Musik und nicht nur Technik
Der Geiger Nemanja Radulović über Prokofjew, die Kunst im Krieg und das mühsame Erlernen von Ironie

Für Nemanja Radulović sind Musik und Gemeinschaftsgefühl untrennbar miteinander verbunden. Schon als Kind hat der 1985 in Serbien geborene Geiger die einende Kraft der Musik erfahren, und bis heute versucht er, diese in seinen Konzerten heraufzubeschwören. Nach ersten Ausbildungsjahren in Serbien führte ihn sein Weg über Saarbrücken ans Konservatorium in Paris, wo er bis heute lebt. Als er 2006 für Maxim Vengerov einsprang, gelang ihm der internationale Durchbruch. Seitdem gastiert Radulović mit den führenden Orchestern der Welt und geht zudem mit seinem eigenen Kammermusik-Ensemble Double Sens auf Tournee. Dabei widmet er sich dem klassischen Repertoire ebenso wie der traditionellen Volksmusik des Balkans. Mit seinen langen schwarzen Locken und seiner Kleidung im Gothic-Look ist er auf der Bühne auch optisch eine markante Erscheinung. Beim Interview zeigt sich der Vierzigjährige als ausgesprochen nahbarer und emotionaler Gesprächspartner, dem kaum etwas mehr zu bedeuten scheint als die intuitive Verbindung zum Publikum durch die Musik.
Herr Radulović, im Booklet-Text Ihres neuen Albums schreiben Sie, dass Sie sich in Ihrer Interpretation immer näher an die „Wahrheit“ von Prokofjews Musik herantasten. Was meinen Sie damit?
Es geht mir dabei um die Einfachheit, um die Konzentration auf den Kern seiner Musik. Während es bei Brahms zum Beispiel oft verschiedene Deutungsweisen gibt, empfinde ich es bei Prokofjew als unmissverständlich, was er jeweils wollte und was er erzählen möchte mit seiner Musik. Letztlich behandelt er zutiefst menschliche Facetten unseres Lebens.
Wie setzt Prokofjew die in Klänge um?
Das ist absolut faszinierend. Denn wenn man sich die Partitur anschaut, ist das Notenbild hochkomplex und alles andere als einfach zu lesen. Entsprechend viel muss man analysieren und üben. Aber ab einem gewissen Punkt wird seine Musik vollkommen klar in ihrem Wechsel der Charaktere, der Emotionen und Stimmungen. Ich denke, diese Einfachheit inmitten einer extremen Komplexität macht einen großen Komponisten aus. Und es macht schlicht riesigen Spaß, seine Werke zu spielen.
Fühlen Sie sich Prokofjew denn persönlich nahe?
Prokofjew war schon immer Teil meines Lebens, und ich liebe seine Musik. Mit elf habe ich seine Solosonate gespielt, mit zwölf sein zweites Violinkonzert erarbeitet, von daher ist er mir sehr vertraut. Gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass wir extrem unterschiedlich sind.
Also keine Seelenverwandtschaft?
Eher im Gegenteil. Was mich am meisten herausgefordert hat, war das Erlernen von Ironie. Ich bin selbst überhaupt kein ironischer Mensch, aber Prokofjews Musik ist extrem ironisch. Um sie spielen zu können, musste ich wie ein Darsteller am Theater lernen, wie ich diesen Ausdruck erreiche. Das war extrem spannend. Es ist faszinierend, wie schnell Prokofjew die Stimmungen wechselt und wie er innerhalb von nur wenigen Takten von einem Zustand absoluter Liebe in die blanke Ironie gehen kann. Das ist einfach brillant. Bei anderen Komponisten denke ich viel über Klangfarben nach. Aber bei Prokofjew stehen für mich die verschiedenen Charaktere im Zentrum, die in der Musik auftauchen.
Sie haben sich in der Vergangenheit auch intensiv mit Bach und Mozart beschäftigt. Hat Ihnen das bei Prokofjew geholfen?
