„Musik ist wie der Wind“
Der junge Klavier-Superstar Alexander Malofeev über russische Raritäten, die Folgen des Ukrainekrieges und die beste Sitzposition am Flügel

Als die Sony den Namen ihres neuen Klavier-Exklusivkünstlers bekannt gab, ging ein Raunen durch die Szene. Denn unter Klavierkennern hat der Name Alexander Malofeev schon lange einen exzellenten Klang. Mit 13 Jahren gewann der gebürtige Moskauer den Tschaikowsky-Wettbewerb für junge Musiker, Valery Gergiev förderte ihn, Riccardo Chailly lobte ihn in den höchsten Tönen. Dann zog er, mit 21 Jahren, nach Berlin, nun, mit 24, legt er sein erstes (Doppel-)Album unter eigenem Namen vor. Ich las vorher, der junge Russe gelte als wenig kommunikativ, doch ich empfand ihn als netten Gesprächspartner, der rasch auftaute und ziemlich fröhlich wurde. Das Gespräch fand auf Englisch statt, Deutsch könne er inzwischen zwar lesen, aber für ein vernünftiges Gespräch reiche es noch nicht.
Herr Malofeev, Glinka, Medtner, Rachmaninow und Glasunow – Sie haben sich ein ungewöhnliches Programm zusammengestellt für Ihr Debüt.
Ich habe bestimmt seit zehn Jahren immer wieder darüber nachgedacht, was ich auf CD aufnehmen könnte. In Medtner habe ich mich verliebt, als ich zehn oder zwölf war. Ich finde die „vergessenen Weisen“ den besten russischen Miniaturen-Zyklus, besser als Tschaikowskys „Jahreszeiten“ oder die „Bilder einer Ausstellung“. Er ist wirklich großartig gebaut von der Dramaturgie, der Architektur her. Dann war die Frage, womit ich ihn kombinieren könnte. Rachmaninow ist mein Klavieridol seit meiner Kindheit – als Pianist, als Komponist, als Persönlichkeit. Ich wollte diese tiefe, nostalgische, traurige und auch etwas hoffnungslose Seite an Rachmaninow und Medtner erforschen, die man in jedem russischen Künstler, Musiker, Schriftsteller finden kann. Beide haben Russland verlassen, aber das ist nicht der Grund, warum so viel Nostalgie in ihrer Musik mitschwingt. Medtner schrieb den Zyklus in seinem letzten Jahr in Russland, und auch Rachmaninow hat seine bekanntesten Werke in Russland geschrieben. Mich interessiert schon immer unbekanntes Repertoire, und ich wollte einige Stücke von Glinka und Glasunow dazugeben. Glasunow war etwa gleich alt wie Medtner und Rachmaninow. Und sie teilten die gleichen Ansichten über Musik, sehr anachronistisch, sehr weltabgewandt. Ich glaube nicht, dass das besonders gesund ist. Und vielleicht ist das auch der Grund, warum Medtner nicht sehr erfolgreich war. Glinka lebte viel früher, aber auch er hat Russland verlassen mit einem Gefühl der Unterlegenheit, er ist hier in Berlin vor Hunger gestorben. Er hatte kein Geld, obwohl er in Russland als bedeutender Komponist galt.
Immerhin gibt es hier in Mitte eine Glinkastraße.
Ich wohne da um die Ecke. Es ist schön, dass er jetzt wertgeschätzt wird, aber das hilft ihm auch nicht mehr. Medtner, Glasunow und Glinka – alle drei sind mit Berlin verbunden. Aber letzten Endes wollte ich vor allem schöne Musik aufnehmen. Es ist ein russisches Programm, weil ich vor zehn Jahren angefangen habe, über Programme zum Aufnehmen nachzudenken. Es ist intime, wunderschöne Musik.
Ist das ein Konzertprogramm?
Nein, das würde nicht funktionieren, glaube ich. Man taucht einfach tief in eine bestimmte Stimmung ein. Russische Musik hat etwas Auswegloses. Wir haben in der Jesu-Christus-Kirche aufgenommen. Die ist irgendwie düster, sehr atmosphärisch. Es gibt keinen richtigen Platz für den Toningenieur, alles wirkt improvisiert. Das passte zur Musik. Diese Stimmung saugt einen ein, und das ist schön. Im Konzert wäre das vermutlich zu eindimensional. Aber ich muss sagen, selbst nach einem halben Jahr höre ich die CD gern. Eigentlich mag ich meine eigenen Aufnahmen nicht.
