Interview & Porträt

Frisch verschworen

Von
Arnt Cobbers
Areta Zhulla, Leonard Fu, Astrid Schween und Molly Carr; Foto: Rachel Papo
Areta Zhulla, Leonard Fu, Astrid Schween und Molly Carr; Foto: Rachel Papo

Da haben sich vier gefunden! Im Konzert ist das zu spüren, aber fast noch frappierender im öffentlichen Unterricht, wie ihn die vier Mitglieder des Juilliard String Quartet in der New Yorker Hochschule regelmäßig geben. Die vier sitzen verteilt im Raum zwischen den Studentinnen und Studenten, und wenn das Studentenquartett seinen Janáček-Satz und die nächsten vier ihren Haydn gespielt haben, kommen sie nach vorn, gucken sich kurz an, und dann beginnt einer zu sprechen. Natürlich zuerst mit einem großen Lob – beide jungen Ensembles in dieser Stunde spielten auch wirklich großartig. Dann kommt aber doch eine Idee, was man noch ändern, was man hinterfragen sollte, was man vielleicht anders, gemeint ist: stimmiger musikalisch, formulieren könnte. Und wie die vier Lehrer sich die Bälle zuwerfen, sich abwechseln in der Ansprache an die Studenten, wie sie alle vier ganz offensichtlich in dieselbe Richtung denken – ganz ohne Absprache – und wie dann wirklich beide Ensembles beim zweiten Mal ihren Satz zwingender spielen, das ist schon faszinierend zu sehen.

Auch im Konzert erlebt man vier individuelle Stimmen, die an einem Strang ziehen. Kein Ensemble, das wie ein einziger Organismus musiziert und durch diese innere Homogenität beeindruckt, sondern vier starke Persönlichkeiten, die eine gemeinsame Vorstellung vom Musikmachen und vom jeweiligen Werk verbindet. Als nach Brahms, einer Uraufführung und Kurtág auch der letzte Ton aus Schönbergs „Verklärter Nacht“ verklungen ist, ist der Jubel Anfang Dezember in der Alice Tully Hall gleich neben der Metro­politan Opera groß. Denn zum ersten Mal präsentiert sich das Juilliard String Quartet in seiner Heimatstadt in seiner neuen Besetzung – mit dem Deutschen Leonard Fu an der zweiten Geige. Und der stellt sich dann gleich in die Reihe seiner Vorgänger, die auch komponiert haben wie vor allem Robert Mann, der langjährige erste Geiger. Fus „Popular Dances“, die das Juilliard String Quartet an diesem Abend uraufführt, ist ein munteres, abwechslungsreiches und intelligent gebautes Stück.

Dass es hinterher noch einen von zahlreichen Studenten besuchten Empfang der Hochschule gibt, auf dem der Juilliard-Präsident von einem „historischen Tag“ spricht, unterstreicht die Bedeutung des Ensembles für die Schule, aber auch, wie beliebt die vier Musiker auch als Lehrer sind.

Seit 2018 ist Areta Zhulla Primaria des Quartetts. Foto: PR

So ändern sich die Zeiten. Erfahrene Klassikfreunde bekommen bei der Erwähnung des Namens Juilliard String Quartet leuchtende Augen und denken an vier distinguiert aussehende Herren in Anzug und Krawatte, die, seit 1946 allmählich in Ehren ergrauend, eines der führenden Streichquartette der Welt bildeten. Heute ist das Juilliard String Quartet vielleicht noch immer das beste amerikanische Streichquartett, doch es sieht völlig anders aus: Seit Ronald Copes 2025 nach fast dreißig Jahren in den Quartett-Ruhestand gegangen ist, ist die Cellistin Astrid Schween die Erfahrenste im Ensemble, dabei ist auch sie erst seit 2016 dabei. Der Name lässt es vermuten: Die Amerikanerin hat einen deutschen Vater – und eine jamaikanische Mutter. 2018 kam Areta Zhulla als erste Geigerin hinzu, eine Griechin, die vor 25 Jahren zum Studium nach New York kam. Vier Jahre ist die Bratscherin Molly Carr dabei (die übrigens eine deutsche Großmutter hatte, wie sie erzählt) und als Vierter nun Leonard Fu, der als Sohn chinesischer Eltern in Bremen geboren wurde und aufwuchs und erst in Hamburg, dann an der Juilliard School studierte. Drei Frauen, zwei Mütter, zwei Ensemblemitglieder ohne US-Pass – innerhalb der letzten zehn Jahre hat sich das Juil­liard String Quartet grundlegend verändert.

