Popsongs, Lohengrin und der Holocaust
Das Jewish Chamber Orchestra Munich will mit Musik Geschichten rund um die jüdische Kultur erzählen. 2025 feiert es seinen zwanzigsten Geburtstag

Ist Wagner koscher? Ein Musiker aus einem osteuropäischen Schtetl begegnet dem „Lohengrin“ – und will fortan nur noch diese Klänge hören und spielen. Den Konflikt, der daraus entsteht, hat Evgeni Orkin zu einem „Klezmer-Singspiel“ gemacht, und „Mendele Lohengrin“ gehört zu den größten Erfolgsprojekten eines weltweit einzigartigen Ensembles. Jewish Chamber Orchestra Munich nennt sich eine Gruppe von Musikern, die seit 2005 – erst unter dem Namen Orchester Jakobsplatz München, der an den Standort der dortigen Synagoge erinnerte – mit Musik die jüdische Kultur bekannter machen will. „Wir wollen“, sagt der Gründer und Leiter der interkulturell und interreligiös besetzten Freelancer-Truppe, Daniel Grossmann, „die jüdische Kultur in ihren unterschiedlichen Facetten in den öffentlichen Raum bringen. Wir benutzen die Musik, um jüdische Themen zu beleuchten.“
Jüdische Themen kommen vor allem in den Werken jüdischer Komponierender vor. Aber nicht ausschließlich. „Für mich“, sagt Daniel Grossmann, „ist nicht die Frage, ob Komponisten jüdisch sind. Manchmal sind sie es nicht, haben sich aber mit einem jüdischen Thema beschäftigt oder mit einem roten Faden, der uns gerade in einem bestimmten Programm umtreibt.“ Das Jewish Chamber Orchestra Munich will informieren, aufklären, berühren, Unbekanntes und Vergessenes präsentieren, oft auch von Komponisten, die, wie es Grossmann formuliert, „wegen ihres Glaubens eine schlechtere Rezeptionsgeschichte hatten und haben“ – Mieczysław Weinberg zum Beispiel, Erich Wolfgang Korngold oder Erwin Schulhoff. Aber der Blick ist weiter. Es geht um Kontexte. Das Ensemble sperrt sich nicht selbst ins Ghetto.
Das gilt auch für Genres oder für den Schlagbaum zwischen der sogenannten U- und der E-Musik. „Jewish Pop“ ist ein aktuelles Programm, mit dem das Orchester in diesem Jahr auf Tour war, es enthält Titel von den
Beasty Boys, The Clash oder Amy
Winehouse, die der Arrangeur Matthias Schaff bewusst klassisch gehalten hat. Beim Vorläuferprojekt „Jewish Jazz“ haben die Musikerinnen und Musiker unter anderem Werke von George Gershwin und Darius Milhaud aus der frühen Phase des Jazz zusammengebracht. Auch die aktuelle CD „Jewish Vienna“ ist ein bunter Blumenstrauß. Da stehen Lieder von Alexander Zemlinsky und Erich Wolfgang Korngold neben einem Arrangement des Adagios aus Gustav Mahlers zehnter Sinfonie und einem Salonmusik-Stückchen, der kleinen Serenade des Mahler-Freundes Alfred Grünfeld. Dass alle Komponierenden einen jüdischen Hintergrund haben, hört man den Werken nicht an. Aber dieser Hintergrund ermöglicht einen faszinierenden Ausflug in das auf persönlicher wie auf künstlerischer Ebene vielfältig verflochtene Wiener Musikleben um 1900. Das ist die Geschichte, die uns diese CD vor allem erzählen will.
Für Fanny Hensel, die hochbegabte Schwester Felix Mendelssohns, hat sich das Jewish Chamber Orchestra Munich starkgemacht. Es hat die Geschichte des polnischen Komponisten Józef Koffler erzählt, der von den Nationalsozialisten ermordet wurde. Aus Philip Glass’ Kammeroper „In the Penal Colony“ (nach Kafkas „Strafkolonie“-Erzählung) hat es einen spannenden Musiktheater-Abend gemacht. Zu Ewald André Duponts Stummfilmklassiker „Das Alte Gesetz“ von 1923 hat das Orchester bei Philippe Schoeller eine neue Filmmusik in Auftrag gegeben. „Die Butterbrotbesseresser“ ist eine Kinderoper über Streit, Krieg und die Kunst des Dialogs und der Versöhnung. „Wir machen“, sagt Grossmann, „keine Konzerte aus vier Stücken, die schön sind und irgendwie in der Länge passen, sondern wollen mit jedem unserer Konzerte die Frage beantworten, welche Relevanz die Musik für unsere Zeit hat.“
Seit Kurzem ist das Jewish Chamber Orchestra Residenzorchester der Münchner Kammerspiele
Weil die Art und Weise, wie die Konzerte beim Jewish Chamber Orchestra Munich ablaufen, „schon sehr speziell“ sei, gebe es hier keine Gastdirigenten. Grossmann dirigiert, moderiert, erklärt und stellt auch die Programme zusammen. Von den Zielen des Orchesters künden schon die standardisierten Schlagworte bei den Erläuterungen zu den einzelnen Konzerten auf der Homepage: „Jüdisch“, „Heute“ und „Für alle“. Klarer geht’s nicht. Und wer will, kann im Blog des Orchesters einiges lernen: zum Beispiel über sephardische Juden und ihre Sprache Ladino, über die Bräuche des Purim- und des Pessach-Festes, die Komponistin Josefine Winter, das jüdische Haarschneide-Ritual Upsherin, den Begriff koscher und über die Frage, was man eigentlich am Schabbat tun darf.
