Schöpfer am Dirigentenpult
Die Musikwelt kennt Bruno Walter als Mahler-Apostel und feinsinnigen Mozart-Interpreten. Dass er selbst komponierte, ist wenig bekannt

Ein oft reproduziertes Foto zeigt fünf Männer im Frack 1929 in Berlin bei einem Empfang in der italienischen Botschaft. Ein wenig gezwungen sind da fünf der bedeutendsten Dirigenten ihrer Zeit versammelt. Rechts außen steht ernst, ein wenig verschlossen Wilhelm Furtwängler, links neben ihm, alle anderen überragend, leicht knurrig, ironisch in die Kamera blickend, Otto Klemperer. In der Mitte Erich Kleiber, sensibel, abwesend wirkend; dann etwas unscharf abgebildet Arturo Toscanini, für seine Verhältnisse gut gelaunt, beinahe lächelnd. Bruno Walter schließt die Reihe, sanft schaut er, milde, fragend. Toscanini ist der Anlass des Treffens, mit dem Ensemble der Mailänder Scala gastierte er im Mai 1929 in Berlin. Neben dem Kapellmeisterberuf verbindet alle im 19. Jahrhundert Geborenen eines: Sie haben – mal mehr, mal weniger ambitioniert – komponiert. Klemperer und Furtwängler waren ihrem Selbstverständnis nach zuerst Komponisten. Toscanini gab das Notenschreiben als Zwanzigjähriger schockiert auf, nachdem er 1888 erstmals Wagners „Tristan“ gehört hatte, auch Erich Kleiber ließ es nach einigen zu Studentenzeiten entstandenen Werken dabei bewenden.
Waren bis zu Wagner und Brahms die Komponisten immer auch Ausführende ihrer Werke, änderte sich das Berufsbild des Dirigenten im 20. Jahrhundert radikal. Für Arthur Nikisch (1855-1922) stand fest: „Ich bin Dirigent. Ich habe alle Musik, von Bach angefangen bis auf die jüngste Gegenwart, im Kopf. Wenn ich nun komponiere, was würde anderes dabei herauskommen als Kapellmeistermusik!“ Per Definition des Grove-Lexikons versteht man darunter „im späten 19. Jahrhundert“ einen „Begriff für handwerklich geschickt komponierte, aber uninspirierte Musik“. Mit dem Etikett Kapellmeistermusik wurde versucht, etwa die Sinfonien von Mahler verächtlich zu machen.
Bruno Walter – und man tritt ihm wie seinen Zeitgenossen Siegmund von Hausegger, Felix Weingartner, Ernst von Schuch, Leo Blech nicht zu nahe – besaß eindeutig mehr Talent als Dirigent. Allerdings war es dem Siebzigjährigen in seinen Erinnerungen „Thema und Variationen“ wichtig, diesen Aspekt seines Musikerlebens nicht zu unterschlagen: „Obwohl ich kein Komponist bin, glaube ich doch, meine früheren Kompositionen und Erlebnisse als schaffender Musiker zu der Zeit, als ich mich noch dafür hielt, erwähnen zu müssen …“ Einerseits erkannte er selbstkritisch, dass ihm auf dem Gebiet kein dauernder Erfolg beschieden war, andererseits spricht aus dem Satz ein gewisses Bedauern, wenn nicht Kränkung. Nicht ohne Grund hat man sich deshalb, gerade auch wegen seiner überragenden Bedeutung in der Geschichte des Dirigierens, in den vergangenen Jahrzehnten vermehrt für Walters mehr als dreißig Kompositionen interessiert. Verschollen geglaubte Manuskripte wurden wiederentdeckt; seine eine vollendete Sinfonie, Kammermusik und etliche Lieder (rund 25 an der Zahl) liegen in Einspielungen vor. Für die Forschung hilfreich ist, dass sein kompositorischer Nachlass in der Bibliothek der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien versammelt ist.
