Eine echte Rarität
Viviane Hagner verknüpft Alexandre Tansmans Violinkonzert mit Max Bruch

Das Violinkonzert des polnisch-französischen Komponisten Alexandre Tansman ist eine echte Rarität. Die Berliner Geigerin Viviane Hagner koppelt das 1937 entstandene Werk mit Musik des zwei Generationen älteren deutschen Spätromantikers Max Bruch. Ihre Partner bei der frisch erschienenen Aufnahme sind das Philharmonische Orchester Poznan/Posen und dessen Chefdirigent Łukasz Borowicz.
Frau Hagner, wie haben Sie das Violinkonzert von Alexandre Tansman entdeckt?
Das war vor über zwanzig Jahren. Ich war wegen des Violinkonzerts von Johannes Brahms nach Washington in die Library of Congress gepilgert, wo sich das Autograph befindet. Da ich ohnehin vor Ort war, nutzte ich die Gelegenheit, auch das Archiv von Jascha Heifetz zu studieren, das ebenfalls vollständig in der Kongressbibliothek aufbewahrt wird. Ein Werk, das dabei meine besondere Aufmerksamkeit erregte, war Tansmans Violinkonzert. Ich wusste von dessen Existenz, hatte es jedoch nie gehört. Umso überraschender war es für mich zu sehen, dass Heifetz zahlreiche Anmerkungen in die Noten eingetragen hat. Bis heute habe ich keine Aufnahme des Werkes mit Heifetz finden können – er muss es jedoch aufgeführt haben. Schon damals nahm ich mir vor: Dieses Werk möchte ich eines Tages lernen und aufführen. Wie es so oft ist, kam immer wieder etwas anderes dazwischen – bis ich schließlich mit dem Philharmonischen Orchester Posen in Kontakt kam und dessen Chefdirigenten Łukasz Borowicz kennenlernte. Wir überlegten gemeinsam, welches Projekt wir realisieren könnten. Ich erzählte ihm auch von Tansmans Violinkonzert, und er reagierte sofort mit großem Interesse.
Was fasziniert Sie an diesem Werk?
Viele Dinge. Tansman hatte eine spannende Biografie, er wurde 1897 in Lodz geboren, hat in Warschau studiert, ging 1919 nach Frankreich und flüchtete 1940/41 über Lissabon in die USA, wo er vor allem in Hollywood Filmmusik geschrieben hat. 1946 kehrte er nach Paris zurück. 1986 ist er dort gestorben. Er muss ein unglaublich netter Zeitgenosse gewesen sein und pflegte enge Freundschaften mit bedeutenden Musiker- und Künstlerkollegen. Dieses internationale Leben und die vielen Begegnungen haben ihn auch musikalisch geprägt, man hört viele verschiedene Einflüsse in seinem Werk. Im Violinkonzert lassen sich Anklänge etwa an Strawinsky hören. Die beiden Außensätze sind kraftvoll, stellenweise von geradezu heroischem Gestus. Das Werk ist groß dimensioniert, nicht zuletzt durch die üppige Orchesterbesetzung. Łukasz musste deshalb einiges anpassen, um sicherzustellen, dass die Geige nicht vom Orchester überdeckt wird. Das erinnert an das Brahms-Violinkonzert. Ich fand es damals in Washington faszinierend, das Autograph zu studieren. Es ist wunderschön instrumentiert, funktioniert aber im Konzertsaal nicht ohne gezielte dynamische Feinabstimmungen, da das Soloinstrument mitunter sonst kaum hörbar ist. Ähnlich verhält es sich beim Tansman-Konzert – eine Erkenntnis, die sich erst im gemeinsamen Musizieren einstellt. Dann beginnt die eigentliche Arbeit an der Balance.
