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„Einsam wachend …“

Von
Herta Piper-Ziethen
Erschienen in der Printausgabe im
Mai 1973
Lesezeit ca.
…
Minuten
Birgit Nilsson zu Beginn ihrer Karriere
Birgit Nilsson zu Beginn ihrer Karriere

Der große amerikanische Kritiker Ernest Newman schrieb 1957 von ihr: „Ich bin glücklich, lange genug gelebt zu haben, um eine so junge Sängerin von solcher Perfektion gesehen und gehört zu haben.“ Wieland-Wagner-Bewahrer Lehmann in Bayreuth sagt: „Keine Persönlichkeit wie sie in Sicht. Was das Künstlerische, was die Perfektion und den Willen zur absoluten Hingabe an die Arbeit angeht.“ Und Karl Böhm behauptet gar: „Wenn Birgit nicht mehr singt, will ich nicht mehr dirigieren.“ Birgit Nilsson reist durch die Welt von Triumph zu Triumph. Er ist ihr täglich Brot. Sie leistet psychisch und physisch dauernd Schwerarbeit. Sie machte und macht Abertausende mit ihrer „Jahrhundertstimme“ glücklich. Sie selber aber ist im Bewusstsein des Publikums doch wohl mehr oder weniger ein angebetetes und bewundertes Idol, eine tabuierte „Institution“, die Hochdramatische an sich. Ihre Stimme ist „heiliges Gut“. Wer aber oder wie viele ihrer Anbeter fragen auch einmal nach dem Menschen Birgit Nilsson? Sie selber ist privat stets unauffällig geblieben. Keine Amouren, keine Skandale, keine hysterischen Rivalitäten. Kein Stoff für Schlagzeilen und Klatschspalten. Die folgende Aufzeichnung eines Gesprächs ist der Versuch, Birgit Nilsson als Menschen zu porträtieren, ihre künstlerischen Motivationen aufzuzeigen. Wenige Tage, nachdem es stattfand, ereignete sich in Hamburg übrigens im Verein mit Horst Stein am Pult eine „Götterdämmerung“-Sternstunde. Bevor der Beifallsorkan losbrach, gab es nach Nilssons Schlussgesang den größten Beifall, der möglich ist: sekundenlange Stille der Erschütterung. Die Nilsson ist von heiterer, gelassener Ruhe und Freundlichkeit. Nicht eine Sekunde wird Allüre oder Ungeduld spürbar bei dieser für sie doch im Grunde höchst lästigen Pflichterfüllung eines Interviews, dessen sie nicht bedarf. Ihr Zimmer in Hamburgs Nobel-Hotel „Vier Jahreszeiten“ gleicht einem Blumenladen. Auf einem verbliebenen Rest-Plätzchen des Tisches liegen mehrere Zeitungsausschnitte. Englische.

ff: „Oh, Sie lesen Kritiken, Frau Nilsson?“

Nilsson: „Immer.“

ff: „Und Sie akzeptieren auch negative Urteile, sofern es die geben würde?“

Nilsson: „Ja, vorausgesetzt, dass sie mit Fachkenntnis geschrieben sind. Das sieht man ja auf den ersten Blick. Wenn jemand etwas vom Singen versteht, kann es unter Umständen eine echte Hilfe sein. Wenn man nicht gut gewesen ist, bringt es einen eventuell auf Dinge, die man selber noch gar nicht präzise registriert hat. Wissen Sie, es ist eine ganz, ganz große Gefahr, sich nur mit Komplimenten - und besonders mit falschen Komplimenten - zu umgeben und sich in ihnen zu sonnen. Nicht abzusehen, wo man dann landen würde.“

ff: „Was in Ihrem Fall ganz besonders naheliegend ist. Sie befinden sich im Olymp. Sozusagen als oberste Göttin der Hochdramatischen. Und es steht geschrieben: … ‚denn Göttinnen tadelt man nicht‘.“

