Welt der Wahrheit
Vor 150 Jahren wurde der Dirigent Bruno Walter in Berlin geboren. Vor allem als Mahler-Interpret hat er seinen Platz in der Musikgeschichte sicher

Es ist Mittwoch, der 21. August 1935, ein klarer Tag „mit würziger Luft“, wie Thomas Mann im Tagebuch festhält. Mittags trifft sich der Schriftsteller in einem Wirtsgarten mit dem Dirigenten Bruno Walter zum Essen. „Zum Thee per Wagen zu Walters Wohnsitz, Thee auf der Terrasse mit Toscanini, seiner Frau, seinem Freund.“ Vor einem Sonnenschirm sitzen sie lächelnd: Thomas Mann in der Mitte mit Krawatte, rechts von ihm Arturo Toscanini, links Bruno Walter – beide Dirigenten mit Fliege. Ein künstlerisches Gipfeltreffen, fotografisch festgehalten von niemand anderem als der berühmten Sopranistin Lotte Lehmann.
Walter absolviert in diesem Festspielsommer 1935 ein strammes Programm in Salzburg: „Don Giovanni“ und „Die Entführung aus dem Serail“, eine „Tristan“-Aufführung, zwei Orchesterkonzerte und einen Liederabend – er begleitet Lotte Lehmann. Zu diesem Zeitpunkt ist Bruno Walter in Deutschland bereits persona non grata.
Gut zwei Jahre zuvor, am 17. März 1933, sollte Walter in Leipzig auftreten. Dort war er seit vier Jahren Gewandhauskapellmeister, als Nachfolger Furtwänglers. Doch das angesetzte Konzert sollte „verhindert“ werden „aus Gründen der öffentlichen Sicherheit“. Was Walter nicht wissen konnte: Genau am selben Tag erschien in der „New York Times“ ein Artikel, in dem bereits ausführlich darüber berichtet wird, warum der Dirigent im eigenen Land keine Zukunft mehr haben werde. Walter entspreche „nicht den von den Nationalsozialisten favorisierten rassischen Standards“. Walters Familie war jüdischer Herkunft, und so war Walter einer der ersten prominenten deutschen Künstler, die aus Deutschland hinausgedrängt wurden. Dass ausgerechnet eine amerikanische Zeitung über ihn berichtete, war kein Zufall. Als regelmäßigen Gast wusste man den Dirigenten in den USA zu schätzen, während Hitler ihn später als „absolute Null“ abkanzeln sollte. Sechs Jahre später wurde Amerika endgültig Walters neue Wahlheimat, 1946 wurde er eingebürgert.
Die Konzertabsage von Leipzig war nicht das erste Ereignis dieser Art. Schon während seiner Zeit als Generalmusikdirektor der Münchner Hofoper (1913-22) sah sich Bruno Walter mehrfach antisemitischen Vorwürfen ausgesetzt. Thomas Mann, sein damaliger Nachbar in der Poschinger Straße, sprang dem Musiker immer wieder öffentlichkeitswirksam zur Seite. Walter sei deutsch in „seinem Geiste und Herzen, seiner Bildung und Liebe“. Dass Mann dabei die antijüdischen Vorwürfe nicht extra herausstellt, könnte auf Walters eigenen Wunsch hin geschehen sein. Denn noch Jahrzehnte später umschiffte Walter in seiner Autobiografie den Antisemitismus gegen die eigene Person.
Warum aber geriet Walter schon so früh und gerade in München ins öffentliche Kreuzfeuer? Darüber ist viel diskutiert worden. Als Bruno Walter sein Amt als Generalmusikdirektor des königlich bayerischen Hof- und Nationaltheaters im Januar 1913 antritt, zählt die Stadt etwas mehr als 600.000 Einwohner und vier Opernhäuser einschließlich des Cuvilliéstheaters. Walter folgt im Amt auf den bekennenden Wagnerianer und Antisemiten Felix Mottl. Walter hingegen kommt aus einer anderen Richtung: Er gilt als Zögling des ebenfalls jüdischen Gustav Mahler. Dass nun ausgerechnet die Münchner Wagner-Pflege in die Hände eines jüdisch geprägten Dirigenten wie Bruno Walter gelegt wird, ist vielen, vor allem vielen städtischen Kritikern, ein Dorn im Auge. Besucher von außen müssten einen „seltsamen Begriff von der Münchner Wagner-Interpretation bekommen“, schreibt Alexander Dillmann, Autor der „Münchener Neuesten Nachrichten“. Mahnend gibt er Walter zu verstehen, er solle „solche Experimente seiner persönlichen Auffassung“ lieber unterlassen. Zu diesem Zeitpunkt ist Walter jedoch kein blutiger Anfänger mehr, sondern eine gestandene Künstlerpersönlichkeit.
