Partituren zum Mitdenken
Die Carl-Maria-von-Weber-Gesamtausgabe – analog und digital

Als die Carl-Maria-von-Weber-Gesamtausgabe (WeGA) vor nunmehr dreißig Jahren ihren allerersten Band vorlegte, war bewusst eine Gattung gewählt worden, mit der der allzu oft auf ein einziges Werk reduzierte Komponist bisher kaum in Verbindung gebracht worden war: Seine 1818 beziehungsweise 1819 für die Dresdner Hofkirche entstandenen beiden, absichtsvoll sehr unterschiedlich gestalteten Messen in Es- und G-Dur weisen – fernab der Wiener Messtradition – eine Farbigkeit des Ausdrucks auf, die zwar bei den Dresdner Zeitgenossen Anerkennung fand, außerhalb Sachsens jedoch bis heute weitgehend unbeachtet blieb. Und selbst diese Kirchenmusik Webers musste sich den notorischen Vergleich mit seiner „Hauptoper“ gefallen lassen, wurde doch die Es-Dur-Messe (kurioserweise manchmal aber auch jene in G-Dur!) postum gar als „Freischütz-Messe“ bezeichnet.
Es war eines der Ziele der noch in Zeiten der deutschen Teilung geplanten und dann nach der Wende mit Mühe in Gang gesetzten Gesamtausgabe, von dieser eingeschränkten Sicht auf Weber als Komponisten des als „deutsche Nationaloper“ geltenden „Freischütz“ loszukommen – ein Begriff, dessen wechselvolle und ideologisch belastete Geschichte mit ein Grund sein dürfte, warum diese Gesamtausgabe (nach ersten Versuchen in den 1920er Jahren) erst so spät zustande kam. Der andere Grund war jedoch sicherlich die schwierige Ausgangslage, sowohl was die Zugänglichkeit als auch den Nachweis der Quellen betraf. Noch beim Jubiläum 1986 sprach der Musikwissenschaftler Ludwig Finscher von einer „zum Teil chaotischen Überlieferung“ und stellte fest, dass es eine Weber-Philologie praktisch nicht gebe.
Der alte Werkkatalog von Friedrich Wilhelm Jähns aus dem Jahr 1871 zählte immerhin 306 Werknummern, darunter „nur“ acht Opern, aber weitere Musik fürs Theater, Kantaten, Fest- und Trauermusiken, Arien, Klavierwerke, Kammermusik, Sinfonien, Ouvertüren, Konzerte, Chöre sowie zahllose Lieder. Von einem „Ein-Werk-Komponisten“ kann also keine Rede sein. Im Repertoire gehalten hatten sich von alledem vor allem die konzertanten Klarinettenwerke und die Ouvertüren, ansonsten das Konzerstück f-Moll oder die „Aufforderung zum Tanz“. Dagegen: Klavierkonzerte, Klaviersonaten, Kantaten, Arien, Lieder – fast überall nahezu „Fehlanzeige“! Das gilt auch für Notenausgaben dieser Werke.
Zu bedenken war ferner, dass Weber nicht nur komponierend, sondern auch als Organisator und „Schriftsteller“ tätig war: Neben dem unvollendeten Romanfragment „Tonkünstlers Leben“ schrieb er Einführungen und Rezensionen, engagierte sich mit Freunden im sogenannten „Harmonischen Verein“, der zahllose Periodika mit Artikeln versorgte, war ein emsiger Briefschreiber und führte seit seiner vorübergehenden Festsetzung in Stuttgart 1810 konsequent bis zum Lebensende ein Tagebuch, das primär der Kontrolle seiner aus den Fugen geratenen Ausgaben diente, das aber auch seine kompositorischen Arbeiten und seine Kontakte festhielt. Bei dem von Zeitgenossen oft als „denkender Musiker“ apostrophierten Weber war somit von Anfang an klar, dass all diese überlieferten „Texte“ mit der „Musik“ eine für das Verständnis von Werk und Wirken nicht trennbare Einheit bilden.
