Zwischen den Welten
2026 hätte E. T. A. Hoffmann seinen 250. Geburtstag gefeiert. Das Multitalent arbeitete als Jurist, etablierte das romantische Schauermärchen, zeichnete, schrieb Kritiken und wäre doch am liebsten nur eines gewesen: ein erfolgreicher Musiker

Was für eine Szene! Hier der geniale, aber arme Kapellmeister und Komponist Johannes Kreisler, der sein Brot vor allem als Musiklehrer verdient, dort die betuchte Gesellschaft, die sich mit schöner Kunst schmückt. Und die mit breiter Brust gerne auch mal selbst auf der Bühne Töne schmettert. „Schnell wird alles zum ersten Chor aus dem Titus organisiert. Das ging ganz herrlich! Der Kanonikus, dicht hinter mir stehend, donnerte über meinem Haupte den Baß, als säng er mit obligaten Trompeten und Pauken in der Domkirche; er traf die Noten herrlich, nur das Tempo nahm er in der Eil fast noch einmal so langsam. Aber treu blieb er sich wenigstens insofern, daß er durchs ganze Stück immer einen halben Takt nachschleppte. Die übrigen äußerten einen entschiedenen Hang zur antiken griechischen Musik, die bekanntlich die Harmonie nicht kennend, im Unisono ging: sie sangen alle die Oberstimme mit kleinen Varianten aus zufälligen Erhöhungen und Erniedrigungen, etwa um einen Viertelston.“
Die ironischen Zeilen stammen von einem Mann, der sich im Kapellmeister Kreisler ein launiges Alter Ego schuf und selbst Kapellmeister war, zumindest eine Zeit lang. So wie E. T. A. Hoffmann überhaupt alles Mögliche eine Zeit lang gewesen ist und immer auch vieles gleichzeitig. Sein ganzes Sein ist eine einzige Grenzverschiebung: Wirklichkeit, Fiktion, die einzelnen Kunstgenres, die Identität der erfundenen Figuren – dies alles greift und fließt ineinander. Dass sich Ernst Theodor Wilhelm Hoffmann, geboren 1776 im preußischen Königsberg, ab 1805 den Vornamen Amadeus von seinem großen Vorbild Mozart entlieh und fortan unter dem Kürzel E. T. A. Hoffmann künstlerisch tätig war, macht deutlich, was seine größte Leidenschaft war: die Musik. Tatsächlich aber hat er von dieser Kunst allein nie leben können. Und er war ein unruhiger, vielseitig interessierter Mensch, dem auch bei günstigeren Bedingungen eine Tätigkeit allein wohl kaum genügt hätte.
Im Hauptberuf arbeitete E. T. A. Hoffmann als Jurist. Die Rechtswissenschaften hatte er studiert, weil zu ihm nicht nur das Ausbrechen-Wollen, sondern auch die Anpassung (in diesem Fall: an die Erwartungen der bürgerlichen Herkunftsfamilie) gehörte. Außerdem hat Hoffmann gezeichnet – vor allem Porträts, Karikaturen, Illustrationen. Als Schriftsteller hat er Erzählungen und Romane verfasst, als Musikkritiker über neue Werke, aber auch – in einer durchaus eigenartigen Mischung von Analyse und freier Literarisierung – über Sinfonien und Opern von Beethoven, Haydn, Mozart oder Gluck geschrieben. Seine Ausführungen zu Beethovens fünfter Sinfonie („Beethovens Musik bewegt die Hebel der Furcht, des Schauers, des Entsetzens, des Schmerzes und erweckt eben jene unendliche Sehnsucht, welche das Wesen der Romantik ist“) haben Maßstäbe gesetzt und eine Brücke zwischen den Epochen geschlagen. Und unter Hoffmanns eigenen Kompositionen, in denen Einflüsse von Mozart und von Carl Philipp Emanuel Bach besonders hörbar sind, ragen neben viel Kammermusik eine Sinfonie („Haydn soll mein Meister sein“) und die Zauberoper „Undine“ heraus. „Die Wochentage“, schrieb Hoffmann einmal an einen Freund, „bin ich Jurist und höchstens etwas Musiker, sonntags am Tage wird gezeichnet, und abends bin ich ein sehr witziger Autor bis in die späte Nacht.“
