„So soll ein Orchester klingen!“
Zum runden Geburtstag legt Warner Classics eine Box mit Bruno Walters frühen Tondokumenten vor

Genau einen Monat und zwei Tage nachdem im August 1876 in Bayreuth die erste Festspielaufführung über die Bühne gegangen war, wurde Bruno Walter geboren. Man sollte daran erinnern, um zu ermessen, wie wertvoll die beachtliche Diskografie des Dirigenten in historischer Hinsicht ist, und sei es in vorsichtiger Spekulation, inwieweit sich in ihr Spuren von Authentizität finden. Nichts ist faszinierender als die Vorstellung, wie Wagner damals geklungen hat, wie Brahms, bei dessen Tod 1897 Walter 21 Jahre alt war, seine Musik phrasierte und, am spannendsten wahrscheinlich: wie viel in Walters Mahler-Aufnahmen vom Komponisten selbst aufscheint, seiner Agogik, den Temponahmen, der „Rauheit der Stimme“ des Orchesters, um einen Ausdruck von Roland Barthes zu paraphrasieren. Für solche Überlegungen eignet sich die vorzüglich remasterte Box mit zwanzig CDs, die Walters frühe Aufnahmen für His Master’s Voice und Columbia enthält.
Um bei Mahler zu bleiben: Versammelt sind die Live-Dokumente vom „Lied von der Erde“, „Ich bin der Welt abhanden gekommen“ aus den Rückert-Liedern (beide 1936) sowie der neunten Sinfonie, dazu die Studioaufnahme des Adagiettos aus der Fünften (beide 1938) – alle mit den Wiener Philharmonikern, die auch bei einer Tournee 1949 in der Kingsway Hall in London für die „Kindertotenlieder“ bereitstehen. Das berührt einen wichtigen Aspekt. Walter hatte das Orchester erstmals 1897 gehört. In einem Radio-Interview erinnert er sich: „Das war für mich ein lebensentscheidender Eindruck … So soll ein Orchester klingen, so soll es spielen, das hatte ich noch niemals gehört, die Schönheit, diese Ruhe des Klanges, diese Art von Glissando, die Art von Vibrato, der Streicherklang, die Mischung von Holz mit Streichern, mit Blech, das Maß im Blech, das sich einfügte mit dem Schlagzeug zusammen in den Gesamtklang des Orchesters.“ Nun folgt der entscheidende Satz: „Dieser Klang, 1897, ist heute der gleiche.“ Heute: Das war 1960! All das widerlegt Roger Norringtons Behauptung, der Klang der Wiener habe sich gegen Ende der 1930er Jahre radikal verändert, der angeblich über ein Jahrhundert gepflegte „pure sound“ (gemeint ist ein weitgehend vibratoloses Spiel) sei aufgegeben worden. Das Walter-Zitat dokumentiert: Die Spielkultur der Wiener Philharmoniker entsprach der zu Mahlers Zeit. Ein Indiz auch, dass Mahlers Konzertmeister (und Schwager) Arnold Rosé 1936 und 1938 nach wie vor am ersten Pult saß.
Diese frühen Mahler-Aufnahmen haben viel Beachtung gefunden, nicht zuletzt, weil das Konzert mit der Neunten weniger als zwei Monate vor Hitlers in Österreich mit Begeisterung aufgenommenem Einmarsch stattgefunden hat. Dazu belegen sie, dass Walter kein Abziehbild Mahlers war. Dessen Dirigierweise sei „zeitgemäß“ gewesen, generell sehr „rubato“, bemerkte Walter – seine ist gemessen, durchaus modern. In jeder Hinsicht hinreißend ist Kerstin Thorborg als Solistin im Rückert-Lied und im „Lied von der Erde“. Gegen Thorborgs offene Klanggebung und Aufhellung im oberen Register fällt Kathleen Ferrier mit gleichförmig opakem Alt zehn Jahre später in den „Kindertotenliedern“ ab. Dass die Neunte und die Lied-Sinfonie signifikante Manifestationen sind, versteht sich von selbst, der Dirigent hat beide uraufgeführt. Instruktiv zwei Temponahmen. Das Adagietto der Fünften dauert in zwei von Mahler dirigierten Konzerten einmal neun Minuten, ein anderes Mal sieben Minuten. In Willem Mengelbergs Aufnahme von 1926 sind es 7’04. Walter liegt in Bezug auf beide im Rahmen: 1938 sind es 7’59, 1947 7’37 Minuten. Respektieren die Schüler die Tradition, zeigt die Diskografie, dass viele Dirigenten Konzepte von Werktreue nicht scheren. Überwiegend sind sie deutlich langsamer. Spitzenreiter ist Hermann Scherchen mit 15’12 Minuten. Allein, nimmt man die Tondokumente der vier mit Mahler bekannten Dirigenten, Mengelberg, Walter, Otto Klemperer und Oskar Fried, bleibt das Fazit: So unterschiedlich sie als Persönlichkeiten gewesen sind, so wenig verlässlich sind sie als „authentische“ Zeugen von Mahlers Werk und seinem Musizieren. Es gibt eben kein normatives Interpretationskonzept.