Nilsson (mit abwehrender Handbewegung): „Na, ich weiß nicht …“

ff: „Keine Angst, das kam nicht aus der ‚falschen Ecke‘. Die Wahrheit ist doch, dass Sie heute schlechthin die Inkarnation der Hochdramatischen sind. Die Wahrheit auch, dass Sie bisher keine echte Nachfolgerin haben. Namen ausgeklammert, ist doch leider festzustellen, dass sich immer wieder nach kurzer Zeit die Hoffnungen auf hochdramatischen ‚Nachwuchs‘ als vergeblich erweisen.“

Nilsson: „Die Jungen, die sich zu vorzeitig an Wagner heranmachen, haben nur die Chance zum Überleben, wenn sie sehr viel absagen.“

ff: „Sie selber haben verhältnismäßig spät debütiert. Dann aber gleich mit der Freischütz-Agathe.“

Nilsson: „Ich war doch Bauerntochter. Und obendrein einziges Kind. Wer weiß denn auf dem Lande schon, ob man genügend Material hat und so. Außerdem waren meine Eltern strikt dagegen.“

ff: „Sie können also eine Kuh melken? Auch heute noch?“

Nilsson: „Oh ja, allerdings; aber heute machen das Maschinen. Ich war jedenfalls mit der Bauernarbeit nicht sehr glücklich. Gewissermaßen im letzten Moment habe ich die ‚Kurve‘ noch zu fassen bekommen. 1941 habe ich in der Stockholmer Akademie vorgesungen. Mit 49 anderen Bewerbern. Ich saß bis obenhin voller Komplexe, denn die anderen hatten alle ganz vornehm in Rom oder Frankreich oder sonst wo studiert. Ich fand sie alle großartig und wunderbar. Was war ich schon dagegen mit meinen sechs Monaten Unterricht bei unserem Organisten. Zwei von den 49 wurden angenommen. Die eine war ich. Ich glaube, das war der glücklichste Tag in meinem ganzen Leben. Dieses unwahrscheinliche, überwältigende Gefühl: Jetzt beginnt ein völlig neues Leben.“

ff: „Die Substanz war also von Anbeginn da?“

Nilsson: „Ja, ich hatte das Material. Meine zweite Rolle (nach fünfjährigem Studium) nach der Agathe an der Stockholmer Oper war keine geringere als die Lady Macbeth. Und 1949 auch schon die ‚Rosenkavalier‘-Marschallin. Die Kritik schrieb: ‚Ihr fehlt nur Eines, nämlich das Alter, aber das kommt bekanntlich von selber‘.“

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Birgit Nilsson als Wagner-Star

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ff: „Dieser Vorwurf entfällt, wenn Sie im nächsten Jahr die Marschallin an der Met singen werden.“

Nilsson: „Ein wenig mit Zittern und Zagen. Ich habe die Crespin an der Met in der Partie gehört. Sie war wunderbar. Hat auch herrlich gespielt mit ihren wunderschönen Händen. Ich habe die Partie ab 1960 in Stockholm noch mehrfach gesungen, aber - mein Gott - dann kamen all die großen dramatischen Partien, und alle konnten die Marschallin singen, aber nur wenige eine Salome oder Elektra oder so etwas. Wien hatte sie mir auch einmal angeboten, aber mit zwei oder drei Proben war mir das Pflaster zu heiß. Ausgerechnet Wien …“

ff: „Zwei Jahre nach der vermutlich jugendlichsten aller bisherigen Vertreterinnen der Rolle, nämlich 1951, begann Ihr Stern ganz langsam aufzugehen. Sie sangen in Glyndebourne die Elektra.“

Nilsson: „Ja, aber Mozarts Elektra im ‚Idomeneo‘, wohlverstanden.“

ff: „Sie haben auch später noch relativ lange die Donna Anna des Don Giovanni gesungen. Sie wissen vielleicht, dass die berühmte, die strenge Lilli Lehmann gesagt hat: ‚Nur wer Mozart beherrscht, kann Wagner singen‘.“

