Das gibt’s doch nicht!
Mit dem BachWerkVokal entdeckt der Dirigent Gordon Safari den erstaunlichen Barockkomponisten Francesc Valls

An die erste Probe mit Musik von Francesc Valls kann sich Gordon Safari noch bestens erinnern. Gut vier Jahre ist es her, seit er seinem Ensemble BachWerkVokal in Salzburg zwei Stücke des katalanischen Barockkomponisten mitgebracht hat, „O vos omnes“ und „Plorans ploravit“. „Ich habe gesagt, wir singen das mal vom Blatt, ich will euch mal was zeigen“, erzählt der Dirigent beim Zoom-Gespräch. „Und es war fast nicht möglich, die Stücke durchzusingen, weil die Leute zwischendurch immer Kommentare gemacht haben. ‚Das gibt’s doch nicht!‘ Aber keiner wollte aufhören. Weil alle so fasziniert waren, was da los ist. Das war unglaublich.“
Genau diese Mischung aus Faszination und ungläubigem Staunen befällt einen auch beim Hören des Albums mit Werken von Francesc Valls (vermutlich 1671-1747). Spätestens beim dritten Stück, „Domine vim patior“, reibt man sich die Ohren in Anbetracht der harmonischen Rückungen und chromatischen Linien, mit denen Valls den Hilferuf „Herr, ich leide Not, tritt für mich ein!“ vertont. So extrem dürfte kaum ein anderer Komponist seiner Zeit die Ausdruckskraft auf die Spitze getrieben haben.
„Als ich die Noten zum ersten Mal gesehen habe, habe ich gedacht, wer hat denn diese Abschrift verbrochen?“, sagt Safari lachend. „Aber als ich es mir dann am Klavier durchgespielt habe, war mir klar, das ist alles richtig so. Und von dem Moment an war ich infiziert mit der Musik und habe geschaut, was es alles von ihm gibt.“
Der Anstoß zu dieser Entdeckung kam von einem Veranstalter, der sich von Gordon Safari und seinem BachWerkVokal eine Motette aus der Barockzeit mit Text aus den Klageliedern gewünscht hatte. „Ich habe mir auf der Online-Plattform IMSLP einen Überblick verschafft, und da tauchte der Name Francesc Valls auf. Ich habe seine Lebensdaten gesehen und mich gewundert, dass man ihn gar nicht kennt.“
Besonders beeindruckt hatte ihn das Stück „Plorans ploravit“, in dem Valls das Verhältnis von Dissonanzen zu Konsonanzen im Goldenen Schnitt organisiert. Safaris Neugier war geweckt – und so bestellte er das Faksimile des „Mapa armónico práctico“, einer wahrscheinlich zwischen Ende der 1720er und 1735 entstandenen und 1742 ins Reine geschriebenen Sammlung, in der Valls kompositorische Beispiele dafür zusammenträgt, wie bestimmte Affekte vertont werden können. So nennt Valls etwa eins dieser kurzen Stücke im Untertitel „Amargura“, also „Bitterkeit“. „Er bewegt die Stimmen in diesem Fall in langsamem, ruhigem Tempo, rückt einzelne Töne, sodass sich sehr dissonante, spannungsgeladene Klänge bilden“, erklärt Safari. Ganze 49 Sekunden lang ist diese Komposition; viele andere sind kaum länger als ein bis zwei Minuten. Aber die haben es in sich. Das gilt für die Vokalwerke in lateinischer und spanischer Sprache, aber auch für das einzige Instrumentalstück, das Safari eingespielt hat. Es heißt „Composición Enarmónica para Instrumentos de Arco“ – und schreibt tatsächlich Vierteltöne vor. Obwohl es in der Barockzeit entstanden ist, fühlt man sich hier in die Musik des 20. Jahrhunderts versetzt. „Ich musste an den frühen Ligeti denken“, bekennt Gordon Safari.
Aber nein, es ist nicht Ligeti, sondern Valls. Der Komponist schreibe in seiner Sammlung ausdrücklich, „dass er es für Affekte des Schmerzes, des Leidens für angebracht hält, wenn Streichinstrumente bei Chromatik auch die Vierteltöne berühren.“ Das ist das wohl krasseste Beispiel dafür, wie weit Valls im Dienste des Ausdrucks zu gehen bereit war.
Die Effekte auf dem Album sind geschmackvoll und effektsicher dosiert – etwa mit einer Windmaschine
Anfang des 18. Jahrhunderts wurde Valls’ 1702 entstandene „Missa Scala Aretina“ Ausgangspunkt einer heftigen Diskussion, an der sich rund fünfzig Musiker und Theoretiker beteiligten. Sie debattierten über den freien Umgang des Komponisten mit Dissonanzen. Die Kontroverse hatte sicher auch einen machtpolitischen Hintergrund, weil Francesc Valls während der Konflikte um die spanische Erbfolge gute Kontakte zu den Habsburgern pflegte, während seine Gegner es eher mit den Bourbonen hielten.
