„Ich war wie besessen“
Der Akkordeonist João Barradas pendelt virtuos zwischen Klassik, Jazz und zeitgenössischer Musik. Nun nimmt er sich eines der schwersten Klavierkonzerte vor

Das Stück „Piano Phase“, komponiert 1967 von Steve Reich, gehört zu den faszinierendsten, aber auch schwierigsten Werken der Minimal Music: An zwei Klavieren spielen zwei Pianisten identische Tonfolgen in minimal unterschiedlichen Tempi „gegeneinander“, wodurch der Effekt der Phasenverschiebung hörbar gemacht wird. Von Musikern verlangt dies ein hohes Maß an Konzentration, und vermutlich konnte es sich nicht einmal der Klangvisionär Steve Reich vorstellen, dass seine Komposition eines Tages von nur einer Person aufgeführt wird. João Barradas scheute diese technische Herausforderung nicht, als er „Piano Phase“ 2023 in mehreren Konzerten spielte, auf dem Knopfakkordeon, mit rechter und linker Hand in verschiedener Geschwindigkeit. Es ist einer von vielen Belegen dafür, dass der 1992 in Portugal geborene Barradas eines der größten Talente auf dem Instrument ist – ein Talent, das Ende der 90er Jahre in einer Schule in Samora Correia nahe Lissabon geweckt wurde. „Als ich sechs Jahre alt war, kam eine Musikerin in den Unterricht, die ein Akkordeon mitbrachte und uns vorspielte. Ich sah diese Box mit 120 Knöpfen und war sofort verliebt.“
Es dauerte nicht lange, bis seine Eltern ein Akkordeon kauften und den Sohn bei der örtlichen Musikschule anmeldeten, von wo Barradas allerdings schon nach einem Monat ans Nationalkonservatorium in Lissabon empfohlen wurde. „Am Anfang habe ich Volksmusik gespielt, etwa den Tanz ‚Corridinho‘. Am Konservatorium ging es dann aber sehr bald um Klassik, um Originalwerke und um Transkriptionen.“ Etwa sechs Stunden pro Tag habe er geübt, manchmal auch zehn, erinnert sich Barradas, und das ganz ohne elterlichen Druck. „Niemand hat von mir erwartet, dass ich professioneller Musiker werde. Aber ich war wie besessen, studierte das Instrument, die Musik und meine Vorbilder wie Teodoro Anzellotti, Richard Galliano, Eric Bouvelle oder João Frade. Deren Aufnahmen waren für mich eine wichtige Schule.“
Ab dem achten Lebensjahr nahm Barradas erfolgreich an diversen Wettbewerben in Portugal und im Ausland teil, wurde zu Festivals eingeladen und immer häufiger in klassische Konzertsäle. Denn ob Werke von Bach, Schubert oder Chopin, Barradas’ Interpretationen sind stets von großem musikalischen Verständnis und Respekt vor dem Original geprägt. „Wenn ich ein Klavierwerk transkribiere, ist mir wichtig, am Notentext möglichst nichts zu verändern. Und bevor ich eine Bearbeitung aufführe, zeige ich sie zunächst allen Pianisten in meinem Freundeskreis und frage sie, was ich noch besser machen kann.“
Für den Einwand von Puristen, zu Zeiten von Bach oder Mozart hätte es das Akkordeon noch nicht gegeben, zeigt Barradas Verständnis: „Es ist ein relativ junges Instrument, und wenn jemand nicht bereit ist für Barockmusik auf dem Akkordeon, verstehe ich das. Gleichzeitig freue ich mich, dass sehr viele Leute sich für diese Kombination interessieren.“
Barradas’ Erfolg beruht auch darauf, dass er weiß, wie er die enormen Klangmöglichkeiten des Akkordeons in den Dienst der Komponisten stellen kann. Seine Aufnahme von Bachs Cembalokonzerten etwa ist von so großer Klarheit und Stringenz, fein ausbalanciert mit dem Orquestra Metropolitana de Lisboa, dass man annehmen könnte, hier musiziere ein Alte-Musik-Experte.
