Die Nadia Boulanger des Akkordeons
Sie beherrscht das wohl komplizierteste Instrument der Welt wie kaum eine andere. Ein Besuch in den Niederlanden bei der in Deutschland lehrenden Japanerin Mie Miki

Auf dem Akkordeon klingt wirklich alles gut (wenn man es gut spielt natürlich). Doch das erfuhr ich erst später, als ich die CDs hörte, die Mie Miki und vor allem ihr stolzer Ehemann mir beim Abschied in die Hand gedrückt hatten. Griegs Lyrische Stücke klingen wunderbar nostalgisch, mal intim, mal nach der großen weiten Welt, bei Guillaume de Machaut und John Dowland öffnet der Klang des Akkordeons Räume und mischt sich ideal mit der Bratsche von Nobuko Imai. Und das „Wohltemperierte Akkordeon“ muss in den Ohren von Leuten, die nicht sattelfest in Musikgeschichte sind, wie ein Originalwerk von Bach klingen.
Ich kannte nur seit vielen Jahren Mie Mikis Aufnahme von Scarlatti-Sonaten und hatte schon lange mal ein Interview mit der Japanerin führen wollen, die wohl mehr klassische Musik auf dem Akkordeon aufgenommen hat als sonst irgendjemand. Nun, als im „Jahr des Akkordeons“ endlich die Gelegenheit gekommen war, sah ich zu meinem Schrecken, dass sie 2025 an der Folkwang Universität der Künste emeritiert worden ist. Doch ein Anruf dort beruhigte mich – Mie Miki unterrichte weiterhin in Essen und sei erreichbar. Wenig später saß ich dann bei chinesischem Tee und leckerer selbst gemachter Tiramisu-Torte in ihrem modernen, aber idyllischen Haus gleich hinter der niederländischen Grenze – „wir suchten ein Haus, wo wir ungestört üben können“, so Mie Miki. Ihr Mann Georg Friedrich Schenck ist Pianist, er war Professor in Düsseldorf, wo die beiden überwiegend wohnen, und ist langjähriger FONO-FORUM-Leser, wie er beim Kuchen erzählt. Im Souterrain, in das wir uns anschließend zurückziehen, stehen denn auch zwei Flügel zwischen raumhohen Regalen voller CDs und Kassetten und Noten – und Mie Mikis Akkordeon, das sie sich bald schon umschnallt, um seine Fähigkeiten zu demonstrieren.
Und erst hier wird mir so richtig klar, was für ein kompliziertes – und körperliches – Instrument das Akkordeon ist. Die rechte Hand bewegt sich auf einer Tastatur, deren Umfang für Barockmusik ausreicht – Stücke von Bach oder Scarlatti etwa lassen sich eins zu eins aufs Akkordeon übertragen. Links, auf der Bassseite, gibt es innen drei Reihen mit Knöpfen, die Einzeltöne in Bewegung setzen, daneben, nach außen hin, sechs Reihen mit Knöpfen für Akkorde: Durdreiklang, Moll, Septakkord und vermindert. Wie man da als Spieler durchblickt, ist mir ein Rätsel – vor allem, weil man blind spielt: Wenn sie das große – und schwere – Akkordeon auf dem Schoß hält, sieht sie weder Tasten noch Knöpfe, sagt Mie Miki und fügt lachend hinzu: „Wir können auch im Dunkeln spielen.“ Bei den Knöpfen ist jedes c etwas aufgeraut – mehr Anhaltspunkte zur Orientierung hat sie nicht.
Tasten und Knöpfe allein erzeugen aber keinen Ton – das Akkordeon ist ein Blasinstrument, das erst dann Musik macht, wenn durch den Luftstrom die metallenen Stimmzungen in Bewegung gesetzt werden. Die Luft wiederum kommt aus dem Balg, der mit dem linken Arm bewegt wird. Und hier liegt der entscheidende Unterschied zum Klavier: Da kann man, ist der Ton einmal angeschlagen, nichts mehr beeinflussen. Beim Akkordeon sehr wohl, und nicht nur durch die Arme. Jede Bewegung des Körpers beeinflusst die Luft im Balg, ob man ein Bein bewegt oder mit der Schulter gegen das Instrument schlägt. Und selbst mit einer Bewegung des Brustkorbs kann man feine Akzente erzeugen.