Tatsächlich lassen sich bei dem künstlerisch hochbegabten Staatsdiener, der nach der Trennung seiner Eltern ohne prägende Vater- oder Mutterfigur zwischen Onkeln und Tanten aufwuchs, die Bereiche kaum voneinander trennen. Hoffmanns Lebensweg führte von Königsberg über Berlin (wo er auch Jean Paul kennenlernte) nach Posen (wo er als Gerichtsassessor arbeitete und sich doppelt band: erstens durch Heirat, zweitens durch eine enge Liaison mit alkoholischen Stimulanzien, der er lebenslang treu blieb), dann nach Warschau. Dem Entschluss, sich als freier Künstler zu versuchen, folgte eine Zeit in Berlin (erfolglos), dann in Bamberg (ebenfalls erfolglos – er wurde als Musikdirektor am Theater engagiert, doch schon nach zwei Monaten wieder entlassen), schließlich in Dresden und Leipzig, wo er als Kapellmeister eine wandernde Theater- und Opernkompanie leitete. 1816 kehrte er aus gesundheitlichen Gründen (er litt unter zunehmenden, womöglich syphilitisch bedingten Lähmungserscheinungen) und wohl auch aus Geldmangel zum „Schirm des Brotbaums“ (O-Ton Hoffmann) nach Berlin zurück. Gleichzeitig stellten sich erste größere literarische Erfolge ein, und mit „Undine“ endete schließlich auch sein kompositorisches Schaffen erfolgreich: Nach dreizehn Aufführungen – das waren für damalige Verhältnisse sehr viele – wurde das Stück nur deshalb nicht mehr gegeben, weil das Schauspielhaus am Gendarmenmarkt abbrannte.
E. T. A. Hoffmann war ein Pionier der Kriminalpsychologie. Wenn er als Jurist einer Straftat nachging, dann entsprach dies demselben Interesse für die Nachtseiten des Menschen, dem er auch als Schriftsteller nachging. Gleichzeitig erleben wir Hoffmann als Zerrissenen, denn er folgte nicht nur dem vorherrschenden Zeitgeist, der das Individuum mitsamt seinen Gefühlen, Sehnsüchten und Ängsten wiederentdeckte, sondern fühlte sich ebenso noch der Idee der Aufklärung verpflichtet – zumindest in seinem Brotberuf. Der Schriftsteller setzte andere Schwerpunkte. „Gespenster-Hoffmann“ hat ihn Goethe damals despektierlich genannt – Hoffmanns Werke seien bloße „Verrücktheiten eines Mondsüchtigen“. Oft soll Hoffmann während langer Verhandlungen geschrieben und gezeichnet haben. Und wenn er als Kritiker über Beethovens fünfte Sinfonie schreibt, diese erwecke „jene unendliche Sehnsucht, welche das Wesen der Romantik ist“, dann gilt sein Blick nicht nur dem klassischen Komponisten, sondern auch dem eigenen Streben nach der Überwindung bürgerlicher Begrenzungen. „Wenn von der Musik als einer selbstständigen Kunst die Rede ist“, so der Kritiker Hoffmann, „sollte immer nur die Instrumental-Musik gemeint seyn, welche, jede Hülfe, jede Beymischung einer andern Kunst verschmähend, das eigenthümliche, nur in ihr zu erkennende Wesen der Kunst rein ausspricht. Sie ist die romantischte aller Künste, – fast möchte man sagen, allein rein romantisch.“ Und romantisch wiederum heißt für ihn: irrational, dunkel, unbewusst. Siegmund Freud hat diese Definition später in seiner Auseinandersetzung mit Hoffmanns Erzählung „Der Sandmann“ in seinem Essay „Das Unheimliche“ fortgesponnen.