Vor allem beschäftigte die Frage, ob sich in Walters Musik Spuren von der Gustav Mahlers finden lassen, dessen treuer Assistent und verständiger Bewunderer er gewesen ist, und ob Mahler den Freund als Komponisten respektierte. Mahlers Biograf Henry-Louis de La Grange urteilt, dass Mahler Walter „als Komponisten nicht ernst nehmen konnte“. Dokumente beweisen Mahlers Skepsis. Anfang Januar 1907 ist er bei einer Probe zu einem Kammermusikabend anwesend, in der Walter sein (bis heute verschollenes) Klaviertrio F-Dur mit Arnold Rosé und Friedrich Buxbaum durchspielt. In einem Brief an seine Frau Alma vom 10. Januar schreibt er: „Deine Meinung über Walter muss ich leider nach seinem Trio teilen. Deine ,Kritik‘ ist sehr unbarmherzig, aber leider der Wahrheit entsprechend. Es kann einem leidtun, so ein inbrünstiges, vergebliches Liebesbemühen. Du begreifst, dass ich mit dem Schlaf gekämpft habe.“
Nachdem er im November 1911 in München die Uraufführung von Mahlers „Lied von der Erde“ sowie im Juni 1912 in Wien die der neunten Sinfonie dirigiert hatte, gab Walter alle seine Kompositionspläne auf. „Eine zweite Sinfonie und eine Ballade für Chor und Orchester nach Schillers ,Das Siegesfest‘ habe ich mir nicht mehr auszuführen versucht, weil mit diesen Werken meine Zweifel an meiner schöpferischen Begabung Gewissheit geworden waren“, so Bruno Walter in seiner Autobiografie. Die plötzliche Entscheidung ist bemerkenswert, bedenkt man, dass sich von der Sinfonie 102 Partiturseiten erhalten haben. Neben Mahlers Vorbehalten, dazu einigen gewichtigen negativen Stimmen der Wiener Presse, kam möglicherweise ein psychologischer Aspekt hinzu, der das kreative Verstummen befördert hat. Der Autor scheute das Explizite. In seinen Erinnerungen nennt Walter viele Akteure nicht beim Namen, allenfalls mit dem Initial des Nachnamens. Das scheint anders in seiner Rolle als Komponist, in der er sehr viel mehr ungefiltert spricht. In einem Brief befürchtet Walter, dass er in seiner Musik persönlich viel zu viel von sich preisgebe …
Früh begann Walter zu komponieren; mit 16 Jahren vollendet er eine Vertonung von Goethes „Meeresstille und Glückliche Fahrt“ für Chor und Orchester. Am 16. März 1894 dirigiert er die Berliner Philharmoniker bei der Uraufführung. Neben den Liedern ist es zunächst die Kammermusik, in der Walter durchaus mit einer eigenen Stimme spricht. Am 17. November 1903 bringt das Rosé-Quartett das Streichquartett D-Dur heraus. Der Urheber berichtet Hans Pfitzner, dass „die zwei ersten Sätze gut aufgenommen, der dritte (bedeutendste) mit eisigem Schweigen angehört und der letzte endlich einen veritablen Kampf entfesselt hat“.
Der Musikpublizist Colin Clarke urteilt: „Es handelt sich um Musik, die fest in der Tonalität verwurzelt ist und eine gelegentliche Heiterkeit aufweist, die – zumindest mich – an Schubert erinnert.“ Mit den gleichen Musikern, denen Walter eng verbunden ist – Arnold Rosé ist der legendäre Konzertmeister der Wiener Staatsoper –, und ihm selbst am Klavier kommt am 5. Februar 1905 das Klavierquintett fis-Moll heraus. Es steht in der Tradition deutscher Romantik von Schumann und Brahms, ihren formalen Prinzipien von Wiederholung und Variation, besitzt stellenweise dazu expressionistische Züge, die allerdings frei von der Mahler’schen Gebrochenheit sind. Julius Korngold urteilte in seiner Rezension, es sei „straffer gebaut und – was nicht unwichtig ist – es ist auch einiges Material da, mit dem gebaut werden kann“. Zudem spürte er eine „nervöse Leidenschaftlichkeit, eine beinahe fanatische Energie“. Das Streichquartett hatte der Wiener Kritiker noch sehr gerüffelt. Auch bei einem Konzert mit Bruno Walters Liedern 1910 war Julius Korngold wenig begeistert, resümierte: „Dem Bekannten und Gewöhnlichen ausweichen können, heißt noch nicht, Neues erfinden.“ Walters 1909 uraufgeführte, für Rosé entstandene melodiensatte Violinsonate in A-Dur hielt Korngold dagegen für eines seiner besten Werke.