Mie Miki hat mit vielen Komponisten zusammengearbeitet, „und weil die oft etwas Spezielles wollten, zum Beispiel einen Akzent und dann sofort Pianissimo, musste ich mir etwas einfallen lassen. Ich habe viel gelernt, was man alles machen und mit dem Körper beeinflussen kann“.
Japanische Komponisten, die für sie viel geschrieben haben, gehen eher intuitiv vom Klang aus, ist ihre Erfahrung, die deutschen Komponisten „wollen erst mal alles sehr genau wissen“. So war Nicolaus A. Huber neugierig, wie lang das Akkordeon den Ton hält. Schon als Mie Miki mir die Funktionsweise erklärt, wundere ich mich, wie wenig sich ihr Balg bewegt. „Weil das so ein gutes Instrument ist“, sagt sie. „Das verliert kaum Luft. Für ein Akkordeon ist es schon sehr alt.“ Gebaut wurde es 1972 bei Hohner in Trossingen, von Giovanni Gola, dem, wenn ich Mie Mikis Schwärmen richtig deute, Antonio Stradivari des Akkordeons. Wie lang ein Ton anhält, hängt auch von den Registern ab – man kann wie bei der Orgel verschiedene Chöre hinzuschalten. Beim Experiment mit Huber und Pianissimo und Vierfuß dauerte es über fünf Minuten, bis der Balg ganz geöffnet war!
Wie aber ist sie nun zum klassischen Akkordeon gekommen – in Japan!? „Mein Vater hatte eine Schwester, die Pianistin werden wollte. Und ich glaube, die laute Überei und die Vorbereitung auf die Wettbewerbe hat ihn ziemlich genervt. Ich bekam zu meinem zweiten Geburtstag ein Toy Piano geschenkt. Das muss ich wahnsinnig geliebt haben, ich konnte wohl alle Kinderlieder aus dem Radio gleich nachspielen. Meine Mutter wollte mich deshalb ein Instrument lernen lassen, aber mein Vater hat gesagt: Ein Klavier kommt überhaupt nicht infrage. So kam er aufs Akkordeon. Da gibt es keine Wettbewerbe, das kann man nicht studieren, das ist einfach ein Instrument, mit dem man anderen Menschen Freude macht, sagte er. Ich bekam also mit vier Jahren ein grünes Akkordeon, das ich ganz toll fand. Aber meine ältere Cousine spielte Klavier, und deren Stücke fand ich so viel schöner, als was ich spielen musste. Ich habe gebettelt, aber mein Vater ließ sich nicht erweichen. Also bin ich zu den Nachbarn gegangen, die ein Klavier hatten, und habe dort geübt. Und erst als meine Eltern das mitbekamen, haben sie nachgegeben. Als ich acht war, bekamen wir doch unser eigenes Klavier.
Aber das Akkordeon hat mich nicht losgelassen. Und eines Tages brachte meine Mutter von einer Freundin, deren Tochter in Freiburg Bratsche studierte, einen Flyer mit. Da wurde eine Osterarbeitswoche für Akkordeon in Trossingen angeboten. Da muss ich hin, habe ich gesagt. Mein Vater sagte nur: verrücktes Kind. Aber sie haben mich fahren lassen. Ich war dreizehn und erlebte in Trossingen zum ersten Mal, dass eine Solistin, Gisela Walther hieß sie, in einem schönen Abendkleid auf die Bühne ging und auf dem Akkordeon schöne Stücke spielte – mit Einzeltönen und nicht nur mit Umtata als Begleitung. Ich dachte, ich könnte also auch eines Tages in einem schönen Kleid auf die Bühne gehen und mit dem Akkordeon Bach spielen. Bach war für mich der größte Komponist. Ich habe immer nur Bach gehört. Also habe ich meinen Eltern gesagt: Ich möchte hier bleiben.“
Die waren natürlich nicht begeistert. Mie Miki musste nach Tokio zurückkehren, doch nach dem Schulabschluss mit sechzehn begann sie tatsächlich, in Trossingen zu studieren. Aber auch hier litt sie bald am eingeschränkten Repertoire, und so wechselte sie nach drei Jahren nach Hannover, wo sie noch einmal Klavier studierte. „Ich wusste, Konzertpianistin werde ich nicht mehr. Aber für mich war es wichtig, andere Literatur kennenzulernen und mal rauszukommen aus der Akkordeonwelt.“
Allerdings hatte Mie Miki schon zwei internationale Akkordeon-Wettbewerbe gewonnen, sie wurde ins japanische Fernsehen eingeladen, kam zu einer Konzertagentur und baute sich, neben dem Klavierstudium, eine Konzertkarriere als Akkordeonistin in Japan auf.