In diesem Lichte – das musikalische Werk als unerschöpfliche Quelle potenzieller Aufführungsstrategien – sind alle Aufnahmen in dieser Edition zu sehen. Weniger stellt sich die Frage nach einer im Sinne der Autorenintention „korrekten“ Aufführungsweise als vielmehr, wie die Werke durch das technisch eingeschränkte Medium zu einem Publikum im 21. Jahrhundert sprechen. Wer würde sich nicht begeistern über die neunzig Jahre alte Aufnahme vom ersten Akt der „Walküre“, ein Monument mitreißender Dramatik? Die Wiener Philharmoniker in Klangpracht, dazu zwei Wagner-Sänger, von denen wir heute träumen: Lotte Lehmann als Sieglinde und Lauritz Melchior als Siegmund. Dass Walter ein genuiner Wagner-Dirigent war, bestätigen die Vorspiele zum ersten und dritten Akt der „Meistersinger“. Man vergleiche Walters Aufnahmen mit denen von Arturo Toscanini – sie ähneln sich verblüffend im Gestus, etwa in Siegfrieds Rheinfahrt aus der „Götterdämmerung“. Das „Siegfried-Idyll“ hat Walter sechsmal aufgenommen, von drei Versionen in der Box ist die vom Juni 1935 die überzeugendste.
Walters Mozart-Liebe hat im Urteil einiger Kritiker zu schwankenden Ergebnissen geführt. Oft aber gelang, was der englische Klarinettist Basil Tschaikov selbst erlebt hat: „Er entlockte den Musikern ihre angeborene Romantik, aber auf eine klassische Art, die nicht kitschig war: eine echte Wärme des Gefühls, die wir in uns tragen, aber selten zum Ausdruck bringen.“ Genau das werden Hörer, die mit der historischen Aufführungspraxis sozialisiert sind, überrascht entdecken: altmodisch formuliert, einen Seelenton, der aber eben nicht „schmaltzy“ (Tschaikov) ist, beispielhaft in der hinreißenden „Haffner-Sinfonie“ von 1936, auch in der Sinfonie Nr. 39 (1934), in der Walter die harmonischen Zielpunkte genau aushört. Zu den bemerkenswerten Einspielungen gehören die Sinfonie Nr. 86 von Haydn, Schumanns Vierte, eine Walter-Spezialität, festgehalten 1939, Berlioz’ „Symphonie fantastique“, die bezeugt, dass sein Repertoire weiter gespannt war, als die Auswahl der Warner-Veröffentlichung vermuten lässt. Als angelerntem Wiener liegen die beiden Sträuße (Johann und Richard) allemal nah, darunter bezaubernd der Konzertwalzer „Rosen aus dem Süden“ mit den Berliner Philharmonikern 1930. Dazu kommt der legendäre Richard Mayr als Baron Ochs in einem „Rosenkavalier“-Ausschnitt.
Zu ihrer Zeit gerühmt war die „Pastorale“ – nach dem Krieg legt Walter zwei Zyklen von Beethovens Sinfonien vor. Wenigen Dirigenten ist es gelungen, Brahms’ dritte Sinfonie formal überzeugend darzustellen, alle Walter-Aufnahmen gehören dazu, auch wenn er im ersten Satz die Exposition nicht wiederholt. Die 1937 in Wien entstandene (mit 29’51 schnellste der drei) fasziniert und bewegt durch ein dichtes, weil Elegisches und Dramatisches verbindendes Spiel. Man hat den Eindruck, durch ein Fenster ins 19. Jahrhundert zu schauen, man höre die samtenen Wiener Hörner! Als Begleiter schien Walter sich immer direkt im Ohr der Solisten zu platzieren, jede ihrer Wendungen zu antizipieren. Ein Klassiker ist Beethovens Violinkonzert mit Joseph Szigeti, 1932 in London produziert; auch das Klavierkonzert Nr. 5 mit Walter Gieseking fesselt trotz limitierten Klangs 1934 mit einer überwölbend-stützenden Orchesterbegleitung.
Schließlich ein Kuriosum: eine Live-Aufnahme von Palestrinas Stabat Mater in Paris 1937. Trotz der schrecklich flackernden Vokalisation (und Intonation) des Chores der Wiener Staatsoper und der aus heutiger Perspektive „falschen“ Interpretation kann man sich der dringlichen, dynamisch ausgereizten Aufführung nicht entziehen. Ein weiteres Zeugnis von Bruno Walters facettenreicher Persönlichkeit.
