Fragmente

Works in Progress?

Von
Karina Zybina und Robert Funk
Das Credo der c-Moll-Messe in Mozarts Handschrift (im Bestand der Staatsbibliothek Berlin)
Das Credo der c-Moll-Messe in Mozarts Handschrift (im Bestand der Staatsbibliothek Berlin)

Was ist ein Fragment?

Es handelt sich dabei um ein „offenes Werk“ oder ein „Work in Progress“. Auf eine etwas poetischere Weise könnte man auch sagen: Es ist eine Art übernatürliches, unsterbliches Wesen, welches auf ewig zur eigenen „Wieder-Schöpfung“, Neuerfindung, Neuentdeckung einlädt. Wolfgang Amadeus Mozarts monumentaler Messetorso in c-Moll KV 427 ist eines der schönsten Beispiele – und eines der größten Rätsel in der Musikgeschichte.

„… die Hälfte einer Messe, welche noch in der besten Hoffnung da liegt …“

Mit diesen Worten beschrieb Mozart seine Komposition am 4. Januar 1783. Mit ähnlichen Worten könnten wir sie auch heute noch beschreiben. Denn von den eigentlich zu erwartenden fünf Teilen der katholischen Mess-Liturgie – Kyrie, Gloria, Credo, Sanctus (mit Benedictus) und Agnus Dei – sind uns lediglich die Sätze Kyrie, Gloria (in Mozarts Handschrift) sowie Sanctus und Benedictus (in zeitgenössischer Kopie) vollständig überliefert. Vom Credo gibt es immerhin zwei skizzenhaft aufgeschriebene Abschnitte – „Credo in unum Deum“ und „Et incarnatus est“; das Agnus Dei fehlt dagegen ganz.

So gut wie nichts wissen wir über die Entstehungsgeschichte des unvollendeten Werkes. Was mag Mozart dazu bewogen haben, sich während seiner frühen Wiener Jahre mit der Erschaffung eines groß angelegten, oratorienhaften Kirchenwerkes für Solisten, Chor und Orchester zu beschäftigen? Etwa seine Ehe mit Constanze Weber, die im August 1782 registriert wurde? Vielleicht auch Constanzes lange und schwere Erkrankung, die dem frischgebackenen Ehemann viele Sorgen bereitete? Oder gar die 1200-Jahrfeier der Gründung des Erzstifts Salzburg, für die der gebürtige Salzburger Mozart einen substanziellen Beitrag leisten wollte?

Ebenso wenig wissen wir, ob die Messe von Mozart tatsächlich nicht vollendet wurde, also Fragment geblieben ist, oder ob die zur Vollständigkeit fehlenden Stücke verloren gegangen sind, die Messe also erst ex post zum Fragment geworden ist. In vereinzelten (zeitgenössischen) Berichten wird auf Mozarts Beschäftigung mit der Messpartitur im Sommer 1783 hingewiesen. Anekdoten bringen sie sogar in Verbindung mit einer (offenbar fertigen) Messevertonung, die am 26. Oktober 1783 in der Salzburger Kirche St. Peter von der dortigen versammelten Hofkapelle zur Aufführung gebracht wurde.

Tatsächlich wissen wir lediglich, dass die besagte c-moll-Messe uns in fragmentarischer Form vorliegt. Gleichwohl weist das Werk seit seiner Entstehung eine lange „Nachlebensgeschichte“ auf, die relativ gut nachvollzogen werden kann. Diese Geschichte soll im Folgenden ansatzweise beleuchtet werden. In der besten Hoffnung darauf, einige weitere beziehungsweise neue Antworten auf die Frage „Was ist ein Fragment?“ geben zu können.

1785

Genau zu Beginn des Jahres erhielt Wolfgang Amadeus Mozart von der Wiener Tonkünstlersozietät, dem ältesten Konzertverein Wiens, den Auftrag, „neue Chöre, und allenfalls vorgehende Arien mit Recitativen“ bis zur Fastenzeit zu verfassen. Zwar willigte Mozart zunächst ein, stellte dann aber schnell fest, dass die gesetzte Deadline für ihn kaum einzuhalten war. Zahlreiche Konzertauftritte und anderweitige Kompositionsaufträge erschwerten ihm zu dieser Zeit eine fristgemäße Fertigstellung des gewünschten neuen Werkes. Deswegen entschied er sich für eine pragmatische „Notlösung“. Er vertonte den ihm von der Sozietät vorgegebenen Text (Auszüge aus Saverio Matteis „Libri poetici della Bibbia“) nicht durchgängig neu, sondern verband ihn vornehmlich mit der Musik aus den ersten beiden Teilen seiner c-Moll-Messe, also Kyrie und Gloria. Dazu komponierte er allerdings zwei Arien und fügte sie zwischen den „Messeabschnitten“ ein.