Als Bruno Schlesinger wird er am 15. September 1876 in Berlin geboren. Der Vater arbeitet als Buchhalter in „einer größeren Seidenfirma“. Walters musikalisches Talent stammt aus der mütterlichen Linie. Johanna Schlesinger, geborene Fernbach, spielt Klavier und hat sogar am Stern’schen Konservatorium studiert. Auch Bruno kommt mit acht Jahren ans Stern’sche Konservatorium. In seinen Erinnerungen schreibt er, dass sein erstes Zeugnis „mit den Worten schloss: ‚Jeder Zoll an ihm ist Musik.‘“ Zunächst scheint alles auf eine Pianistenkarriere hinauszulaufen, auch beschreibt er „unzählige Notenblätter mit ‚Kompositionen‘ aller Art“. Walter bezeichnet sich selbst als ausdauernd. Er liest exzessiv und lebt in seinem Musizieren „Gefühlsüberschwang, Temperament und Erregbarkeit“ gleichermaßen aus.
Als Dreizehnjähriger debütiert Bruno als Solist bei den Berliner Philharmonikern mit einem Konzert von Ignaz Moscheles. Das Klavierspielen gibt er nie ganz auf. In Wien spielt er 1905 Regers Violinsonate op. 72 mit dem Geiger Arnold Rosé, 1910 die Uraufführung des Klaviertrios von Erich Wolfgang Korngold. Auch Liederabende stehen gelegentlich auf seinen Programmen. 1937 nimmt Walter Mozarts d-Moll-Klavierkonzert KV 466 erstmals mit den Wiener Philharmonikern auf, zwei Jahre später mit dem NBC Symphony Orchestra. „Mein stärkster künstlerischer Eigengewinn […] war die Vertiefung meines Verhältnisses zu Mozart“, bilanziert er rückblickend. In Mozarts Musik ist „alles dramatisch wahr“: „das Edle und das Niedrige, das Gütige und das Boshafte, das Weise und das Dumme“. Wer dies nachhören möchte, sollte sich an den „Don Giovanni“-Mitschnitt aus New York von 1942 halten. Die Vitalität dieser Aufführung ist herausragend. Das ist Musiktheater pur, und Walter ist einer der ersten Dirigenten, die das Werk von jeder (spät-)romantischen Patina befreien. Die Akkorde, wenn der Komtur zum Gastmahl eintrifft, haben eine Wucht, die bis ins Mark fährt. Dieser Ansatz ist kein Einzelfall. Schon eine frühe Aufnahme von 1929 mit Mozarts g-Moll-Sinfonie aus Berlin zeigt, dass Bruno Walter an jeder Konservierung eines Denkmals nicht interessiert ist: Für ihn gibt Mozart „der Welt die Wahrheit, gehüllt in den Schleier der Schönheit“.

Mit siebzehn Jahren kommt Bruno Walter 1893 als Korrepetitor an die Oper in Köln, noch bevor das neue Haus am Habsburgerring gebaut wird. Dort debütiert er auch als Dirigent: mit Lortzings „Waffenschmied“. Als er nur ein Jahr später, im Herbst 1894, als Assistent nach Hamburg wechselt, trifft er dort auf den Mann, der sein weiteres Leben künstlerisch und menschlich entscheidend prägen wird: Gustav Mahler. „Ich habe von Mahler zum ersten Mal durch die Zeitungen gehört“, weil dessen erste Sinfonie nach einer Aufführung beim Weimarer Musikfest „in einer Weise beschimpft und heruntergerissen wurde, dass es mich hingerissen hat, dass ich nur einen Wunsch hatte: Die Sinfonie möchte ich hören.“
Mahler sähe es gern, wenn der sechzehn Jahre jüngere Walter ihm an die Wiener Hofoper folgen würde. Doch Walter möchte sich seine Sporen erst noch in der Provinz verdienen. Die Stationen heißen Breslau (wo er 1896 zum ersten Mal als „Bruno Walter“ angekündigt wird), Pressburg, Riga, Berlin. Und dann doch: Wien, im Jahre 1901. In Riga lässt er sich evangelisch taufen, seinen Namen Schlesinger ändert er offiziell in Walter 1911 im Rahmen seiner österreichischen Einbürgerung.