„Die Jesus-Christus-Kirche ist irgendwie düster. Diese Stimmung saugt einen ein, und das ist schön.“
Warum debütieren Sie direkt mit einem Doppelalbum mit über zwei Stunden Spieldauer?
Ich hatte einfach so viele Ideen und Stücke gesammelt, es ging nicht kürzer. (lacht) Der Medtner-Zyklus dauert allein schon 45 Minuten. Die zweite Sonate von Rachmaninow habe ich gelernt, als ich dreizehn war. Das war damals mein Lieblingsstück, so romantisch und tragisch und verwirrend. Das sind alles Stücke, die mir am Herzen liegen. Und sie werden zum Teil nicht mal in Russland gespielt.
Wird Glasunow in Russland gespielt?
Vielleicht ist der Name in Russland ein bisschen bekannter als außerhalb. Aber seine Klaviermusik wird nie gespielt. Und der Grund ist vermutlich, dass sie unglaublich unpianistisch geschrieben ist. Sie macht viel Arbeit. Aber sie ist wunderschön. Ich glaube, die meisten Komponisten waren und sind sehr egozentrisch. Sie wollen Symphonien schreiben mit hunderten Menschen auf der Bühne, sie wollen als Innovatoren gelten. Glasunow war definitiv ein Symphoniker. Aber seine Symphonien werden nicht mehr gespielt, sie haben den Test der Zeit nicht bestanden. Seine Klaviermusik, zumindest die Stücke, die ich aufgenommen habe, sind so etwas wie Aphorismen, Notizen in einem Tagebuch. Sie sind nie entdeckt worden. Aber sie sind wunderschön. Ich hatte am Moskauer Konservatorium mal eine Stunde mit Nikolai Luganski. Er setzte sich ans Klavier und begann zu spielen. Und ich dachte mir, was ist das? Ein unbekannter Brahms, den man in irgendeinem Archiv entdeckt hat? Nein, es war die erste Sonate von Glasunow. Hinterher ging ich nach Hause und hörte alles von Glasunow, was ich finden konnte.

Medtner gilt als Geheimtipp unter Kennern und als kompliziert und sperrig. Aber das sind die „Vergessenen Weisen“ überhaupt nicht.
Nein, überhaupt nicht. Ich weiß von vielen Musikern, dass sie Medtner lieben. Ich denke, es ist einfach unglaublich interessant, sich mit seiner Musik zu beschäftigen und sie zu lernen – viel interessanter als Rachmaninow. Erstens ist Rachmaninow sowieso überspielt (lacht), aber vor allem gibt es bei vielen seiner Stücke einen klaren Weg, wie man sie interpretieren muss. Ihr Charakter ist klar, es gibt eine starke Tradition – und in der Regel gute Gründe für diese Tradition. Medtner ist anders, Medtner ist offen und polyphon, da ist unendlich viel zu entdecken. Und er ist viel schwieriger zu spielen als Rachmaninow. Das macht ihn so interessant. Aber die „Vergessenen Weisen“ sind sehr zugänglich und leicht. Ich habe den Zyklus gelernt, als ich fünfzehn war, schätze ich. Ich habe damals schon viel im Ausland gespielt und immer versucht, Medtner aufs Programm zu setzen. Kein Veranstalter wollte Medtner. Ich habe den Zyklus ganze zwei Mal in Russland spielen können, bevor ich ihn aufgenommen habe. Ich bin neugierig, was jetzt nach der CD passieren wird. Es ist ein Problem, dass die Veranstalter so wenige Risiken eingehen.
Es ist schon etwas Besonderes, wenn das erste Album unter dem eigenen Namen erscheint, oder?
Wahrscheinlich. (lacht) Ich habe mich nie als „Aufnahmekünstler“ gesehen. Ich liebe es, Entscheidungen im Moment zu treffen und sie nicht zu bewerten während des Konzerts. Musik ist wie der Wind. Sie war vorher nicht da und ist hinterher nicht mehr da. Sie lebt weiter in der Erinnerung der fünfhundert Leute, die im Publikum saßen. Ich mag den Charme des Improvisierten. Ich möchte kein „Statement“ abgeben. Das Aufnehmen war interessant, es hat Spaß gemacht. Aber das war nichts, wovon ich geträumt habe. Ich spiele viele Konzerte, aber mich hat es nie dazu gedrängt, ein Statement über ein Werk in Stein zu meißeln.
Aber dann kam die Sony, und Sie konnten nicht widerstehen.