Nilsson: „Ach, das ist ja hochinteressant! Als ich nämlich 1954 in Wien meine erste Isolde gesungen habe, schrieb ein Kritiker: ‚Frau Nilsson singt die Isolde wie Mozarts Donna Anna.‘ Ich habe das nicht so ganz kapiert, aber da die ganze Kritik sehr positiv war, habe ich es als Kompliment aufgefasst. Jetzt begreife ich.“

ff: „Sie haben sich also eigentlich sehr schnell vom lyrischen über den jugendlich-dramatischen zum dramatischen Sopran gemausert. Eine sehr frühe Isolde!“

Nilsson: „Es gibt Sängerinnen, die sie noch früher singen. Aber es geht selten gut, wenn die Jungen zu früh mit Wagner anfangen. Ich werde ja manchmal von den jungen Kolleginnen um Rat gefragt. Meistens ist es in den Wind geredet, wenn ich ihnen sage: ‚Ihr müsst lernen, langsam zu gehen, wenn ihr nicht zugrunde gehen wollt.‘ Die wollen keinen Mozart und keinen Verdi singen, die wollen alle gleich auf Wagner los. Grundfalsch. Das machen die meisten Stimmen nicht mit. Sie geraten nur zu leicht außer Kontrolle. Eine verteufelte Sache: Ehe man sich umsieht, hat man ein dickes Tremolo drauf, und dann ist es meistens zu spät. Den jungen Sängern wird immer eingetrichtert: Du musst arbeiten, arbeiten und nochmal arbeiten. Natürlich muss man das; aber ich möchte behaupten, dass mehr Stimmen durch zu vieles als zu geringes Training kaputtgehen.“

ff: „Gretchenfrage: Wie halten Sie selber es damit? Probieren Sie morgens gleich nach dem Zähneputzen mit Mi-Mi-Mi, ob das Instrument intakt ist?“

Nilsson: „Keinen Ton. Nie. Ich fühle, ohne zu tönen, ob ich singen kann oder nicht.“

ff: „Ich denke an Sigrid Onegin, die in ihren autobiographischen Buchzutaten erzählt hat, mit welchen Zaubermixturen sie in kritischen Zeiten ihre Stimme behandelt hat, dass sie jeden Morgen, ob Dienst oder Nicht-Dienst (also auch in den Ferien), ganz eisern ihre Übungen absolviert hat. Die Beispiele ließen sich vermehren. Es gibt die ‚rohen Eier‘, die zwei Tage vor ihrem Auftritt nur noch im Telegrammstil flüstern, die ihren großen Schlaf vor der Vorstellung abschnarchen und sich stundenlang einsingen. Wie verhält Birgit Nilsson sich?“

Nilsson: „Als ich mit der Singerei anfing, hatte ich das Gefühl, es sei Spielerei und hätte mit Arbeit sehr wenig zu tun. Langsam habe ich gelernt, mich vor der Vorstellung ein wenig hinzulegen. Schlafen? Nein. In den Ferien singe ich keinen Ton. Früher habe ich mich sehr kurz eingesungen. Jetzt dauert es schon etwas länger. Aber, um auf die jungen Sängerinnen zurückzukommen: Es gibt eine ganze Reihe wirklich guter, begabter Sopranistinnen. Das Schlimme ist nur, dass sie alle eine Blitzkarriere machen wollen und sich mit Überenergie hineinstürzen. Natürlich liegt es auch an und in der Zeit, am mörderischen, verhetzten Tempo. Die Jungen glauben alle, wenn sie heute debütieren, müssen sie sich in den nächsten zwei Jahren schon in die Weltkarriere hinaufkatapultiert haben.“

ff: „Nun ja, die Dirigenten, Opernregisseure und Intendanten tun das Ihre dazu. Sie verführen nur zu oft und sind schuld, dass …“