Die Tour durch die kleineren Theater hat Bruno Walter reifen lassen, nun fühlt er sich einer starken Persönlichkeit wie Mahler gewachsen, der in Wien als Hofoperndirektor amtiert. Als Mahler 1907 nach New York wechselt, schreibt Walter: „Von Mahler ist mir der Abschied sehr schwer geworden. […] Trotz allem, was ich durch ihn gelitten habe und vielleicht sogar noch leiden werde – denn er hat schreckliche Seiten –, ist und bleibt er mir einer der teuersten Menschen auf der Welt; und trotz allen Leides ist doch das, was ich ihm innerlich verdanke, unermeßlich.“ Im Februar 1911 reist Walter nach Paris, wo sich der schwer kranke Mahler einer speziellen Behandlung unterzieht: „Da lag er, gequältes Opfer einer tückischen Krankheit, vom Kampf des Leibes auch seelisch getroffen, in verdüsterter, ablehnender Stimmung.“ Am 18. Mai stirbt der Förderer und Freund. Sechs Monate nach Mahlers Tod dirigiert Bruno Walter im November 1911 in München die Uraufführung vom „Lied von der Erde“ und im Juni 1912 die der neunten Sinfonie in Wien mit den Philharmonikern. 1913 geht Walter als Generalmusikdirektor an die Hofoper in München, wo er 1917 Pfitzners „Palestrina“ uraufführt, 1922 an die Städtische Oper Berlin (Charlottenburg), 1929 nach Leipzig. Nach fünf Jahren in Österreich und einer Zwischenstation in Lugano emigriert Walter 1939 in die USA.
Die ab Mitte der 1950er Jahre neu entwickelte Stereofonie führt dazu, dass Bruno Walter in Amerika für Columbia viele der Werke, die er bereits in früheren Jahren dokumentiert hat, noch einmal aufnimmt, darunter auch die Musik von Gustav Mahler. Dabei sind zwei Aspekte zu berücksichtigen. Zwar kehrt Walter nach dem Krieg noch regelmäßig für Konzerte nach Deutschland und Europa zurück, doch verdankt er seinen Ruhm zu dieser Zeit vor allem dem Medium der Langspielplatte; zum zweiten bildet der Name Mahler im Musikleben dieser Zeit eine Seltenheit, seine Rezeption befindet sich – von Dirigenten wie Walter oder Dmitri Mitropoulos abgesehen – noch im Dornröschenschlaf.
Walter interessiert an der neuen Aufnahmetechnik vor allem die Möglichkeit einer größeren Tiefenschärfe. In Briefen zeigt er sich begeistert von den erweiterten technischen Möglichkeiten. Details lassen sich jetzt viel genauer einfangen. Doch ausgerechnet seine späten Aufnahmen lösen zweifelnde Fragen aus: Warum klingen viele von ihnen, auch jenseits von Mahler, getragener, epischer, breiter als die früheren? Wenn man seine Wiener Aufnahme der neunten Mahler-Sinfonie von 1938 mit der von 1961 vergleicht, so ergibt sich allein ein Unterschied der Nettospielzeit von elf Minuten. Wenn man in Walter eine Art von beglaubigtem Mahler-Interpreten sehen möchte, so muss die Frage erlaubt sein: Welche Aufnahme entspricht der Auffassung des Komponisten am Ende mehr? Selbst für Mahler hat es nie das eine, ultimative Tempo gegeben, er hat angemessene Zeitmaße den Interpreten überlassen. Diese Freiheiten hat auch Bruno Walter für sich in Anspruch genommen. Dem stürmischen Charakter der Ersten in seinem Konzertmitschnitt vom April 1939 steht in der Stereoproduktion von 1961 eine wesentlich gemächlichere Gangart gegenüber. Man höre allein das mitreißende Accelerando am Ende des ersten Satzes in der Einspielung von 1939: Warum klingt das so zugespitzt? Ist diese Einspielung vielleicht weniger vom Dirigenten geprägt als vielmehr vom NBC Orchester Symphony Orchestra, das von Arturo Toscanini gegründet worden und einen hitzig-drängenden Musizierstil gewöhnt war? Die Wucht im zweiten Satz legt zumindest diesen Verdacht nahe. Denn Walter steht, anders als Toscanini, eher für fließende, weicher modellierte Interpretationen. Das wiederum zeigt die Aufnahme vom Januar/Februar 1961, wo die Temposteigerungen bei Weitem nicht so intensiv eingefangen sind.