Ich erkenne tatsächlich eine Verbindung zu Mozart. Nicht was die Musik selbst anbelangt – Mozarts Tonsprache ist viel universeller als die von Prokofjew. Aber die Art und Weise, wie die beiden Komponisten die Charaktere wechseln und von einer Emotion zur anderen springen, ist ähnlich.
„Die Kraft der Gemeinschaft und der Musik ist unglaublich groß. Daran glaube ich.“
Für Ihr neues Album haben Sie ganz unterschiedliche Stücke ausgewählt, vom zweiten Violinkonzert über die Solosonate in D-Dur bis hin zu Arrangements der Ballettmusiken. Warum?
Ich wollte ganz verschiedene Seiten von Prokofjew zeigen, und es war ein langer Prozess, bis das endgültige Programm feststand. Die Solosonate gleicht für mich einem oft zärtlichen Zwiegespräch mit den eigenen dunklen Seiten. Auch die Sonate für zwei Violinen, die ich gemeinsam mit Johan Dalene eingespielt habe, ist wie ein intensiver Dialog komponiert. Ganz anders sind die zauberhaften Fünf Melodien und die Arrangements von „Romeo und Julia“ und „Cinderella“. Das ist der Prokofjew meiner Kindheit, der hier erklingt. Und dann ist da natürlich sein zweites Violinkonzert.
Das haben Sie schon im Alter von zwölf Jahren aufgeführt. Wie haben Sie sich dieses hochkomplexe Werk als Kind erschlossen?
Ich erinnere mich, dass ich damals schon diese angstvolle Atmosphäre gespürt habe, die im ersten Satz im Orchesterpart liegt. Ich war überwältigt davon. Es war die Zeit der Balkankriege, und meine Mutter meinte: Vielleicht findest du eine Verbindung zwischen dieser Musik und dem Zustand in unserem Land. Über dieses Gefühl denke ich auch heute viel nach, gerade der erste Satz ist erschreckend aktuell.
Was ist das für ein Gefühl?
Ich empfinde die Musik als extrem dunkel, als Reflexion dessen, was wir gerade erleben. Prokofjew thematisiert hier weniger die Angst um das eigene Leben als vielmehr die Angst vor etwas Zerstörerischem von außen. Was es so beängstigend macht, ist, dass du nicht weißt, was passieren wird. Da ist zwar eine kleine Hoffnung in dir, aber sie wird weggespült von der Furcht. Viele Menschen sind heute angesichts dieser Ungewissheit depressiv, und die Stimmung ist explosiv in der Gesellschaft. Bei Prokofjew kommt nach der Düsternis dann auf einmal die Liebe und überwältigt einen schier. Im zweiten Satz muss ich immer an Mozart denken in seiner Reinheit. Und das Finale ist eine spanische Party, ein Tanz voller Leidenschaft, der Mut macht.

Sie haben bereits als kleines Kind den Krieg erlebt. Spielt diese Erfahrung für Sie bis heute eine Rolle in dem, was Sie tun?
Mich hat das sehr geprägt, und ich bin umso dankbarer, wie ich heute leben darf. Als Kind habe ich schreckliche Dinge gesehen, der Krieg und das Sterben waren ganz nah. Aber ich verbinde auch extrem positive und schöne Erinnerungen mit dieser Zeit. Im Angesicht der Katastrophe waren die Menschen so eng miteinander verbunden und haben sich gegenseitig unterstützt. Ich erinnere mich noch an einen Tag, an dem der Strom ausfiel und alle Läden leer waren. Da haben wir mit unseren Nachbarn im Mietshaus kurzerhand ein großes Grillfest organisiert, alle haben ihre letzten Reste aus den Wohnungen zusammengetragen und miteinander gefeiert und musiziert. Damals habe ich gemerkt: Die Kraft der Gemeinschaft und der Musik ist unglaublich groß. Daran glaube ich bis heute.
Wir leben in politisch und gesellschaftlich sehr angespannten Zeiten. Welche Macht hat da noch die Musik?
