Von Aliotti bis Zipoli
Der argentinische Musikwissenschaftler und Dirigent Gabriel Garrido ist ein wahrer Musik-Archäologe

Er gehörte zu den Ersten, die die lange vergessene Barockmusik Lateinamerikas wieder ans Licht holten und zum Klingen brachten. Gleichzeitig gilt Gabriel Garrido als einer der besten Kenner der italienischen Musik des 17. Jahrhunderts. Jetzt feiert er seinen 75. Geburtstag mit einer neuen CD und einer Edition seiner Aufnahmen lateinamerikanischer Musik aus den Neunzigerjahren.
In einer von seinen Eltern geleiteten Bibliothek habe er nicht nur seine Kindheit verbracht, sondern auch seine Liebe zur Archäologie und zur Musik entdeckt. So erklärt Gabriel Garrido selbst seinen Lebenslauf. Geboren in Buenos Aires, begann seine musikalische Ausbildung mit sieben Jahren auf der Blockflöte. Er studierte Musik am Collegium Musicum in Buenos Aires, lernte Gitarre und studierte ein Jahr lang Orchesterleitung an der Universität von La Plata, ehe sich mit zwanzig die Gelegenheit ergab, auf eine Europatournee zu gehen – mit der „Missa criolla“, der 1963/64 entstandenen Komposition seines Landsmannes Ariel Ramírez, die seinerzeit populär wurde. Es folgte ein Studium an der Schola Cantorum in Basel, wo er ein Diplom für Blockflöte erwarb und seine Liebe zur historischen Aufführungspraxis und zum Studium theoretischer Abhandlungen weiterentwickeln konnte. Von 1977 bis zu seiner Pensionierung unterrichtete Garrido Blockflöte am Zentrum für Alte Musik in Genf.
Als Praktiker schloss er sich zunächst unter anderem Jordi Savalls Hespèrion XX an, wo er Percussion, Blockflöte und Renaissancegitarre spielte, sowie dem Ensemble Ricercare, bei dem er historische Rohrblattinstrumente spielte. 1981 gründete er sein eigenes Ensemble, Elyma, dessen Name Garridos Begeisterung für historische Schriften spiegelt: Als „Elyma“ bezeichnete der Renaissancegelehrte Girolamo Cardano (1501-76) die Flöte, die er 1546 in einem Traktat beschrieb. Ein Wort, das man sonst nur noch bei Sophokles und in antiken römischen Quellen findet. Nach dem Start als Ensemble zur Erforschung und Pflege des Blockflötenrepertoires entwickelte sich die Formation rasch zu einem wichtigen Ensemble der historischen Aufführungspraxis, das insbesondere bei der Erforschung lateinamerikanischer Barockmusik stilbildend wirkte.
Die Tradition der lateinamerikanischen Barockmusik ist bis heute an vielen Orten lebendig
Denn Garrido, der lange nach der Gelegenheit gesucht hatte, sich ausführlich mit der Barockmusik seiner lateinamerikanischen Heimat zu beschäftigen, ergriff 1992 im Rahmen der zahlreichen Aktivitäten zum fünfhundertsten Jahrestag der Ankunft Kolumbus’ in Amerika die Chance, während eines Sabbaticals zahlreiche Reisen zu den Quellen zu unternehmen, insbesondere in die ehemalige Jesuitenmission von Concepción de Chiquitos sowie die Kathedrale von Chuquisaca im heutigen Sucre, Bolivien. In den Jahren danach entstanden zahlreiche Aufnahmen, die jetzt in einer Box zusammengefasst wurden. In ihr finden sich so bemerkenswerte Aufnahmen wie die (Re-)Konstruktion einer Fiesta Criolla, über die Matthias Hengelbrock in seiner Rezension im FONO FORUM seinerzeit schrieb: „Gabriel Garrido tritt hier einmal mehr als kompetenter Sachwalter auf, der das Spezifische der Musik sowohl durchdacht als auch mit einer angenehmen Emotionalität zum Klingen bringt.“ Auch die erste in Amerika entstandene Oper „La púrpura de la rosa“ aus dem Jahre 1701, die Garrido 1999 in Genf dirigierte und die im Jahr darauf auch auf CD erschien, wurde in der Box berücksichtigt.