Beim Schriftsteller Hoffmann tauchen zahlreiche Staatsangestellte und Juristen auf. Und es gibt unzählige Figuren, die über Musik sprechen oder die womöglich gar musiktheoretische Diskurse führen. Tatsächlich definiert sich der Musiker Hoffmann maßgeblich in seinen und durch seine literarischen Texte. Dabei durchdringen sich auch hier Reales und Vorgestelltes – nicht nur dort, wo er eigene Briefe mit dem Namen Johannes Kreisler oder abgekürzt mit J. Kr. unterschreibt (was übrigens später Johannes Brahms ebenfalls gelegentlich getan hat und durch ein „junior“ ergänzte). Auch die Tatsache, dass Hoffmanns Erzählungen und Romane stark von musikalischen Formen und Strukturen geprägt sind, macht deutlich, wie wenig sich Literatur und Musik bei ihm voneinander trennen lassen.
Es ist die große Tragik E. T. A. Hoffmanns, dass ihm die Kunst, die er am meisten verehrte, den geringsten Erfolg bescherte. Als Schriftsteller gilt er heute als Meister der Ironie und des romantischen Schauermärchens, in dem Imagination und Wirklichkeit auf oft kaum (be-)greifbare Weise ineinanderfließen. Seine Beschäftigung mit Identität und Identitätsverlust mutet heute ebenso visionär an wie seine Faszination für entfesselte Automaten (hallo, ChatGPT!). „Ritter Gluck“, „Kreisleriana“, „Der goldne Topf“, „Der Sandmann“, „Die Elixiere des Teufels“, „Die Serapionsbrüder“, „Das kalte Herz“, „Die Bergwerke zu Falun“: Dies alles sind Meisterwerke, und schillernde Außenseiterfiguren wie den Bruder Medardus, den Advokaten Coppelius, den Rat Krespel, den Archivar Lindhorst, den Künstler Anselmus, der aus einer Spießerwelt flieht, oder eben den Kapellmeister Kreisler vergisst man nicht. Von Hoffmanns 85 musikalischen Schöpfungen ist hingegen nicht einmal die Hälfte erhalten. Der Komponist E. T. A. Hoffmann ist heute fast vergessen – trotz wirkungsvoll gesetzter weltlicher wie geistlicher Chormusik, trotz eines wirklich guten Klaviertrios (Grand Trio E-Dur). Und trotz seiner „Undine“, die psychologische Tiefenschärfe mit der musikalischen Sprache der Klassik verbindet. Diese Oper hatte eine starke Wirkung vor allem auf Webers „Freischütz“ wie auf Wagners „Ring des Nibelungen“, auch wenn ihr Albert Lortzings fast drei Jahrzehnte jüngere Vertonung des Undine-Stoffs schon wegen seiner Ohrwürmer rasch den Rang ablief.
Immerhin hat Hoffmanns literarisches Schaffen in musikalischen Werken anderer Komponisten höchst erfolgreich weitergewirkt – am prominentesten sicherlich in Jacques Offenbachs Oper „Hoffmanns Erzählungen“, aber auch in Paul Hindemiths Oper „Cardillac“, die auf Hoffmanns genialer Kriminalerzählung „Das Fräulein von Scuderi“ gründet, in den Balletten „Der Nussknacker“ (Tschaikowsky) und „Coppélia“ (Délibes) sowie im Klavierzyklus „Kreisleriana“ von Robert Schumann, der ebenfalls die fiktive Figur des Kapellmeisters Kreisler zur eigenen künstlerischen Selbstbespiegelung benutzt.