„Dann hatte ich das Glück, dass direkt nach dem Studium an der Folkwang-Hochschule, Außenstelle Duisburg, ein Lehrauftrag frei wurde. Ich hab mich beworben und bekam die Stelle, das bedeutete erst mal Sicherheit. Gleichzeitig heiratete ich meinen Mann. Das war im Schicksalsjahr 1981. So bin ich dann hier geblieben“, kommentiert sie lachend.

Im Jahr 2000 erhielt sie eine Professur in Dortmund, doch wurde diese Außenstelle der Hochschule Detmold drei Jahre später geschlossen. „Wir Professoren durften Wünsche äußern, an welche Hochschule wir versetzt werden wollten in Nordrhein-Westfalen. In Düsseldorf war mein Mann Professor für Kammermusik und Klavier, das war mir zu eng. Detmold war zu weit weg, und weil ich für die Folkwang-Hochschule in Duisburg schon viele Instrumente und Noten gekauft hatte, habe ich mich dafür entschieden, nun aber am Hauptsitz Essen.“
Musikalisch entwickelte sich ihr Leben in zwei Richtungen. „Es gab einen sehr renommierten Scarlatti-Forscher in Tokio, Meiroh Sugawara, der mich einlud, ihm vorzuspielen. Er war schon sehr alt und hatte einige Scheidungen hinter sich und kein Geld mehr und wohnte in einer ganz kleinen Wohnung. Ich dachte, ich krieg meinen Balg gar nicht auf, so eng war es da. Ich hab ihm drei Scarlatti-Sonaten vorgespielt, er rauchte seine Zigarre und hörte nur zu. Und dann sagte er plötzlich, sehr langsam, wie ein weiser alter Mann: Sie dürfen nie den Fehler machen, die Orgel oder das Cembalo zu imitieren. Ihr Instrument kann so viel mehr. Spielen Sie so, dass Sie die Organisten und Cembalisten neidisch machen. Das hat mir wahnsinnig viel Selbstbewusstsein gegeben.“
Die zweite wichtige Begegnung war die mit dem Komponisten Toshio Hosokawa. „Dein Instrument braucht Originalliteratur, hat er gesagt und für mich ein sehr schönes Stück komponiert, ‚Melodia‘. Dafür bin ich ihm sehr dankbar. Er sagte: Du musst die besten Komponisten ansprechen, damit sie für dich schreiben. Das ist deine Zukunft. Ich habe dann wirklich alle wichtigen japanischen Komponisten angesprochen, und alle haben für mich geschrieben. Sie waren alle neugierig auf das Akkordeon. So hat sich ein Weg für mich geöffnet in die Neue Musik.“
Über sechzig Werke wurden für sie komponiert, und oft war Mie Miki eingebunden in den Entstehungsprozess, schließlich musste sie immer wieder zeigen, was auf dem Akkordeon alles möglich ist. „Komponisten können ziemlich herausfordernd sein, auch in Fragen der Interpretation ihrer Werke. Sofia Gubaidulina zum Beispiel wollte immer wieder etwas Neues ausprobieren. Das bedeutete aber auch für mich eine kreative Entdeckung des Akkordeons.“
Rund dreißig CDs hat Mie Miki aufgenommen, für Labels wie Vanguard, Sony, Aeolus, Philips, Brilliant und immer wieder BIS. Viel zeitgenössische Musik, aber auch Bach, Scarlatti und sogar eine CD nur mit Mozart – alles Werke, die sie nicht bearbeiten musste. „Neue Musik aufzunehmen, habe ich auch als Verpflichtung gesehen. Da sind sehr gute Stücke dabei. Aber meine große Liebe gilt Bach und Scarlatti.“
Das Unterrichten hat immer einen großen Raum in ihrem Leben eingenommen, und Mie Miki war ziemlich erfolgreich. Unter den Professoren in Mitteleuropa sind nicht wenige ehemalige Schüler von ihr, und lachend erzählt sie vom Meisterkurs des französischen Jazzakkordeonisten Richard Galliano vor zwei Jahren an ihrem Institut: „Ich will nicht so angeben, aber Richard Galliano sagte hinterher: In jeder Hochschule gibt es ein, zwei Topakkordeonisten. Aber in deiner Klasse sind alle gut, das habe ich noch nie erlebt. Und dann sagte er: Du bist die Nadia Boulanger des Akkordeons.“ Studenten aus Deutschland hat sie übrigens kaum, und das macht ihr Sorgen. „Ich hoffe, dass es mit diesem wunderbaren Instrument nicht zu Ende geht in Deutschland. Man muss in Deutschland immer noch erklären, dass man auf einem Akkordeon klassische Musik machen kann. Das ist in Skandinavien, Osteuropa und den Balkanstaaten anders. Auch die Chinesen lieben das Akkordeon. Die Franzosen lieben ihr Musette-Akkordeon. Und die Russen ihr Bajan sowieso.“