Dass das Ensemble auch nach achtzig Jahren und diversen Besetzungswechseln noch existiert, hängt natürlich mit der Verbindung zur Juilliard School zusammen. Während aber das Gewandhausquartett, das 1808 gegründete älteste Streichquartett der Welt, sich fortlaufend aus den Stimmführern des Leipziger Gewandhausorchesters erneuert, wählen die Juilliards ihre neuen Mitglieder selbst. Der Präsident der Juil­liard School, der Komponist William Schuman, soll 1946 so angetan gewesen sein vom Streichquartett, das der Geiger Robert Mann zusammengestellt hatte, dass er den vier Musikern eine feste Anstellung an der Hochschule anbot – als Lehrer und musizierende Botschafter der Institution.

So ist es bis heute. Die vier Mitglieder des Juilliard String Quartets unterrichten, zusammen oder einzeln, an der Hochschule, haben dort ihren Probenraum – in dem sie täglich im Durchschnitt vier Stunden proben! – und tragen den Namen der Hochschule auf ihren Reisen hinaus in die Welt.

Der Anspruch ist also hoch. Lange hatten sie nach einem neuen zweiten Geiger gesucht, doch dann war die Sache ganz schnell klar. „Natürlich spüren wir die Verantwortung aus achtzig Jahren Tradition“, sagt Molly Carr, als wir im Probenraum des Ensembles zusammensitzen. „Wo wollen wir hin, wie wird es sich weiterentwickeln? Da ist die Wahl eines neuen Mitglieds entscheidend. Leonard war uns empfohlen worden, wir kannten ihn nicht. Aber wir waren unsicher wegen seines Alters. Ron Copes ist in seinen Siebzigern, und Leonard ist 28.“  

„Aber nach dreißig Sekunden wussten wir: Der ist es!“, erinnert sich Areta Zhulla. „Das fühlte sich nicht wie eine Bewerbungsrunde an, sondern wir haben an dem Stück gearbeitet. Und mit wem man in der Probe zusammenarbeiten kann, der kann auch unterrichten. Das merkt man daran, wie jemand mit der Musik umgeht, wie er Probleme benennt und runterbricht und auf den Punkt kommt.“ Hat das Ensemble seine Wahl getroffen, sichert sich die Hochschulleitung ab, indem sie sich einen Probenunterricht des neuen Mitglieds anschaut, aber das ist eher ein formeller Akt.

Worauf es den Juilliards ankam, bringt Astrid Schween in wenigen Worten auf den Punkt: „Neugier ist wichtig und die Energie, die jemand mitbringt und ausstrahlt. Und der Umgang mit dem Instrument. Das spielt man nicht einfach nur, sondern es muss quasi die Erweiterung der eigenen Persönlichkeit sein.“ Neugier auf neue Musik, der Mut, neue Wege zu gehen – das hat das Juilliard Quartet von Anfang an ausgezeichnet. Die Truppe um Robert Mann, bei dem Astrid Schween und Molly Carr noch Unterricht oder Kurse hatten, setzte sich zum Beispiel stark für Bartók ein, und die Noten der ersten Ensemblemitglieder nutzen auch die heutigen noch – mit allen Anmerkungen und Eintragungen. Außerdem stehen traditionell die ausscheidenden Mitglieder ihren Nachfolgern für zwei oder drei Jahre für Fragen zur Verfügung. So kann viel Wissen weitergegeben werden.