Nilsson: „Oooh!!! Wem sagen Sie das! Sie alle wollen junge, gut aussehende Sänger, und es ist ihnen völlig egal, ob sie in zwei oder drei Jahren fertig sind. Ich sprach einmal mit einem dieser Herren wegen einer jungen Kollegin und beschwor ihn: ‚Lassen Sie ihr noch zwei, drei Jahre bis zur Brünnhilde! Andernfalls wird sie in spätestens vier Jahren restlos fertig sein.‘ Wissen Sie, was ich zur Antwort bekam? ‚Was geht das uns an. Pech, wenn es so sein sollte. Dann müssen wir uns eben eine andere suchen.‘“

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Birgit Nilsson heute, auf der Höhe des Ruhms

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ff: „Sie selber haben ja mit den Dirigenten nicht die Sorgen, die all den Kleinkalibrigen zu schaffen machen. Sie haben so viel Kraft und so unbesiegbares Stimmvolumen, dass Sie noch über die dickste Orchestersauce hinwegkommen.“

Nilsson: „Da bin ich nicht sicher. Aber das ist auch so eine Sache: Heute sind alle Kapellmeister meistens schrecklich laut. Alles große Stimmmörder. Da sagt man immer, es gibt keine Wagner-Stimmen mehr. Ja, bitte schön, wenn dem so ist, dann sollen die Herren Regisseure und Dirigenten doch gefälligst auf die kleineren Stimmen Rücksicht nehmen. Zum Beispiel: Da kommt ein Regisseur aus Europa nach Amerika. In Europa fassen die Häuser 1500-2000 Menschen, in Amerika sind sie doppelt so groß. Trotzdem machen die Regisseure nahezu die gleichen Inszenierungen, postieren die Sänger möglichst weit im Bühnenhintergrund (wo sie kein Orchester mehr hören) und machen die Bühnen stockdunkel. Alle Menschen hören aber auch mit den Augen. Bei dunkler Bühne heißt es darum: lauter singen. Oder das andere: die Unsitte mit diesem phantastischen, schwarzen Netz zwischen Bühne und Orchester. Die Regisseure können angeblich ohne dieses Ungetüm keine Stimmung und Atmosphäre schaffen. Ich bin der Ansicht, wenn sie das nicht können, sollen sie nach Hause gehen und ausschlafen, bis ihnen besseres einfällt. Alle amerikanischen Sänger wehren sich dagegen. Beverly Sills - mit ihrer kleinen Stimme - hat in La Scala das Netz kurzerhand weggerissen. Wenn in einem großen Haus zu dem dicken, schwarzen Schleier dann noch ein Dirigent kommt, der mit Pauken und schwerem Blech hereinhaut, dann ist das Handicap für kleinere Stimmen total. Und dann lamentiert alle Welt über die zu kleinen Stimmen und vergleicht ständig mit den früheren Sängern. Das ist auch so ein Kapitel. In Amerika fällt unweigerlich der Name Callas, wenn eine Sängerin das italienische Fach singt. Ich selber habe ja an der Met (weil Bing mit Wagner nicht viel im Sinn hatte) überwiegend - und Gottlob - das große italienische Fach gesungen. Im Gegensatz zu Deutschland, wo ich ja leider nur das schwere Wagner-Fach singe. Meine erste ‚europäische‘ Tosca in München musste ich kürzlich leider aus persönlichen Gründen absagen. Schade! Aber ich werde sie im nächsten Jahr in Covent Garden in London singen. Die englischen Kritiker sind entsetzlich hart und strenge. Sie werden mich fertigmachen, aber ich werde es ertragen.“

ff: „Dafür lieben die Italiener Sie um so mehr. Ich sprach zum Beispiel kürzlich mit einem italienischen Musikmanager. Bei Ihrem Namen bekam er verklärte Augen und flötete: ‚Wir verehren sie, sie ist einmalig, großartig, wunderbar, und sie wird noch mit siebzig Jahren eine hinreißende Isolde und Turandot sein!‘ Leider hat sie keinen Tristan mehr, seitdem Windgassen abgetreten ist.“