Dass er auch ein großer Virtuose ist, muss Barradas inzwischen nicht mehr unter Beweis stellen. Dennoch hat er für seine nächste Einspielung eines der schwierigsten Klavierwerke ausgewählt: das dritte Konzert von Sergej Rachmaninow; ein paar verheißungsvolle Übungsvideos hat er bereits im Netz mit seinen Fans geteilt. „Natürlich ist es anspruchsvoll, ähnlich wie am Klavier muss man auch auf dem Akkordeon für Rachmaninow sehr große Hände haben.“ Es gehe ihm aber keineswegs um Showeffekte auf der Bühne. „Zum einen gehört Rachmaninow wirklich zu meinen Lieblingskomponisten. Zum anderen finde ich es wichtig zu verstehen, wie sich die Spielweisen auf dem Tasteninstrument immer weiterentwickelt haben. Und Musik verstehen kann ich am besten, wenn ich sie spiele.“
Allerdings hat Barradas vor, sich in Zukunft weniger mit Adaptionen und mehr mit Originalkompositionen für Akkordeon zu beschäftigen. „Es gibt wunderbare Originalliteratur, wie die Werke von Sofia Gubaidulina oder Rebecca Saunders, die ich bereits häufig in Konzerten gespielt, aber nie aufgenommen habe.“ Zudem entstand in den letzten Jahren eine ganze Reihe von Werken für Barradas, von Komponisten wie Yann Robin oder Luís Tinoco.
Und dann ist da auch noch Barradas’ zweite große Leidenschaft: der Jazz. Für seine Improvisationen nutzt er einen anderen Akkordeontyp, bei dem die Knöpfe nach dem sogenannten Stradella-Bass-System angeordnet sind. „Das Tastaturlayout unterscheidet sich, weshalb ich mich für Jazz komplett umstellen muss und auf diesem Instrument keine klassischen Werke spielen kann.“ Doch auch in der Welt der Blue Notes ist Barradas zu Hause, und es ist faszinierend zu hören, wie sich der Akkordeonist in die unterschiedlichsten Jazzformationen einfügt, mal mit Referenzen an den französischen Musette-Stil, mal mit Klängen à la Chick Corea oder Tangoharmonien eines Astor Piazzolla. Kürzlich wurde sein Album „Aperture“ als beste Jazzeinspielung des Jahres mit der portugiesischen Variante des Grammy, dem Play-Award, ausgezeichnet. Wobei er den Akkordeonsound hier teilweise verschwinden lässt: Über die im Instrument eingebaute Midi-Technik klingt sein Instrument plötzlich wie ein Rhodes Piano. „Ich könnte damit auch den Klang eines Moog-Synthesizers erzeugen, wenn es für ein Stück besser passt“, erklärt Barradas. „Am Ende ist ja auch das Akkordeon nur ein Werkzeug. Wie das Ergebnis klingt, hängt weniger vom Instrument ab als davon, wie du musizierst. Deine Ausbildung ist entscheidend, deine Musikalität, dein Timing – und wie ernst du es mit der Musik meinst.“
Das Stück „Piano Phase“, komponiert 1967 von Steve Reich, gehört zu den faszinierendsten, aber auch schwierigsten Werken der Minimal Music: An zwei Klavieren spielen zwei Pianisten identische Tonfolgen in minimal unterschiedlichen Tempi „gegeneinander“, wodurch der Effekt der Phasenverschiebung hörbar gemacht wird. Von Musikern verlangt dies ein hohes Maß an Konzentration, und vermutlich konnte es sich nicht einmal der Klangvisionär Steve Reich vorstellen, dass seine Komposition eines Tages von nur einer Person aufgeführt wird. João Barradas scheute diese technische Herausforderung nicht, als er „Piano Phase“ 2023 in mehreren Konzerten spielte, auf dem Knopfakkordeon, mit rechter und linker Hand in verschiedener Geschwindigkeit. Es ist einer von vielen Belegen dafür, dass der 1992 in Portugal geborene Barradas eines der größten Talente auf dem Instrument ist – ein Talent, das Ende der 90er Jahre in einer Schule in Samora Correia nahe Lissabon geweckt wurde. „Als ich sechs Jahre alt war, kam eine Musikerin in den Unterricht, die ein Akkordeon mitbrachte und uns vorspielte. Ich sah diese Box mit 120 Knöpfen und war sofort verliebt.“
Es dauerte nicht lange, bis seine Eltern ein Akkordeon kauften und den Sohn bei der örtlichen Musikschule anmeldeten, von wo Barradas allerdings schon nach einem Monat ans Nationalkonservatorium in Lissabon empfohlen wurde. „Am Anfang habe ich Volksmusik gespielt, etwa den Tanz ‚Corridinho‘. Am Konservatorium ging es dann aber sehr bald um Klassik, um Originalwerke und um Transkriptionen.“ Etwa sechs Stunden pro Tag habe er geübt, manchmal auch zehn, erinnert sich Barradas, und das ganz ohne elterlichen Druck. „Niemand hat von mir erwartet, dass ich professioneller Musiker werde. Aber ich war wie besessen, studierte das Instrument, die Musik und meine Vorbilder wie Teodoro Anzellotti, Richard Galliano, Eric Bouvelle oder João Frade. Deren Aufnahmen waren für mich eine wichtige Schule.“