Genau einen Monat und zwei Tage nachdem im August 1876 in Bayreuth die erste Festspielaufführung über die Bühne gegangen war, wurde Bruno Walter geboren. Man sollte daran erinnern, um zu ermessen, wie wertvoll die beachtliche Diskografie des Dirigenten in historischer Hinsicht ist, und sei es in vorsichtiger Spekulation, inwieweit sich in ihr Spuren von Authentizität finden. Nichts ist faszinierender als die Vorstellung, wie Wagner damals geklungen hat, wie Brahms, bei dessen Tod 1897 Walter 21 Jahre alt war, seine Musik phrasierte und, am spannendsten wahrscheinlich: wie viel in Walters Mahler-Aufnahmen vom Komponisten selbst aufscheint, seiner Agogik, den Temponahmen, der „Rauheit der Stimme“ des Orchesters, um einen Ausdruck von Roland Barthes zu paraphrasieren. Für solche Überlegungen eignet sich die vorzüglich remasterte Box mit zwanzig CDs, die Walters frühe Aufnahmen für His Master’s Voice und Columbia enthält.
Um bei Mahler zu bleiben: Versammelt sind die Live-Dokumente vom „Lied von der Erde“, „Ich bin der Welt abhanden gekommen“ aus den Rückert-Liedern (beide 1936) sowie der neunten Sinfonie, dazu die Studioaufnahme des Adagiettos aus der Fünften (beide 1938) – alle mit den Wiener Philharmonikern, die auch bei einer Tournee 1949 in der Kingsway Hall in London für die „Kindertotenlieder“ bereitstehen. Das berührt einen wichtigen Aspekt. Walter hatte das Orchester erstmals 1897 gehört. In einem Radio-Interview erinnert er sich: „Das war für mich ein lebensentscheidender Eindruck … So soll ein Orchester klingen, so soll es spielen, das hatte ich noch niemals gehört, die Schönheit, diese Ruhe des Klanges, diese Art von Glissando, die Art von Vibrato, der Streicherklang, die Mischung von Holz mit Streichern, mit Blech, das Maß im Blech, das sich einfügte mit dem Schlagzeug zusammen in den Gesamtklang des Orchesters.“ Nun folgt der entscheidende Satz: „Dieser Klang, 1897, ist heute der gleiche.“ Heute: Das war 1960! All das widerlegt Roger Norringtons Behauptung, der Klang der Wiener habe sich gegen Ende der 1930er Jahre radikal verändert, der angeblich über ein Jahrhundert gepflegte „pure sound“ (gemeint ist ein weitgehend vibratoloses Spiel) sei aufgegeben worden. Das Walter-Zitat dokumentiert: Die Spielkultur der Wiener Philharmoniker entsprach der zu Mahlers Zeit. Ein Indiz auch, dass Mahlers Konzertmeister (und Schwager) Arnold Rosé 1936 und 1938 nach wie vor am ersten Pult saß.
Diese frühen Mahler-Aufnahmen haben viel Beachtung gefunden, nicht zuletzt, weil das Konzert mit der Neunten weniger als zwei Monate vor Hitlers in Österreich mit Begeisterung aufgenommenem Einmarsch stattgefunden hat. Dazu belegen sie, dass Walter kein Abziehbild Mahlers war. Dessen Dirigierweise sei „zeitgemäß“ gewesen, generell sehr „rubato“, bemerkte Walter – seine ist gemessen, durchaus modern. In jeder Hinsicht hinreißend ist Kerstin Thorborg als Solistin im Rückert-Lied und im „Lied von der Erde“. Gegen Thorborgs offene Klanggebung und Aufhellung im oberen Register fällt Kathleen Ferrier mit gleichförmig opakem Alt zehn Jahre später in den „Kindertotenliedern“ ab. Dass die Neunte und die Lied-Sinfonie signifikante Manifestationen sind, versteht sich von selbst, der Dirigent hat beide uraufgeführt. Instruktiv zwei Temponahmen. Das Adagietto der Fünften dauert in zwei von Mahler dirigierten Konzerten einmal neun Minuten, ein anderes Mal sieben Minuten. In Willem Mengelbergs Aufnahme von 1926 sind es 7’04. Walter liegt in Bezug auf beide im Rahmen: 1938 sind es 7’59, 1947 7’37 Minuten. Respektieren die Schüler die Tradition, zeigt die Diskografie, dass viele Dirigenten Konzepte von Werktreue nicht scheren. Überwiegend sind sie deutlich langsamer. Spitzenreiter ist Hermann Scherchen mit 15’12 Minuten. Allein, nimmt man die Tondokumente der vier mit Mahler bekannten Dirigenten, Mengelberg, Walter, Otto Klemperer und Oskar Fried, bleibt das Fazit: So unterschiedlich sie als Persönlichkeiten gewesen sind, so wenig verlässlich sind sie als „authentische“ Zeugen von Mahlers Werk und seinem Musizieren. Es gibt eben kein normatives Interpretationskonzept.