Nilsson: „Ach! Ein schlechter Abend an der Scala kann verheerende Folgen auf Jahre haben. Gerade Windgassen hat das erfahren. Er sang dort einmal einen schlechten Tristan, und schon hieß es in der ganzen Welt: Windgassen ist kaputt. Tatsächlich war er in einer Woche wieder völlig in Ordnung. Der Mensch hat nämlich ganz phantastische Stimmbänder. Wenn man ständig das Wagner-Fach singt, gerät man sehr leicht einmal in kritische Phasen.“

ff: „Ja, und dann kommen von den Kritikern die bösen Anwürfe, dass der Tonansatz zu schwer und unpräzise geworden ist, nicht wahr?“

Nilsson: „Was durchaus stimmen kann.“

ff: „Ihre letzte Philips-Platte mit den Wesendonk-Liedern ist gerade in dieser Hinsicht vorbildlich. Und Sie gehen ungeachtet Ihrer schweren Stimme unwahrscheinlich leicht und locker in die Höhe.“

Nilsson: „Wissen Sie, die Höhe darf man nie über sich, man muss sie immer unter sich haben. Ich ging einmal ratsuchend zu meiner großen Bayreuther Vorgängerin Nanny Larsen-Todsen. Sie sagte zu mir: ‚Um Himmels willen, Ihre Höhe ist ja viel zu leicht! Alles, was Sie in der Mittellage haben, müssen Sie mit raufnehmen.‘ Stellen Sie sich vor: Das ist doch gerade so, als wenn man jedes Mal einen schweren Eichenstuhl vom Boden aufheben müsste. Bis man ihn über dem Kopf hat, ist man total müde …“

ff: „Apropos müde, Frau Nilsson. Sie sind jetzt 28 Jahre im Singgeschäft. Davon annähernd fünfzehn Jahre unentwegt an der Spitze. Sie haben alles erreicht, was ein Künstler erreichen kann. Sie befinden sich konstant in der schwierigen Situation, die von Ihnen selbst gesetzten Maßstäbe zu verteidigen. Von Ihnen werden permanent nur Höchstleistungen verlangt. Sie haben selber einmal gesagt, Sie wohnten in Ihren Koffern. Ganz vulgär gefragt: ‚Hängt Ihnen das Ganze nicht manchmal zum Halse heraus?‘ Haben Sie diesen mörderischen Beruf nicht oft bis obenhin satt? Sehnen Sie sich nicht zuweilen danach, ein ganz normaler Mensch zu sein?“

Nilsson: „Sicher, aber eine Gegenfrage: Was bekommt man nicht satt? Das Hausfrauendasein wird einem genauso über. Es gibt Kolleginnen, die groß verkündet haben, von ihrem 40. Lebensjahr ab würden sie keinen Ton mehr singen. Haha, sie singen alle weiter. Wenn es nämlich so weit ist, ergibt sich die Frage: ‚Und was kommt nun, wie geht es weiter?‘ Natürlich quält man sich, möchte zu Hause sein, ausspannen und so weiter. Andererseits hat man nun einmal diesen Beruf gewählt und muss dazu stehen. Man kann nicht beides: Einen großen Kuchen haben wollen und ihn zugleich auffressen. Außerdem gibt es natürlich auch immer wieder unendlich viel Versöhnliches.“

ff: „Zum Beispiel die Beifallsstürme. Wie ist das: Stehen Sie nicht bereits unter einem solchen Tabu, dass die Bravo-Rufe für die ‚größte Hochdramatische‘ schon auf Ihr Konto eingehen, bevor Sie überhaupt den ersten Ton gesungen haben? Und ist das nicht vielleicht sogar ein wenig deprimierend, wenn Sie feststellen, wie wenig das Publikum allgemein differenziert?“

