton um einen Halbton erhöhen oder erniedrigen“, erklärt die Mutter. „Dadurch kann man auf der Harfe Glissandi über bestimmte Akkorde spielen und nicht nur, wie beim Klaver, auf den schwarzen oder weißen Tasten.“
Mit all diesen Möglichkeiten eignen sich für Arrangements auch orchestrale Werke, sofern sie „nicht zu monumental sind“. Das zeigen die raffinierten – eigenen – Arrangements auf der aktuellen Doppel-CD „Baba Bussi“ (Wienerisch für Tschüss, Küsschen“), die Johann Strauss mit Walzern und Polkas ins Zentrum rückt. Drum herum zeigen Stücke von Schubert bis Fritz Kreisler, wie sich diese Tanzmusiktradition aus Hauskonzerten entwickelt und bis in die Salonkultur um 1900 fortgesetzt hat.

Der Reiz dieser Arrangements liegt darin, dass sie das Innenleben der Strauss’schen Werke kammermusikalisch fein auffächern und doch den Schwung und rauschhaften Klang suggerieren, den man von den Orchesterfassungen kennt. Walzerseligkeit stellt sich etwa im „Du und Du“-Potpourri (nach Strauss’ „Fledermaus“) oder im Klassiker „Wiener Blut“ ein, wo vollgriffige Akkorde des Klaviers von den Arpeggi der Harfe klangvoll gedehnt und aufgefächert werden. Die zahlreichen Lagenwechsel – bis hin zu singenden Tenormelodien des Flügels – simulieren instrumentale Farben und Registerwechsel. Das Grundmuster, in dem klar gezogene Melodielinien und markante Bässe des Tasteninstruments eingesponnen werden in duftig-zauberische Klangschleier der Harfe, wird dabei vielfältig variiert und umgekehrt. Wenn sich in der „Indigo-Quadrille“ der glöckelnde Klavierton mit spinnwebenzarten Harfenfigurationen vermischt, klingen Harfe und Klavier wie ein überdimensionales Hybridinstrument.
Man kann sich diesen Strauss gut im Ambiente von Schlosssälen vorstellen, in denen sich das Duo Praxedis mit verspielt-eleganten Outfits (auch das Eigenkreationen) als maßgeschneidertes Gesamtkunstwerk präsentiert. Die Bearbeitungen von Ländlern Schuberts verweisen dagegen mehr auf eine intime Hausmusik, obwohl selbst hier das natürliche Grundmuster – mit Melodie und Bass im Klavier und einem farbigen Mittelbau der Harfe – vielfältig variiert wird.
Die größten Überraschungen erlebt man aber auf der zweiten CD, die auch mal eines der beiden Instrumente stärker in den Vordergrund rückt. So werden Prokofjews Bearbeitungen von Schubert-Tänzen hier zu einem pianistischen Paradestück, bei dem der kraftvoll-saftige Klang des Flügels von der Artikulation der Harfe zugespitzt wird. Im Walzer aus Richard Strauss’ „Rosenkavalier“ mischen sich die beiden Instrumente zu einer orchestral anmutenden, intensiv und geschmeidig ausgedeuteten Kammermusik. Die Harfe entführt in Leopold Godowskys fein verästeltem „Alt Wien“ in ein Feenreich zauberischer Klangeffekte. Und auch die raren Klangmixturen in Fritz Kreislers „Liebesleid“ und dem
„Caprice Viennois“ machen eindeutig Lust auf mehr.
Befriedigen soll diese eine vom Duo gegründete Stiftung, die Arrangements und einen Teil der Originalliteratur für Harfe und Klavier – schätzungsweise über siebenhundert Stücke – anderen Musikern zugänglich machen will. Praxedis Geneviève Hug arbeitet zudem in einem Buch die Geschichte der Klavier-Harfe-Duos im 19. Jahrhundert auf. Das dürfte auch Veranstaltern helfen, die nicht wissen, wo sie das Duo einordnen sollen. „Als Soloinstrumente erwartet man Klavier und Harfe in einem Rezital, aber im Duo sind sie doch Kammermusik“, sagt Praxedis Geneviève Hug lachend. Aber auf wunderbare Weise auch irgendwie eins.


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