Musikgeschichte

Präzision, Kraft und Melodie

Von
Tom Reinhold
Erschienen in der Printausgabe im
Mai 2026
Lesezeit ca.
Minuten
Herbert von Karajan mit den Berliner Philharmonikern, 1973. Foto: Lauterwasser / Karajan-Archive
Herbert von Karajan mit den Berliner Philharmonikern, 1973. Foto: Lauterwasser / Karajan-Archive

Die Berliner Philharmoniker legen im Eigenlabel die dritte große Box mit den gesammelten Radioaufnahmen ihrer früheren Chefdirigenten vor; nach Wilhelm Furtwängler und der Karajan-Zeit bis 1969 sind nun auf zwanzig CDs alle für den RIAS und den SFB mitgeschnittenen Konzerte Karajans aus den Siebzigerjahren enthalten. Mit einem Handelspreis von 270 Euro ist die aufwendige Box angemessen bepreist. Die Aufnahmen sind durchweg in Stereo und hervorragend remastert; wie in der Vorgängerbox wurde der Schlussbeifall eliminiert, was Live-Mitschnitten leider etwas der Originalatmosphäre raubt. Wiederum ist auch ein ausführliches Buch dabei, das neben lesenswerten Erinnerungen des großen Karajan-Biografen Richard Osborne erneut gnadenlose Analysen der Konzerte von Peter Uehling enthält, denen man als Rezensent nicht viel hinzufügen kann.

Bereits Karajans Programmierung verdient Beachtung: Karajans Konzerte sind auffallend kurz (Strauss’ „Metamorphosen“ und „Zarathustra“ mit netto unter einer Stunde Spielzeit muss man sich erst mal trauen!) und folgen fast nie der traditionellen Konzertfolge, sondern stellen oft zwei Werke monolithisch gegenüber, was erstaunlich gut funktioniert. Gastsolisten sind selten dabei, dafür sind zahlreiche Philharmoniker solistisch hören. Die meisten Werke hat Karajan auch im Studio eingespielt, und erneut zeigen sich insgesamt geringe Abweichungen; in den Live-Konzerten ist das Blech oft ruppiger und mächtiger (z. B. bei Dvořáks neunter oder Tschaikowskys fünfter Symphonie), es gibt ganz selten kleine sympathische Patzer (etwa die Trompete zu Beginn der „Bilder einer Ausstellung“ und – ganz wunderbar – Agnes Baltsa, die im „Lied von der Erde“ vom Abgesang in die Ewigkeit so ergriffen ist, dass sie mehrere Takte nachhängt). Generell gelingen Karajan die Stücke seines Kernrepertoires (Strauss, Brahms, Bruckner) alle ähnlich herausragend. Einige wenige Werke, die Karajan in dieser Zeit oft gespielt hat, wurden leider nicht im Radio gesendet und fehlen – etwa Mahlers sechste oder Honeggers dritte Symphonie.

„Schwache“ Aufführungen gibt es nicht, wer würde das auch ernsthaft  von Karajan erwarten?

Besonders spannend sind natürlich die bisher nicht auf Tonträger verfügbaren Werke, und das sind drei: Von Gerhard Wimberger hören wir „Plays“, ein viersätziges Stück mit Bläsern und Schlagzeug, das für die Zwölf Cellisten der Berliner Philharmoniker geschrieben wurde, die erste Kammermusikformation, die sich aus dem Orchester herausgelöst und es zu Weltruhm gebracht hat. Das Capriccio für Violine und Orchester von Penderecki hat es schon mit anderen Interpreten zu diskografischen Ehren gebracht; Leon Spierer spielt es energiegeladen und kraftvoll. Und vom Pauker Werner Thärichen gibt es „Batrachomyomachia“, ein überaus skurriles Stück, das auch als „Paukerkrieg“ bekannt geworden ist. Von dem gab es bislang nur Ausschnitte auf Youtube zu finden, und ich war sehr gespannt, das gesamte Werk endlich zu hören. Thärichen hat das Stück als Antwort auf Karajans Frotzeleien, sein Kollege Oswald Vogler könne lauter spielen als er, geschrieben. Am Ende war ich etwas enttäuscht; bis der Paukerkrieg ausbricht, vergeht eine lange Viertelstunde, in der ein Bariton Fantasiegriechisch singt und die Schlagzeuger interessante Pianoklänge erzeugen, dann ist nach fünf Minuten leider schon wieder Waffenstillstand, ein Chor beglückt uns mit Vokalisen, und so geht es noch eine Viertelstunde weiter. An das Paukengewitter aus Nielsens vierter Sinfonie kommt Thärichen nicht heran, aber da war ich eindeutig mit der falschen Erwartungshaltung gestartet.