Die von der Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz betreute Gesamtausgabe mit ihren zwei Arbeitsstellen an der Staatsbibliothek zu Berlin und am Musikwissenschaftlichen Seminar Detmold/Paderborn wurde daher als kombinierte Noten- und Textausgabe geplant – beides zu Zeiten, in denen der Computer noch quasi als verbesserte Schreibmaschine diente. Im Laufe der Jahre geriet die Ausgabe dann in den „digitalen Umbruch“, den sie aktiv und für die Musikwissenschaft in führender Rolle mitgestaltete, sodass schon heute die genannten Textteile fast vollständig frei zugänglich online vorliegen, während die Notenausgabe von einzelnen digitalen Pilotprojekten abgesehen noch eine vornehmlich „analoge“ ist, die im Schott-Verlag in Mainz erscheint.
Die Planung der Notenausgabe fiel in eine Zeit, in der neuere Tendenzen der Textphilologien auch in der Musikwissenschaft Einfluss gewonnen hatten, was sich in der stark dokumentarischen Ausrichtung der WeGA zeigt. Nicht eine nach den Vorlieben und subjektiven Auswahlkriterien eines Herausgebers konstruierte, möglichst „geglättete“ finale Werkgestalt war und ist Ziel der Ausgabe, vielmehr sollen Offenheiten und Mehrdeutigkeiten der Quellen für den Interpreten erhalten bleiben und damit Freiraum für eigene, aber an der Vorlage orientierte Deutungen schaffen. Zu den Lieblingsformulierungen der Editoren gehörten jene vom möglichst klaren „Durchscheinen der Hauptquelle“ und der gelegentlichen „Sperrigkeit des Notentextes“, der ein Mitdenken des Lesers herausfordert. Um dies zu erleichtern, entstand schon früh der Wunsch, den Nutzern auch die Quellen zur Verfügung zu stellen, die gewöhnlich trockenen Lesartenteile der Edition in anschaulicher Weise umzusetzen und so Entscheidungen völlig transparent zu machen. Die Anfang der 2000er Jahre während der Arbeit an Webers Klarinettenquintett entstandene studentische Idee, hierfür die neuen digitalen Möglichkeiten zu nutzen, mündete dann in das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderte Projekt Edirom, bei dem eine heute in mehreren Gesamtausgaben verwendete Software entstand, die erstmals 2005 mit einer Begleit-CD zum Klarinettenquintett-Band erschien, später durch eine leistungsfähigere DVD ersetzt wurde und seit 2022 auch in komplett überarbeiteter Form online verfügbar ist (www.klarinettenquintett.weber-gesamtausgabe.de). Einen weiteren Ausflug ins Digitale gab es 2010 mit den Klarinettenkonzerten (die allerdings noch einer Online-Version harren) sowie mit dem in Nachbarschaft zur Gesamtausgabe entstandenen, diesmal vom Bundesministerium für Bildung und Forschung finanzierten Projekt Freischütz-Digital (www.freischuetz-digital.de), das zwischen 2012 und 2015 am Beispiel dieser Oper (wie hätte es anders sein sollen …) die damals neuesten Möglichkeiten digitalen Edierens demonstrierte.
Gerade am Klarinettenquintett zeigten sich im Hinblick auf das Bestreben, eine komponistennähere Interpretation des Werks zu vermitteln, die großen Vorteile solcher Editionsverfahren: Die Werke waren vor allem in den sogenannten „Baermann-Fassungen“ verbreitet – Editionen, die der Sohn des Widmungsträgers Heinrich Baermann angeblich so vorgelegt hat, wie sein Vater sie mit Weber musizierte: Die Neuausgabe konnte diese „Mär“ nicht nur biografisch widerlegen, sondern auch durch die Gegenüberstellung konkreter Ausschnitte aus Webers relativ „nackt“ bezeichnetem Autograph mit der viel aufschlussreicheren, von ihm durchgesehenen Stichvorlage und dem in der Rezeption vernachlässigten Erstdruck. Es zeigte sich in Kursen mit Klarinettisten, dass die anschauliche Präsentation der Forschungsergebnisse mithilfe der Edirom die Praktiker zu Revisionen ihrer Interpretationen inspirieren konnte, um den Tendenzen zu einem „immer höher, immer weiter“ (mit teils abenteuerlichen Tempi) mit einem geduldigen Ausloten des Sinns der vorgefundenen musikalischen Anweisungen (oder oft nur Andeutungen!) entgegenzuwirken. Ähnliches gilt für die Klarinettenkonzerte – auch hier zeigte sich gerade in den autorisierten Erstdrucken, dass Weber vor dem Verlegen seiner Werke vor allem im Bereich der Dynamik, Agogik, Bogensetzung und Artikulation viel nachgearbeitet hat. Dieser „sekundären Schicht“ des Notensatzes hat Weber stets viel Gewicht zugemessen.