Solche Beobachtungen über den späten Bruno Walter gelten nicht nur für seine Mahler-Aufnahmen. Hört man etwa die Trias der drei letzten Mozart-Sinfonien, so erkennt man zwar die Unterschiede zwischen vital-freudigem Es-Dur, abgründigem g-Moll und triumphierendem C-Dur – und doch scheint Walter hier beinahe wie ein Denkmal seiner selbst.
1945, mit 69 Jahren, wird Bruno Walter Witwer und zieht in sein letztes Domizil, 608 North Bedford Drive in Beverly Hills. Obwohl er für zwei Jahre, 1947-49, als Chefdirigent die New Yorker Philharmoniker leitet, oft an der Met dirigiert und ebenfalls häufgi nach Wien zurückkehrt, bleibt sein neues Zuhause Los Angeles. Hier wohnt er bis zu seinem Tod am 17. Februar 1962, anfangs in unmittelbarer Nähe anderer exilierter Künstler wie Franz Werfel und Alma Mahler. Nur zwölf Meilen entfernt wohnt sein ehemaliger Nachbar aus Münchner Zeit, Thomas Mann. Dessen Tochter Erika schreibt in einem Porträt über Walter: „Das Dirigieren fiel ihm leicht und es machte ihn glücklich. Von kindauf war alles ihm leicht gefallen, hatte alles ihn glücklich gemacht, was ‚Musik‘ hieß. […] Selbstsicher und bescheiden – Walter ist beides durchaus. Was den Menschen B. W. vor allem liebenswert macht, ist die Lebendigkeit seines Empfindens, seine Aufgeschlossenheit für Menschen, Tiere, Gras, bunte Blumen […], seine echte, kindliche Freude an der gesamten göttlichen und menschlichen Schöpfung.“
Es ist Mittwoch, der 21. August 1935, ein klarer Tag „mit würziger Luft“, wie Thomas Mann im Tagebuch festhält. Mittags trifft sich der Schriftsteller in einem Wirtsgarten mit dem Dirigenten Bruno Walter zum Essen. „Zum Thee per Wagen zu Walters Wohnsitz, Thee auf der Terrasse mit Toscanini, seiner Frau, seinem Freund.“ Vor einem Sonnenschirm sitzen sie lächelnd: Thomas Mann in der Mitte mit Krawatte, rechts von ihm Arturo Toscanini, links Bruno Walter – beide Dirigenten mit Fliege. Ein künstlerisches Gipfeltreffen, fotografisch festgehalten von niemand anderem als der berühmten Sopranistin Lotte Lehmann.
Walter absolviert in diesem Festspielsommer 1935 ein strammes Programm in Salzburg: „Don Giovanni“ und „Die Entführung aus dem Serail“, eine „Tristan“-Aufführung, zwei Orchesterkonzerte und einen Liederabend – er begleitet Lotte Lehmann. Zu diesem Zeitpunkt ist Bruno Walter in Deutschland bereits persona non grata.
Gut zwei Jahre zuvor, am 17. März 1933, sollte Walter in Leipzig auftreten. Dort war er seit vier Jahren Gewandhauskapellmeister, als Nachfolger Furtwänglers. Doch das angesetzte Konzert sollte „verhindert“ werden „aus Gründen der öffentlichen Sicherheit“. Was Walter nicht wissen konnte: Genau am selben Tag erschien in der „New York Times“ ein Artikel, in dem bereits ausführlich darüber berichtet wird, warum der Dirigent im eigenen Land keine Zukunft mehr haben werde. Walter entspreche „nicht den von den Nationalsozialisten favorisierten rassischen Standards“. Walters Familie war jüdischer Herkunft, und so war Walter einer der ersten prominenten deutschen Künstler, die aus Deutschland hinausgedrängt wurden. Dass ausgerechnet eine amerikanische Zeitung über ihn berichtete, war kein Zufall. Als regelmäßigen Gast wusste man den Dirigenten in den USA zu schätzen, während Hitler ihn später als „absolute Null“ abkanzeln sollte. Sechs Jahre später wurde Amerika endgültig Walters neue Wahlheimat, 1946 wurde er eingebürgert.