Wer nach Stellen sucht, in denen er Karajan „Schönklang“ vorwerfen möchte, hat es nicht leicht. Für mich dominiert ein höchst ausgewogenes Klangbild, bei dem Karajan in vielen Fällen sehr uneitel vor allem das realisiert, was in der Partitur steht. Es ist alles „richtig“, es ist „unpersönlich“ – im besten Sinne des Wortes. Das Orchester klingt immer ausgezeichnet, wuchtig, präzise. Und es sind nur Sekunden, die vielleicht enttäuschen, aber Stunden, die überzeugen. Drei Beispiele: Ein Werk wie Dvořáks achte Symphonie etwa wird unglaublich melodisch, schwungvoll und klangschön gespielt – nur im Finale zu gepflegt. Da gibt es einen dreimaligen prominenten Auftritt der Hörner, die wie eine gut gelaunte Elefantenherde klingen können – doch Karajan hat sie gezähmt und eingeebnet. Das Finale der exquisit gespielten „Bilder einer Ausstellung“ ist ein einzigartiger Fortissimo-Rausch (selbst Karajan schnappt vernehmbar nach Luft, wenn auch nicht so ungezügelt wie Celibidache), doch dann ist in den Schlusstakten die große Glocke kaum zu hören. Und bei Bruckners vierter Symphonie wird in der Mitte des Finales das Hauptthema in einem unvergesslichen Fortissimo der Streicher gespielt – hier ist Karajan im Studio viel ausdrucksvoller und überwältigender.

Herbert von Karajan erweist sich hier ein weiteres Mal als ein Meister der Klangfarben

„Schwache“ Aufführungen gibt es nicht, wer würde das auch ernsthaft erwarten? Nicht unbedingt erste Wahl wäre vielleicht der Mitschnitt des ersten Klavierkonzerts von Tschaikowsky mit Mark Zeltser (den man eigentlich nur aus Karajans Einspielung von Beethovens Tripelkonzert kennt). Karajans Bach ist – natürlich – aus der Zeit gefallen, und das werden manche auch bei Mozart so sehen, doch da mag man sich bei der gelungenen Kombination von Präzision, Kraft und Melodie durchaus die damalige Zeit zurückwünschen. Interessant ist es allemal. Allein die Sinfonia concertante für vier Bläser ist trotz der vorzüglichen Solisten arg bräsig geraten.

Es gibt viel Großartiges, das ausführlich zu würdigen den Rahmen dieser Besprechung sprengen würde. Unbedingt herauszuheben ist der Einsatz von Karajan für Sibelius: Die dunklen Symphonien 4 und 5 werden exemplarisch aufgeführt. Es sind wahrhaft große Symphonien, wie Karajan beweist, selbst wenn er sie nicht an den Schluss seiner Programme stellt – was nachvollziehbar ist, denn das deutsche Publikum tut sich leider seit Adornos unseligem Diktum mit Sibelius generell schwer, in den Siebzigerjahren noch mehr als heute. Auch im ersten Konzert der Edition steht Sibelius im Mittelpunkt, mit dem populären Violinkonzert, das Karajan mit Christian Ferras auch im Studio aufgenommen hat. Sibelius klingt hier gar nicht nordisch kühl, sondern glutvoll und energiegeladen, fast ist es, als ob der Geist Tschaikowskys über ihm schwebt. Das gilt – noch ungewöhnlicher – auch für die beiden anderen Stücke dieses in jeder Hinsicht bemerkenswerten Konzertabends. Wer nur die ersten fünfzehn Sekunden hört, wähnt sich im 20. Jahrhundert – da öffnet sich ein Klangteppich aus Streichern mit einer faszinierenden Dissonanz. Ligeti? Nein, es ist Vivaldi, dessen Sinfonia „Al Santo Sepolcro“ Karajan mit spätromantischer Streicherbesetzung und größter Langsamkeit zelebriert, sodass sich vermutlich alle Verfechter Alter Musik in eine Ohnmacht flüchten möchten. Zum Abschluss gibt es das „Sacre du Printemps“, weniger aggressiv, doch dafür hinreißend schwungvoll und mit flotten Tempi musiziert. Strawinsky ist hier gar nicht so weit von den Balletten Tschaikowskys entfernt, und es bekommt ihm erstaunlich gut. Karajan erweist sich einmal mehr als Meister der Klangfarben, auch die rhythmischen Elemente kommen nicht zu kurz. Nur wer Strawinsky gern barbarisch mag, wird bei Karajan nicht fündig werden. Doch das dürfte grundsätzlich gelten und auch ­Karajans Intentionen entsprechen.