Als wäre das Instrument nicht schon kompliziert genug, haben die Akkordeonisten ihre Welt noch komplizierter gemacht. Sie ist nämlich geteilt in Instrumente mit Tastatur, die Pianoakkordeons, und Instrumente mit Knöpfen auf beiden Seiten, die Knopfakkordeons. „In den 80er Jahren haben Akkordeonprofessoren aus Skandinavien, Russland, Deutschland und Frankreich mal versucht, sich auf ein System zu einigen. Aber das ist gescheitert“, erzählt Mie Miki. Und zitiert dann noch mal Nicolaus A. Huber: „Knopf und Tasten – das ist wie Katholiken und Protestanten.“
Bei den großen Wettbewerben gibt es inzwischen sehr viel mehr Knopfspieler, sagt Mie Miki. „Aber die großen Preise gehen oft an die Pianospieler.“ Die Unterschiede sind übrigens rein äußerlich, der innere Aufbau ist komplett gleich. „Wie beim Menschen. Jeder hat innen die gleichen Organe.“
Aber innerhalb der Knopfakkordeons gibt es wiederum verschiedene Systeme: belgisches, norwegisches, finnisches System, B-Griff oder C-Griff, um nur einige wenige zu nennen. Eine Erklärung fand Mie Miki vor einigen Jahren im Akkordeonmuseum in Moskau. „Jeder Musiker, jedes Dorf war eifersüchtig darauf bedacht, das schönste Instrument zu haben. Und damit niemand anders das spielen konnte, hat sich jedes Dorf ein eigenes System ausgedacht. Wie verschiedene Dialekte. Deswegen gibt es bei den Knopfakkordeons unzählige verschiedene Systeme. Beim Pianoakkordeon nur eins.“ Immerhin.
Ein Wechsel zwischen beiden Welten ist unmöglich – Mie Miki kennt nur einen, der das kann. „Djordje Davidovic, er hat bei mir Konzertexamen gemacht. Er spielt Knopf und Piano gleich gut. Für mich ist das ein Wunder.“
Nun also ist Mie Miki emeritiert, doch unterrichtet sie erst mal weiter, weil ihre Stelle aus Spargründen drei Semester nicht neu besetzt wird. Wird sie jetzt mehr konzertieren? „Das hängt ja nicht nur von mir ab“, sagt sie und gibt dann zu, dass sie zwar in Japan eine Konzertagentur hat, nicht aber in Europa. „Plattenaufnahmen waren mir schon immer wichtiger. Ich gebe gern Konzerte. Aber Aufnahmen sind etwas, was bleibt.“
„Vielleicht sind wir zu wenig ehrgeizig“, sagt sie dann noch über die Akkordeonistenwelt. „Bei Klavier spielenden Kindern ist oft eine sehr ehrgeizige Mutter dabei. Das gibt es beim Akkordeon ganz selten. Ich glaube, ehrgeizige Eltern geben ihren Kindern kein Akkordeon. Ich selbst wollte auch nie berühmt werden. Diesen Wunsch hatte ich nie und habe ihn bis heute nicht.“
Mie Miki wirkt glücklich und zufrieden, dass sie das Akkordeon und nicht das Klavier gewählt hat. „Ich hatte keine Akkordeon-Schwiegermutter sozusagen, dadurch hatte ich viel Spielraum. Nur einen großen Nachteil hat das Akkordeon: Es ist schwer. Ich hasse es, mit dem Akkordeon zu fliegen.“
Und nun erfahre ich zum Schluss auch noch, dass man nur sechs Schrauben herausziehen muss, um das Instrument in zwei Teile zu zerlegen, die dann bequem in zwei Instrumententaschen passen. Auch nach dieser einen Stunde Instrumentenkunde bei Mie Miki bin ich überzeugt: Das Akkordeon hält noch jede Menge Überraschungen bereit.