Die Konzertabsage von Leipzig war nicht das erste Ereignis dieser Art. Schon während seiner Zeit als Generalmusikdirektor der Münchner Hofoper (1913-22) sah sich Bruno Walter mehrfach antisemitischen Vorwürfen ausgesetzt. Thomas Mann, sein damaliger Nachbar in der Poschinger Straße, sprang dem Musiker immer wieder öffentlichkeitswirksam zur Seite. Walter sei deutsch in „seinem Geiste und Herzen, seiner Bildung und Liebe“. Dass Mann dabei die antijüdischen Vorwürfe nicht extra herausstellt, könnte auf Walters eigenen Wunsch hin geschehen sein. Denn noch Jahrzehnte später umschiffte Walter in seiner Autobiografie den Antisemitismus gegen die eigene Person.
Warum aber geriet Walter schon so früh und gerade in München ins öffentliche Kreuzfeuer? Darüber ist viel diskutiert worden. Als Bruno Walter sein Amt als Generalmusikdirektor des königlich bayerischen Hof- und Nationaltheaters im Januar 1913 antritt, zählt die Stadt etwas mehr als 600.000 Einwohner und vier Opernhäuser einschließlich des Cuvilliéstheaters. Walter folgt im Amt auf den bekennenden Wagnerianer und Antisemiten Felix Mottl. Walter hingegen kommt aus einer anderen Richtung: Er gilt als Zögling des ebenfalls jüdischen Gustav Mahler. Dass nun ausgerechnet die Münchner Wagner-Pflege in die Hände eines jüdisch geprägten Dirigenten wie Bruno Walter gelegt wird, ist vielen, vor allem vielen städtischen Kritikern, ein Dorn im Auge. Besucher von außen müssten einen „seltsamen Begriff von der Münchner Wagner-Interpretation bekommen“, schreibt Alexander Dillmann, Autor der „Münchener Neuesten Nachrichten“. Mahnend gibt er Walter zu verstehen, er solle „solche Experimente seiner persönlichen Auffassung“ lieber unterlassen. Zu diesem Zeitpunkt ist Walter jedoch kein blutiger Anfänger mehr, sondern eine gestandene Künstlerpersönlichkeit.
Als Bruno Schlesinger wird er am 15. September 1876 in Berlin geboren. Der Vater arbeitet als Buchhalter in „einer größeren Seidenfirma“. Walters musikalisches Talent stammt aus der mütterlichen Linie. Johanna Schlesinger, geborene Fernbach, spielt Klavier und hat sogar am Stern’schen Konservatorium studiert. Auch Bruno kommt mit acht Jahren ans Stern’sche Konservatorium. In seinen Erinnerungen schreibt er, dass sein erstes Zeugnis „mit den Worten schloss: ‚Jeder Zoll an ihm ist Musik.‘“ Zunächst scheint alles auf eine Pianistenkarriere hinauszulaufen, auch beschreibt er „unzählige Notenblätter mit ‚Kompositionen‘ aller Art“. Walter bezeichnet sich selbst als ausdauernd. Er liest exzessiv und lebt in seinem Musizieren „Gefühlsüberschwang, Temperament und Erregbarkeit“ gleichermaßen aus.