Die Berliner Philharmoniker legen im Eigenlabel die dritte große Box mit den gesammelten Radioaufnahmen ihrer früheren Chefdirigenten vor; nach Wilhelm Furtwängler und der Karajan-Zeit bis 1969 sind nun auf zwanzig CDs alle für den RIAS und den SFB mitgeschnittenen Konzerte Karajans aus den Siebzigerjahren enthalten. Mit einem Handelspreis von 270 Euro ist die aufwendige Box angemessen bepreist. Die Aufnahmen sind durchweg in Stereo und hervorragend remastert; wie in der Vorgängerbox wurde der Schlussbeifall eliminiert, was Live-Mitschnitten leider etwas der Originalatmosphäre raubt. Wiederum ist auch ein ausführliches Buch dabei, das neben lesenswerten Erinnerungen des großen Karajan-Biografen Richard Osborne erneut gnadenlose Analysen der Konzerte von Peter Uehling enthält, denen man als Rezensent nicht viel hinzufügen kann.

Bereits Karajans Programmierung verdient Beachtung: Karajans Konzerte sind auffallend kurz (Strauss’ „Metamorphosen“ und „Zarathustra“ mit netto unter einer Stunde Spielzeit muss man sich erst mal trauen!) und folgen fast nie der traditionellen Konzertfolge, sondern stellen oft zwei Werke monolithisch gegenüber, was erstaunlich gut funktioniert. Gastsolisten sind selten dabei, dafür sind zahlreiche Philharmoniker solistisch hören. Die meisten Werke hat Karajan auch im Studio eingespielt, und erneut zeigen sich insgesamt geringe Abweichungen; in den Live-Konzerten ist das Blech oft ruppiger und mächtiger (z. B. bei Dvořáks neunter oder Tschaikowskys fünfter Symphonie), es gibt ganz selten kleine sympathische Patzer (etwa die Trompete zu Beginn der „Bilder einer Ausstellung“ und – ganz wunderbar – Agnes Baltsa, die im „Lied von der Erde“ vom Abgesang in die Ewigkeit so ergriffen ist, dass sie mehrere Takte nachhängt). Generell gelingen Karajan die Stücke seines Kernrepertoires (Strauss, Brahms, Bruckner) alle ähnlich herausragend. Einige wenige Werke, die Karajan in dieser Zeit oft gespielt hat, wurden leider nicht im Radio gesendet und fehlen – etwa Mahlers sechste oder Honeggers dritte Symphonie.

„Schwache“ Aufführungen gibt es nicht, wer würde das auch ernsthaft  von Karajan erwarten?

Besonders spannend sind natürlich die bisher nicht auf Tonträger verfügbaren Werke, und das sind drei: Von Gerhard Wimberger hören wir „Plays“, ein viersätziges Stück mit Bläsern und Schlagzeug, das für die Zwölf Cellisten der Berliner Philharmoniker geschrieben wurde, die erste Kammermusikformation, die sich aus dem Orchester herausgelöst und es zu Weltruhm gebracht hat. Das Capriccio für Violine und Orchester von Penderecki hat es schon mit anderen Interpreten zu diskografischen Ehren gebracht; Leon Spierer spielt es energiegeladen und kraftvoll. Und vom Pauker Werner Thärichen gibt es „Batrachomyomachia“, ein überaus skurriles Stück, das auch als „Paukerkrieg“ bekannt geworden ist. Von dem gab es bislang nur Ausschnitte auf Youtube zu finden, und ich war sehr gespannt, das gesamte Werk endlich zu hören. Thärichen hat das Stück als Antwort auf Karajans Frotzeleien, sein Kollege Oswald Vogler könne lauter spielen als er, geschrieben. Am Ende war ich etwas enttäuscht; bis der Paukerkrieg ausbricht, vergeht eine lange Viertelstunde, in der ein Bariton Fantasiegriechisch singt und die Schlagzeuger interessante Pianoklänge erzeugen, dann ist nach fünf Minuten leider schon wieder Waffenstillstand, ein Chor beglückt uns mit Vokalisen, und so geht es noch eine Viertelstunde weiter. An das Paukengewitter aus Nielsens vierter Sinfonie kommt Thärichen nicht heran, aber da war ich eindeutig mit der falschen Erwartungshaltung gestartet.