Nilsson: „Es gibt Leute, die lieben irgendeinen Künstler grundsätzlich und unabhängig von seiner Leistung. Unverdienter Beifall ist verführerisch. Da weiß man zum Beispiel selber: Das war nicht gut heute Abend. Dann kommt man raus und einem brandet dieser phantastische Jubel entgegen, und man sagt sich: Ja, du meine Güte, das Publikum hat es also gar nicht gemerkt. Das ist schlimm, das ist sehr gefährlich für den Künstler. Ich bin gewiss nicht für die Ausbuherei, aber ein wenig mehr Ehrlichkeit in der Wertung der Leistungen wäre schon gut.“

ff: „Gibt Ihnen Ihre Beliebtheit Sicherheit? Derart, dass Sie sich sagen: Wie es auch kommt, mir kann nichts geschehen?“

Nilsson: „Nein, nein, um Gottes willen, nein! Das denke ich nie, dass ich ‚meine Sünden auf der Gnade betten‘ will (Anm.: vermutlich ein schwedisches Sprichwort). Das Risiko bleibt immer. Ich bin heute vor jeder Vorstellung genauso entsetzlich aufgeregt wie am ersten Tag. Ich empfinde jede gut gegangene Aufführung immer wieder als ein Wunder. Wenn man bedenkt, was alles mit diesen beiden kleinen Stimmbändern hätte passieren können. Natürlich hat man in den Jahren Erfahrungen gesammelt. Aber ich hasse das Wort Routine. Ich habe zu viel Ehrfurcht und Disziplin, um mich auf den Lorbeeren auszuruhen.“

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Birgit Nilsson als „Mädchen aus dem goldenen Westen“

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ff: „Haben Sie Ihre Rollenkonzeptionen im Laufe der Jahre geändert?“

Nilsson: „Ja, man entwickelt sich ja weiter. Und man findet immer wieder Neues, Interessantes, probiert und sucht immer wieder nach besseren Lösungen. Da fragen mich die Leute manchmal: ‚Ist es nicht schrecklich langweilig, immer wieder die Isolde zu singen?‘ Eben nicht! Mit Wagner wird man nämlich nie fertig. Er ist so tief, es gibt soviel heraus zu graben, dass man am Ende seines Sängerlebens froh sein kann, wenn man vielleicht gerade 40% davon erfasst und umzusetzen vermocht hat.“

ff: „Rein gesanglich ist Wagner doch wohl auch weitgehend eine Frage der Disposition. Manche Isolde verausgabt sich im ersten Akt so, dass sie im letzten Akt dann nur noch piep sagen kann. Sie beherrschen diese Kunst.“

Nilsson: „Sie irren. Das geht bei mir ganz automatisch. Ich habe überhaupt keine ökonomischen Überlegungen. Varnay kann das fabelhaft. Ich habe einige Male mit ihrem Mann (der ja Repetitor in Bayreuth war) gearbeitet. Er sagte mir: ‚Hier können Sie sich schonen, und da brauchen Sie viel weniger geben‘; und so fort. Ich hatte nur immer das Gefühl: Du lieber Himmel, wie entsetzlich, wenn ich an all das im Ernst denken müsste. Nein, ich kann überhaupt nicht planen.“

ff: „Weil Sie über soviel Substanz verfügen, dass Sie es sich leisten können, würde ich hinzufügen. Etwas anderes: Eine Ihrer großen Tugenden ist Ihre Intonationsreinheit. Es heißt, Sie haben absolutes Gehör. Wie kommen Sie zurecht, wenn Sie mit einem Orchester mit sehr hoher Stimmung, wie zum Beispiel den Wienern, singen?“

