„Man muss überzeugt sein von dem, was man tut“
Der Pianist Hayato Sumino hat Millionen Follower im Internet. Nun füllt der Sony-Exklusivkünstler auch live die großen Hallen

Hayato Sumino ist derzeit einer der heißesten Namen der Klassikszene. Der dreißigjährige Japaner, der viel jünger aussieht, ist ein hochvirtuoser Pianist, 2021 schaffte er es ins Halbfinale des Chopin-Wettbewerbs, und inzwischen hat er einige hochkarätige Debüts hinter sich. Aber er spielt auch seine eigene Musik, komponiert und improvisiert und erreicht über seinen Youtube-Kanal als „Cateen“ fast anderthalb Millionen Abonnenten in aller Welt. Er ist nicht nur „Steinway Artist“, sondern auch „offizieller Botschafter für elektronische Instrumente von Casio“ und hat parallel zur Musik in Tokio Informationswissenschaften studiert. Bei der letzten Opus-Verleihung im Oktober räumte der Sony-Exklusivkünstler, als Erster überhaupt, drei Preise ab: als „Nachwuchskünstler des Jahres“, für die „Beste Live-Darbietung (Solist)“ und den „Publikumspreis für den besten Nachwuchskünstler des Jahres“. Nun erscheint sein zweites Sony-Album, „Chopin Orbit“, mit Werken nicht nur von Chopin, sondern auch von Janáček, Godowsky, Thomas Adès und ihm selbst. Am Nachmittag vor der Opus-Verleihung blieben nur zwanzig Minuten für ein Interview in der Künstlergarderobe des Konzerthauses Berlin, wenig Zeit, denn Sumino, der freundlich und ganz unstarmäßig wirkt, überlegte oft lange vor seinen Antworten.
Hayato, die Klassikszene treibt die Frage um, wie man junge Menschen für die Klassik gewinnen kann. Sie scheinen einen Weg gefunden zu haben. Wie funktioniert es?
Das fragt mich jeder … Aber ich habe auch kein Rezept. Seit der Mittelschule lade ich im Internet hoch, was mich interessiert. Rein aus Spaß. Dann habe ich 2018 einen der wichtigsten Wettbewerbe für klassische Musik in Japan gewonnen, PTNA, und angefangen, darüber nachzudenken, wie ich meine Karriere entwickeln kann. Mir wurde bewusst, dass es nicht viele Menschen gibt, die gleichzeitig klassische Musik spielen und improvisieren, arrangieren und komponieren. Ich wollte immer schon kreativ sein und etwas Besonderes schaffen, und ich dachte mir: Dass ich mich in so vielen Bereichen bewege, ist wirklich etwas Besonderes. So habe ich angefangen, Musikvideos auf Youtube zu veröffentlichen. Dann kam Corona, alle Konzerte wurden abgesagt, ich habe viel Zeit zu Hause an meinem Klavier verbracht. Und da habe ich begonnen, Live-Streams von mir selbst am Klavier zu machen. Und das wurde größer und größer. Das hat sich einfach so entwickelt. Allerdings war mir immer wichtig, dass ich etwas mache, was nur ich machen kann. Und das ist gar nicht so einfach.
Sehen Sie sich als klassischen Musiker?
Ja! Im 18. und 19. Jahrhundert war es normal, dass Musiker improvisierten und arrangierten. Ich denke, das ist etwas ganz Natürliches.
In Ihren Improvisationen oder Ihrer eigenen Musik hört man den starken Einfluss von Pop und Jazz, das ist keine komplexe „Neue Musik“. Ist es diese Mischung aus Klassik und Ihrer eigenen, leicht zugänglichen Musik, die die vielen Zuschauer anzieht? Oder ist es die Art, wie Sie die Musik präsentieren?
Wenn ich zu Hause Videos für Youtube oder Instagram mache, sind da nur eine Kamera vor meinem Klavier und ich. Ich halte alles sehr schlicht. Aber es gibt etwas, was man, denke ich, nur im Internet machen kann: Ich kann Untertitel auf die Videos setzen und die Zuschauer damit auf Dinge aufmerksam machen. Das Konzept der Variationen über „Happy Birthday“ ist zum Beispiel, dass jede Variation in einer anderen Tonart steht, und jede der zwölf Tonarten korrespondiert mit einem Monat von Januar bis Dezember. Ich glaube, es interessiert die Zuhörer, welche Variation ich gerade spiele. Man erzeugt eine andere Aufmerksamkeit als nur über eine Audioaufnahme oder im Konzert.
Wenn Sie die Videos erstellen, haben Sie nicht diesen Kontakt zum Publikum wie im Konzertsaal.