In diesem Lichte – das musikalische Werk als unerschöpfliche Quelle potenzieller Aufführungsstrategien – sind alle Aufnahmen in dieser Edition zu sehen. Weniger stellt sich die Frage nach einer im Sinne der Autorenintention „korrekten“ Aufführungsweise als vielmehr, wie die Werke durch das technisch eingeschränkte Medium zu einem Publikum im 21. Jahrhundert sprechen. Wer würde sich nicht begeistern über die neunzig Jahre alte Aufnahme vom ersten Akt der „Walküre“, ein Monument mitreißender Dramatik? Die Wiener Philharmoniker in Klangpracht, dazu zwei Wagner-Sänger, von denen wir heute träumen: Lotte Lehmann als Sieglinde und Lauritz Melchior als Siegmund. Dass Walter ein genuiner Wagner-Dirigent war, bestätigen die Vorspiele zum ersten und dritten Akt der „Meistersinger“. Man vergleiche Walters Aufnahmen mit denen von Arturo Toscanini – sie ähneln sich verblüffend im Gestus, etwa in Siegfrieds Rheinfahrt aus der „Götterdämmerung“. Das „Siegfried-Idyll“ hat Walter sechsmal aufgenommen, von drei Versionen in der Box ist die vom Juni 1935 die überzeugendste.
Walters Mozart-Liebe hat im Urteil einiger Kritiker zu schwankenden Ergebnissen geführt. Oft aber gelang, was der englische Klarinettist Basil Tschaikov selbst erlebt hat: „Er entlockte den Musikern ihre angeborene Romantik, aber auf eine klassische Art, die nicht kitschig war: eine echte Wärme des Gefühls, die wir in uns tragen, aber selten zum Ausdruck bringen.“ Genau das werden Hörer, die mit der historischen Aufführungspraxis sozialisiert sind, überrascht entdecken: altmodisch formuliert, einen Seelenton, der aber eben nicht „schmaltzy“ (Tschaikov) ist, beispielhaft in der hinreißenden „Haffner-Sinfonie“ von 1936, auch in der Sinfonie Nr. 39 (1934), in der Walter die harmonischen Zielpunkte genau aushört. Zu den bemerkenswerten Einspielungen gehören die Sinfonie Nr. 86 von Haydn, Schumanns Vierte, eine Walter-Spezialität, festgehalten 1939, Berlioz’ „Symphonie fantastique“, die bezeugt, dass sein Repertoire weiter gespannt war, als die Auswahl der Warner-Veröffentlichung vermuten lässt. Als angelerntem Wiener liegen die beiden Sträuße (Johann und Richard) allemal nah, darunter bezaubernd der Konzertwalzer „Rosen aus dem Süden“ mit den Berliner Philharmonikern 1930. Dazu kommt der legendäre Richard Mayr als Baron Ochs in einem „Rosenkavalier“-Ausschnitt.
Zu ihrer Zeit gerühmt war die „Pastorale“ – nach dem Krieg legt Walter zwei Zyklen von Beethovens Sinfonien vor. Wenigen Dirigenten ist es gelungen, Brahms’ dritte Sinfonie formal überzeugend darzustellen, alle Walter-Aufnahmen gehören dazu, auch wenn er im ersten Satz die Exposition nicht wiederholt. Die 1937 in Wien entstandene (mit 29’51 schnellste der drei) fasziniert und bewegt durch ein dichtes, weil Elegisches und Dramatisches verbindendes Spiel. Man hat den Eindruck, durch ein Fenster ins 19. Jahrhundert zu schauen, man höre die samtenen Wiener Hörner! Als Begleiter schien Walter sich immer direkt im Ohr der Solisten zu platzieren, jede ihrer Wendungen zu antizipieren. Ein Klassiker ist Beethovens Violinkonzert mit Joseph Szigeti, 1932 in London produziert; auch das Klavierkonzert Nr. 5 mit Walter Gieseking fesselt trotz limitierten Klangs 1934 mit einer überwölbend-stützenden Orchesterbegleitung.
Schließlich ein Kuriosum: eine Live-Aufnahme von Palestrinas Stabat Mater in Paris 1937. Trotz der schrecklich flackernden Vokalisation (und Intonation) des Chores der Wiener Staatsoper und der aus heutiger Perspektive „falschen“ Interpretation kann man sich der dringlichen, dynamisch ausgereizten Aufführung nicht entziehen. Ein weiteres Zeugnis von Bruno Walters facettenreicher Persönlichkeit.