Wer nach Stellen sucht, in denen er Karajan „Schönklang“ vorwerfen möchte, hat es nicht leicht. Für mich dominiert ein höchst ausgewogenes Klangbild, bei dem Karajan in vielen Fällen sehr uneitel vor allem das realisiert, was in der Partitur steht. Es ist alles „richtig“, es ist „unpersönlich“ – im besten Sinne des Wortes. Das Orchester klingt immer ausgezeichnet, wuchtig, präzise. Und es sind nur Sekunden, die vielleicht enttäuschen, aber Stunden, die überzeugen. Drei Beispiele: Ein Werk wie Dvořáks achte Symphonie etwa wird unglaublich melodisch, schwungvoll und klangschön gespielt – nur im Finale zu gepflegt. Da gibt es einen dreimaligen prominenten Auftritt der Hörner, die wie eine gut gelaunte Elefantenherde klingen können – doch Karajan hat sie gezähmt und eingeebnet. Das Finale der exquisit gespielten „Bilder einer Ausstellung“ ist ein einzigartiger Fortissimo-Rausch (selbst Karajan schnappt vernehmbar nach Luft, wenn auch nicht so ungezügelt wie Celibidache), doch dann ist in den Schlusstakten die große Glocke kaum zu hören. Und bei Bruckners vierter Symphonie wird in der Mitte des Finales das Hauptthema in einem unvergesslichen Fortissimo der Streicher gespielt – hier ist Karajan im Studio viel ausdrucksvoller und überwältigender.

Herbert von Karajan erweist sich hier ein weiteres Mal als ein Meister der Klangfarben

„Schwache“ Aufführungen gibt es nicht, wer würde das auch ernsthaft erwarten? Nicht unbedingt erste Wahl wäre vielleicht der Mitschnitt des ersten Klavierkonzerts von Tschaikowsky mit Mark Zeltser (den man eigentlich nur aus Karajans Einspielung von Beethovens Tripelkonzert kennt). Karajans Bach ist – natürlich – aus der Zeit gefallen, und das werden manche auch bei Mozart so sehen, doch da mag man sich bei der gelungenen Kombination von Präzision, Kraft und Melodie durchaus die damalige Zeit zurückwünschen. Interessant ist es allemal. Allein die Sinfonia concertante für vier Bläser ist trotz der vorzüglichen Solisten arg bräsig geraten.

Es gibt viel Großartiges, das ausführlich zu würdigen den Rahmen dieser Besprechung sprengen würde. Unbedingt herauszuheben ist der Einsatz von Karajan für Sibelius: Die dunklen Symphonien 4 und 5 werden exemplarisch aufgeführt. Es sind wahrhaft große Symphonien, wie Karajan beweist, selbst wenn er sie nicht an den Schluss seiner Programme stellt – was nachvollziehbar ist, denn das deutsche Publikum tut sich leider seit Adornos unseligem Diktum mit Sibelius generell schwer, in den Siebzigerjahren noch mehr als heute. Auch im ersten Konzert der Edition steht Sibelius im Mittelpunkt, mit dem populären Violinkonzert, das Karajan mit Christian Ferras auch im Studio aufgenommen hat. Sibelius klingt hier gar nicht nordisch kühl, sondern glutvoll und energiegeladen, fast ist es, als ob der Geist Tschaikowskys über ihm schwebt. Das gilt – noch ungewöhnlicher – auch für die beiden anderen Stücke dieses in jeder Hinsicht bemerkenswerten Konzertabends. Wer nur die ersten fünfzehn Sekunden hört, wähnt sich im 20. Jahrhundert – da öffnet sich ein Klangteppich aus Streichern mit einer faszinierenden Dissonanz. Ligeti? Nein, es ist Vivaldi, dessen Sinfonia „Al Santo Sepolcro“ Karajan mit spätromantischer Streicherbesetzung und größter Langsamkeit zelebriert, sodass sich vermutlich alle Verfechter Alter Musik in eine Ohnmacht flüchten möchten. Zum Abschluss gibt es das „Sacre du Printemps“, weniger aggressiv, doch dafür hinreißend schwungvoll und mit flotten Tempi musiziert. Strawinsky ist hier gar nicht so weit von den Balletten Tschaikowskys entfernt, und es bekommt ihm erstaunlich gut. Karajan erweist sich einmal mehr als Meister der Klangfarben, auch die rhythmischen Elemente kommen nicht zu kurz. Nur wer Strawinsky gern barbarisch mag, wird bei Karajan nicht fündig werden. Doch das dürfte grundsätzlich gelten und auch ­Karajans Intentionen entsprechen.

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