Francesc Valls dürfte sich jedoch vor allem für die musikalisch-ästhetische Dimension interessiert haben. Gordon Safari deutet Valls’ Arbeit an seinem „Mapa armónico práctico“ jedenfalls auch als Antwort an seine Kritiker und als Träger einer Botschaft. Laut Safari wollte Valls mit der Sammlung demonstrieren, „was möglich ist, auf der Grundlage des katalanisch-spanischen Stils zu komponieren, unter Einbeziehung der Affektenlehre, die in Italien oder in Deutschland schon viel mehr Fuß gefasst hatte“. Mit der Sammlung habe Valls klarstellen wollen, dass er aus der spanisch-katalanischen Tradition kommt und sie liebe – aber dass man diese Tradition nur bewahren könne, wenn man von europäischen Einflüssen lerne.
Affekte möglichst plastisch darzustellen, war das Ziel von Francesc Valls. Das hat er mit seiner Sammlung „Mapa armónico práctico“ exemplarisch durchgespielt. Dieses kraftvolle Plädoyer im 21. Jahrhundert zum Leben zu erwecken, ist eine ebenso spannende wie anspruchsvolle Aufgabe. Anders als bei den Standardwerken des Barockrepertoires gibt es nur wenig aufführungspraktische Vorarbeiten, an denen man sich orientieren kann. Deshalb musste Safari mit seinem Ensemble viele Entscheidungen treffen. Etwa über das passende Stimmungssystem. „Sollen wir diese Musik in einer mitteltönigen Stimmung machen?“, hat sich Safari gefragt. „Aber das hätte bedeutet, dass die Sängerinnen und Sänger die Terzen in bestimmten Zusammenhängen bewusst ‚falsch‘ intonieren müssen, das widerspricht der Intuition total.“ Außerdem legen einige Stücke im „Mapa“, die durch viele Tonarten schreiten, nahe, dass Valls womöglich eine für seine Zeit sehr moderne Vorstellung von einer gleichschwebenden Stimmung gehabt haben könnte.
Ähnlich intensiv hat Gordon Safari über die Besetzung nachgedacht. Welche Orgel passt am besten zur Musik aus der spanischen Tradition? Wählt man eher einen Dulzian oder das Barockfagott? Klar war hingegen, dass die Harfe eine prominente Rolle spielen muss. „Die Harfe war im spanischen Barock das wichtigste Continuo-Instrument“, sagt Safari.
Bei der Vorbereitung auf das Projekt haben Safari und das BachWerkVokal intensiv mit dem Musikwissenschaftler David Mesquita von der Schola Cantorum in Basel zusammengearbeitet. Ihm habe er viel zu verdanken, betont der Dirigent. Auch im Hinblick darauf, welche Farben die Musik verträgt und welche nicht. „David Mesquita hat mich davor gewarnt, eine Platte zu machen, in der ständig diese klischeehafte katalanisch-spanische Perkussion am Werk ist. Er hat gesagt, wir reden hier über Dinge, die im geistlichen Kontext entstanden sind. Dort war diese Perkussion eindeutig untersagt.“
Und gleichzeitig sei es durchaus möglich, dass die geistliche Musik in weltlichen Kontexten aufgeführt wurde, etwa bei Volksfesten. Da war eine Besetzung mit Schlagwerk sehr wohl denkbar. Diese Effekte sind jedenfalls auf dem Album sehr geschmackvoll und effektsicher dosiert. Manchmal bestärkt Safari die Ideen des Komponisten mit eigenen Farbakzenten. Wie im Chor „Salid del averno“, von Valls als ein Beispielstück für den Ausdruck von Zorn, Wut und Verzweiflung angelegt. „Er will eine Höllenfahrt illustrieren und beschreibt das auch als ein Beispiel für theatralen Stil, wie er in der Oper komponiert werden könnte – da hab ich mir gedacht, dann nehmen wir eine Windmaschine dazu. Diese Instrumente gab es damals.“
Mit dem Valls-Album „con afecto“ geht Safari den Weg konsequent weiter, den er mit BachWerkVokal verfolgt, seit er das Ensemble 2015 in Salzburg gegründet hat. Bei der Verwirklichung dieses Wunsches war das dortige Umfeld ein großer Vorteil, bekennt der Dirigent. „Als ich 2015 nach Salzburg gekommen bin, habe ich die Stadt gleichzeitig als sehr kompakt und sehr international erlebt. Man ist dort umgeben von hervorragenden Musikerinnen und Musikern aus aller Welt. Und auch die Mentalität hat mir sehr geholfen. Man kommt einfach schneller ins Gespräch als in Norddeutschland, wo ich studiert habe.“ Und so rannte Safari mit seiner Initiative in Salzburg offene Türen ein. „Als ich die Idee in den Raum gestellt habe, ein Ensemble mit dem Schwerpunkt Barock/Bach zu gründen, wurde die sehr schnell in der Szene weitergetragen, und es hat nicht lange gedauert, bis wir die erste Probe hatten. Danach habe ich sofort gemerkt: Das hat Potenzial!“ Dieses Potenzial reizt er nun seit über zehn Jahren erfolgreich aus. Safaris Arbeit vereint die Erkenntnisse der historischen Aufführungspraxis mit einer großen Neugier auf Entdeckungen – und die hat im Falle von Francesc Valls einen echten Schatz zutage gefördert.


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