Als Dreizehnjähriger debütiert Bruno als Solist bei den Berliner Philharmonikern mit einem Konzert von Ignaz Moscheles. Das Klavierspielen gibt er nie ganz auf. In Wien spielt er 1905 Regers Violinsonate op. 72 mit dem Geiger Arnold Rosé, 1910 die Uraufführung des Klaviertrios von Erich Wolfgang Korngold. Auch Liederabende stehen gelegentlich auf seinen Programmen. 1937 nimmt Walter Mozarts d-Moll-Klavierkonzert KV 466 erstmals mit den Wiener Philharmonikern auf, zwei Jahre später mit dem NBC Symphony Orchestra. „Mein stärkster künstlerischer Eigengewinn […] war die Vertiefung meines Verhältnisses zu Mozart“, bilanziert er rückblickend. In Mozarts Musik ist „alles dramatisch wahr“: „das Edle und das Niedrige, das Gütige und das Boshafte, das Weise und das Dumme“. Wer dies nachhören möchte, sollte sich an den „Don Giovanni“-Mitschnitt aus New York von 1942 halten. Die Vitalität dieser Aufführung ist herausragend. Das ist Musiktheater pur, und Walter ist einer der ersten Dirigenten, die das Werk von jeder (spät-)romantischen Patina befreien. Die Akkorde, wenn der Komtur zum Gastmahl eintrifft, haben eine Wucht, die bis ins Mark fährt. Dieser Ansatz ist kein Einzelfall. Schon eine frühe Aufnahme von 1929 mit Mozarts g-Moll-Sinfonie aus Berlin zeigt, dass Bruno Walter an jeder Konservierung eines Denkmals nicht interessiert ist: Für ihn gibt Mozart „der Welt die Wahrheit, gehüllt in den Schleier der Schönheit“.

Mit siebzehn Jahren kommt Bruno Walter 1893 als Korrepetitor an die Oper in Köln, noch bevor das neue Haus am Habsburgerring gebaut wird. Dort debütiert er auch als Dirigent: mit Lortzings „Waffenschmied“. Als er nur ein Jahr später, im Herbst 1894, als Assistent nach Hamburg wechselt, trifft er dort auf den Mann, der sein weiteres Leben künstlerisch und menschlich entscheidend prägen wird: Gustav Mahler. „Ich habe von Mahler zum ersten Mal durch die Zeitungen gehört“, weil dessen erste Sinfonie nach einer Aufführung beim Weimarer Musikfest „in einer Weise beschimpft und heruntergerissen wurde, dass es mich hingerissen hat, dass ich nur einen Wunsch hatte: Die Sinfonie möchte ich hören.“
Mahler sähe es gern, wenn der sechzehn Jahre jüngere Walter ihm an die Wiener Hofoper folgen würde. Doch Walter möchte sich seine Sporen erst noch in der Provinz verdienen. Die Stationen heißen Breslau (wo er 1896 zum ersten Mal als „Bruno Walter“ angekündigt wird), Pressburg, Riga, Berlin. Und dann doch: Wien, im Jahre 1901. In Riga lässt er sich evangelisch taufen, seinen Namen Schlesinger ändert er offiziell in Walter 1911 im Rahmen seiner österreichischen Einbürgerung.
Die Tour durch die kleineren Theater hat Bruno Walter reifen lassen, nun fühlt er sich einer starken Persönlichkeit wie Mahler gewachsen, der in Wien als Hofoperndirektor amtiert. Als Mahler 1907 nach New York wechselt, schreibt Walter: „Von Mahler ist mir der Abschied sehr schwer geworden. […] Trotz allem, was ich durch ihn gelitten habe und vielleicht sogar noch leiden werde – denn er hat schreckliche Seiten –, ist und bleibt er mir einer der teuersten Menschen auf der Welt; und trotz allen Leides ist doch das, was ich ihm innerlich verdanke, unermeßlich.“ Im Februar 1911 reist Walter nach Paris, wo sich der schwer kranke Mahler einer speziellen Behandlung unterzieht: „Da lag er, gequältes Opfer einer tückischen Krankheit, vom Kampf des Leibes auch seelisch getroffen, in verdüsterter, ablehnender Stimmung.“ Am 18. Mai stirbt der Förderer und Freund. Sechs Monate nach Mahlers Tod dirigiert Bruno Walter im November 1911 in München die Uraufführung vom „Lied von der Erde“ und im Juni 1912 die der neunten Sinfonie in Wien mit den Philharmonikern. 1913 geht Walter als Generalmusikdirektor an die Hofoper in München, wo er 1917 Pfitzners „Palestrina“ uraufführt, 1922 an die Städtische Oper Berlin (Charlottenburg), 1929 nach Leipzig. Nach fünf Jahren in Österreich und einer Zwischenstation in Lugano emigriert Walter 1939 in die USA.