Besonders deutlich wird dies in jenen Kammermusik- und vor allem Klavierwerken sichtbar, bei denen neben Webers Autograph auch eine von ihm durchgesehene Vorlage für den Druck (in der Grundschicht oft einem Kopisten überlassen) existiert: Diese „Stichvorlagen“ haben für die Gesamtausgabe einen oft deutlich höheren Wert als im Auktionshandel teuer angebotene Autographe! Die Serien mit Webers Klavier- und Kammermusikwerken liegen inzwischen komplett vor und werden (vor allem in praktischen Folgeausgaben) hoffentlich dazu beitragen, die im 19. Jahrhundert so außerordentlich beliebten und einflussreichen Werke (darunter vor allem die vier Klaviersonaten und einige hochvirtuose Variationen) wieder populärer zu machen. Leicht wird das nicht – spielen diese Werke doch in Wettbewerben überhaupt keine Rolle und unterscheiden sich Webers Kompositionen in ihrer Struktur deutlich von jener motivisch-thematischen Arbeit, die den Hörern aus dem Wiener Umkreis vertraut ist. Zudem erfordern die Klavierwerke eine Virtuosität, die die Wirkung der Musik erst freisetzt, wenn der Interpret weit jenseits aller technischen Beherrschung mit diesen virtuosen Elementen frei, wie mit Farben zu spielen weiß.
Zu den Perlen von Webers Klaviermusik gehören neben dem Konzertstück auch die beiden Klavierkonzerte in C- und Es-Dur – der Klarinettist Jost Michaels hat sich zeitlebens außer für Webers Klaviersonaten auch für eine Wiederbelebung dieser zu Unrecht vergessenen Werke eingesetzt, die erfreulicherweise in den letzten Jahren einige Neueinspielungen erfahren haben.
Ganz anders verhält es sich im Bereich der Bühnenwerke Webers, die am Ende des Jubiläumsjahrs nahezu komplett in der WeGA vorliegen werden und bei denen Webers Autographe eine wichtigere Rolle spielen. Die hochkomplexe Textgenese der „Euryanthe“ kann dabei nur noch in digitaler Form angemessen dargestellt werden. Ein wichtiger Bereich wird erst danach bearbeitet: Das Bild von Weber wäre sehr lückenhaft ohne sein umfangreiches Liedschaffen – hier war noch so viel Klärung nötig, dass die Publikation in die letzte Phase der Edition verlegt wurde!
Bis zum Jahr 2034 soll die Ausgabe mit ihren circa 56 Notenbänden und den umfangreichen Textteilen abgeschlossen sein – dazu gehört vor allem noch die Erstellung eines primär digitalen (aber in Kurzform auch gedruckten) Werkverzeichnisses. Dieses hat auch die Aufgabe, die seit der ersten offiziellen Präsentation der digitalen Textanteile der WeGA im Jahr 2011 enorm gewachsenen Übertragungen von Briefen, Tagebüchern, Dokumenten, Aufführungsbesprechungen, Rezensionen, Themenkommentaren, biografischen Beiträgen, Personen- und Werkinformationen sowie Sonderveröffentlichungen über die Werkbezüge stärker miteinander zu verknüpfen beziehungsweise unterschiedliche Zugangswege und Lesepfade zu ermöglichen. Die hier vorgelegten Textkorpora waren nur durch zusätzliche freiwillige Mitarbeiter zu bewältigen, aber die Webseite bietet dadurch inzwischen einen von vielen Seiten auch jenseits der engen Wissenschaftskreise als einzigartig bezeichneten Schatz an Informationen, der erfreulicherweise manchmal auch durch Rückmeldungen von Nutzern weiter angereichert werden kann. Dies ist für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der WeGA immer wieder eine zusätzliche Motivation, dieses frei zugängliche Informationsportal kontinuierlich auszubauen.
