Interview & Porträt

Geistliche Oper aus dem Geist des Biedermeiers

Von
Susanne Benda
2005 gründete Thomas Gropper die Arcis-Vocalisten. Foto: Daniel Delang
2005 gründete Thomas Gropper die Arcis-Vocalisten. Foto: Daniel Delang

Hält ein frommer Mensch auch dann an seinem Gottesglauben fest, wenn es ihm schlecht geht? Ja, sagt Gott; nein, sagt der Satan, und so beginnt eine Wette, ein böses Spiel. Hiob verliert alles: seine Heimat, seinen Wohlstand, seine Familie, Freunde, ja sogar seine Gesundheit. Allein seinen Glauben verliert er nicht. Gott hat gewonnen – und belohnt Hiob mit neuem Glück. Verstehen wir das? An der Frage, warum ein guter Gott Böses in der Welt zulassen kann, der sogenannten Theodizee-Frage, haben sich Generationen von Theologen die Zähne ausgebissen. Carl Loewe nicht. Der Komponist, den wir heute vor allem als Meister der Ballade kennen („Tom der Reimer“, „Herr Oluf“, „Erlkönig“), beendet sein Oratorium „Hiob“ mit einer fast achteinhalb Minuten langen Doppelfuge. „Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken“, singt der Chor als Sprachrohr Gottes, und tatsächlich ist das Thema der Fuge extrem wild und querständig, es will einem ebenso wenig eingehen wie das, was der Titelheld zuvor erleiden musste. „Da schluckt man heute schon“, sagt Thomas Gropper. „Akzeptiert man, dass Gottes Weisheit größer ist als das, was unser Hirn kapiert? Oder fragt man, was ist das eigentlich für ein Diktator, der mich in den Dreck reitet, und ich kriege noch nicht mal eine Antwort?“ Ihn selbst schleudere es da auch immer hin und her. Und diesen Schluss der alttestamentarischen Geschichte habe Carl Loewe toll getroffen: „Es ist wie eine eigene klangliche Welt, auf die man sich einlassen muss – oder eben nicht. Loewe macht hier keine Konzessionen. Dem entkommt man nicht.“

Mit „Hiob“ hat Gropper im August sein drittes Loewe-Oratorium herausgebracht – und ist damit auf unbekanntes Terrain vorgestoßen. Wer wüsste schließlich, dass der Liedkomponist fast viereinhalb Jahrzehnte Kantor und Kirchenmusiker in Stettin gewesen ist und dort nicht weniger als 18 Oratorien geschrieben hat? Diese Zahl nennt zumindest die Carl-Loewe-Gesellschaft, die in Loewes Geburtsort, dem heute sachsen-anhaltischen Löbejün, ansässig ist und sich nach Kräften, aber mit finanziell eher beschränkten Mitteln auch um die vergessenen Bereiche im Werk des Komponisten bemüht. Mit dem Passionsoratorium „Das Sühnopfer des Neuen Bundes“ ist 2018 das erste Stück der CD-Reihe herausgekommen, das in Zusammenarbeit von Oehms Classics und dem Bayerischen Rundfunk entstand. Groppers zweites Loewe-Oratorium war „Jan Hus“. Immer mit dabei: die Arcis-Vocalisten, die Thomas Gropper 2005 in München gegründet hat, und das viel gefragte Barockorchester L’Arpa Festante.

Die Arcis-Vocalisten singen in flexiblen Besetzungen von dreißig bis hundert Stimmen. Foto: Daniel Delang

„Wir wollten etwas aufnehmen, das nicht schon von Gardiner oder Herreweghe eingespielt wurde“, sagt Gropper, „also etwas, das ein bisschen neben dem Mainstream liegt.“ So landete man zuerst bei Carl Heinrich Grauns „Der Tod Jesu“. Zum zweiten Carl gelangte der Sänger und Chorleiter, nachdem er in Aschaffenburg bei einer Aufführung des „Sühnopfers“ als Solist mitgesungen hatte. Groppers Interesse für Loewes unbekannte Seite war geweckt, und so reiste er zu Aufführungen von „Jan Hus“ in Konstanz und Regensburg und besuchte in Hanau einen Kirchenmusiker, der über ediertes Material von diesem Werk verfügte. In Bad Dürkheim gab’s Aufführungsnoten von „Hiob“, „und vielleicht“, sagt Gropper, „geht die Reise ja noch weiter“. Zum Beispiel zu Loewes „Lazarus“, „Gutenberg“ oder „Palestrina“.

Und wie klingt der Oratorien-Loewe, wie vor allem der „Hiob“? Den Grundton liefern die biedermeierlichen Aspekte der Entstehungszeit: die Rückbesinnung auf die Vergangenheit, die Betonung von Einfachheit, Klarheit und Volkstümlichkeit. Diesen Aspekten arbeitet auch Wilhelm Telschows dramaturgisch klug konzipiertes Libretto zu.

In „Hiob“ hört man viel Mendelssohn – im Orchester, in den A-cappella-­Quartetten wie in den Rezitativen und Ariosi des Titelhelden, die viel vom „Elias“ haben und mal dem Solo­bariton, mal dem Solotenor anvertraut sind. Es gibt Genreszenen, die an die Spieloper etwa von Albert Lortzing erinnern. Und deutlich wird Loewes ausgeprägte Repertoirekenntnis: Bachs Turbae haben Spuren hinterlassen, in den Chören wie auch (naheliegend!) in Hiobs Arie „Ich weiß, dass mein Erlöser lebet“ gibt es zahlreiche Händel-Momente, das „Was betrübst du dich, meine Seele“ und das „Nackt bin ich aus der Mutter Leib gekommen“ erinnern nicht nur wegen ihrer Titel an Schein und Schütz. Und Loewes Lied-Maxime „Die Musik folgt dem Wort“ gilt auch für das Oratorium. Der Text wird oft Silbe für Silbe vertont, er soll unbedingt deutlich und verständlich sein.

Trotz einiger dramatischer Momente wird das Drama nie zum Theater – selbst dort nicht, wo ein Gewitter das große Finale ankündigt. „Das Stück“, so Thomas Gropper, „sollte eine Art geistliche Oper sein, die sowohl sinnlich ist als auch belehrend.“ Komponiert hat Carl Loewe damals für seine eigene Kantorei und für den pommerschen Chorverband. Also für geschulte Laien. Und genau solche bilden nun die Arcis-­Vocalisten. Sie bestehen aus einem Stamm von gut hundert Sängerinnen und Sängern, die regelmäßig proben, aber auch für einzelne Projekte zusammenkommen. Jährlich vier Münchner Konzerte plus etliche Gastkonzerte machen es möglich, „auch mal 20.000 bis 25.000 Euro für eine CD auszugeben, weil sich die ja allein nie trägt“, sagt Thomas Gropper.

Das muss man als Chor wollen. Ganz besonders bei Carl Loewe. In Gerhard Dallmanns Biografie von 1996 heißt es: „Bis heute schwankt sein Bild zwischen Gunst und Ablehnung, Anerkennen und Belächeln. Die einen überschätzen ihn, die anderen unterschätzen ihn. Wer ihn kennt, versteht ihn zu lieben. Wer ihn nicht kennt, teilt das Urteil der Massen.“