Die ab Mitte der 1950er Jahre neu entwickelte Stereofonie führt dazu, dass Bruno Walter in Amerika für Columbia viele der Werke, die er bereits in früheren Jahren dokumentiert hat, noch einmal aufnimmt, darunter auch die Musik von Gustav Mahler. Dabei sind zwei Aspekte zu berücksichtigen. Zwar kehrt Walter nach dem Krieg noch regelmäßig für Konzerte nach Deutschland und Europa zurück, doch verdankt er seinen Ruhm zu dieser Zeit vor allem dem Medium der Langspielplatte; zum zweiten bildet der Name Mahler im Musikleben dieser Zeit eine Seltenheit, seine Rezeption befindet sich – von Dirigenten wie Walter oder Dmitri Mitropoulos abgesehen – noch im Dornröschenschlaf.
Walter interessiert an der neuen Aufnahmetechnik vor allem die Möglichkeit einer größeren Tiefenschärfe. In Briefen zeigt er sich begeistert von den erweiterten technischen Möglichkeiten. Details lassen sich jetzt viel genauer einfangen. Doch ausgerechnet seine späten Aufnahmen lösen zweifelnde Fragen aus: Warum klingen viele von ihnen, auch jenseits von Mahler, getragener, epischer, breiter als die früheren? Wenn man seine Wiener Aufnahme der neunten Mahler-Sinfonie von 1938 mit der von 1961 vergleicht, so ergibt sich allein ein Unterschied der Nettospielzeit von elf Minuten. Wenn man in Walter eine Art von beglaubigtem Mahler-Interpreten sehen möchte, so muss die Frage erlaubt sein: Welche Aufnahme entspricht der Auffassung des Komponisten am Ende mehr? Selbst für Mahler hat es nie das eine, ultimative Tempo gegeben, er hat angemessene Zeitmaße den Interpreten überlassen. Diese Freiheiten hat auch Bruno Walter für sich in Anspruch genommen. Dem stürmischen Charakter der Ersten in seinem Konzertmitschnitt vom April 1939 steht in der Stereoproduktion von 1961 eine wesentlich gemächlichere Gangart gegenüber. Man höre allein das mitreißende Accelerando am Ende des ersten Satzes in der Einspielung von 1939: Warum klingt das so zugespitzt? Ist diese Einspielung vielleicht weniger vom Dirigenten geprägt als vielmehr vom NBC Orchester Symphony Orchestra, das von Arturo Toscanini gegründet worden und einen hitzig-drängenden Musizierstil gewöhnt war? Die Wucht im zweiten Satz legt zumindest diesen Verdacht nahe. Denn Walter steht, anders als Toscanini, eher für fließende, weicher modellierte Interpretationen. Das wiederum zeigt die Aufnahme vom Januar/Februar 1961, wo die Temposteigerungen bei Weitem nicht so intensiv eingefangen sind.
Solche Beobachtungen über den späten Bruno Walter gelten nicht nur für seine Mahler-Aufnahmen. Hört man etwa die Trias der drei letzten Mozart-Sinfonien, so erkennt man zwar die Unterschiede zwischen vital-freudigem Es-Dur, abgründigem g-Moll und triumphierendem C-Dur – und doch scheint Walter hier beinahe wie ein Denkmal seiner selbst.
1945, mit 69 Jahren, wird Bruno Walter Witwer und zieht in sein letztes Domizil, 608 North Bedford Drive in Beverly Hills. Obwohl er für zwei Jahre, 1947-49, als Chefdirigent die New Yorker Philharmoniker leitet, oft an der Met dirigiert und ebenfalls häufgi nach Wien zurückkehrt, bleibt sein neues Zuhause Los Angeles. Hier wohnt er bis zu seinem Tod am 17. Februar 1962, anfangs in unmittelbarer Nähe anderer exilierter Künstler wie Franz Werfel und Alma Mahler. Nur zwölf Meilen entfernt wohnt sein ehemaliger Nachbar aus Münchner Zeit, Thomas Mann. Dessen Tochter Erika schreibt in einem Porträt über Walter: „Das Dirigieren fiel ihm leicht und es machte ihn glücklich. Von kindauf war alles ihm leicht gefallen, hatte alles ihn glücklich gemacht, was ‚Musik‘ hieß. […] Selbstsicher und bescheiden – Walter ist beides durchaus. Was den Menschen B. W. vor allem liebenswert macht, ist die Lebendigkeit seines Empfindens, seine Aufgeschlossenheit für Menschen, Tiere, Gras, bunte Blumen […], seine echte, kindliche Freude an der gesamten göttlichen und menschlichen Schöpfung.“