Es ist etwas dran an der These, dass womöglich auch der innere Erfolgsdruck, mit dem Hoffmann seine Musikerkarriere anging, einen Erfolg in diesem Genre verhindert hat. Die Leichtigkeit beim Schreiben, das Unbelastete und die Freiheit seiner Fantasie haben E. T. A. Hoffmann als Schriftsteller populär gemacht. Beim Komponieren hingegen hat er sich mit den Großen gemessen, mit Mozart, Gluck, vor allem mit Beethoven. Und wollte doch vor allem eines: die Menschen aus dieser Welt in eine andere entführen. „Der Zweck der Kunst überhaupt“, liest man in „Kreisleriana“ und bemerkt den autobiografischen Fingerzeig, „ist doch kein anderer, als, dem Menschen eine angenehme Unterhaltung zu verschaffen, und ihn so von den ernstern, oder vielmehr den einzigen ihm anständigen Geschäften, nämlich solchen, die ihm Brot und Ehre im Staat erwerben, auf eine angenehme Art zu zerstreuen, so daß er nachher mit gedoppelter Aufmerksamkeit und Anstrengung zu dem eigentlichen Zweck seines Daseins zurückkehren, d. h. ein tüchtiges Kammrad in der Walkmühle des Staats sein, und (ich bleibe in der Metapher) haspeln und sich trillen lassen kann. Nun ist aber keine Kunst zur Erreichung dieses Zwecks tauglicher, als die Musik. Das Lesen eines Romans oder Gedichts (…) hat doch das Unangenehme, daß man gewissermaßen genötigt wird, an das zu denken, was man liest: dies ist aber offenbar dem Zweck der Zerstreuung entgegen (...) Das Beschauen eines Gemäldes kann nur sehr kurz dauern: denn das Interesse ist ja doch verloren, sobald man erraten hat, was es vorstellen soll (...) Was nun aber die Musik betrifft, so können nur jene heillosen Verächter dieser edeln Kunst leugnen, daß eine gelungene Komposition, d.h. eine solche, die sich gehörig in Schranken hält, und eine angenehme Melodie nach der andern folgen läßt, ohne zu toben, oder sich in allerlei kontrapunktischen Gängen und Auflösungen närrisch zu gebärden, einen wunderbar bequemen Reiz verursacht, bei dem man des Denkens ganz überhoben ist, oder der doch keinen ernsten Gedanken aufkommen, sondern mehrere ganz leichte, angenehme.“
Es ist eine Ironie des Schicksals, dass am Ende just das Ineinandergreifen von juristischem Dienst und Schriftstellerei für den Fall des Berliner Kammergerichtsrats E. T. A. Hoffmann gesorgt hat. In seiner Erzählung „Meister Floh“ parodierte Hoffmann in der Figur des Knarrpanti seinen damaligen Vorgesetzten und ließ außerdem seine Kenntnis über einen brisanten aktuellen Gerichtsfall einfließen; der unvermeidlichen Suspendierung des „pflichtvergessenen, höchst unzuverlässigen und selbst gefährlichen Staatsbeamten“ (so der preußische Innenminister) kam nur die Krankheit des Künstlers zuvor. Am 25. Juni 1822 starb E. T. A. Hoffmann in seiner Berliner Wohnung an einer Atemlähmung.
Was für eine Szene! Hier der geniale, aber arme Kapellmeister und Komponist Johannes Kreisler, der sein Brot vor allem als Musiklehrer verdient, dort die betuchte Gesellschaft, die sich mit schöner Kunst schmückt. Und die mit breiter Brust gerne auch mal selbst auf der Bühne Töne schmettert. „Schnell wird alles zum ersten Chor aus dem Titus organisiert. Das ging ganz herrlich! Der Kanonikus, dicht hinter mir stehend, donnerte über meinem Haupte den Baß, als säng er mit obligaten Trompeten und Pauken in der Domkirche; er traf die Noten herrlich, nur das Tempo nahm er in der Eil fast noch einmal so langsam. Aber treu blieb er sich wenigstens insofern, daß er durchs ganze Stück immer einen halben Takt nachschleppte. Die übrigen äußerten einen entschiedenen Hang zur antiken griechischen Musik, die bekanntlich die Harmonie nicht kennend, im Unisono ging: sie sangen alle die Oberstimme mit kleinen Varianten aus zufälligen Erhöhungen und Erniedrigungen, etwa um einen Viertelston.“
Die ironischen Zeilen stammen von einem Mann, der sich im Kapellmeister Kreisler ein launiges Alter Ego schuf und selbst Kapellmeister war, zumindest eine Zeit lang. So wie E. T. A. Hoffmann überhaupt alles Mögliche eine Zeit lang gewesen ist und immer auch vieles gleichzeitig. Sein ganzes Sein ist eine einzige Grenzverschiebung: Wirklichkeit, Fiktion, die einzelnen Kunstgenres, die Identität der erfundenen Figuren – dies alles greift und fließt ineinander. Dass sich Ernst Theodor Wilhelm Hoffmann, geboren 1776 im preußischen Königsberg, ab 1805 den Vornamen Amadeus von seinem großen Vorbild Mozart entlieh und fortan unter dem Kürzel E. T. A. Hoffmann künstlerisch tätig war, macht deutlich, was seine größte Leidenschaft war: die Musik. Tatsächlich aber hat er von dieser Kunst allein nie leben können. Und er war ein unruhiger, vielseitig interessierter Mensch, dem auch bei günstigeren Bedingungen eine Tätigkeit allein wohl kaum genügt hätte.