Natürlich lockte den Kapellmeister die Bühne – allein, ein Opernplan, für den Walter an Hugo von Hofmannsthal herangetreten war, realisierte sich nicht. Dafür sollte es nun eine große Sinfonie sein. Vorangegangen war eine „Sinfonische Fantasie“, deren heimliches Programm auf Ibsens Schauspiel „Peer Gynt“ beruhte und Ende Mai 1904 bei der Tonkünstler-Versammlung in Frankfurt aufgeführt worden war. Die Arbeit an seiner ersten und einzigen vollendeten Sinfonie begann Walter 1906. Im September 1907 spielte er sie seinem Mentor vor. Mahlers Reaktion war ernüchternd. Seiner Frau Alma schrieb er: „Leider kann ich mir gar nichts dabei denken, und setzte ihn durch meine aufrichtige Ansicht in gelinde Verzweiflung.“ Dennoch gelangte das Werk am 6. Februar 1909 im Wiener Musikvereinssaal unter Leitung des Komponisten zur Uraufführung. Mit einer Spieldauer von idealerweise 55 Minuten handelt es sich um ein ambitioniertes Unterfangen. Die Kritik sah in dem Werk eine Mahler-Imitation.
Der Musikwissenschaftler Erik Ryding widerspricht dieser Einschätzung und sieht seine „Originalität“ und einen „bedeutenden Fortschritt im Stil“ Walters. Einzig im dritten Satz, einem Allegro con brio, ist die Allusion an den zweiten Satz von Mahlers Erster, den knackigen Ländler, nicht von der Hand zu weisen. Generell repräsentiert die Sinfonie ein spätromantisches Idiom der Jahrhundertwende. Die harmonische Sprache ist reich chromatisiert, die Instrumentation opulent: Walter kannte seinen Wagner, Bruckner und Strauss. Das sollte nicht dagegensprechen, sich mit dieser kreativen Seite von Bruno Walter zu beschäftigen.
Ein oft reproduziertes Foto zeigt fünf Männer im Frack 1929 in Berlin bei einem Empfang in der italienischen Botschaft. Ein wenig gezwungen sind da fünf der bedeutendsten Dirigenten ihrer Zeit versammelt. Rechts außen steht ernst, ein wenig verschlossen Wilhelm Furtwängler, links neben ihm, alle anderen überragend, leicht knurrig, ironisch in die Kamera blickend, Otto Klemperer. In der Mitte Erich Kleiber, sensibel, abwesend wirkend; dann etwas unscharf abgebildet Arturo Toscanini, für seine Verhältnisse gut gelaunt, beinahe lächelnd. Bruno Walter schließt die Reihe, sanft schaut er, milde, fragend. Toscanini ist der Anlass des Treffens, mit dem Ensemble der Mailänder Scala gastierte er im Mai 1929 in Berlin. Neben dem Kapellmeisterberuf verbindet alle im 19. Jahrhundert Geborenen eines: Sie haben – mal mehr, mal weniger ambitioniert – komponiert. Klemperer und Furtwängler waren ihrem Selbstverständnis nach zuerst Komponisten. Toscanini gab das Notenschreiben als Zwanzigjähriger schockiert auf, nachdem er 1888 erstmals Wagners „Tristan“ gehört hatte, auch Erich Kleiber ließ es nach einigen zu Studentenzeiten entstandenen Werken dabei bewenden.
Waren bis zu Wagner und Brahms die Komponisten immer auch Ausführende ihrer Werke, änderte sich das Berufsbild des Dirigenten im 20. Jahrhundert radikal. Für Arthur Nikisch (1855-1922) stand fest: „Ich bin Dirigent. Ich habe alle Musik, von Bach angefangen bis auf die jüngste Gegenwart, im Kopf. Wenn ich nun komponiere, was würde anderes dabei herauskommen als Kapellmeistermusik!“ Per Definition des Grove-Lexikons versteht man darunter „im späten 19. Jahrhundert“ einen „Begriff für handwerklich geschickt komponierte, aber uninspirierte Musik“. Mit dem Etikett Kapellmeistermusik wurde versucht, etwa die Sinfonien von Mahler verächtlich zu machen.