Ich hatte eben doch die Ideen für ein Programm im Kopf, und mit diesem Team hat es perfekt gepasst. Ich habe gesagt, ich will nicht das zweite Klavierkonzert von Rachmaninow aufnehmen. Aber wenn ich das Programm machen kann, das mir vorschwebt, dann bin ich dabei!
Durch das Streaming geht ja die Idee eines durchkomponierten Albums verloren. Haben Sie das Programm als Albumkonzept gestaltet? Oder geht es Ihnen eher um die einzelnen Stücke?
Ich habe viele CDs zu Hause, immer wieder geben mir Musiker ihre CDs. Aber ich habe keinen CD-Player! (lacht) Ich denke, wenn man die beiden CDs andersherum hört, erst Rachmaninow, dann Medtner, macht das keinen Unterschied. Wir leben in der Streaming-Ära, und wenn ich einen Mix auf Spotify höre, kann ich das auch genießen. Die Playlists sind einfach die Realität heute! Und dann wiederum muss ich sagen, dass ich die „Vergessenen Weisen“ auch deshalb so mag, weil der Zyklus perfekt gebaut ist. Er stellt die Motive im ersten Satz, der Sonata reminiscenza, vor und entwickelt sie in den folgenden sieben Stücken weiter.
Sie sind gerade sehr viel unterwegs. Wie erleben Sie diese Phase, wo ein großes Debüt auf das andere folgt?
Ich genieße das. Ich hatte fast zwei Jahre kaum Konzerte, das war seltsam. Ich habe mit zehn, elf Jahren angefangen, in den großen Sälen und mit großen Orchestern zu spielen, aber das brach dann plötzlich ab, als ich nach Deutschland kam. Erst jetzt geht es wieder los, und deshalb freue ich mich über die Reisen, die Debüts, neue Leute kennenzulernen.
„Ich fühle mich sehr wohl auf der Bühne. Das Klavier gibt mir ein Gefühl der Sicherheit.“
Kam der Bruch durch Corona?
Erst kam Corona, das betraf alle Musiker. Dann fing der Ukraine-Krieg an. Mir wurden dreißig Konzerte abgesagt. In Amerika, in Europa, überall.
Weil Sie Russe sind?
Ja, alle hatten Angst und wussten nicht, wie sie damit umgehen sollten. Das war keine freiwillige Pause. Dadurch flog ich aus der Routine raus, ich kam nach Berlin und musste mir Gedanken machen, wie mein Leben weitergehen sollte. Das war im Endeffekt sehr gut und hat mir Energie gegeben, eine neue Karriere zu starten. Jetzt reise ich wieder viel und genieße es.
Sind Sie wegen des Krieges hergezogen, oder wären Sie auch so nach Berlin gekommen?
Ich wollte immer die Welt sehen. Aber ich war nie stark genug, den Schritt zu gehen. Ich glaube nicht, dass ich ohne den Krieg aus Moskau weggezogen wäre. Als der Krieg begann, war ich auf Tournee in Amerika. Ich dachte, das ist ein Zeichen, ich sollte nicht nach Russland zurückgehen. Ich war für ein paar Wochen in den USA, ich war ein paar Wochen in Paris und dann ein paar Wochen in Berlin. Ich hatte keine Konzerte, ich hatte kein Geld. Das war schräg. Schließlich bin ich in Berlin geblieben, weil die Barenboim-Akademie mir geholfen hat mit einer Wohnung und dem Visum. Und dann hab ich gemerkt, wie viele Musiker hier in der Stadt sind. Man kann es gut aushalten hier.
Aber Ihre Familie ist in Moskau geblieben?
Ja, wir sehen uns manchmal in der Türkei.
Valery Gergiev war einer Ihrer Mentoren. Haben Sie mit ihm noch Kontakt?
Nein, alle Kontakte nach Russland sind abgebrochen, außer zu meiner Familie und meiner ersten Lehrerin. Es gibt nicht viel zu reden. Es hängen so viele Themen in der Luft, über die man nicht sprechen kann. Unsere Leben haben sich weit voneinander entfernt. Es ist traurig. Moskau ist eine europäische Stadt, es ist Teil des europäischen Kulturraums. Jedes Mal, wenn ich nach Amerika reise, denke ich, dass der Unterschied zwischen Europa und Amerika viel größer ist als der zwischen Westeuropa und Russland. Aber jetzt sind alle Verbindungen abgebrochen.
Wieso haben Sie eigentlich so früh mit der Musik angefangen? Ihre Eltern waren ja keine Musiker.
