Fragmente

Sackgasse und Dilemma

Von
Ecki Ramón Weber
Die Alhambra in Granada; Foto: CdelRio - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0 via Wiki Commons
Die Alhambra in Granada; Foto: CdelRio - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0 via Wiki Commons

Der spanische Komponist Manuel de Falla, dessen 150. Geburtstag dieses Jahr im November gefeiert wird, schrieb berühmte Werke, etwa das Klavierkonzert „Noches en los jardines de España“ oder die Ballettmusiken „El amor brujo“ und „El sombrero de tres picos“. Hätte man allerdings den Komponisten am Ende seines Lebens gefragt, hätte er zweifellos ein anderes Stück als Hauptwerk genannt: „Atlántida“, als „szenische Kantate“ konzipiert. Zwanzig Jahre lang, ab 1926, beschäftigte sich Falla damit. Und doch hinterließ er sie, als er 1946 starb, als Fragment.

Falla entwarf das Libretto aus eigener Hand nach der Vorlage des katalanischsprachigen Versepos „L’Atlàntida“ (1876) des Geistlichen Jacint Verdaguer. Die Handlung verschränkt die Sage vom Untergang von Atlantis mit Taten des Herkules und der ersten Sichtung des amerikanischen Doppelkontinents durch Christoph Kolumbus. Mit dieser Verknüpfung bezog sich Verdaguer auf eine Tradition mythologischen Denkens der frühen Neuzeit: Tatsächlich gab es im 16. Jahrhundert Hypothesen, Amerika sei das „neue Atlantis“ – mit der Absicht, mythologisch verbrämt politische und ökonomische Machtansprüche der spanischen Krone zu rechtfertigen. Spanien wurde als Überbleibsel von Atlantis betrachtet.

Manuel de Falla hat sein Werk „Atlántida“, mit spanischem Titel, in unterschiedlichen Stadien hinterlassen. Als fertige Orchesterpartitur lag 1946 lediglich der Prolog vor: zwei Chornummern, rund zehn Minuten Musik. Den ersten Akt, eine Viertelstunde lang, und den dritten Akt, gut 35 Minuten, hinterließ er als Particell mit mehreren Stimmsystemen und konkreten Angaben zur Instrumentation. Diese Werkteile konnten posthum von Fallas Schüler Ernesto Halffter ohne Schwierigkeiten zu Ende geführt werden. Problematisch war der löchrige zweite Akt, zu dem es verstreute Entwürfe und Skizzen gab. Dieses bruchstückhafte Material war der Grund, weshalb sich Halffters Fertigstellung von „Atlántida“ über Jahrzehnte bis zu den endgültigen Fassungen „Luzern 1976“ und „Madrid 1977“ hinzog. Die Fassung „Mailand 1962“, die auch an der Deutschen Oper in Berlin 1962 als deutsche Erstaufführung lief, wurde nach massiver Kritik am Materialstand zurückgezogen.

Atlántida verschränkt den Untergang von Atlantis mit den Taten des Herkules und der Entdeckung Amerikas

„Atlántida“, geschrieben für Gesangssoli, Chor und großes Orchester, ist in seiner finalen Fassung ein Werk in Spielfilmlänge. Die Musik führt Fallas neoklassizistische Ausrichtung seines Cembalokonzerts (1926) weiter. Es gibt stilisierte Archaik für die Szenen, die in der antiken Mythologie spielen, und Anleihen an klassische Vokalpolyphonie sowie weltliche Gesänge des 16. Jahrhunderts in moderner Perspektive für den dritten Teil, der von Königin Isabella von Kastilien und von Kolumbus erzählt.

Weshalb das von Manuel de Falla anfangs ambitioniert vorangetriebene Kompositionsvorhaben in eine künstlerische Sackgasse führte, dafür gibt es verschiedene Gründe. Der gläubige Katholik, der ledig blieb und in seiner Wahlheimat Granada mit seiner Schwester lebte, beabsichtigte, eine Art modernes Oratorium und gleichzeitig eine Hommage an Katalonien zu schaffen. Mit dieser Region verbanden ihn viele glückliche persönliche und berufliche Kontakte. In den Anfangsjahren der Entstehung von „Atlántida“ gab es mehrere Aufführungspläne, in die der katalanische Maler und Bühnenbildner Maria Josep Sert involviert war, die sich allerdings alle zerschlugen. Ab 1930 hinderten dann zunehmend gesundheitliche Probleme die Arbeit, darunter Bluthochdruck, Fieberanfälle, Entzündungen, eine Blutvergiftung und ein Magengeschwür, zudem psychische Krisen und zwangsneurotische Zustände. Nach einem Nervenzusammenbruch 1933 verbrachte Falla mehrere Monate zur Erholung auf Mallorca. Hinzu kam, dass er die fixe Idee hatte, mit sechzig Jahren müsse ein Komponist alles gesagt haben. Dementsprechend vertraute er ab 1936 nicht mehr seiner kreativen Kraft. Im selben Jahr brach zudem der Spanische Bürgerkrieg aus, und es begannen die Versuche der Nationalisten unter Francisco Franco, Falla für ihre Propaganda einzuspannen. Der Komponist, der viele Freunde und Vertraute unter den Parteigängern der spanischen Republik hatte, darunter den 1936 von Franco-Anhängern verschleppten und ermordeten Dichter Federico García Lorca, musste immer deutlicher sein Dilemma erkennen: Mit einem Stück, das Kolumbus ungebrochen und kritiklos als katholischen Sendboten für Amerika und die katholischen Könige Ferdinand und Isabella behandelt, befand er sich auf einer ideologischen Linie mit den brutalen Franquisten. Eine Oper wie „Christophe Colomb“ von Darius Milhaud, in der die altamerikanischen Götter das Meer in Aufruhr gegen die Eroberer bringen, war da schon weiter. Falla kannte das Werk, das 1930 in Berlin zur Uraufführung gekommen war.