Auf dem Akkordeon klingt wirklich alles gut (wenn man es gut spielt natürlich). Doch das erfuhr ich erst später, als ich die CDs hörte, die Mie Miki und vor allem ihr stolzer Ehemann mir beim Abschied in die Hand gedrückt hatten. Griegs Lyrische Stücke klingen wunderbar nostalgisch, mal intim, mal nach der großen weiten Welt, bei Guillaume de Machaut und John Dowland öffnet der Klang des Akkordeons Räume und mischt sich ideal mit der Bratsche von Nobuko Imai. Und das „Wohltemperierte Akkordeon“ muss in den Ohren von Leuten, die nicht sattelfest in Musikgeschichte sind, wie ein Originalwerk von Bach klingen.
Ich kannte nur seit vielen Jahren Mie Mikis Aufnahme von Scarlatti-Sonaten und hatte schon lange mal ein Interview mit der Japanerin führen wollen, die wohl mehr klassische Musik auf dem Akkordeon aufgenommen hat als sonst irgendjemand. Nun, als im „Jahr des Akkordeons“ endlich die Gelegenheit gekommen war, sah ich zu meinem Schrecken, dass sie 2025 an der Folkwang Universität der Künste emeritiert worden ist. Doch ein Anruf dort beruhigte mich – Mie Miki unterrichte weiterhin in Essen und sei erreichbar. Wenig später saß ich dann bei chinesischem Tee und leckerer selbst gemachter Tiramisu-Torte in ihrem modernen, aber idyllischen Haus gleich hinter der niederländischen Grenze – „wir suchten ein Haus, wo wir ungestört üben können“, so Mie Miki. Ihr Mann Georg Friedrich Schenck ist Pianist, er war Professor in Düsseldorf, wo die beiden überwiegend wohnen, und ist langjähriger FONO-FORUM-Leser, wie er beim Kuchen erzählt. Im Souterrain, in das wir uns anschließend zurückziehen, stehen denn auch zwei Flügel zwischen raumhohen Regalen voller CDs und Kassetten und Noten – und Mie Mikis Akkordeon, das sie sich bald schon umschnallt, um seine Fähigkeiten zu demonstrieren.
Und erst hier wird mir so richtig klar, was für ein kompliziertes – und körperliches – Instrument das Akkordeon ist. Die rechte Hand bewegt sich auf einer Tastatur, deren Umfang für Barockmusik ausreicht – Stücke von Bach oder Scarlatti etwa lassen sich eins zu eins aufs Akkordeon übertragen. Links, auf der Bassseite, gibt es innen drei Reihen mit Knöpfen, die Einzeltöne in Bewegung setzen, daneben, nach außen hin, sechs Reihen mit Knöpfen für Akkorde: Durdreiklang, Moll, Septakkord und vermindert. Wie man da als Spieler durchblickt, ist mir ein Rätsel – vor allem, weil man blind spielt: Wenn sie das große – und schwere – Akkordeon auf dem Schoß hält, sieht sie weder Tasten noch Knöpfe, sagt Mie Miki und fügt lachend hinzu: „Wir können auch im Dunkeln spielen.“ Bei den Knöpfen ist jedes c etwas aufgeraut – mehr Anhaltspunkte zur Orientierung hat sie nicht.
Tasten und Knöpfe allein erzeugen aber keinen Ton – das Akkordeon ist ein Blasinstrument, das erst dann Musik macht, wenn durch den Luftstrom die metallenen Stimmzungen in Bewegung gesetzt werden. Die Luft wiederum kommt aus dem Balg, der mit dem linken Arm bewegt wird. Und hier liegt der entscheidende Unterschied zum Klavier: Da kann man, ist der Ton einmal angeschlagen, nichts mehr beeinflussen. Beim Akkordeon sehr wohl, und nicht nur durch die Arme. Jede Bewegung des Körpers beeinflusst die Luft im Balg, ob man ein Bein bewegt oder mit der Schulter gegen das Instrument schlägt. Und selbst mit einer Bewegung des Brustkorbs kann man feine Akzente erzeugen.
Mie Miki hat mit vielen Komponisten zusammengearbeitet, „und weil die oft etwas Spezielles wollten, zum Beispiel einen Akzent und dann sofort Pianissimo, musste ich mir etwas einfallen lassen. Ich habe viel gelernt, was man alles machen und mit dem Körper beeinflussen kann“.