Es gab gleich neben unserem Haus eine kleine Musikschule, meine Mutter brachte mich eines Tages dorthin. Das war noch irgendwie ein Überbleibsel der sowjetischen Tradition. Zu Hause hatten wir ein sehr altes Klavier der Marke Lirika, das noch von meinem Großvater stammte und nie gestimmt wurde, auf dem habe ich zehn Jahre lang gespielt. Ich hatte sehr viel Glück mit dieser Schule und der Lehrerin, wir wurden beide später auf die Gnessin-Schule eingeladen. Dass man nur einen Lehrer hat, der einem Noten beibringt und das ganze Kernrepertoire, ist sehr selten, ich hatte fünfzehn Jahre lang Unterricht bei derselben Lehrerin. Jetzt habe ich sie einige Jahre nicht mehr gesehen. Aber wenn ich ein neues Programm erarbeitet habe, schicke ich es ihr und höre wenigstens ihre Stimme.

War die Musik von Anfang an Ihre große Liebe?
Nein, ich habe gar nicht richtig mitbekommen, was passiert. Meine Mutter brachte mich zweimal pro Woche zur Schule. Ich erinnere mich, dass ich einen Wettbewerb gewonnen habe, und plötzlich hatte ich einen Konzertkalender mit vielen Terminen und Rezitalen, La Scala, Philharmonie de Paris, Mariinsky … Und ich hatte überhaupt keine Zeit, über mein Leben nachzudenken. Ich musste dauernd neues Repertoire lernen. Ich war zufrieden, ich hab das nie infrage gestellt. Ich hatte auch keine Wahl, ich musste üben, Konzerte spielen, reisen, mich verbessern … Insofern war es gut, dass dieser Bruch durch Covid und den Krieg kam. Ich hatte Zeit, nachzudenken und mich zum ersten Mal wirklich bewusst für den Weg eines Musikers zu entscheiden.
Im Konzert wirken Sie, als würden Sie sich am Klavier sehr wohlfühlen.
Ich fühle mich sehr wohl auf der Bühne. Und im Probenraum. Wohler als anderswo. Das Klavier gibt mir ein Gefühl der Sicherheit. Ich bin wie in einem geschützten Raum. Und ich habe zugleich die totale Kontrolle über den Raum. Ich bin nicht nervös, weil ich die Kontrolle habe über das, was passiert. (lacht) Ich liebe es, Klavier zu spielen. Pianist zu sein, ist ein einsamer Beruf, das muss man akzeptieren. Man übt allein, man reist allein, ich habe viele einsame Abende in Hotels. Aber für mich ist das völlig okay.
Habe ich das richtig verstanden: Sie genießen das Klavierspielen, egal ob Publikum da ist oder nicht?
Ja, ich erschaffe mir den Raum am Klavier, egal ob Publikum da ist oder nicht. Wenn Publikum da ist, nehme ich es mit in meinen Raum. Es ist mein Konzert, es gelten meine Regeln, denen muss das Publikum folgen. Nicht in dem Sinne, wann sie klatschen sollen oder nicht, sondern ich gebe mit der Musik die Gefühle vor. Und das müssen sie akzeptieren. (lacht)
Das heißt, Sie spielen lieber Soloabende als mit Orchester?
Ich habe viele schöne Erinnerungen an Konzerte mit Orchestern, und ich hatte wunderbare Erlebnisse mit Dirigenten. Aber es bleibt immer ein Gefühl des „Amateurhaften“, wenn man mit einem Orchester spielt. Selbst mit dem größten Dirigenten und dem größten Orchester – man hat nie genug Zeit zum Proben. Immer hat irgendein Musiker einen schlechten Tag und versiebt sein Solo. Ein perfektes Konzert gibt es nicht. Je weniger Leute auf der Bühne sind, desto geringer ist die Gefahr, dass was schiefläuft. In diesem Sinne ist das ultimative Genre das Klavierrezital. Kammermusik macht Spaß. Orchesterkonzerte können auch unglaublich erfüllend sein. Aber meist geht doch irgendwas schief. Das muss man akzeptieren. Irgendwie fühlt es sich immer wie Urlaub an, wenn man mit Orchester spielt. Ich weiß noch, das erste Mal, dass ich mit einem Orchester gespielt habe, das war einfach nur das Gefühl einer großen Welle von Energie, die dich mitreißt. Man wird Teil von etwas Größerem, das ist irgendwie eine kommunistische Idee – alle machen dasselbe im Dienst der Musik. (lacht) Das ist ein cooles Gefühl.