Im Hauptberuf arbeitete E. T. A. Hoffmann als Jurist. Die Rechtswissenschaften hatte er studiert, weil zu ihm nicht nur das Ausbrechen-Wollen, sondern auch die Anpassung (in diesem Fall: an die Erwartungen der bürgerlichen Herkunftsfamilie) gehörte. Außerdem hat Hoffmann gezeichnet – vor allem Porträts, Karikaturen, Illustrationen. Als Schriftsteller hat er Erzählungen und Romane verfasst, als Musikkritiker über neue Werke, aber auch – in einer durchaus eigenartigen Mischung von Analyse und freier Literarisierung – über Sinfonien und Opern von Beethoven, Haydn, Mozart oder Gluck geschrieben. Seine Ausführungen zu Beethovens fünfter Sinfonie („Beethovens Musik bewegt die Hebel der Furcht, des Schauers, des Entsetzens, des Schmerzes und erweckt eben jene unendliche Sehnsucht, welche das Wesen der Romantik ist“) haben Maßstäbe gesetzt und eine Brücke zwischen den Epochen geschlagen. Und unter Hoffmanns eigenen Kompositionen, in denen Einflüsse von Mozart und von Carl Philipp Emanuel Bach besonders hörbar sind, ragen neben viel Kammermusik eine Sinfonie („Haydn soll mein Meister sein“) und die Zauberoper „Undine“ heraus. „Die Wochentage“, schrieb Hoffmann einmal an einen Freund, „bin ich Jurist und höchstens etwas Musiker, sonntags am Tage wird gezeichnet, und abends bin ich ein sehr witziger Autor bis in die späte Nacht.“
Tatsächlich lassen sich bei dem künstlerisch hochbegabten Staatsdiener, der nach der Trennung seiner Eltern ohne prägende Vater- oder Mutterfigur zwischen Onkeln und Tanten aufwuchs, die Bereiche kaum voneinander trennen. Hoffmanns Lebensweg führte von Königsberg über Berlin (wo er auch Jean Paul kennenlernte) nach Posen (wo er als Gerichtsassessor arbeitete und sich doppelt band: erstens durch Heirat, zweitens durch eine enge Liaison mit alkoholischen Stimulanzien, der er lebenslang treu blieb), dann nach Warschau. Dem Entschluss, sich als freier Künstler zu versuchen, folgte eine Zeit in Berlin (erfolglos), dann in Bamberg (ebenfalls erfolglos – er wurde als Musikdirektor am Theater engagiert, doch schon nach zwei Monaten wieder entlassen), schließlich in Dresden und Leipzig, wo er als Kapellmeister eine wandernde Theater- und Opernkompanie leitete. 1816 kehrte er aus gesundheitlichen Gründen (er litt unter zunehmenden, womöglich syphilitisch bedingten Lähmungserscheinungen) und wohl auch aus Geldmangel zum „Schirm des Brotbaums“ (O-Ton Hoffmann) nach Berlin zurück. Gleichzeitig stellten sich erste größere literarische Erfolge ein, und mit „Undine“ endete schließlich auch sein kompositorisches Schaffen erfolgreich: Nach dreizehn Aufführungen – das waren für damalige Verhältnisse sehr viele – wurde das Stück nur deshalb nicht mehr gegeben, weil das Schauspielhaus am Gendarmenmarkt abbrannte.