Japanische Komponisten, die für sie viel geschrieben haben, gehen eher intuitiv vom Klang aus, ist ihre Erfahrung, die deutschen Komponisten „wollen erst mal alles sehr genau wissen“. So war Nicolaus A. Huber neugierig, wie lang das Akkordeon den Ton hält. Schon als Mie Miki mir die Funktionsweise erklärt, wundere ich mich, wie wenig sich ihr Balg bewegt. „Weil das so ein gutes Instrument ist“, sagt sie. „Das verliert kaum Luft. Für ein Akkordeon ist es schon sehr alt.“ Gebaut wurde es 1972 bei Hohner in Trossingen, von Giovanni Gola, dem, wenn ich Mie Mikis Schwärmen richtig deute, Antonio Stradivari des Akkordeons. Wie lang ein Ton anhält, hängt auch von den Registern ab – man kann wie bei der Orgel verschiedene Chöre hinzuschalten. Beim Experiment mit Huber und Pianissimo und Vierfuß dauerte es über fünf Minuten, bis der Balg ganz geöffnet war!
Wie aber ist sie nun zum klassischen Akkordeon gekommen – in Japan!? „Mein Vater hatte eine Schwester, die Pianistin werden wollte. Und ich glaube, die laute Überei und die Vorbereitung auf die Wettbewerbe hat ihn ziemlich genervt. Ich bekam zu meinem zweiten Geburtstag ein Toy Piano geschenkt. Das muss ich wahnsinnig geliebt haben, ich konnte wohl alle Kinderlieder aus dem Radio gleich nachspielen. Meine Mutter wollte mich deshalb ein Instrument lernen lassen, aber mein Vater hat gesagt: Ein Klavier kommt überhaupt nicht infrage. So kam er aufs Akkordeon. Da gibt es keine Wettbewerbe, das kann man nicht studieren, das ist einfach ein Instrument, mit dem man anderen Menschen Freude macht, sagte er. Ich bekam also mit vier Jahren ein grünes Akkordeon, das ich ganz toll fand. Aber meine ältere Cousine spielte Klavier, und deren Stücke fand ich so viel schöner, als was ich spielen musste. Ich habe gebettelt, aber mein Vater ließ sich nicht erweichen. Also bin ich zu den Nachbarn gegangen, die ein Klavier hatten, und habe dort geübt. Und erst als meine Eltern das mitbekamen, haben sie nachgegeben. Als ich acht war, bekamen wir doch unser eigenes Klavier.
Aber das Akkordeon hat mich nicht losgelassen. Und eines Tages brachte meine Mutter von einer Freundin, deren Tochter in Freiburg Bratsche studierte, einen Flyer mit. Da wurde eine Osterarbeitswoche für Akkordeon in Trossingen angeboten. Da muss ich hin, habe ich gesagt. Mein Vater sagte nur: verrücktes Kind. Aber sie haben mich fahren lassen. Ich war dreizehn und erlebte in Trossingen zum ersten Mal, dass eine Solistin, Gisela Walther hieß sie, in einem schönen Abendkleid auf die Bühne ging und auf dem Akkordeon schöne Stücke spielte – mit Einzeltönen und nicht nur mit Umtata als Begleitung. Ich dachte, ich könnte also auch eines Tages in einem schönen Kleid auf die Bühne gehen und mit dem Akkordeon Bach spielen. Bach war für mich der größte Komponist. Ich habe immer nur Bach gehört. Also habe ich meinen Eltern gesagt: Ich möchte hier bleiben.“
Die waren natürlich nicht begeistert. Mie Miki musste nach Tokio zurückkehren, doch nach dem Schulabschluss mit sechzehn begann sie tatsächlich, in Trossingen zu studieren. Aber auch hier litt sie bald am eingeschränkten Repertoire, und so wechselte sie nach drei Jahren nach Hannover, wo sie noch einmal Klavier studierte. „Ich wusste, Konzertpianistin werde ich nicht mehr. Aber für mich war es wichtig, andere Literatur kennenzulernen und mal rauszukommen aus der Akkordeonwelt.“
Allerdings hatte Mie Miki schon zwei internationale Akkordeon-Wettbewerbe gewonnen, sie wurde ins japanische Fernsehen eingeladen, kam zu einer Konzertagentur und baute sich, neben dem Klavierstudium, eine Konzertkarriere als Akkordeonistin in Japan auf.