„Kein Dirigent kann behaupten, er hat die Kontrolle darüber, wie der Hornist sein Solo spielt.“
Aber Sie sind im Grunde nur der Gast für eine halbe Stunde im Orchester, während Sie im Rezital der Gastgeber des Abends sind.
Absolut, man hat überhaupt nicht die Kontrolle. Niemand hat die Kontrolle. Bei allem Respekt, Dirigent ist ein Hochstaplerberuf. (lacht) Kein Dirigent kann behaupten, er hat die Kontrolle darüber, wie der Hornist sein Solo spielt oder der Oboist. Natürlich nicht. Aber wenn man akzeptiert, dass man eigentlich nur sehr wenig unter seiner Kontrolle hat, dann macht es Spaß.
Jetzt kommt die Phase, wo Sie zum zweiten oder zum dritten Mal mit bestimmten Orchestern und Dirigenten zusammenarbeiten.
Meine Lieblingsmomente aus vielen Konzerten sind die Vorbesprechungen mit den Dirigenten. Manchmal dauern sie fünf Minuten, manchmal mehrere Stunden. Ich sehe meine Interpretation eines Solokonzerts als die Summe der gemeinsamen Erfahrung mit allen Dirigenten, mit denen ich gespielt habe. Jeder Dirigent, mit dem ich gespielt habe, hat seinen Stempelabdruck hinterlassen. Besonders einprägsam natürlich die Dirigenten, mit denen man eine Tournee gespielt hat. Rachmaninow drei habe ich mal mit Michael Tilson Thomas gespielt. Wir hatten ein dreistündiges Vorgespräch. Und jedes Mal, wenn ich jetzt das Konzert spiele, spüre ich Michael Tilson Thomas. Ein bisschen wie Frankenstein. Aber ich mag das, es ist wie ein Erinnerungsalbum, in dem ich blättere. Deshalb komme ich gern zu Orchestern und Dirigenten zurück. Es ist auch ein soziales Erlebnis. Ein Rezital ist kein soziales Erlebnis. (lacht) Besonders hier in Deutschland habe ich begonnen, mehr Kammermusik zu spielen und mehr mit Orchestermitgliedern zu sprechen. Das hilft auf der Bühne, wenn man eine gewisse Verbindung aufgebaut hat.
Eine letzte Frage muss ich stellen: Sie haben eine sehr besondere Art, am Klavier zu sitzen. Sie sitzen sehr niedrig und ganz auf der Kante der Klavierbank, dass man immer Angst hat, Sie rutschen runter oder die Bank rutscht nach hinten.
Wenn ich irgendwo zur ersten Probe komme, lautet meine erste Frage immer: Wo ist der niedrigste Klavierhocker, den ihr habt? Es ist schön, dass Brad Mehldau so viele Konzerte gibt, denn wenn ich weiß, dass er mal in der Stadt war, dann weiß ich, es gibt eine Klavierbank mit abgesägten Beinen. Es ist einfach so: Wenn man jeden Tag Konzerte spielt, dann muss man eine Position finden, die am wenigsten Schmerzen in den Rücken bringt und am wenigsten Anstrengung in den Nacken.
Aber Sie sitzen nicht nur niedrig, Sie sitzen auch ganz auf der Kante.
Da brauche ich am wenigsten Zeit, um das Gewicht zu verändern, das ich auf meine Finger gebe. Ich brauche nicht alles Gewicht auf meinen Fingern, aber ich brauche die Möglichkeit, all mein Gewicht auf meine Finger zu geben. Und in diesem Sinne möchte ich auch möglichst wenig Gewicht auf meinem Po haben. (lacht) Da steckt keine Philosophie hinter. Das ist einfach die beste Position, die ich im Laufe der Jahre gefunden habe. In meinem Klavierraum habe ich drei Klavierbänke. Eine normale Bank, eine, die ich wie Brad Mehldau in der Tischlerei abgesägt habe, und einen normalen Stuhl, auf dem ich meist übe. Denn wenn man mit Noten übt, tut es meist im Nacken weh.
Im Nacken?
Weil ich niedrig sitze und stundenlang hochgucken muss zu den Noten. Im Konzert spiele ich ohne Noten, da ist das kein Problem.
Aber die Klavierbank ist Ihnen noch nie weggerutscht?
Natürlich nicht, das hab ich alles unter Kontrolle. Da müssen Sie sich keine Sorgen machen. (lacht)


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