Interview & Porträt

Eine Kälte, die unter die Haut geht

Von
Arnt Cobbers
Foto: Janine Kühn
Foto: Janine Kühn

Zwei CDs reichen, um Karel Reiners Werke für Klavier solo vorzustellen. Doch sie haben es in sich. Karel Reiner, geboren 1910 als Karl Reiner und Sohn eines jüdischen Kantors im böhmischen Saaz/Žatec, ging mit 18 Jahren nach Prag, wo er sowohl vom Spätromantiker Josef Suk als auch vom Avantgardisten Alois Hába geprägt wurde. Er überlebte Theresienstadt, Auschwitz und das KZ Dachau und wurde ein prominenter und produktiver Komponist im Prag der 50er und 60er Jahre, ehe er 1970 mit einem Aufführungsverbot belegt wurde und spätestens nach seinem Tod 1979 in Vergessenheit geriet. Moritz Ernst hat unter anderem Klavier bei Peter Feuchtwanger und Cembalo studiert und pflegt ein breites Repertoire vom Barock bis heute. Auf CD aufgenommen hat er unter anderem Werke von Ullmann und Hannenheim, Lourié und Braunfels. Eine Haydn-Serie ist begonnen. 

Herr Ernst, wie haben Sie Karel Reiner entdeckt, und warum sollte man seine Musik kennen?

Ich beschäftige mich schon lange mit der Musik verfemter Komponisten. Und das kam durch einen Zufall. Ich wollte Schönbergs Klavierstücke op. 19 in der Bibliothek bestellen und bekam stattdessen die Variationen und Doppelfuge über ein Thema von Schönberg von Viktor Ullmann – das Computerprogramm war noch ziemlich neu. Ich habe reingeschaut, fand, das ist grandiose Musik – und bin dann bei der Sache geblieben. Wenn man sich mit Ullmann beschäftigt, stößt man unweigerlich auf das Thema Theresienstadt, und da tauchte dann irgendwann auch der Name Karel Reiner auf. Bei der Beschäftigung mit zeitgenössischer Musik und Mikrotonalität kreuzte dann auch wieder Karel Reiner meinen Weg, als Schüler von Alois Hába. Irgendwann habe ich dann mal konkret nach Musik gesucht und habe mir die zweite Sonate ausgeliehen und angespielt. Das ist ein wahnsinnig schweres Werk, pianistisch ungemein sperrig, aber auch enorm faszinierend und für seine Zeit, die späten 30er Jahre, wirklich ganz weit vorne. Da ist so vieles drin, was für mich das 20. Jahrhundert ausmacht. Pierre Boulez hat postuliert: Es darf sich nichts wiederholen. Das ist in dieser zweiten Sonate schon vorweggenommen. Natürlich lassen sich Motive finden, aber dass sich etwas im traditionellen Sinne wiederholen würde, das gibt es nicht. Es ist so eine rhythmisch treibende Kraft, so eine Urkraft drin, die das Ganze am Laufen hält und die dafür sorgt, dass dieses ungeheuer komplexe Werk immer einen Drang nach vorne hat.

Foto: privat

Ist das Werk zwölftönig?

Nein, es folgt einem wirklich eigenständigen System. Karel Reiner war von anthroposophischen Lehren gefesselt und hat daraus eine Emanzipation der Dissonanz abgeleitet, dass also die Dissonanz im Grunde gleichberechtigt neben der Konsonanz stehen müsse. Und das weidet er in der zweiten Klaviersonate wirklich aus. Vor allem der zweite Satz ist von einer eisigen Kälte. Aber einer Kälte, die einfach unter die Haut geht. Man muss sich vor Augen halten: Die Sonate ist 1939 entstanden und sollte den Titel „Sieg“ tragen – gemeint war der Sieg gegen das Deutschland der Nationalsozialisten. Diese Kälte spiegelt die absehbare persönliche Bedrohung für ihn und seine Familie, er war ja Jude. In der Coda des ersten Satzes türmt er einen Hussitenchoral, die Internationale und die tschechoslowakische, heute tschechische Nationalhymne über- und ineinander. Das hört man nicht, aber man sieht es klar in den Noten. Diese eindeutige, aber nicht plakative politische Dimension finde ich enorm spannend. Die Wucht dieses Werkes springt einen förmlich an.

Ich habe die zweite Sonate aufgenommen, und dann reifte die Idee gemeinsam mit Stefan Lang vom Deutschlandradio, das Gesamtwerk aufzunehmen. Die dritte Sonate habe ich ausgesprochen lieben gelernt, obwohl auch sie sehr schwer ist. Der zweite Satz ist den afrikanischen Freiheitskämpfern gewidmet, und das ist eines der besten Stücke Musik, die ich jemals gespielt habe, weil sie von einer Klanglichkeit ist, die ich einfach großartig finde. Sie ist insgesamt konzilianter, die Bedrohung des Krieges ist weg, 1961/62 war Karel Reiner ein relativ freies Schaffen möglich, und er genoss hohes Ansehen. Das änderte sich nach der Niederschlagung des Prager Frühlings. Da trat er aus der Kommunistischen Partei aus und wurde daraufhin mit einem Aufführungsverbot belegt, das bis zu seinem relativ frühen Tod 1979, mit 69 Jahren, galt.