Als Kantate mit dem Titel „Davide Penitente“ (Der büßende David) erklang diese „Notkonstruktion“ aus alten und neuen „Bausteinen“ erstmals am 13. März 1785 im Nationaltheater in der Wiener Hofburg, unter Mitwirkung von etwa 150 Musikerinnen und Musikern. Und gewann – völlig unerwartet auch für den Komponisten selbst! – in der Folgezeit eine erstaunliche Popularität. Durch ganz Europa verbreiteten sich handschriftliche Kopien der Gesamtpartitur sowie separater Auszüge. Besonderer Beliebtheit erfreute sich das ehemalige Quoniam aus dem Gloria-Teil, welches sich im Terzett „Tutte le mie speranze“ („Alles was ich hoffe“) widerspiegelt. Die äußerst eigentümliche Entstehungsgeschichte des „Davide Penitente“ KV 469 blieb aber lange im Dunkeln. Erst nach Mozarts Tod erteilte dessen Witwe Constanze darüber Auskunft.

Am 15. November 1847

… gab es einer Kritik in der „Wiener allgemeinen Musikzeitung“ zufolge im Rahmen eines festlichen Gottesdiensts im Wiener Stephansdom „eine bisher unbenutzte Messe Mozarts in C-moll“ zu hören. Vorbereitet und geleitet wurde diese bemerkenswerte Aufführung vom damaligen Domkapellmeister Joseph Drechsler. Als Basis für seine Arbeit diente ihm der 1842 beim Verlag André in Offenbach erschienene Erstdruck des Mozart’schen Messefragments. Ausgehend von den bereits im Druck vorhandenen Teilen Kyrie, Gloria, Sanctus, Benedictus sowie Einzelsätzen aus dem Credo komplettierte Drechsler das Werk zu einem liturgisch geeigneten Ganzen, indem er ausgewählte Motive beziehungsweise thematisches Material Mozarts weiterentwickelte und so die bis dahin noch unberücksichtigten Credo-Abschnitte sowie überhaupt das Agnus Dei entstehen ließ.

Zwar attestierten die damaligen Zuhörerinnen und Zuhörer Joseph Drechsler, dass er „Mozarts unvollendetes Werk in Mozarts Geist“ vollendet und es „mit Mozarts eigenen Ideen“ erfolgreich ergänzt habe. Weiter lautete es in der „Wiener allgemeinen Musikzeitung“: „Indem er ein erhabenes, heiliges, in der ursprünglichen Gestalt aber unbenützbares Werk des größten Tonmeisters, allen Freunden edler Tonkunst zugänglich machte“, leistete er „der Kunst einen wichtigen Dienst“. Faktisch folgte der Erstaufführung aber keine Wiederaufnahme. Stattdessen verschwanden sowohl Drechslers Originalpartitur als auch alle Aufführungsmaterialien bald in der Versenkung. Die „Messe Mozarts in C-moll“ sollte bis auf Weiteres wieder „unbenutzt“ bleiben.

Ab 1897

… wurde Ernst Lewicki, seines Zeichens Archivar des Dresdner Mozart-Vereins, von der Idee „der Möglichkeit einer Vervollständigung“ eines gewissen Werkes umgetrieben. Nachdem der Verein im gleichen Jahr die vom deutschen Verlag Breitkopf & Härtel zwischen 1877 und 1883 auf den Markt gebrachte Gesamtausgabe der Werke Mozarts erworben hatte, zog nun insbesondere der Band mit den erhaltenen Teilen der c-moll-Messe die Aufmerksamkeit Lewickis auf sich. Schon der bloße Gedanke einer möglichen Vervollständigung des Fragmentes entzückte ihn derart, dass er sich dazu veranlasst sah, auf jemanden zuzugehen, der zu dieser Arbeit „wie wenige befähigt war“. Lewicki konsultierte den Dresdner Dirigenten Alois Schmitt.

„Ich muss gestehen“, erinnerte sich Schmitt später, „dass ich mich schwer zu der Bearbeitung der Messe entschloss. Zuweilen war es mir, als ob Mozart mit drohend erhobenem Finger hinter mir stände und in die Notenblätter blickte. Aber je mehr ich mich in die Aufgabe vertiefte, desto mehr fesselte sie mich. Der Gedanke, das erhabene Werk zu vollenden, ließ mir keine Ruhe mehr, bis die Partitur fertig vor mir lag.“ Allerdings entsprach die fertige Partitur zumindest der ursprünglichen Vision Lewickis nicht. Anstatt nämlich das in Rede stehende Fragment mit geeigneten Sätzen oder Material aus nur einer der zahlreichen anderen (vollständigen) Messevertonungen Mozarts zu ergänzen, kombinierte es Schmitt mit Auszügen aus gleich mehreren Mozart’schen Messen. Für das abschließende Agnus Dei schlug er zumal eine völlig „immanente“ Lösung vor: Das die Messe einleitende Kyrie sei zu wiederholen – nur jetzt eben mit dem Text des Agnus Dei versehen.

Die „Weltpremiere“ kam schließlich am 3. April 1901 mit dem Orchester des Mozart-Vereins und dem Chor der Martin-Luther-Kirche in Dresden zustande, geleitet von Alois Schmitt selbst. Bald darauf übernahm Breitkopf & ­Härtel diese Vervollständigung in die Gesamtausgabe und gab sie sowohl in der Partitur als auch im Klavierauszug heraus. Bis in die 1920er Jahre ereigneten sich noch mehr als hundert Aufführungen in verschiedenen Städten Deutschlands. Schmitt erlebte den beachtlichen Erfolg aber großenteils nicht mehr mit: Er verstarb im Alter von siebzig Jahren am 15. Oktober 1902.

