Interview & Porträt

Im eigenen Fluss

Von
Johannes Schmitz
Foto: Michael Reinicke
Foto: Michael Reinicke

Mit dem Erscheinen Carmen Stefanescus stellen sich grundlegende Fragen an die Funktionsweise unseres Klassikbetriebes. Die Antworten werden sich mit der Zeit einstellen – mit den Möglichkeiten oder Unmöglichkeiten, die der Pianistin auf ihrem weiteren Weg begegnen werden. Angst macht ihr das nicht. Mit Disziplinarverfahren und Tribunalen kennt sie sich bereits aus. Vom Gymnasium in Aachen drohte der Rauswurf, da ihr Freiheitsdrang, verstärkt durch eine existenzielle Gesundheitskrise, ihr die weitere Unterordnung unmöglich machte. So schildert sie es retrospektiv. Also entschied sie, selber zu gehen.

Einem Sehnsuchtstrip nach Italien, wo man sie aussetzte, da die Arzttochter die pekuniären Erwartungen der Mitreisenden nicht erfüllte, folgte die Rückkehr – und die (natürlich, wie man vielleicht einmal sagen wird) erfolgreiche Aufnahmeprüfung an der Musikhochschule in Aachen. Hauptfach Klavier. Aber: „Ich wollte damals mehr feiern als üben.“ Auch hier also drohender Rauswurf. Und auch hier die Wahrung der Freiheit durch eigene Entscheidung, Exmatrikulation auf eigenen Wunsch. Es mag hier leserseitig gerümpfte Nasen geben. Solche Chancen! Solcher Verrat an der heiligen Musik (= Klassik)! In unserem Gespräch, geführt passenderweise an der Aachener Straße ihres Wohnortes Köln, ergibt sich nicht der Eindruck einer Leichtfertigkeit. Und wenn, dann höchstens in dem Sinn der Fertigkeit, das Leben nicht zu schwer zu nehmen.
Und um auf die grundlegenden Fragen unseres Klassikbetriebes zurückzukommen: Aus Carmen Stefanescus Künstlertum spricht die Lebenslust. Die Kunst als Freundin des Lebens. Als Sinn und Sinnlichkeit. Die Gesprächspartnerin im Kölner Café und die Pianistin der beiden beim Label Prospero veröffentlichten CDs sprechen in dieser Hinsicht dieselbe Sprache.
Debussy, der Komponist, zu dem sie sich am meisten hingezogen fühlt, bildet einen Schwerpunkt der jüngsten Veröffentlichung „Shapes of Water“, das Wasser in seinen unterschiedlichen Gestaltungsformen. Es fallen die Grundwärme des Klaviertons sowie in der Aufnahme- und Abmischtechnik auf. Es ist ein Zugang zu Debussy, der nicht bei der Beschreibung des Bildes stehen bleibt, sondern die Pianistin als emotional beteiligte Rezipientin versteht und ihr die eigene Sicht und eigene Empfindung zugesteht, die eigene Erzählung. Mehr Rubinstein als Benedetti Michelangeli sozusagen.

Debussy bildet einen Schwerpunkt in der jüngsten Veröffentlichung „Shapes of Water“

Den Ersten verehrt sie ohnehin von klein auf, den Zweiten verteidigt sie gegen den Verdacht der kultivierten Kühle so: „Benedetti Michelangeli ist für mich ein Faszinosum. Obwohl ich sonst jemand bin, der sich sehr gern berühren lässt. Er berührt durch seine absolut fehlende Emotionalität. Er interpretiert objektiv. Er erzählt einfach das Bild und legt keine eigene Emotion hinein. Und das berührt mich verrückterweise ganz extrem. Ich sehe ihn auch nicht als Vorbild. Meine Art, Debussy zu spielen, ist eine ganz andere. Aber ich liebe seine Interpretationen – besonders den langsamen Satz im zweiten Ravel-Klavierkonzert.“
Den könnte man sich aber auch sinnlicher ausformuliert vorstellen. Vielleicht bekommt Carmen Stefanescu ja die Chance. „Dass man mit Klang malt, dass man Linien führt, dass man Farben hat im Spiel, das ist das A und O, das macht das Klavierspiel aus“, beschreibt sie ihr Tätigkeitsprofil.
Auf diesem Weg ist ihr Steinway-Flügel ihr liebster Gefährte geworden. Auch wenn sie für den Bechstein-Klang viele lobende Erwähnungen findet, Blüthner als Liedbegleitungsinstrument schätzt und auch mit Fazioli gute Erinnerungen verbindet. Auch bei Instrumenten gilt: Keins ist wie das andere, und die Qualität kann auch innerhalb derselben Marke variieren.
Der Klang macht die Musik, wenn man so an die Musik herangeht wie Carmen Stefanescu. Und diese Klangvorstellung für jedes Stück beim Lesen und Lernen eigens zu finden, ist die immer neue Aufgabe.
Auf den beiden Alben, die sie bisher für Prospero gemacht hat, ist der Klang denn auch der konstituierende Einstiegsgedanke: „The Voice of Piano“ und „Shapes of Water“. Das sind schon in der Programmatik Fragen an den Klang, Herausforderungen für das pianistische Sensorium. Die Nachempfindung der Möglichkeiten der menschlichen Singstimme, das im Wesenskern aus der Melodie geborene Lied, das ist auch die Vermeidung der großen Form, das ist eine zumindest temporäre Absage an die Selbstbestätigung im Geist der Beherrschung ausufernden Materials, ein Ausweichen vor der Strenge, wie sie bei Beethoven und Bach leicht dominant werden können. Beethoven und Bach? „Dafür gibt es viele fantastische Pianistinnen und Pianisten“, bescheidet Carmen Stefanescu den Frager. Keine Eile also.