Ich würde nicht sagen, dass es in den Live-Streams eine größere Distanz gibt – solange ich versuche, dem Publikum nahe zu sein. Natürlich sitzt niemand direkt vor mir, wenn ich zu Hause spiele, aber das ist eine Frage des Mindsets, die Zuschauer sind ja trotzdem live dabei. Etwas anderes ist es, wenn man Videos aufzeichnet und später hochlädt. Aber auch da bekommt man Feedback über die Chats oder die Kommentare. Aber natürlich: Live-Konzerte mag ich am meisten.
Viele Musiker machen Social Media, um das Publikum ins Live-Konzert zu bringen. Ist das inzwischen auch Ihr Hauptziel, oder macht es Ihnen einfach Spaß, diese Streams und Videos zu machen?
Beides hängt miteinander zusammen. Ich bin froh, dass so viele Menschen zu meinen Konzerten kommen, die mich von Youtube oder Instagram her kennen. Social Media hat zwei Seiten. Wenn es dir nur darum geht, Klickzahlen zu erreichen, dann gibt es da einige Tricks, auch wenn es trotzdem schwierig bleibt. Aber mir ging es immer nur darum, etwas musikalisch Interessantes zu tun. Ich glaube, wenn ich selbst wirklich überzeugt davon bin, was ich tue, kann ich auch andere Leute dafür interessieren. Ich möchte sie begeistern für die Musik und dazu bringen, dass sie mehr darüber wissen wollen.
Sie geben immer mehr Konzerte in immer größeren Sälen. Machen Sie weiterhin Videos und Streams?
Das würde ich gern. Aber es bleibt immer weniger Zeit. Ich bin nur noch auf Reisen. Aber ich brauche Zeit, um gute Videos zu machen. Ich brauche eine Idee, ich muss mich vorbereiten. Natürlich kann man mal dreißig Sekunden einfach so aufnehmen, das kann gut werden. Aber wenn ich ein längeres Video mache, dann soll es auch von guter Qualität sein.
Sie können Ihre eigene Musik schreiben und improvisieren. Warum spielen Sie überhaupt die Musik anderer Komponisten?
Es fühlt sich für mich völlig normal an, meine eigene Musik zu machen. Aber es existiert schon so viele gute Musik in dieser Welt, warum soll ich die nicht spielen und genießen? (lacht)
„Ich möchte spielen, was ich will.“
Warum fühlen Sie sich so wohl bei Chopin?
Chopin hat seine Musik am Klavier entwickelt, und das tue ich auch. Seine Kompositionen wirken, als wären sie aus Improvisationen heraus entstanden – selbst wenn die Stücke perfekt geschrieben sind. Bei allem Perfektionismus bleibt immer ein Gefühl des Improvisierten in Chopins Musik. Vielleicht ist es das, warum ich seine Musik so liebe, seit ich klein war. Sein Gefühl für das Schöne, wie er die Harmonien einsetzt, all das resoniert aus irgendeinem Grund in mir.
Warum kombinieren Sie auf Ihrem neuen Album Chopins Werke mit denen anderer Komponisten?
Ich spiele ein Stück von Chopin und dann eine Antwort darauf. Das kann ein Stück von mir sein oder von einem anderen Komponisten. Auf Chopins Mazurka zum Beispiel reagiert Thomas Adès’ Mazurka.
Hätten Sie es in der klassischen Musikwelt einfacher, wenn Sie nur klassische Werke spielen würden und nicht auch Ihre eigene Musik?
Ganz sicher, ich werde immer wieder damit konfrontiert, das sei doch keine klassische Musik. Aber ich denke nicht in Genres. Ich spiele ganz überwiegend in klassischen Konzertsälen, aber ich spiele nicht nur für Klassikliebhaber. Ich möchte spielen, was ich will. Und ich finde, dass auch die Improvisation wieder ein Teil der klassischen Musikkultur sein sollte.
Sie firmieren im Internet unter dem Namen „Cateen“. Werden Sie den weiterführen?
Darüber habe ich früher nie nachgedankt. Ich benutze den Namen Cateen seit der Mittelschule. Damals habe ich noch nicht mein Gesicht im Internet gezeigt. Cateen war jemand anders als ich mit meinem echten Namen.
Aber jetzt weiß jeder, dass Cateen Hayato Sumino ist.
Ja, es wird komplizierter. (lacht) Ich hab noch keinen Plan, wie ich damit umgehe.
Und hat der Name Cateen etwas mit Katzen zu tun?
Ja, ich bin eine Katzenperson. Ich liebe Katzen, in meinem Elternhaus leben zwei Katzen. Da kommt der Name her.


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