Ab dem achten Lebensjahr nahm Barradas erfolgreich an diversen Wettbewerben in Portugal und im Ausland teil, wurde zu Festivals eingeladen und immer häufiger in klassische Konzertsäle. Denn ob Werke von Bach, Schubert oder Chopin, Barradas’ Interpretationen sind stets von großem musikalischen Verständnis und Respekt vor dem Original geprägt. „Wenn ich ein Klavierwerk transkribiere, ist mir wichtig, am Notentext möglichst nichts zu verändern. Und bevor ich eine Bearbeitung aufführe, zeige ich sie zunächst allen Pianisten in meinem Freundeskreis und frage sie, was ich noch besser machen kann.“
Für den Einwand von Puristen, zu Zeiten von Bach oder Mozart hätte es das Akkordeon noch nicht gegeben, zeigt Barradas Verständnis: „Es ist ein relativ junges Instrument, und wenn jemand nicht bereit ist für Barockmusik auf dem Akkordeon, verstehe ich das. Gleichzeitig freue ich mich, dass sehr viele Leute sich für diese Kombination interessieren.“
Barradas’ Erfolg beruht auch darauf, dass er weiß, wie er die enormen Klangmöglichkeiten des Akkordeons in den Dienst der Komponisten stellen kann. Seine Aufnahme von Bachs Cembalokonzerten etwa ist von so großer Klarheit und Stringenz, fein ausbalanciert mit dem Orquestra Metropolitana de Lisboa, dass man annehmen könnte, hier musiziere ein Alte-Musik-Experte.
Dass er auch ein großer Virtuose ist, muss Barradas inzwischen nicht mehr unter Beweis stellen. Dennoch hat er für seine nächste Einspielung eines der schwierigsten Klavierwerke ausgewählt: das dritte Konzert von Sergej Rachmaninow; ein paar verheißungsvolle Übungsvideos hat er bereits im Netz mit seinen Fans geteilt. „Natürlich ist es anspruchsvoll, ähnlich wie am Klavier muss man auch auf dem Akkordeon für Rachmaninow sehr große Hände haben.“ Es gehe ihm aber keineswegs um Showeffekte auf der Bühne. „Zum einen gehört Rachmaninow wirklich zu meinen Lieblingskomponisten. Zum anderen finde ich es wichtig zu verstehen, wie sich die Spielweisen auf dem Tasteninstrument immer weiterentwickelt haben. Und Musik verstehen kann ich am besten, wenn ich sie spiele.“
Allerdings hat Barradas vor, sich in Zukunft weniger mit Adaptionen und mehr mit Originalkompositionen für Akkordeon zu beschäftigen. „Es gibt wunderbare Originalliteratur, wie die Werke von Sofia Gubaidulina oder Rebecca Saunders, die ich bereits häufig in Konzerten gespielt, aber nie aufgenommen habe.“ Zudem entstand in den letzten Jahren eine ganze Reihe von Werken für Barradas, von Komponisten wie Yann Robin oder Luís Tinoco.
Und dann ist da auch noch Barradas’ zweite große Leidenschaft: der Jazz. Für seine Improvisationen nutzt er einen anderen Akkordeontyp, bei dem die Knöpfe nach dem sogenannten Stradella-Bass-System angeordnet sind. „Das Tastaturlayout unterscheidet sich, weshalb ich mich für Jazz komplett umstellen muss und auf diesem Instrument keine klassischen Werke spielen kann.“ Doch auch in der Welt der Blue Notes ist Barradas zu Hause, und es ist faszinierend zu hören, wie sich der Akkordeonist in die unterschiedlichsten Jazzformationen einfügt, mal mit Referenzen an den französischen Musette-Stil, mal mit Klängen à la Chick Corea oder Tangoharmonien eines Astor Piazzolla. Kürzlich wurde sein Album „Aperture“ als beste Jazzeinspielung des Jahres mit der portugiesischen Variante des Grammy, dem Play-Award, ausgezeichnet. Wobei er den Akkordeonsound hier teilweise verschwinden lässt: Über die im Instrument eingebaute Midi-Technik klingt sein Instrument plötzlich wie ein Rhodes Piano. „Ich könnte damit auch den Klang eines Moog-Synthesizers erzeugen, wenn es für ein Stück besser passt“, erklärt Barradas. „Am Ende ist ja auch das Akkordeon nur ein Werkzeug. Wie das Ergebnis klingt, hängt weniger vom Instrument ab als davon, wie du musizierst. Deine Ausbildung ist entscheidend, deine Musikalität, dein Timing – und wie ernst du es mit der Musik meinst.“