Als die Carl-Maria-von-Weber-Gesamtausgabe (WeGA) vor nunmehr dreißig Jahren ihren allerersten Band vorlegte, war bewusst eine Gattung gewählt worden, mit der der allzu oft auf ein einziges Werk reduzierte Komponist bisher kaum in Verbindung gebracht worden war: Seine 1818 beziehungsweise 1819 für die Dresdner Hofkirche entstandenen beiden, absichtsvoll sehr unterschiedlich gestalteten Messen in Es- und G-Dur weisen – fernab der Wiener Messtradition – eine Farbigkeit des Ausdrucks auf, die zwar bei den Dresdner Zeitgenossen Anerkennung fand, außerhalb Sachsens jedoch bis heute weitgehend unbeachtet blieb. Und selbst diese Kirchenmusik Webers musste sich den notorischen Vergleich mit seiner „Hauptoper“ gefallen lassen, wurde doch die Es-Dur-Messe (kurioserweise manchmal aber auch jene in G-Dur!) postum gar als „Freischütz-Messe“ bezeichnet.
Es war eines der Ziele der noch in Zeiten der deutschen Teilung geplanten und dann nach der Wende mit Mühe in Gang gesetzten Gesamtausgabe, von dieser eingeschränkten Sicht auf Weber als Komponisten des als „deutsche Nationaloper“ geltenden „Freischütz“ loszukommen – ein Begriff, dessen wechselvolle und ideologisch belastete Geschichte mit ein Grund sein dürfte, warum diese Gesamtausgabe (nach ersten Versuchen in den 1920er Jahren) erst so spät zustande kam. Der andere Grund war jedoch sicherlich die schwierige Ausgangslage, sowohl was die Zugänglichkeit als auch den Nachweis der Quellen betraf. Noch beim Jubiläum 1986 sprach der Musikwissenschaftler Ludwig Finscher von einer „zum Teil chaotischen Überlieferung“ und stellte fest, dass es eine Weber-Philologie praktisch nicht gebe.
Der alte Werkkatalog von Friedrich Wilhelm Jähns aus dem Jahr 1871 zählte immerhin 306 Werknummern, darunter „nur“ acht Opern, aber weitere Musik fürs Theater, Kantaten, Fest- und Trauermusiken, Arien, Klavierwerke, Kammermusik, Sinfonien, Ouvertüren, Konzerte, Chöre sowie zahllose Lieder. Von einem „Ein-Werk-Komponisten“ kann also keine Rede sein. Im Repertoire gehalten hatten sich von alledem vor allem die konzertanten Klarinettenwerke und die Ouvertüren, ansonsten das Konzerstück f-Moll oder die „Aufforderung zum Tanz“. Dagegen: Klavierkonzerte, Klaviersonaten, Kantaten, Arien, Lieder – fast überall nahezu „Fehlanzeige“! Das gilt auch für Notenausgaben dieser Werke.
Zu bedenken war ferner, dass Weber nicht nur komponierend, sondern auch als Organisator und „Schriftsteller“ tätig war: Neben dem unvollendeten Romanfragment „Tonkünstlers Leben“ schrieb er Einführungen und Rezensionen, engagierte sich mit Freunden im sogenannten „Harmonischen Verein“, der zahllose Periodika mit Artikeln versorgte, war ein emsiger Briefschreiber und führte seit seiner vorübergehenden Festsetzung in Stuttgart 1810 konsequent bis zum Lebensende ein Tagebuch, das primär der Kontrolle seiner aus den Fugen geratenen Ausgaben diente, das aber auch seine kompositorischen Arbeiten und seine Kontakte festhielt. Bei dem von Zeitgenossen oft als „denkender Musiker“ apostrophierten Weber war somit von Anfang an klar, dass all diese überlieferten „Texte“ mit der „Musik“ eine für das Verständnis von Werk und Wirken nicht trennbare Einheit bilden.