Das Juilliard Quartet in alter Besetzung: Areta Zhulla, Roland Copes, Astrid Schween und Molly Carr. Foto: PR

Die Tradition versteht Leonard Fu – und die Kolleginnen nicken – aber „nicht als Verpflichtung, sondern als Quelle der Inspiration. Die Quartette von Bartók und Schönberg, die das JSQ ebenfalls in die USA gebracht hat, oder das Dutilleux-Quartett, das für das JSQ geschrieben wurde – es ist ein Privileg, dass wir zu diesen Werken und Komponisten eine Art persönliche Beziehung haben. Es gibt sozusagen einen tieferen Grund, dass wir diese Werke spielen. Und es sind auch einfach tolle Werke!“

Natürlich kommt unser Gespräch auch auf die „bunte“ Zusammensetzung des jetzigen Quartetts. Schon dass Astrid Schween als erste Frau Ensemblemitglied wurde, sorgte vor zehn Jahren für Aufsehen. „Ich hätte es als kleiner Junge toll gefunden, so ein Role Model zu haben“, sagt Leonard Fu. „Geschlecht, Herkunft, Alter – all das sollte keine Rolle spielen.“

Und auch Kinder zu haben als Musikerin, ist noch immer ein Problem. „Ich hörte immer nur“, erzählt Molly Carr, „wenn du ein Baby hast, ist die Karriere vorbei. Dann bist du erst mal ein paar Jahre raus aus der Szene. Und dann sah ich Areta vor ein paar Jahren im siebten Monat schwanger auf der Bühne. Das war großartig und hat mir Mut gemacht.“

Es ist ein sehr munteres Gespräch, in dem wir natürlich auch auf die politischen Verhältnisse in den USA zu sprechen kommen – aber das soll hier keine Rolle spielen. Man merkt, die vier verstehen sich wirklich gut. Was ist das für eine Beziehung in solch einem Ensemble? Freundschaft?

„Es ist fast mehr als Freundschaft“, meint Areta Zhulla. „Man sieht so vieles von den anderen. Man geht in einen intimen Dialog, wie man es mit Freunden oft nicht tut. Und das liegt nicht an der Zeit, die man miteinander verbringt. Sondern an der Musik, in diesen genialen Quartetten steigt man gemeinsam ein in etwas, das ganz tief geht. Und wir sind alle vier willens, ganz tief einzutauchen. Es geht nicht darum, gut zu spielen. Es geht darum, die Musik auf die beste Weise zum Blühen zu bringen. Und das funktioniert bei uns vieren.“

In den USA, sagen die vier, ist das Streichquartett eine blühende Gattung. „Das wird sehr gefördert von den Hochschulen, jeder Lehrer hier unterrichtet Kammermusik, es gibt viele Kammermusikfestivals. Das ist ein großer Unterschied zu Europa und Deutschland“, sagt Leonard Fu. „Und an jeder Hochschule gibt es mindestens acht bis zehn ernsthafte Streichquartette, die es wirklich schaffen wollen. Davon sind wir in Deutschland weit entfernt.“ Dass sich eine deutsche Hochschule ein Streichquartett als „Markenbotschafter“ wählen würde, ist in der Tat schwer vorstellbar. Dabei ist die Gattung Streichquartett weder unglamourös noch gestrig.

Das beweisen die Juilliards auch mit ihrem Projekt „Letters to Beethoven“, bei dem sie jedes der fünf späten Beethoven-Quartette mit einem Auftragswerk kombinieren. Den Anfang machte dabei niemand Geringeres als Jörg Widmann mit seinem Streichquartett Nr. 8. Tradition verpflichtet dann doch.

CD-Aufnahmen standen in den letzten Jahren nicht in ihrem Fokus – beim letzten Album mit Bartóks drittem, Beethovens Rasumowsky- und Dvořaks „amerikanischem“ Quartett, das 2021 erschien, schauen noch Ronald Copes und der Bratscher Roger Tapping vom Cover. Aus „Letters to Beethoven“ wird aber nun eine Fünf-Alben-Serie entstehen, und da sich die Zusammenarbeit mit einem Major Label auf der Zielgeraden überraschend zerschlagen hat, haben Areta Zhulla, Leonard Fu, Molly Carr und Astrid Schween beschlossen, ihr eigenes Label zu gründen. Den Zeitplan hat das zwar über den Haufen geworfen, und wann das erste Album erscheinen wird, können wir hier doch nicht ankündigen. Es wird vermutlich Ende des Jahres herauskommen. Im April kommt das Juilliard String Quartet jedenfalls wieder nach Europa und gastiert im Boulez-Saal in Berlin, im Schloss Neuhardenberg, im Leipziger Gewandhaus und im Wiener Musikverein.

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