Interview & Porträt

„Hört einander zu! Und seid nicht zu ernst!“

Von
Arnt Cobbers
Foto: Zuzanna Specjal
Foto: Zuzanna Specjal

Seinen Namen hatte zumindest im Publikum kaum jemand auf dem Schirm, als es um den Chefposten des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin ging. Doch die Orchestermusiker beeindruckte Kazuki Yamada in seinen ersten beiden Konzerten, seinem geplanten Debüt im April 2024 und einem Einspringen wenig später, so sehr, dass sie sich für den 46-jährigen Japaner als Nachfolger von Robin Ticciati aussprachen. In Fachkreisen wird Yamada seit einiger Zeit hoch gehandelt, wofür schon seine vor Kurzem erfolgten Debüts bei den Berliner und den New Yorker Philharmonikern sprechen. Er hat bereits zahlreiche CDs eingespielt, vor allem mit dem Orchester von Monte-Carlo und dem Orchestre de la Suisse Romande, viel französisches Repertoire, aber auch Mahler in Tokio und die Brahms-Klavierkonzerte mit Adam Laloum mit dem Berliner Rundfunk-Sinfonieorchester.

Bereits als Student in Tokio gründete er die Yokohama Sinfonietta, die er bis heute leitet, und er ist seit Langem Musikdirektor des Philharmonischen Chores Tokio. Seit 2016 ist er Chefdirigent und künstlerischer Leiter des Orchestre Philharmonique de Monte-Carlo (OPMC), seit 2023 auch des City of Birmingham Symphony Orchestra. So war ich also vor allem neugierig zu erfahren, warum Yamada Chefposten sammelt. Seine japanischen Ämter seien nicht mit Dirigierpflichten verbunden, antwortete er, in manchen Spielzeiten dirigiere er kein einziges Konzert, er trage nur die Verantwortung für das Ganze. Auf meine Fragen, warum er nun noch ein drittes großes Orchester in Europa übernehme, antwortete er merkwürdig ungreifbar, und eigentlich seien schon zwei Orchester „sehr viel“.

Als ich die Presseverantwortliche hinterher darauf ansprach, fragte sie ganz erstaunt, ob ich denn nicht wisse, dass Yamada in Monte-Carlo aufhört, bevor er zum DSO geht. Leider war ich nicht eingeweiht, öffentlich machte er es erst am Abend, beim Sekt nach der Saisoneröffnung mit dem OPMC. Und als ich ihm daraufhin sagte, hätte ich das gewusst, hätte ich andere Fragen gestellt, antwortete er lachend, er hätte auch nicht anders geantwortet. Trotzdem erscheint hier nun eine gekürzte Fassung des Gesprächs.

Nicht nur im Interview wirkt Kazuki Yamada unkompliziert. Auch beim anschließenden Mittagessen mit Journalisten und beim Empfang abends mit der High Society von Monaco, allen voran der Schirmherrin des Orchesters, Prinzessin Caroline, ist er umgänglich und verbreitet gute Laune, die nicht aufgesetzt wirkt. Dass er Orchestermusiker für sich einnehmen kann, glaubt man sofort. Seit 2010 wohnt er mit seiner Familie in Berlin, wo seine Frau arbeitet, allerdings spricht er kein Deutsch.

Herr Yamada, war ist so reizvoll da­ran, Chefdirigent zu sein?

Natürlich kann auch ein Gastdirigent großartige Musik machen. Aber Chefdirigent zu sein, bedeutet, eine langfristige Beziehung zu einem Orchester oder einem Chor aufzubauen. Dadurch kann man Dinge erreichen, die man als Gastdirigent nicht erreichen kann.

Kann man mit verschiedenen Orchestern unterschiedliche Dinge machen?

Ja, das ist sehr spannend. Selbst bei derselben Musik gibt es unterschiedliche Herangehensweisen und Gefühle. Meine Probenarbeit ist im Grunde dieselbe, aber das Ergebnis ist unterschiedlich.

Warum ist das so?

Man kann es vielleicht Kultur nennen – kulturelle Unterschiede. Auch die Motivation und die Art zu arbeiten sind verschieden. Frankreich ist ein lateinisches Land, das Vereinigte Königreich angelsächsisch. Als Japaner spüre ich diese unterschiedlichen Mentalitäten deutlich. Die lateinischen Menschen haben ein Talent dafür, das Leben zu genießen, sie finden Freude im Alltag. In Großbritannien dagegen sind die Menschen sehr pünktlich und sehr ernst bei der Arbeit. Sie können auch die Arbeit genießen, aber die Balance ist etwas anders. Deshalb ist auch das Ergebnis anders.

Was kann man als Chefdirigent verändern oder beeinflussen – und was möchten Sie verändern?