Die von der Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz betreute Gesamtausgabe mit ihren zwei Arbeitsstellen an der Staatsbibliothek zu Berlin und am Musikwissenschaftlichen Seminar Detmold/Paderborn wurde daher als kombinierte Noten- und Textausgabe geplant – beides zu Zeiten, in denen der Computer noch quasi als verbesserte Schreibmaschine diente. Im Laufe der Jahre geriet die Ausgabe dann in den „digitalen Umbruch“, den sie aktiv und für die Musikwissenschaft in führender Rolle mitgestaltete, sodass schon heute die genannten Textteile fast vollständig frei zugänglich online vorliegen, während die Notenausgabe von einzelnen digitalen Pilotprojekten abgesehen noch eine vornehmlich „analoge“ ist, die im Schott-Verlag in Mainz erscheint.
Die Planung der Notenausgabe fiel in eine Zeit, in der neuere Tendenzen der Textphilologien auch in der Musikwissenschaft Einfluss gewonnen hatten, was sich in der stark dokumentarischen Ausrichtung der WeGA zeigt. Nicht eine nach den Vorlieben und subjektiven Auswahlkriterien eines Herausgebers konstruierte, möglichst „geglättete“ finale Werkgestalt war und ist Ziel der Ausgabe, vielmehr sollen Offenheiten und Mehrdeutigkeiten der Quellen für den Interpreten erhalten bleiben und damit Freiraum für eigene, aber an der Vorlage orientierte Deutungen schaffen. Zu den Lieblingsformulierungen der Editoren gehörten jene vom möglichst klaren „Durchscheinen der Hauptquelle“ und der gelegentlichen „Sperrigkeit des Notentextes“, der ein Mitdenken des Lesers herausfordert. Um dies zu erleichtern, entstand schon früh der Wunsch, den Nutzern auch die Quellen zur Verfügung zu stellen, die gewöhnlich trockenen Lesartenteile der Edition in anschaulicher Weise umzusetzen und so Entscheidungen völlig transparent zu machen. Die Anfang der 2000er Jahre während der Arbeit an Webers Klarinettenquintett entstandene studentische Idee, hierfür die neuen digitalen Möglichkeiten zu nutzen, mündete dann in das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderte Projekt Edirom, bei dem eine heute in mehreren Gesamtausgaben verwendete Software entstand, die erstmals 2005 mit einer Begleit-CD zum Klarinettenquintett-Band erschien, später durch eine leistungsfähigere DVD ersetzt wurde und seit 2022 auch in komplett überarbeiteter Form online verfügbar ist (www.klarinettenquintett.weber-gesamtausgabe.de). Einen weiteren Ausflug ins Digitale gab es 2010 mit den Klarinettenkonzerten (die allerdings noch einer Online-Version harren) sowie mit dem in Nachbarschaft zur Gesamtausgabe entstandenen, diesmal vom Bundesministerium für Bildung und Forschung finanzierten Projekt Freischütz-Digital (www.freischuetz-digital.de), das zwischen 2012 und 2015 am Beispiel dieser Oper (wie hätte es anders sein sollen …) die damals neuesten Möglichkeiten digitalen Edierens demonstrierte.
Gerade am Klarinettenquintett zeigten sich im Hinblick auf das Bestreben, eine komponistennähere Interpretation des Werks zu vermitteln, die großen Vorteile solcher Editionsverfahren: Die Werke waren vor allem in den sogenannten „Baermann-Fassungen“ verbreitet – Editionen, die der Sohn des Widmungsträgers Heinrich Baermann angeblich so vorgelegt hat, wie sein Vater sie mit Weber musizierte: Die Neuausgabe konnte diese „Mär“ nicht nur biografisch widerlegen, sondern auch durch die Gegenüberstellung konkreter Ausschnitte aus Webers relativ „nackt“ bezeichnetem Autograph mit der viel aufschlussreicheren, von ihm durchgesehenen Stichvorlage und dem in der Rezeption vernachlässigten Erstdruck. Es zeigte sich in Kursen mit Klarinettisten, dass die anschauliche Präsentation der Forschungsergebnisse mithilfe der Edirom die Praktiker zu Revisionen ihrer Interpretationen inspirieren konnte, um den Tendenzen zu einem „immer höher, immer weiter“ (mit teils abenteuerlichen Tempi) mit einem geduldigen Ausloten des Sinns der vorgefundenen musikalischen Anweisungen (oder oft nur Andeutungen!) entgegenzuwirken. Ähnliches gilt für die Klarinettenkonzerte – auch hier zeigte sich gerade in den autorisierten Erstdrucken, dass Weber vor dem Verlegen seiner Werke vor allem im Bereich der Dynamik, Agogik, Bogensetzung und Artikulation viel nachgearbeitet hat. Dieser „sekundären Schicht“ des Notensatzes hat Weber stets viel Gewicht zugemessen.