Genau das macht es so spannend, gemeinsam mit einem Orchester ein Werk zu erarbeiten, das beide noch nicht kennen. Der Prozess gleicht der Arbeit an einer Uraufführung: intensiv, fordernd und oft auf eine einzige Aufführung hin ausgerichtet. Nur selten hat man die Gelegenheit, ein solches Stück in weiteren Aufführungen weiterzuentwickeln. Umso schöner war es, dass wir das Tansman-Konzert im Oktober 2024 aufführen und im Juli 2025 aufnehmen konnten. Wir haben nicht einfach wiederholt, was wir erarbeitet hatten, sondern versucht, es zu vertiefen und zu verfeinern, weil wir mit dem Werk inzwischen vertrauter waren.
Warum wird das Stück so selten gespielt – und warum gibt es kaum Aufnahmen? Ist es undankbar zu spielen?
Nein, es liegt gut. Aber man braucht gerade für die Ecksätze einen Dirigenten, der die Balance herstellen kann zwischen der Solostimme und dem großen Orchesterapparat. Es ist nicht wie beim Mendelssohn-Konzert, wo die Solovioline einfach so gut in den Orchesterapparat eingearbeitet ist, dass sich das Werk im Grunde fast von allein spielt. Aber das ist wie gesagt beim Brahms auch nicht der Fall. Ich denke, es muss einfach gespielt werden!

Das Werk ist ja ungewöhnlich angelegt mit vier oder im Grunde sogar fünf Sätzen – und der Kadenz ziemlich am Ende.
Das stimmt. Aber Tansman war generell in der Anlage seiner Werke sehr kreativ. Dabei war er in seinem langen Leben unglaublich produktiv, er hat allein neun Sinfonien, fast zwanzig Konzerte für verschiedene Soloinstrumente und Dutzende Orchesterwerke geschrieben.
Tansman hat es 1937 komponiert, in einer für Violinkonzerte enorm fruchtbaren Zeit.
Das ist wirklich ein Phänomen, dass innerhalb von vielleicht fünf Jahren ein unglaublicher Schatz an Violinkonzerten entstanden ist: Prokofjew, Berg, Schönberg, Bacewicz, Bartók, Britten, Hindemith, Barber, um nur ein paar zu nennen. Einige sind von großen Geigern in Auftrag gegeben worden, aber das erklärt dieses Phänomen nicht. Tansman hat sein Konzert für Jacqueline Salomons geschrieben. Sie muss es uraufgeführt haben, allerdings nur mit mäßigem Erfolg, nicht zuletzt weil das Werk ihre geigerischen Fähigkeiten wohl klar überstiegen hat. So geriet es fast in Vergessenheit, bis Heifetz es in den Fünfzigerjahren aufgeführt haben muss, endlich dem Werk auch gerecht werdend. Trotzdem hat Tansmans Violinkonzert bis heute nicht einen angemessenen Platz im Konzertleben gefunden.
Vielleicht fällt er auch oft durchs Raster, weil er für die Polen als Franzose, für die Franzosen als Pole gilt.
Ja, er hat mit 23 Jahren Polen verlassen, und trotzdem – oder gerade deswegen – verarbeitete er immer wieder polnische Volksmusik in seinen Werken. Bei „Krzyzowa Music“, dem internationalen Kammermusikfestival im schlesischen Krzyżowa/Kreisau, dessen künstlerische Leiterin ich seit über zehn Jahren bin, erlebe ich das auch, dass er nicht selbstverständlich als polnischer Komponist gesehen wird – ähnlich wie Weinberg, der ja einen Großteil seines Lebens in der Sowjetunion verbracht hat.
Wie kam es denn zur Kombination mit Max Bruch? Das ist eine auf den ersten Blick überraschende Paarung.