Bruno Walter – und man tritt ihm wie seinen Zeitgenossen Siegmund von Hausegger, Felix Weingartner, Ernst von Schuch, Leo Blech nicht zu nahe – besaß eindeutig mehr Talent als Dirigent. Allerdings war es dem Siebzigjährigen in seinen Erinnerungen „Thema und Variationen“ wichtig, diesen Aspekt seines Musikerlebens nicht zu unterschlagen: „Obwohl ich kein Komponist bin, glaube ich doch, meine früheren Kompositionen und Erlebnisse als schaffender Musiker zu der Zeit, als ich mich noch dafür hielt, erwähnen zu müssen …“ Einerseits erkannte er selbstkritisch, dass ihm auf dem Gebiet kein dauernder Erfolg beschieden war, andererseits spricht aus dem Satz ein gewisses Bedauern, wenn nicht Kränkung. Nicht ohne Grund hat man sich deshalb, gerade auch wegen seiner überragenden Bedeutung in der Geschichte des Dirigierens, in den vergangenen Jahrzehnten vermehrt für Walters mehr als dreißig Kompositionen interessiert. Verschollen geglaubte Manuskripte wurden wiederentdeckt; seine eine vollendete Sinfonie, Kammermusik und etliche Lieder (rund 25 an der Zahl) liegen in Einspielungen vor. Für die Forschung hilfreich ist, dass sein kompositorischer Nachlass in der Bibliothek der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien versammelt ist.
Vor allem beschäftigte die Frage, ob sich in Walters Musik Spuren von der Gustav Mahlers finden lassen, dessen treuer Assistent und verständiger Bewunderer er gewesen ist, und ob Mahler den Freund als Komponisten respektierte. Mahlers Biograf Henry-Louis de La Grange urteilt, dass Mahler Walter „als Komponisten nicht ernst nehmen konnte“. Dokumente beweisen Mahlers Skepsis. Anfang Januar 1907 ist er bei einer Probe zu einem Kammermusikabend anwesend, in der Walter sein (bis heute verschollenes) Klaviertrio F-Dur mit Arnold Rosé und Friedrich Buxbaum durchspielt. In einem Brief an seine Frau Alma vom 10. Januar schreibt er: „Deine Meinung über Walter muss ich leider nach seinem Trio teilen. Deine ,Kritik‘ ist sehr unbarmherzig, aber leider der Wahrheit entsprechend. Es kann einem leidtun, so ein inbrünstiges, vergebliches Liebesbemühen. Du begreifst, dass ich mit dem Schlaf gekämpft habe.“
Nachdem er im November 1911 in München die Uraufführung von Mahlers „Lied von der Erde“ sowie im Juni 1912 in Wien die der neunten Sinfonie dirigiert hatte, gab Walter alle seine Kompositionspläne auf. „Eine zweite Sinfonie und eine Ballade für Chor und Orchester nach Schillers ,Das Siegesfest‘ habe ich mir nicht mehr auszuführen versucht, weil mit diesen Werken meine Zweifel an meiner schöpferischen Begabung Gewissheit geworden waren“, so Bruno Walter in seiner Autobiografie. Die plötzliche Entscheidung ist bemerkenswert, bedenkt man, dass sich von der Sinfonie 102 Partiturseiten erhalten haben. Neben Mahlers Vorbehalten, dazu einigen gewichtigen negativen Stimmen der Wiener Presse, kam möglicherweise ein psychologischer Aspekt hinzu, der das kreative Verstummen befördert hat. Der Autor scheute das Explizite. In seinen Erinnerungen nennt Walter viele Akteure nicht beim Namen, allenfalls mit dem Initial des Nachnamens. Das scheint anders in seiner Rolle als Komponist, in der er sehr viel mehr ungefiltert spricht. In einem Brief befürchtet Walter, dass er in seiner Musik persönlich viel zu viel von sich preisgebe …
Früh begann Walter zu komponieren; mit 16 Jahren vollendet er eine Vertonung von Goethes „Meeresstille und Glückliche Fahrt“ für Chor und Orchester. Am 16. März 1894 dirigiert er die Berliner Philharmoniker bei der Uraufführung. Neben den Liedern ist es zunächst die Kammermusik, in der Walter durchaus mit einer eigenen Stimme spricht. Am 17. November 1903 bringt das Rosé-Quartett das Streichquartett D-Dur heraus. Der Urheber berichtet Hans Pfitzner, dass „die zwei ersten Sätze gut aufgenommen, der dritte (bedeutendste) mit eisigem Schweigen angehört und der letzte endlich einen veritablen Kampf entfesselt hat“.