Hinzu kommen die frühe erste Sonate und die sehr späten „Zárodky“, „Keime“. Karel Reiner hat nach 1945 intensiv verfolgt, was im Westen passierte, und hat versucht, auf seine ganz eigene Weise an die Moderne anzuschließen. Die „Keime“ sind aphoristische Stücke, in denen die Gedanken auf absolute Kürze eingekocht sind. Aber wenn man sie richtig spielt, ist das wirklich sprühende Musik. Und dann gibt es noch einige kleinere Werke wie die „Neun lustigen Improvisationen“, die Jazzetüden oder die 27 Inventionen, alles Stücke, die er nie veröffentlicht hat. Das ist ja das Schöne bei einer Gesamtaufnahme, dass man auch Entdeckungen macht. Die 27 Inventionen sind allesamt nur ein, zwei, drei Zeilen lang. Reiner war ein Kopf, der seiner Zeit weit voraus war.

Was der Verbreitung seiner Musik im Weg steht, ist leider Gottes eine nicht vorhandene Notenbasis. Die drei Klaviersonaten sind am ehesten noch in Bibliotheken zu finden, weil sie offiziell verlegt waren. Aber der Nachlass liegt im Musikmuseum in Prag, mehr oder weniger nicht katalogisiert. Es ist wahnsinnig schwer, da ranzukommen. Und es kümmert sich auch niemand um die Noten. Da bin ich Anke Zimmermann sehr zu Dank verpflichtet, die ihre Diplomarbeit über Karel Reiner geschrieben hat.

 

„Der zweite Satz der dritten Sonate ist eines der besten Stücke, die ich je gespielt habe.“

Sie haben auf den zwei CDs also wirklich Reiners Gesamtwerk für Klavier-Solo eingespielt?

Das Einzige, was leider nicht mit drauf ist, ist eine Fantasie für Vierteltonklavier. Da waren uns einfach pragmatische Grenzen gesetzt. Es gibt nur dieses eine Vierteltonklavier in Prag, für das er, wie Hába auch, komponiert hat. Das ist dreimanualig, da kann man nicht einfach vorüben auf einem Cembalo.

 

Ist das Klavierwerk ein Schlüssel­bereich in seinem Werk?

Definitiv. Karel Reiner hat sehr viel geschrieben, auch große Orchesterwerke, Opern und Filmmusik, es gibt ein Cellokonzert, ein Klavierkonzert, auch eine wunderbare Sonate für Kontrabass und Klavier, die einem ab und zu begegnet, weil die Bassisten nicht mit großem Repertoire gesegnet sind. Aber die Klavierwerke sind wirklich wichtig, davon zeugen allein die drei großen Sonaten, und die „Drei Kompositionen“ aus den 60er Jahren ergeben zusammen eigentlich eine vierte Sonate. Reiner war selbst ein hochvirtuoser Pianist. Und er war auch Alois Hábas Hauptpianist, wenn es um Aufführungen auf besagtem Vierteltonklavier ging.

 

Ist denn gerade die zweite Sonate auch Musik zum Hören, fasziniert sie nicht vor allem in der Analyse?

Alles von Karel Reiner ist Musik zum Hören. In der zweiten Sonate wird’s hart, was aus der Biografie ja nachvollziehbar ist. Aber ich finde den zwölftönigen Schönberg wesentlich schwerer zu hören. Die Sonaten 1 und 3 sind am ehesten mit Ullmann vergleichbar. Reiner hat nichts von diesem beißend Seriellen, er zeigt vor allem in seinen langsamen Sätzen einen Klangsinn, der seinesgleichen sucht. Wie er zum Beispiel im zweiten Klavierstück in einen leeren Klang ein Cluster im tiefen Register reinsetzt und damit Obertöne produziert, das ist großartig.

 

Warum ist Karel Reiner in Vergessenheit geraten?

1970 wurde er, wie gesagt, mit einem Aufführungsverbot belegt. Andererseits habe ich auch gemerkt, dass es ihm einige Leute übelnehmen, dass er mal Mitglied der Kommunistischen Partei war. Seine Witwe hat später versucht, seine Werke zugänglich zu machen, aber das hat nicht funktioniert. Werke, deren Noten nicht mit angemessenem Aufwand verfügbar sind, haben keine Chance.

 

Gibt es noch bedeutende verfemte Komponisten zu entdecken?

Ich behaupte, dass das meiste inzwischen bekannt ist. Reiner war einer der letzten weißen Flecken auf dieser Landkarte. Ich wüsste ehrlich gesagt im Moment nicht, wo ich noch suchen sollte. Ich habe 2010 die
Ullmann-Gesamtaufnahme gemacht, bevor die große Ullmann-Welle einsetzte. Und dann kam Norbert von Hannenheim, auch eine große Entdeckung. Dass noch jemand von diesem Kaliber auftaucht, die Chance ist sehr gering.

 

Sie leiten seit 2024 die Badenweiler Musiktage. Aber Sie sind nicht deshalb aus Ostwestfalen nach Badenweiler gezogen, oder?

Nein, ich bin in Paderborn groß geworden, habe in Detmold studiert, habe aber mein Studium in Basel abgeschlossen mit einem Umweg über London zwischendurch. Und bin dann hier in der Gegend hängen geblieben. Die Musiktage lagen seit 2019 brach. Ich habe mir eines Tages gesagt, man darf dieses Erbe nicht einfach aufgeben, das Publikum, das sich für neue Musik interessiert, ist immer noch da. Jetzt bin ich dabei, das Ganze wieder auf die Landkarte zurückzuziehen. Das Festival Ende Mai mit Elisabeth Leonskaja zur Eröffnung und dem spektakulären Abschlusskonzert in der Römischen Badruine mit Musik von Dowland bis zu neuen Werken von Detlef Heusinger war sehr schön. Das wollen wir im Mai 2026 fortsetzen.