Mich fasziniert besonders, dass es zwischen diesen beiden Komponisten bei aller Unterschiedlichkeit ihrer Biografien und ihrer musikalischen Sprache dennoch einige bemerkenswerte Überschneidungen gibt. Tansmans Leben war stark international geprägt, während Max Bruch als Inbegriff der deutschen Spätromantik gilt. Ohne dies wertend oder kritisch zu meinen, lässt sich jedoch sagen, dass sowohl Bruch als auch Tansman ihren jeweiligen musikalischen Stil über ihr gesamtes Leben hinweg konsequent beibehalten haben. Beiden war ein langes Leben beschieden, und in ihren späteren Jahren galten sie vielfach als eher altmodisch. Besonders schön finde ich es, dass das Album mit dem „Kol Nidrei“ beginnt, weil dieses Werk Max Bruch in einem anderen Licht zeigt. Bekannt ist die Fassung für Violoncello und Orchester, doch Bruch selbst hat angeregt, das Stück auch auf der Geige zu spielen. Ich kann bis heute nicht recht verstehen, warum diese Version so selten zu hören ist. Die Geige verleiht „Kol Nidrei“ ein anderes, helleres Timbre. Das Werk wirkt dadurch weniger elegisch als in der Cellofassung und gewinnt bei aller Innigkeit etwas Leichteres, fast Schwebendes. Ich empfinde das Stück jedenfalls als einen idealen Auftakt zum Violinkonzert von Alexandre
Tansman. Die beiden Werke bilden einen reizvollen Kontrast: Ihre musikalische Sprache ist grundverschieden, ebenso die Art der Orchestrierung. Während Tansman mit einem großen Apparat arbeitet, mit Schlagwerk und einer großen Bläsergruppe, ist „Kol Nidrei“ schlank und transparent instrumentiert.
„,Mouvement perpétuel‘ ist vielleicht Tansmans bekanntestes Geigenwerk. Es wurde auch von Heifetz gespielt.“
Wie auch die Fünf Stücke von Alexandre Tansman, die auf das Violinkonzert folgen. Warum haben Sie die, als passionierte Kammermusikerin, nicht in der Originalversion mit Klavier aufgenommen?
Das stimmt, Tansman hat die Fünf Stücke 1930 für seinen Freund, den ungarischen Geiger Joseph Szigeti, komponiert, wie er überhaupt fast alle Stücke für Freunde komponiert hat. Aber die Orchesterfassung stammt auch von ihm selbst. Ich fand es einfach naheliegend, diese Version zu spielen – damit präsentieren wir schon sein Gesamtwerk für Violine und Orchester, mehr hat er nicht komponiert für diese Besetzung. Abgesehen davon macht es für mich kaum einen Unterschied, ob ich mit Orchester spiele oder Kammermusik mache. Zwar erlaubt die Kammermusik oft eine größere Intimität im Zusammenspiel und vielleicht auch in der musikalischen Aussage des Komponisten, aber beides bedeutet für mich ein intensives Zusammenmusizieren.
Was macht den Reiz der Fünf Stücke von Tansman aus?
Sie leben davon, dass sie ganz unterschiedliche Geschichten erzählen. Das „Mouvement perpétuel“, das zentrale Stück, ist vielleicht Tansmans bekanntestes Geigenwerk überhaupt. Es wurde von Heifetz gespielt und von vielen anderen aufgegriffen – fast ein Schaustück. Insgesamt sind die Fünf Stücke fünf unterschiedliche kleine Juwelen.
Und den Abschluss bildet Bruchs Konzertstück op. 84 von 1910 – ein zweisätziges Violinkonzert?
Man fragt sich durchaus, ob er nicht noch einen dritten Satz schreiben wollte. Es ist ja wirklich so angelegt mit dem großen Beginn, einer ausgedehnten Orchestereinleitung und dem nahtlosen Übergang in den langsamen Satz – Letzteres wie im berühmten ersten Violinkonzert. Und dann endet das Stück mit dem langsamen Satz. Unglaublich schön, aber die Frage stellt sich, ob Bruch nicht doch mit der Idee gespielt hat, zum Schluss noch einen brillanten Satz folgen zu lassen.


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