Nilsson: „Oh, Sie wissen? Ja, ich kam einmal von der Met, wo ich viermal Elektra gesungen hatte, und war auch in Wien damit angesetzt. Ich sang, ich kann es beschwören, beinahe durchgehend so um einen Viertelton zu tief. Es saß so anders in meiner Kehle, dass ich ganz einfach die Höhe nicht erreichen konnte. Ich hatte das Gefühl, die ganze Oper laufend in falschen Tonarten zu singen. Oh Gott, wie habe ich gelitten! Genau das Gleiche mit der Lady Macbeth. Das hohe Des in der Arie soll Pianissimo gesungen werden. Ich kann es auf jeder anderen Bühne, nur nicht in Wien.“

ff: „Dafür klingen aber die Geigen um so besser!“

Nilsson: „Oh ja, die Wiener Philharmoniker können glänzen, und die Sänger müssen sterben! Wenn ich Tenor wäre, würde ich mich weigern, in Wien zu singen.“

ff: „Sie haben nahezu alle jugendlich-dramatischen, dramatischen und hochdramatischen Partien des deutschen und italienischen Fachs gesungen. Erstaunlicherweise weder die Ortrud noch die Kundry.“

Nilsson: „Die Kundry werde ich jetzt gerade - partiell - zusammen mit Brilioth bei Philips einsingen. Zusammen mit Walküre erster Akt. Grundsätzlich finde ich, dass die Kundry, die ja recht tief liegt, einfach schöner mit einem Mezzo klingt.“

ff: „Und die Ortrud ist eine gemeine Partie, ja?“

Nilsson: „Gemein und kurz. Niemand würde mich als Ortrud engagieren. Alle wollen große Partien von mir. Die Theater, weil sie für ihre Gage möglichst viel haben wollen, und das Publikum sowieso. Wieland Wagner wollte mich als Ortrud, aber da hatte ich ganz einfach Hemmungen, denn ich hatte die Varnay gesehen und gehört. Sie war die Inkarnation, sie war grandios! Ich habe verzichtet, weil ich keine zweitrangige Ortrud sein wollte.“

ff: „Haben Sie noch irgendeine geheime Wunschpartie?“

Nilsson: „Ich habe nie geheime Wünsche. Mir werden und wurden viele Rollen angeboten; aber ich habe ein so großes, wunderschönes Repertoire. Warum soll ich eine Antiklimax betreiben und weniger Interessantes oder eigentlich schon außerhalb meiner Möglichkeiten Liegendes singen?“

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Birgit Nilsson als Wagner-Brünnhilde mit Hans Hotter

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ff: „Würde es Sie nicht einmal reizen, etwas völlig Anderes zu machen? Nur so zum Jux?“

Nilsson: „Der Otto Schenk in Wien sagt immer zu mir: ‚Du bist so wunderbar lustig. Ich möchte eine komische Oper mit Dir machen.‘ Aber privat lustig und komisch auf der Bühne ist zweierlei. Ich glaube, das könnte ich nicht. Vor einiger Zeit ist mir auch eine Wagner-Parodie-Platte angeboten worden. Aber so weit geht es ja nun auch wieder nicht, dass ich mich selber auf den Arm nehme.“

ff: „Womit wohl zu allerletzt Ihr Publikum einverstanden wäre. Das will immer wieder die große, seriöse Birgit Nilsson. Das Stimmwunder der unerschöpflich scheinenden Kraftreserven. Karl Böhm hat von Ihnen gesagt, Sie seien die einzige Sängerin, die nie, selbst im dritten Tristan-Akt, eine Spur von Ermüdung zeigten.“

Nilsson: „Nun ja, es ist bisher meistens gut für mich ausgegangen. - Aber wissen Sie, was die Met einmal mit mir machen wollte? Salome und Elektra an einem Abend. Ich sollte mit Elektra anfangen.“

ff: „Und wieviel Partner sollten dabei verbraucht werden?“

Nilsson: „Keine Ahnung. Einmal habe ich dort ja auch einen Tristan mit drei verschiedenen Tenören gesungen. Einer noch schwächer als der andere.“

ff: „Also frei nach Uhland: sah man zur Rechten wie zur Linken einen halben Tristan herniedersinken. Und was wurde aus dem geplanten Strauss-Spektakel?“