„Dann hatte ich das Glück, dass direkt nach dem Studium an der Folkwang-Hochschule, Außenstelle Duisburg, ein Lehrauftrag frei wurde. Ich hab mich beworben und bekam die Stelle, das bedeutete erst mal Sicherheit. Gleichzeitig heiratete ich meinen Mann. Das war im Schicksalsjahr 1981. So bin ich dann hier geblieben“, kommentiert sie lachend.

Im Jahr 2000 erhielt sie eine Professur in Dortmund, doch wurde diese Außenstelle der Hochschule Detmold drei Jahre später geschlossen. „Wir Professoren durften Wünsche äußern, an welche Hochschule wir versetzt werden wollten in Nordrhein-Westfalen. In Düsseldorf war mein Mann Professor für Kammermusik und Klavier, das war mir zu eng. Detmold war zu weit weg, und weil ich für die Folkwang-Hochschule in Duisburg schon viele Instrumente und Noten gekauft hatte, habe ich mich dafür entschieden, nun aber am Hauptsitz Essen.“
Musikalisch entwickelte sich ihr Leben in zwei Richtungen. „Es gab einen sehr renommierten Scarlatti-Forscher in Tokio, Meiroh Sugawara, der mich einlud, ihm vorzuspielen. Er war schon sehr alt und hatte einige Scheidungen hinter sich und kein Geld mehr und wohnte in einer ganz kleinen Wohnung. Ich dachte, ich krieg meinen Balg gar nicht auf, so eng war es da. Ich hab ihm drei Scarlatti-Sonaten vorgespielt, er rauchte seine Zigarre und hörte nur zu. Und dann sagte er plötzlich, sehr langsam, wie ein weiser alter Mann: Sie dürfen nie den Fehler machen, die Orgel oder das Cembalo zu imitieren. Ihr Instrument kann so viel mehr. Spielen Sie so, dass Sie die Organisten und Cembalisten neidisch machen. Das hat mir wahnsinnig viel Selbstbewusstsein gegeben.“
Die zweite wichtige Begegnung war die mit dem Komponisten Toshio Hosokawa. „Dein Instrument braucht Originalliteratur, hat er gesagt und für mich ein sehr schönes Stück komponiert, ‚Melodia‘. Dafür bin ich ihm sehr dankbar. Er sagte: Du musst die besten Komponisten ansprechen, damit sie für dich schreiben. Das ist deine Zukunft. Ich habe dann wirklich alle wichtigen japanischen Komponisten angesprochen, und alle haben für mich geschrieben. Sie waren alle neugierig auf das Akkordeon. So hat sich ein Weg für mich geöffnet in die Neue Musik.“
Über sechzig Werke wurden für sie komponiert, und oft war Mie Miki eingebunden in den Entstehungsprozess, schließlich musste sie immer wieder zeigen, was auf dem Akkordeon alles möglich ist. „Komponisten können ziemlich herausfordernd sein, auch in Fragen der Interpretation ihrer Werke. Sofia Gubaidulina zum Beispiel wollte immer wieder etwas Neues ausprobieren. Das bedeutete aber auch für mich eine kreative Entdeckung des Akkordeons.“
Rund dreißig CDs hat Mie Miki aufgenommen, für Labels wie Vanguard, Sony, Aeolus, Philips, Brilliant und immer wieder BIS. Viel zeitgenössische Musik, aber auch Bach, Scarlatti und sogar eine CD nur mit Mozart – alles Werke, die sie nicht bearbeiten musste. „Neue Musik aufzunehmen, habe ich auch als Verpflichtung gesehen. Da sind sehr gute Stücke dabei. Aber meine große Liebe gilt Bach und Scarlatti.“
Das Unterrichten hat immer einen großen Raum in ihrem Leben eingenommen, und Mie Miki war ziemlich erfolgreich. Unter den Professoren in Mitteleuropa sind nicht wenige ehemalige Schüler von ihr, und lachend erzählt sie vom Meisterkurs des französischen Jazzakkordeonisten Richard Galliano vor zwei Jahren an ihrem Institut: „Ich will nicht so angeben, aber Richard Galliano sagte hinterher: In jeder Hochschule gibt es ein, zwei Topakkordeonisten. Aber in deiner Klasse sind alle gut, das habe ich noch nie erlebt. Und dann sagte er: Du bist die Nadia Boulanger des Akkordeons.“ Studenten aus Deutschland hat sie übrigens kaum, und das macht ihr Sorgen. „Ich hoffe, dass es mit diesem wunderbaren Instrument nicht zu Ende geht in Deutschland. Man muss in Deutschland immer noch erklären, dass man auf einem Akkordeon klassische Musik machen kann. Das ist in Skandinavien, Osteuropa und den Balkanstaaten anders. Auch die Chinesen lieben das Akkordeon. Die Franzosen lieben ihr Musette-Akkordeon. Und die Russen ihr Bajan sowieso.“