E. T. A. Hoffmann war ein Pionier der Kriminalpsychologie. Wenn er als Jurist einer Straftat nachging, dann entsprach dies demselben Interesse für die Nachtseiten des Menschen, dem er auch als Schriftsteller nachging. Gleichzeitig erleben wir Hoffmann als Zerrissenen, denn er folgte nicht nur dem vorherrschenden Zeitgeist, der das Individuum mitsamt seinen Gefühlen, Sehnsüchten und Ängsten wiederentdeckte, sondern fühlte sich ebenso noch der Idee der Aufklärung verpflichtet – zumindest in seinem Brotberuf. Der Schriftsteller setzte andere Schwerpunkte. „Gespenster-Hoffmann“ hat ihn Goethe damals despektierlich genannt – Hoffmanns Werke seien bloße „Verrücktheiten eines Mondsüchtigen“. Oft soll Hoffmann während langer Verhandlungen geschrieben und gezeichnet haben. Und wenn er als Kritiker über Beethovens fünfte Sinfonie schreibt, diese erwecke „jene unendliche Sehnsucht, welche das Wesen der Romantik ist“, dann gilt sein Blick nicht nur dem klassischen Komponisten, sondern auch dem eigenen Streben nach der Überwindung bürgerlicher Begrenzungen. „Wenn von der Musik als einer selbstständigen Kunst die Rede ist“, so der Kritiker Hoffmann, „sollte immer nur die Instrumental-Musik gemeint seyn, welche, jede Hülfe, jede Beymischung einer andern Kunst verschmähend, das eigenthümliche, nur in ihr zu erkennende Wesen der Kunst rein ausspricht. Sie ist die romantischte aller Künste, – fast möchte man sagen, allein rein romantisch.“ Und romantisch wiederum heißt für ihn: irrational, dunkel, unbewusst. Siegmund Freud hat diese Definition später in seiner Auseinandersetzung mit Hoffmanns Erzählung „Der Sandmann“ in seinem Essay „Das Unheimliche“ fortgesponnen.
Beim Schriftsteller Hoffmann tauchen zahlreiche Staatsangestellte und Juristen auf. Und es gibt unzählige Figuren, die über Musik sprechen oder die womöglich gar musiktheoretische Diskurse führen. Tatsächlich definiert sich der Musiker Hoffmann maßgeblich in seinen und durch seine literarischen Texte. Dabei durchdringen sich auch hier Reales und Vorgestelltes – nicht nur dort, wo er eigene Briefe mit dem Namen Johannes Kreisler oder abgekürzt mit J. Kr. unterschreibt (was übrigens später Johannes Brahms ebenfalls gelegentlich getan hat und durch ein „junior“ ergänzte). Auch die Tatsache, dass Hoffmanns Erzählungen und Romane stark von musikalischen Formen und Strukturen geprägt sind, macht deutlich, wie wenig sich Literatur und Musik bei ihm voneinander trennen lassen.
Es ist die große Tragik E. T. A. Hoffmanns, dass ihm die Kunst, die er am meisten verehrte, den geringsten Erfolg bescherte. Als Schriftsteller gilt er heute als Meister der Ironie und des romantischen Schauermärchens, in dem Imagination und Wirklichkeit auf oft kaum (be-)greifbare Weise ineinanderfließen. Seine Beschäftigung mit Identität und Identitätsverlust mutet heute ebenso visionär an wie seine Faszination für entfesselte Automaten (hallo, ChatGPT!). „Ritter Gluck“, „Kreisleriana“, „Der goldne Topf“, „Der Sandmann“, „Die Elixiere des Teufels“, „Die Serapionsbrüder“, „Das kalte Herz“, „Die Bergwerke zu Falun“: Dies alles sind Meisterwerke, und schillernde Außenseiterfiguren wie den Bruder Medardus, den Advokaten Coppelius, den Rat Krespel, den Archivar Lindhorst, den Künstler Anselmus, der aus einer Spießerwelt flieht, oder eben den Kapellmeister Kreisler vergisst man nicht. Von Hoffmanns 85 musikalischen Schöpfungen ist hingegen nicht einmal die Hälfte erhalten. Der Komponist E. T. A. Hoffmann ist heute fast vergessen – trotz wirkungsvoll gesetzter weltlicher wie geistlicher Chormusik, trotz eines wirklich guten Klaviertrios (Grand Trio E-Dur). Und trotz seiner „Undine“, die psychologische Tiefenschärfe mit der musikalischen Sprache der Klassik verbindet. Diese Oper hatte eine starke Wirkung vor allem auf Webers „Freischütz“ wie auf Wagners „Ring des Nibelungen“, auch wenn ihr Albert Lortzings fast drei Jahrzehnte jüngere Vertonung des Undine-Stoffs schon wegen seiner Ohrwürmer rasch den Rang ablief.