Das ist schwierig. Natürlich sehe ich Punkte, die ich verändern möchte, aber die Frage ist: wie? Ich bin jetzt im zehnten Jahr hier in Monaco, und ich habe viel gelernt. Wenn ein Dirigent etwas verändern will, kann das mal funktionieren, mal aber auch nicht, weil Orchester ihre Geschichte haben und weil es gewachsene Arbeitsweisen gibt. Veränderungen brauchen Zeit, Erklärungen, Geduld. Wenn die Musiker und die Mitarbeiter verstehen, warum etwas geändert werden soll, ist es viel einfacher. Was möchte ich ändern? Manchmal den Klang, ja. Aber für mich ist der wichtigste Punkt, wie man besser zusammen musiziert – wie man ein besseres Ensemble wird. Das ist ein langer Weg, das geht nicht von heute auf morgen. In meinen Proben sage ich immer dasselbe: Hört einander zu. Hört zu, hört zu, hört zu. Das ist meine Arbeit – immer wieder daran zu erinnern. Außerdem versuche ich, den Musikern ein Lächeln zu entlocken. Selbst großartige Orchester sind oft sehr ernst. Ernsthaft zu arbeiten, ist gut, aber vielleicht möchte das Publikum auch ein Lächeln sehen. Manche Orchester sind nach dem Konzert sehr offen, andere bleiben auch nach dem letzten Ton sehr ernst. Warum? Ich versuche, sie Schritt für Schritt einzuladen, mehr zu lächeln. Wenn das Publikum merkt, dass die Musiker Freude haben, kann es das Konzert vielleicht mehr genießen – nicht nur die Musik. Natürlich ist die Musik das Wichtigste. Aber wir müssen auch über unsere Zukunft in der Musikwelt nachdenken. Die Umstände werden immer schwieriger. Wie bewahren wir unseren Platz in der Gesellschaft? Die Musik selbst ist großartig, aber die kann man auch auf CD, auf Youtube oder Spotify hören. Welchen zusätzlichen Wert können wir bieten, warum sollen Menschen in ein Live-Konzert kommen? Darüber müssen wir nachdenken.

„Warum sollen Menschen in ein Live-Konzert kommen? Darüber müssen wir nachdenken.“

Arbeiten Sie mit verschiedenen Orchestern unterschiedlich?

Ja, jedes Orchester reagiert anders. Ich höre den Klang, analysiere ihn und überlege, wie er besser werden kann. Manchmal verändert der Klang meine Vorstellung. Dann probiere ich etwas Neues aus. Wenn es nicht funktioniert, ändere ich es wieder. Das ist ein ständiger Prozess. Der Beginn einer Probe ist oft ähnlich, aber die Ergebnisse sind verschieden – und dann passe ich mich an.

Ist es etwas Besonderes, wenn Sie zum ersten Mal vor einem Orchester stehen?

Ja, da bin ich immer nervös. Man steht vor hundert Menschen, die man nicht kennt. In den ersten zehn oder 15 Minuten spüre ich die Atmosphäre des Orchesters: den Klang, das Pianissimo, den Umgang mit den Harmonien. Jedes Orchester ist anders. Manchmal stimmt die Chemie, manchmal nicht. Das ist menschlich. Mit dem DSO in Berlin war es vom ersten Moment an großartig. Auch in Monaco und Birmingham. Mein Maßstab ist einfach: Kann ich es genießen oder nicht? Ich möchte die Kommunikation genießen, die Atmosphäre, dieses Zusammenspiel zwischen Dirigent und Orchester. Es ist ein harter Job. Früher war es für mich schwieriger, auch wegen der Sprache. Vor 15 Jahren konnte ich kaum Englisch. Ich musste alles zeigen, konnte nichts erklären. Manche Orchester haben das angenommen, andere nicht. Mit der Zeit habe ich gelernt zu kommunizieren. Heute ist es nicht leichter, aber ich habe mehr Erfahrung.

Ein Musiker des DSO sagte, er sei beeindruckt gewesen, dass Sie alles wissen, aber den Musikern vertrauen und sie nicht unter Druck setzen. Was bedeutet dieses Vertrauen?

Vertrauen kann man nicht sehen, aber man kann es spüren. Bei meinem London-Debüt mit Rachmaninows zweiter Symphonie gab es einen Moment, da lief es so gut, dass ich aufgehört habe zu dirigieren – fast eine Minute lang. Nach dem Konzert sagten viele: Das war Vertrauen. Vertrauen bedeutet, gemeinsam Risiken einzugehen. Ohne Vertrauen geht das nicht.

Genießen Sie das Dirigieren?

Ja. Früher dachte ich: Probe ist Arbeit, Konzert ist Freude. Aber Covid hat mich verändert. Nach dieser Zeit wollte ich die Musik einfach fließen lassen und mehr genießen – auch in den Proben. Heute sind Proben für mich ebenfalls Freude, eine Form der Kommunikation. Ein Konzert bedeutet nicht nur Druck, sondern Genuss. Manchmal bin ich nervös, manchmal nicht – das weiß man nie vorher. Aber eine gewisse Spannung ist gut.

Ist Monaco eine Kulturstadt?

Es ist ein sehr besonderes, kleines Land mit einem großen Orchester. Das Orchester wurde 1856 gegründet und hat eine bedeutende Geschichte. Das Orchester sollte ein kultureller Botschafter sein, und das ist es bis heute. In Monaco spielt Kultur eine große Rolle, und die Nähe zur Fürstenfamilie ist etwas ganz Besonderes. Monaco ist einzigartig, aber zugleich Teil der großen französischen Kultur.

Der französischen Musik fühlen Sie sich besonders verbunden, oder?

Ja, sehr. Ich liebe sie. Die Farben, der Geruch, die Temperatur – all das kann ich mir bei französischer Musik leicht vorstellen.

Warum leben Sie dann in Berlin?

Ich habe auch Wohnungen hier und in Birmingham. Aber hauptsächlich lebe ich in Berlin – wegen meiner Familie. Meine Frau arbeitete bereits dort, als wir geheiratet haben.