Der Musikpublizist Colin Clarke urteilt: „Es handelt sich um Musik, die fest in der Tonalität verwurzelt ist und eine gelegentliche Heiterkeit aufweist, die – zumindest mich – an Schubert erinnert.“ Mit den gleichen Musikern, denen Walter eng verbunden ist – Arnold Rosé ist der legendäre Konzertmeister der Wiener Staatsoper –, und ihm selbst am Klavier kommt am 5. Februar 1905 das Klavierquintett fis-Moll heraus. Es steht in der Tradition deutscher Romantik von Schumann und Brahms, ihren formalen Prinzipien von Wiederholung und Variation, besitzt stellenweise dazu expressionistische Züge, die allerdings frei von der Mahler’schen Gebrochenheit sind. Julius Korngold urteilte in seiner Rezension, es sei „straffer gebaut und – was nicht unwichtig ist – es ist auch einiges Material da, mit dem gebaut werden kann“. Zudem spürte er eine „nervöse Leidenschaftlichkeit, eine beinahe fanatische Energie“. Das Streichquartett hatte der Wiener Kritiker noch sehr gerüffelt. Auch bei einem Konzert mit Bruno Walters Liedern 1910 war Julius Korngold wenig begeistert, resümierte: „Dem Bekannten und Gewöhnlichen ausweichen können, heißt noch nicht, Neues erfinden.“ Walters 1909 uraufgeführte, für Rosé entstandene melodiensatte Violinsonate in A-Dur hielt Korngold dagegen für eines seiner besten Werke.
Natürlich lockte den Kapellmeister die Bühne – allein, ein Opernplan, für den Walter an Hugo von Hofmannsthal herangetreten war, realisierte sich nicht. Dafür sollte es nun eine große Sinfonie sein. Vorangegangen war eine „Sinfonische Fantasie“, deren heimliches Programm auf Ibsens Schauspiel „Peer Gynt“ beruhte und Ende Mai 1904 bei der Tonkünstler-Versammlung in Frankfurt aufgeführt worden war. Die Arbeit an seiner ersten und einzigen vollendeten Sinfonie begann Walter 1906. Im September 1907 spielte er sie seinem Mentor vor. Mahlers Reaktion war ernüchternd. Seiner Frau Alma schrieb er: „Leider kann ich mir gar nichts dabei denken, und setzte ihn durch meine aufrichtige Ansicht in gelinde Verzweiflung.“ Dennoch gelangte das Werk am 6. Februar 1909 im Wiener Musikvereinssaal unter Leitung des Komponisten zur Uraufführung. Mit einer Spieldauer von idealerweise 55 Minuten handelt es sich um ein ambitioniertes Unterfangen. Die Kritik sah in dem Werk eine Mahler-Imitation.
Der Musikwissenschaftler Erik Ryding widerspricht dieser Einschätzung und sieht seine „Originalität“ und einen „bedeutenden Fortschritt im Stil“ Walters. Einzig im dritten Satz, einem Allegro con brio, ist die Allusion an den zweiten Satz von Mahlers Erster, den knackigen Ländler, nicht von der Hand zu weisen. Generell repräsentiert die Sinfonie ein spätromantisches Idiom der Jahrhundertwende. Die harmonische Sprache ist reich chromatisiert, die Instrumentation opulent: Walter kannte seinen Wagner, Bruckner und Strauss. Das sollte nicht dagegensprechen, sich mit dieser kreativen Seite von Bruno Walter zu beschäftigen.