Einer der interessantesten Funde ist aber eine Oper über Ignatius von Loyola, an der Domenico Zipoli mitarbeitete, ein Komponist, der mehr Interesse verdient hätte. Man höre nur die ebenfalls in der Box enthaltenen hervorragenden Vespern. Der 1688 im italienischen Prato geborene Komponist hatte sich wie kaum ein anderer ganz intensiv auf die Gegebenheiten der Neuen Welt eingestellt, wie Garrido erklärt: Er schrieb keine vokalen Bassstimmen mehr, denn unter den Indigenen sei diese Stimmlage nicht vorhanden gewesen: „Die Stimmbänder der Männer sind dort kürzer als die ihrer europäischen Kollegen; da gibt es ja auch innerhalb Europas je nach Region erhebliche Unterschiede – denken Sie etwa an die russischen Bässe, die in der Romantik weltweit berühmt waren, oder die sizilianischen Tenorini (hohe Tenöre).“
Die Tradition dieser Musik ist bis heute an vielen Orten lebendig, wie Garrido berichtet: „Ich kann Ihnen eine Anekdote erzählen, die die Traditionen und Quellen gut veranschaulicht. In der Kirche San Ignacio de Moxos spielt die Musikkapelle, der Cabildo Indigenal, auswendig ein Werk aus der Zeit der Jesuiten. Die instrumentale Einleitung entspricht jedoch dem Psalm ,Beatus vir‘, der im Archiv von Chiquitos aufbewahrt wird.“
Mit der Vergeblichkeit alles menschlichen Tuns beschäftigt sich die neueste Aufnahme
Dass diese Musik in Europa so lange vernachlässigt wurde, stehe dabei nicht nur im Zusammenhang mit der europäischen Tendenz, die Kultur der kolonialisierten Länder zu unterschätzen. Auch die spanische Musik des 17. Jahrhunderts, so Garrido, „galt lange Zeit als den anderen europäischen Nationen unterlegen.“ Eine ungerechte Einschätzung, denn „gestärkt durch die Polyphonie des Goldenen Zeitalters“, habe sich Spanien eben nicht „der Monteverdi-Revolution und der Entstehung der Oper“ angeschlossen, sondern habe „seinen eigenen Stil entwickelt, der sich Amerika zuwandte“.
Natürlich haben sich Garrido und sein Ensemble aber auch mit der italienischen Tradition auseinandergesetzt, ob mit Barbara Strozzi oder Francesco Cavalli, Marco Gaglianos „Dafne“ von 1608 oder Aliottis Oratorium „Il Sansone“ von 1686. Besonderes Interesse erregte Ende der Neunzigerjahre ihre Einspielung der Monteverdi-Opern – „die musikalische Energie und das Einfühlungsvermögen aller Beteiligten nötigen allergrößten Respekt ab“, kommentierte Reinmar Emans im FONO FORUM seinerzeit.
Seit 2008 veranstaltet Garrido regelmäßig Kurse zur Interpretation barocker Musik im Dorf Montfrin zwischen Avignon und Nîmes, die „Rencontres baroques de Montfrin“. Zu seinem 75. Geburtstag erscheint nun erstmals eine CD mit Kursteilnehmern, die sich einem populären Thema des 17. Jahrhunderts widmet: der Vergeblichkeit alles menschlichen Tuns. „Vanitas vanitatum“ ist daher der dem Alten Testament entlehnte Titel, unter dem Garrido in Rom wirkende Komponisten versammelt hat, denn „Rom passt einfach perfekt zum Thema Vanitas!“. So kann man hier die Musik der Brüder Domenico und Virgilio Mazzocchi ebenso kennenlernen wie die Giacomo Carissimis, Marco Marazzolis und Kaspar Försters. Insbesondere Virgilio Mazzocchis „Fumo è la nostra vita” (Unser Leben ist nur Rauch) habe ihn zu diesem Thema inspiriert: „Es ist ein ganz außergewöhnliches Werk. Außerdem hat mich dieses Thema sehr zum Nachdenken angeregt, wie hoffentlich jeden von uns.“
Von Ruhestand kann bei Gabriel Garrido also keine Rede sein – hoffentlich kann er uns noch viele interessante und bewegende Entdeckungen schenken!


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