2005

… warf das Musikmagazin „Rondo“ die Frage auf: „Darf, kann, soll man das? Mozarts „große Messe“ vervollständigen?“ Und beantwortete sie umgehend positiv: „Ja, man darf, kann und soll das, wenn man Robert D. Levin heißt!“ Tatsächlich trat der US-amerikanische Pianist und Musikwissenschaftler, der sich bereits 1991 einen Namen mit der Vervollständigung des Mozart-Requiems gemacht hatte, um diese Zeit mit einer eigenen Version der Mozart-Messe an die Öffentlichkeit. Auftraggeber war im gegebenen Fall die Internationale Bachakademie Stuttgart und im Besonderen deren damaliger Leiter, Helmuth Rilling. Letzterer wollte gerne mit einer sensationellen „Neuigkeit“ ins Mozartjahr 2006 „rutschen“. Und dieser Plan ging durchaus auf.

Denn Levin verwertete als erster Bearbeiter des Mozart’schen Messefragmentes auch Studienergebnisse, die nicht vor 1983 im Rahmen der Neuen Mozart-Ausgabe publik gemacht worden waren. So griff er zum Beispiel auf bislang unbeachtete mehr- oder einstimmige Skizzen und Entwürfe, ja selbst auf kurze, abgerissene Gedanken zurück, aus denen er letztlich einen vollständigen Credo-Teil mit den Sätzen „Crucifixus“, „Et resurrexit“, „Et in Spiritum Sanctum“, „Et unam sanctam und „Et vitam venturi“ zu generieren vermochte. Das Agnus Dei mit dem abschließenden „Dona nobis pacem“ (re-)konstruierte er hingegen aus einer der Arien, die Mozart 1785 für die bereits erwähnte Kantate „Davide Penitente“ neu komponiert hatte.

Am 30. August 2006 wurde Levins Vervollständigung in Mozarts Heimatstadt, bei den Salzburger Festspielen, in der Stiftskirche St. Peter uraufgeführt. Helmuth Rilling stand – natürlich – am Pult. Von Fachleuten und Mozart-Liebhabern begeistert rezipiert, nimmt sie seither einen vorderen Platz in der Reihe der „offiziell approbierten“ Versionen von KV 427 ein. Noch im selben Jahr herausgegeben vom Carus-Verlag, wurde sie schon nach kurzer Zeit zum „Kern-Repertoire“ mehrerer Chorensembles. Kurzum: Wann immer heutzutage eine Darbietung der c-Moll Messe Mozarts ins Auge gefasst wird, so dreht es sich höchstwahrscheinlich um Levins Fassung.

„Wir sind immer auch Ruinen unserer Vergangenheit. Fragmente zerbrochener Hoffnungen, verronnener Lebenschancen“

… sagte 1991 der evangelische Theologe Henning Luther und fuhr fort: „Andererseits ist jede erreichte Stufe unserer Entwicklung ein Fragment aus Zukunft. Es verweist uns positiv nach vorn. Unser Leben erwächst immer aus diesem Überschuss an Hoffnung.“

Wolfgang Amadeus Mozarts c-moll-Messe repräsentiert für sich genommen ebenfalls eine Ruine der Vergangenheit. Sie ist ein Fragment zerbrochener, „bester“ Hoffnungen – ist eine verpasste Chance. Und andererseits ist diese c-Moll-Messe ein Fragment aus Zukunft, das uns tatsächlich auch positiv nach vorn verweist. Wie gesagt: ins Jahr 1785, als Mozart es in den sehr gefragten „Davide Penitente“ umwandelte und sich damit dem Wiener Publikum als Kantatenkomponist empfahl. Dann ins Jahr 1847, als Joseph Drechsler das große Werk als solches wiederentdeckte, partiell nachkomponierte und in dieser Form zum ersten Mal erklingen ließ. Weiterhin ins Jahr 1901, als Ernst Lewicki und Alois Schmitt die erste populäre Version zusammenstellten, durch die das Bild der Komposition für längere Zeit geprägt worden ist. Und schließlich ins Jahr 2005, als Robert D. Levin vorher noch unberücksichtigte Arbeitsmaterialien Mozarts aus dem zeitlichen Umfeld der Messekomposition auswertete und in die eigene Version einarbeitete.

Worin besteht nun also die Bedeutung eines Fragmentes? – Ein Fragment kann eine unerschöpfliche Inspirationsquelle sein, die jeder neuen Generation theoretisch immer wieder aufs Neue zur Verfügung steht. Es kann adaptiert, modifiziert, weiterentwickelt, ja sogar regelrecht transformiert werden. Ein Fragment ist außerdem ein Spiegel der Zeit, auf die es verweist. Es absorbiert in gewisser Weise den Wandel der Welt beziehungsweise Weltveränderungstendenzen und reflektiert beides. Es lässt uns insofern weltgeschichtliche Prozesse besser verstehen.