Als wäre das Instrument nicht schon kompliziert genug, haben die Akkordeonisten ihre Welt noch komplizierter gemacht. Sie ist nämlich geteilt in Instrumente mit Tastatur, die Pianoakkordeons, und Instrumente mit Knöpfen auf beiden Seiten, die Knopfakkordeons. „In den 80er Jahren haben Akkordeonprofessoren aus Skandinavien, Russland, Deutschland und Frankreich mal versucht, sich auf ein System zu einigen. Aber das ist gescheitert“, erzählt Mie Miki. Und zitiert dann noch mal Nicolaus A. Huber: „Knopf und Tasten – das ist wie Katholiken und Protestanten.“
Bei den großen Wettbewerben gibt es inzwischen sehr viel mehr Knopfspieler, sagt Mie Miki. „Aber die großen Preise gehen oft an die Pianospieler.“ Die Unterschiede sind übrigens rein äußerlich, der innere Aufbau ist komplett gleich. „Wie beim Menschen. Jeder hat innen die gleichen Organe.“
Aber innerhalb der Knopfakkordeons gibt es wiederum verschiedene Systeme: belgisches, norwegisches, finnisches System, B-Griff oder C-Griff, um nur einige wenige zu nennen. Eine Erklärung fand Mie Miki vor einigen Jahren im Akkordeonmuseum in Moskau. „Jeder Musiker, jedes Dorf war eifersüchtig darauf bedacht, das schönste Instrument zu haben. Und damit niemand anders das spielen konnte, hat sich jedes Dorf ein eigenes System ausgedacht. Wie verschiedene Dialekte. Deswegen gibt es bei den Knopfakkordeons unzählige verschiedene Systeme. Beim Pianoakkordeon nur eins.“ Immerhin.
Ein Wechsel zwischen beiden Welten ist unmöglich – Mie Miki kennt nur einen, der das kann. „Djordje Davidovic, er hat bei mir Konzertexamen gemacht. Er spielt Knopf und Piano gleich gut. Für mich ist das ein Wunder.“
Nun also ist Mie Miki emeritiert, doch unterrichtet sie erst mal weiter, weil ihre Stelle aus Spargründen drei Semester nicht neu besetzt wird. Wird sie jetzt mehr konzertieren? „Das hängt ja nicht nur von mir ab“, sagt sie und gibt dann zu, dass sie zwar in Japan eine Konzertagentur hat, nicht aber in Europa. „Plattenaufnahmen waren mir schon immer wichtiger. Ich gebe gern Konzerte. Aber Aufnahmen sind etwas, was bleibt.“
„Vielleicht sind wir zu wenig ehrgeizig“, sagt sie dann noch über die Akkordeonistenwelt. „Bei Klavier spielenden Kindern ist oft eine sehr ehrgeizige Mutter dabei. Das gibt es beim Akkordeon ganz selten. Ich glaube, ehrgeizige Eltern geben ihren Kindern kein Akkordeon. Ich selbst wollte auch nie berühmt werden. Diesen Wunsch hatte ich nie und habe ihn bis heute nicht.“
Mie Miki wirkt glücklich und zufrieden, dass sie das Akkordeon und nicht das Klavier gewählt hat. „Ich hatte keine Akkordeon-Schwiegermutter sozusagen, dadurch hatte ich viel Spielraum. Nur einen großen Nachteil hat das Akkordeon: Es ist schwer. Ich hasse es, mit dem Akkordeon zu fliegen.“
Und nun erfahre ich zum Schluss auch noch, dass man nur sechs Schrauben herausziehen muss, um das Instrument in zwei Teile zu zerlegen, die dann bequem in zwei Instrumententaschen passen. Auch nach dieser einen Stunde Instrumentenkunde bei Mie Miki bin ich überzeugt: Das Akkordeon hält noch jede Menge Überraschungen bereit.