Wissen Sie: Wenn ich auf der Bühne stehe, habe ich keine Ahnung, wer gerade im Publikum vor mir sitzt, ob wir eine ähnliche Einstellung haben oder ähnliche Werte. Und das ist auch richtig so. Ganz gleich, wo ich bin – ich möchte mit den Menschen etwas teilen, was wunderschön ist: Musik voller Emotion, Liebe und Freude. Ich glaube fest daran, dass solch ein Erlebnis die Menschen verändern kann. Die Zeiten sind gerade sehr schwierig, und oft gibt es kaum mehr Kommunikation zwischen den Menschen, alle sind extrem unter Spannung. Wenn du derart angespannt bist, werden deine Muskeln fest und du atmest nicht mehr frei. Die Musik und letztlich jede Art von Kunst können hier helfen. In dem Moment, in dem Menschen sich verbinden und etwas Gutes teilen miteinander, wird spürbar, was wirklich wichtig und menschlich ist. Ich erinnere mich noch sehr intensiv an ein Konzert in Paris direkt nach den Anschlägen dort am 13. November 2015. Ich habe mich ganz schrecklich gefühlt an diesem Tag, wir hatten gerade erst gehört, was passiert ist, und es war unglaublich schwer, damals auf die Bühne zu gehen. Doch als das Konzert begann, waren mit einem Mal alle Menschen im Saal miteinander verbunden.
Auch wenn am Ende die Emotion steht und die Verbindung zu den Menschen, am Anfang steht die Erarbeitung des jeweiligen Werks. Wie gehen Sie dabei vor?
Als Erstes lese ich den Notentext und arbeite ihn intensiv durch, dann geht es ans Üben und darum, hinter der Komplexität jene Einfachheit zu entdecken, von der ich gesprochen habe. Dabei ist es wichtig, sich nicht zu sehr auf die Technik zu fokussieren. Als junger Geiger musste ich das erst lernen. Als ich einmal Paganini geübt habe, bin ich an einer bestimmten Stelle fast verzweifelt, weil ich übte und übte und sie einfach nicht funktioniert hat. Ich habe meinen Lehrer angerufen, und er meinte nur: Leg die Geige weg, stell dich unter die Dusche und singe die Stelle. Ich dachte, ich höre nicht recht. Aber es hat funktioniert! Danach hat die Stelle auf der Geige plötzlich geklappt! Der Punkt war: Ich hatte vergessen, dass das Ganze Musik ist und nicht nur Technik. Im besten Fall hat man vor einem Auftritt extrem viel gearbeitet und geübt. Und dann spielt man im Konzert so, als wäre es das erste Mal. Perfektionismus schadet hier eher.
Wie meistern Sie diese Gratwanderung zwischen Perfektion und Intuition?
Das ist ein Prozess. Als Interpreten haben wir heute, auch durch die perfekte Aufnahmequalität, einen extrem hohen Anspruch. Als geschulter Musiker geht man ja ohnehin sehr intellektuell an die Werke heran, analysiert ihre Struktur und die Ideen dahinter. Aber manchmal geht dabei die Intuition und der Charme verloren. Das habe ich selbst erlebt: Ab einem gewissen Punkt habe ich begonnen, viel zu viele Fragen zu stellen beim Üben. Soll ich diese Stelle so spielen oder so oder wieder anders? Ich hatte das Gefühl, mich intellektuell entscheiden zu müssen, und habe dabei die Intuition aus dem Blick verloren. Das hat sich zum Glück gewandelt, als ich vor acht Jahren Vater geworden bin. Das war eine riesige Veränderung und hat mich wieder sehr verbunden mit meiner eigenen Intuition und meiner kindlichen Seite. Die Beziehung zu meiner Tochter ist die ehrlichste und engste Bindung überhaupt, und ich lerne unendlich viel von ihr – auch für die Musik. Durch das Vaterwerden habe ich die Einfachheit wiederentdeckt.


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