Immerhin hat Hoffmanns literarisches Schaffen in musikalischen Werken anderer Komponisten höchst erfolgreich weitergewirkt – am prominentesten sicherlich in Jacques Offenbachs Oper „Hoffmanns Erzählungen“, aber auch in Paul Hindemiths Oper „Cardillac“, die auf Hoffmanns genialer Kriminalerzählung „Das Fräulein von Scuderi“ gründet, in den Balletten „Der Nussknacker“ (Tschaikowsky) und „Coppélia“ (Délibes) sowie im Klavierzyklus „Kreisleriana“ von Robert Schumann, der ebenfalls die fiktive Figur des Kapellmeisters Kreisler zur eigenen künstlerischen Selbstbespiegelung benutzt.
Es ist etwas dran an der These, dass womöglich auch der innere Erfolgsdruck, mit dem Hoffmann seine Musikerkarriere anging, einen Erfolg in diesem Genre verhindert hat. Die Leichtigkeit beim Schreiben, das Unbelastete und die Freiheit seiner Fantasie haben E. T. A. Hoffmann als Schriftsteller populär gemacht. Beim Komponieren hingegen hat er sich mit den Großen gemessen, mit Mozart, Gluck, vor allem mit Beethoven. Und wollte doch vor allem eines: die Menschen aus dieser Welt in eine andere entführen. „Der Zweck der Kunst überhaupt“, liest man in „Kreisleriana“ und bemerkt den autobiografischen Fingerzeig, „ist doch kein anderer, als, dem Menschen eine angenehme Unterhaltung zu verschaffen, und ihn so von den ernstern, oder vielmehr den einzigen ihm anständigen Geschäften, nämlich solchen, die ihm Brot und Ehre im Staat erwerben, auf eine angenehme Art zu zerstreuen, so daß er nachher mit gedoppelter Aufmerksamkeit und Anstrengung zu dem eigentlichen Zweck seines Daseins zurückkehren, d. h. ein tüchtiges Kammrad in der Walkmühle des Staats sein, und (ich bleibe in der Metapher) haspeln und sich trillen lassen kann. Nun ist aber keine Kunst zur Erreichung dieses Zwecks tauglicher, als die Musik. Das Lesen eines Romans oder Gedichts (…) hat doch das Unangenehme, daß man gewissermaßen genötigt wird, an das zu denken, was man liest: dies ist aber offenbar dem Zweck der Zerstreuung entgegen (...) Das Beschauen eines Gemäldes kann nur sehr kurz dauern: denn das Interesse ist ja doch verloren, sobald man erraten hat, was es vorstellen soll (...) Was nun aber die Musik betrifft, so können nur jene heillosen Verächter dieser edeln Kunst leugnen, daß eine gelungene Komposition, d.h. eine solche, die sich gehörig in Schranken hält, und eine angenehme Melodie nach der andern folgen läßt, ohne zu toben, oder sich in allerlei kontrapunktischen Gängen und Auflösungen närrisch zu gebärden, einen wunderbar bequemen Reiz verursacht, bei dem man des Denkens ganz überhoben ist, oder der doch keinen ernsten Gedanken aufkommen, sondern mehrere ganz leichte, angenehme.“
Es ist eine Ironie des Schicksals, dass am Ende just das Ineinandergreifen von juristischem Dienst und Schriftstellerei für den Fall des Berliner Kammergerichtsrats E. T. A. Hoffmann gesorgt hat. In seiner Erzählung „Meister Floh“ parodierte Hoffmann in der Figur des Knarrpanti seinen damaligen Vorgesetzten und ließ außerdem seine Kenntnis über einen brisanten aktuellen Gerichtsfall einfließen; der unvermeidlichen Suspendierung des „pflichtvergessenen, höchst unzuverlässigen und selbst gefährlichen Staatsbeamten“ (so der preußische Innenminister) kam nur die Krankheit des Künstlers zuvor. Am 25. Juni 1822 starb E. T. A. Hoffmann in seiner Berliner Wohnung an einer Atemlähmung.


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