Büste Manuel de Fallas in Granada. Foto: Mrs DarkDonad via Wiki Commons

Tatsächlich gab es diverse Versuche der Franquisten, Falla, den berühmtesten lebenden Komponisten Spaniens, für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. Posten und Ehrungen, die ihm mehrfach angeboten wurden, lehnte Falla ab. Dem Drängen nach einem Werk für die Franquisten gab der sonst sehr sorgfältig arbeitende Falla 1937 mit einem nachlässig entworfenen „Himno marcial“ nach. Ein Militärmusiker musste die Instrumentation ausarbeiten. Das Interessante: „Himno marcial“ ist das Arrangement eines Chors aus der Oper „Els Pirineus“ (1902) von Fallas katalanischem Lehrer Felip Pedrell. Ein subtiler Protest also gegen die Auftraggeber? Schließlich waren die katalanische Sprache und Kultur dem nach totalitärem Zentralismus strebenden Francisco Franco verhasst.

Selbstverständlich wünschten sich die Franquisten auch, die Uraufführung von „Atlántida“ für ihre Propagandazwecke zu nutzen. 1937 behauptete die Tageszeitung „Ideal“ aus Granada, Falla widme „Atlántida“ den Parteigängern Francos. In einem Leserbrief verwahrte sich der Komponist höflich, aber entschieden dagegen. Im gleichen Jahr wurde an Falla das Amt als Präsident der Bildungs- und Kulturdachorganisation „Comisión de Cultura y Enseñanza en la Junta del Estado“ herangetragen. Mit Hinweis auf seine schwache Gesundheit versuchte er, sich zu entziehen, nahm schließlich an, um im Juni 1938 die Position wieder aufzugeben. Der Künstler, der sich gerne apolitisch und unbescholten auf sein eremitenhaftes Künstlerdasein in seinem „Carmen“, seinem traditionellen Häuschen auf dem Alhambra-Hügel in Granada, zurückgezogen hätte, musste einsehen, dass von ihm erwartet wurde, offen Stellung zu beziehen.

1939, im Jahr der Niederlage der Republik im Bürgerkrieg, der massenhaften Flucht der Republikaner aus Spanien und dem Beginn der Franco-Diktatur, konnte sich Manuel de Falla dank einer Konzerteinladung nach Buenos Aires endlich dem Druck der Franquisten entziehen. Offiziell als Gastspiel deklariert (sein Hausstand in Granada wurde nicht aufgelöst), erwies sich die Überfahrt nach Argentinien als Flucht aus seinem Dilemma. Die aus seiner Sicht zu extreme Religionsferne der Republik hatte er abgelehnt, andererseits war er vom Terror der Franquisten verstört. Vertraute Fallas in Spanien berichteten später, sie hätten 1939 den Eindruck gehabt, der Komponist verabschiede sich von ihnen für immer. Tatsächlich kehrte Falla nie wieder zurück. Doch auch in Argentinien versuchte der Franco-Staat weiterhin, Falla als Aushängeschild für das Konservatorium in Madrid und weitere Kultureinrichtungen und Gremien zu gewinnen. In gewundenen Worten lehnte er stets ab. Wenn er in Argentinien Hilfsaktionen für die republikanischen Flüchtlinge in Südfrankreich unterstützte, wurde darauf geachtet, dass sein Name nirgendwo erschien. Falla und seine Schwester befürchteten, er werde erneut Loyalitätserklärungen gegenüber dem Franco-­Staat abgeben müssen.

Die Versuche, „Atlántida“ für die Franco-Diktatur in Spanien zu vereinnahmen, hörten auch nach 1946 nicht auf. Inwiefern dies Ernesto Halffter bei seinen Versuchen, das Werk fertigzustellen, behinderte, ist nicht geklärt. Zwar fand 1961 die konzertante Uraufführung der ersten Fassung im Opernhaus Liceu in Barcelona statt, doch die szenische Uraufführung gab es 1962 an der Scala in Mailand, in der Stadt des Verlags Ricordi, des Rechteinhabers von „Atlántida“. Als es 1996 anlässlich des fünfzigsten Todestages von Manuel de Falla im postfranquistischen Spanien zur ersten Neuinszenierung nach vielen Jahren kam, unter freiem Himmel, vor der Kathedrale von Granada, die Frontfassade verhängt mit einer zerschnittenen Leinwand für experimentelle Computeranimationen und Fassadenläufer, thematisierte das Produktionsteam der Gruppe La Fura dels Baus nicht die Handlung um Kolumbus. Es ging vielmehr sehr eindrucksvoll um hochfliegende Pläne, große Ambitionen, vergebliche Mühen und – Scheitern.

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