Bei Spotify hat „The Voice of Piano“ die Millionengrenze fast geknackt


Und damit sind wir wieder bei den Fragen nach der Funktionsweise des Klassikbetriebes. Eine wichtige Antwort haben die Hörer (neudeutsch: Nutzer) bereits gegeben. Bei Spotify hat „The Voice of Piano“ die Millionengrenze bei den Abrufen fast geknackt. Ein Erfolg, der das Label dazu ermutigt haben mag, auch das Wasser-Album zu machen.
Bei den Konzertveranstaltern hingegen herrscht noch Ebbe. Und das kann eigentlich nur daran liegen, dass die in Rumänien geborene Musikerin sich bereits im sechsten Lebensjahrzehnt bewegt und nicht vom Wunderkindalter oder wenigstens vom „Cool – der Teenie spielt ja toll Klavier“-Alter an aufgebaut werden konnte.
Es ist eine Lebensgeschichte, die sich nicht leicht vermarkten lässt. Und das „Schlimmste“ wurde hier noch gar nicht berichtet: Nach dem Schmiss als Jungstudentin an der Musikhochschule tourte sie rund zehn Jahre als Keyboarderin in Bands – Rock, Pop, Reggae – durch die Lande, auch die Niederlande. Davon konnte sie leben, auch wenn sie mal im Auto schlafen musste und keine Garderobe zum Umziehen hatte.
Das war nicht nur angenehm. Und das Entscheidende: „Ich habe mein Klavier sehr vermisst. Das habe ich mir aber nicht zugestanden. Denn dann hätte ich mir eingestehen müssen, dass dieser Weg mich nicht unbedingt zu einem erfüllten Leben führen würde.“
Die Klaviermusik spielte daher auch in dieser Zeit als Sehnsuchtsort eine Rolle. Über ihr Bechstein-Klavier (das sie später bei einem Hausbrand verlor) hielt sie den Kontakt zur Klangwelt Debussys. Aber als Pianistin öffentlich aufzutreten, hätte sie sich zu dieser Zeit nicht getraut. „Ich fand mich pianistisch so schlecht, ich habe mich vor mir selber geschämt.“
Den Verfechtern der hohen heiligen Kunst mag das Genugtuung spenden: Die Anziehungskraft der klassischen Musik war so stark, dass Carmen Stefanescu ihren Lebensfluss wieder zurücklenkte und sich das Klavier wieder die ihm gebührende Stellung im Leben der Pianistin zurückeroberte. Über Weill, Hollaender und Eisler, aber am Ende wieder in die Arme der Musikhochschule in Aachen. Denn die Altersbegrenzung für die Aufnahme des Studiums war mittlerweile richterlich gekippt, und so konnte sie mit 35 Jahren beginnen nachzuholen, was sie bis dahin den ungeformten Strömen des Lebens überlassen hatte.
Sie schloss das Studium (natürlich, wie man vielleicht einmal sagen wird) mit Bestnote ab. Und mit dem Gefühl: „Ich habe etwas zu Ende gebracht in meinem Leben.“ Danach entwickelte sich langsam das Leben einer Pianistin, die in Kammermusik und Unterricht, im Weiterlernen und Weiterentwickeln geduldig bleibt. Und das die beruhigende Erkenntnis reifen ließ: „Ich glaube, ich brauche für alles etwas mehr Zeit als andere.“
Womit wir wieder bei der Frage wären, wie die Klassikbranche mit diesem Lebenslauf umgehen wird. Stromlinienförmig ist anders, und für die Beschleunigung im PR-Windkanal mit Turbokarriere ist es eh schon längst zu spät. Die Vergleiche mit prominenten Kolleginnen sind somit obsolet. Zumal ihre Kleider viel zu farb- und formbewusst designed sind. Und für (karriere-)stimulierendes Wolfsgeheul ist ihre Liebe zum Klang der Musik zu groß.
Aber da sind ja ihre beiden Solo-CDs. Und das Konzept für die nächste steht auch bereits. Auch hier wieder mit dem (Klang-)Sinn für die Wege des Lebens, die nicht formal einzementiert sind. Denn: Alles fließt. Und wer weiß schon, wohin das alles führt?