Besonders deutlich wird dies in jenen Kammermusik- und vor allem Klavierwerken sichtbar, bei denen neben Webers Autograph auch eine von ihm durchgesehene Vorlage für den Druck (in der Grundschicht oft einem Kopisten überlassen) existiert: Diese „Stichvorlagen“ haben für die Gesamtausgabe einen oft deutlich höheren Wert als im Auktionshandel teuer angebotene Autographe! Die Serien mit Webers Klavier- und Kammermusikwerken liegen inzwischen komplett vor und werden (vor allem in praktischen Folgeausgaben) hoffentlich dazu beitragen, die im 19. Jahrhundert so außerordentlich beliebten und einflussreichen Werke (darunter vor allem die vier Klaviersonaten und einige hochvirtuose Variationen) wieder populärer zu machen. Leicht wird das nicht – spielen diese Werke doch in Wettbewerben überhaupt keine Rolle und unterscheiden sich Webers Kompositionen in ihrer Struktur deutlich von jener motivisch-thematischen Arbeit, die den Hörern aus dem Wiener Umkreis vertraut ist. Zudem erfordern die Klavierwerke eine Virtuosität, die die Wirkung der Musik erst freisetzt, wenn der Interpret weit jenseits aller technischen Beherrschung mit diesen virtuosen Elementen frei, wie mit Farben zu spielen weiß.
Zu den Perlen von Webers Klaviermusik gehören neben dem Konzertstück auch die beiden Klavierkonzerte in C- und Es-Dur – der Klarinettist Jost Michaels hat sich zeitlebens außer für Webers Klaviersonaten auch für eine Wiederbelebung dieser zu Unrecht vergessenen Werke eingesetzt, die erfreulicherweise in den letzten Jahren einige Neueinspielungen erfahren haben.
Ganz anders verhält es sich im Bereich der Bühnenwerke Webers, die am Ende des Jubiläumsjahrs nahezu komplett in der WeGA vorliegen werden und bei denen Webers Autographe eine wichtigere Rolle spielen. Die hochkomplexe Textgenese der „Euryanthe“ kann dabei nur noch in digitaler Form angemessen dargestellt werden. Ein wichtiger Bereich wird erst danach bearbeitet: Das Bild von Weber wäre sehr lückenhaft ohne sein umfangreiches Liedschaffen – hier war noch so viel Klärung nötig, dass die Publikation in die letzte Phase der Edition verlegt wurde!
Bis zum Jahr 2034 soll die Ausgabe mit ihren circa 56 Notenbänden und den umfangreichen Textteilen abgeschlossen sein – dazu gehört vor allem noch die Erstellung eines primär digitalen (aber in Kurzform auch gedruckten) Werkverzeichnisses. Dieses hat auch die Aufgabe, die seit der ersten offiziellen Präsentation der digitalen Textanteile der WeGA im Jahr 2011 enorm gewachsenen Übertragungen von Briefen, Tagebüchern, Dokumenten, Aufführungsbesprechungen, Rezensionen, Themenkommentaren, biografischen Beiträgen, Personen- und Werkinformationen sowie Sonderveröffentlichungen über die Werkbezüge stärker miteinander zu verknüpfen beziehungsweise unterschiedliche Zugangswege und Lesepfade zu ermöglichen. Die hier vorgelegten Textkorpora waren nur durch zusätzliche freiwillige Mitarbeiter zu bewältigen, aber die Webseite bietet dadurch inzwischen einen von vielen Seiten auch jenseits der engen Wissenschaftskreise als einzigartig bezeichneten Schatz an Informationen, der erfreulicherweise manchmal auch durch Rückmeldungen von Nutzern weiter angereichert werden kann. Dies ist für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der WeGA immer wieder eine zusätzliche Motivation, dieses frei zugängliche Informationsportal kontinuierlich auszubauen.


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