Aber warum ausgerechnet Deutschland? Pragmatisches Kriterium: Die deutsche Politik fördert das Orchester – zwar nicht so wie große Klangkörper, aber doch deutlich stärker als Ensembles von vergleichbarer Größe. Und: „Ich bin in Deutschland geboren“, sagt Daniel Grossmann, „ich fühle mich der deutschen Kultur stark verbunden und merke, dass es in Deutschland eine große Diskrepanz gibt zwischen Menschen, die sich stark für die jüdische Kultur einsetzen, und anderen, die ein Problem damit haben.“ Gerade der zweiten Gruppe müsse man Angebote machen. Wissen vermitteln.
Und so viele Geschichten gebe es doch zu erzählen aus dieser an Geschichten, Klängen und Ritualen so reichen Kultur. Zum Beispiel über das sehr spezielle jüdische Trauerritual, das sich über ein ganzes Jahr hinzieht und „etwas sehr Modernes, fast schon Psychoanalytisches“ habe. Über die Musik in der Synagoge, „die geht so sehr ans Herz“. Und, natürlich, über die osteuropäische jüdische Volksmusik, die man unter dem Begriff Klezmer kennt – „da denken alle sofort an Giora Feidman, aber was er macht, hat mehr mit ihm zu tun als mit der ursprünglichen Musik“. Daniel Grossmann möchte näher an die ursprüngliche Musik heran, an die Art, wie sie im Schtetl geklungen hat. Man kommt an kein Ende, auch jenseits der Themen, die mit der Verfolgung der Juden und mit dem Holocaust zu tun haben – und die, natürlich, „etwas mit einem machen, wenn man aus einer jüdischen Familie stammt“.
Das Jewish Chamber Orchestra Munich hat etwa 25 bis 30 Auftritte pro Jahr. Seine CDs beschäftigen sich mit Werken von Weinberg, den Geschwistern Mendelssohn, Zemlinsky, Cage und Paul Ben-Haim. Außerdem bietet das Ensemble auf einer ambitionierten interaktiven E-Learning-Plattform Informationen zum Musikleben im Konzentrationslager Theresienstadt – ein Angebot, das allerdings (wohl auch wegen fehlender technischer Voraussetzungen in den Schulen) nicht so stark nachgefragt wird, wie es sich Daniel Grossmann erträumte. Immerhin darf sich das Ensemble seit Kurzem als Residenzorchester der Münchner Kammerspiele bezeichnen. Viele gemeinsame Projekte mit Ensemblemitgliedern haben dafür den Grundstein gelegt. Und die Tatsache, dass die Kammerspiele vor einem Jahrhundert von reichen jüdischen Mäzenen gegründet und unterstützt wurden und außerdem mitten in der Aufarbeitung ihrer eigenen Geschichte mitsamt der Verfolgung von Schauspielerinnen und Schauspielern im Nationalsozialismus stecken, schafft eine weitere Brücke. Zukünftig soll das Orchester auch in den Repertoirebetrieb des Theaters stärker eingebunden werden.
Aber zurück zum Anfang, denn eine Frage ist noch offen: „Ist Wagner koscher?“ Das, sagt Daniel Grossmann, sei die falsche Frage; präziser müsse sie lauten, in welcher Form man Wagner spielen solle. „Bei Kanye West“, so der Dirigent, „weiß ich nicht, warum man seine Musik noch aufführen sollte. Aber Wagner hat Niveau. Andererseits hat Wagner nicht einfach nur gesagt, ich mag die Juden nicht, sondern er hatte ein komplett antisemitisches Weltbild. Darüber wollen wir aufklären, bevor wir Musik von ihm spielen – und dem Publikum so ermöglichen, sich seine eigene Meinung zu bilden.“


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