Nilsson: „Nichts. Ich selber war nicht unschuldig an der ganzen Geschichte. Wenn ich die Elektra gesungen hatte, fühlte ich mich nämlich immer so frisch und pudelwohl, dass ich einmal äußerte, ich könnte glatt noch eine Salome dranhängen. Das haben die ernst genommen. Aber allein bei der Vorstellung, beide Werke auf dem Plakat mit meinem Namen dekoriert zu sehen, wurde mir dann doch etwas mulmig zumute.“

ff: „Auf Ihrem Programm stehen jetzt Konzerttourneen durch Australien und Amerika. In Deutschland konzertieren Sie gar nicht. Es heißt, dass Sie Zugeständnisse an den amerikanischen Publikumsgeschmack machen. Als Zugabe zum Beispiel ‚I could have danced all night‘ mit einem kleinen Tänzchen rund um den Flügel.“

Nilsson: „Ja, leider habe ich das gemacht, weil das ganze Podium voll Publikum saß. Und jetzt wollen sie das immer wieder von mir … Ein Kritiker hat damals geschrieben, er sei nicht ganz sicher, ob ‚I could have danced all night‘, aber er sei absolut sicher, dass ich die ganze Nacht hindurch hätte singen können.“

ff: „In Deutschland erscheint im Herbst der Bayreuther ‚Ring‘-Mitschnitt 1967 mit Böhm. Sie singen Ihre dritte Walküre und nach Solti Ihre zweite Brünnhilde. An den beiden Tristan-Aufnahmen mit Ihnen (live: Böhm, Studio: Solti) ist der gewaltige Unterschied zwischen beiden Macharten abzulesen. Bei Solti hatten Sie allerdings mit Uhl einen relativ schwachen Tristan, der überdies teilweise in den Orchesterfluten ertrinkt.“

Nilsson: „Moment mal, daran waren weder Uhl noch Solti schuld. Das machen diese Ton-Menschen, das ist Decca-Methode. Wenn Sie wüssten, wie ich mich mit diesen Schallplatten-Leuten damals angelegt habe! Die Stimmen klingen ganz klein, und das Orchester ist enorm im Verhältnis zu den Sängern. Ich habe die Herren gefragt, auf welchem Platz, in welchem Opernhaus dergleichen zu hören wäre. Das sei doch keine Balance. Darauf hat mir der Tonmeister geantwortet: ‚Frau Nilsson, wir haben 100 Primadonnen im Orchester, die wollen alle gehört werden. Sie sind nicht die einzige.‘ Ich habe erwidert: ‚Ach so, dann brauchen Sie uns Sänger ja vielleicht gar nicht. Wenn Sie solche Auffassung von der Oper haben, sollte ich vielleicht lieber nach Hause gehen. Für mich ist die Oper immer noch Gesang mit Orchesterbegleitung.‘“

ff: „Ich bin mit Ihnen der Ansicht, dass die größere Perfektion der Studio-Aufnahmen …“

Nilsson: „Studio ist immer steril. Da sitzt der Ingenieur und fummelt an seinen Hebeln herum. Manchmal frage ich mich, ob die Technik wirklich so vorangekommen ist, wie man immer sagt. Wenn man in einem Aufnahmeraum wie den Sofiensälen in Wien ist, da glaubt man, man befindet sich auf Cape Kennedy und solle zum Mond abgeschossen werden. Enorm, was da los ist. Man denkt, da müsste Überwältigendes herauskommen. Und dann macht man eine Testaufnahme und bekommt zu hören: ‚Frau Nilsson, bei den hohen Tönen bitte drei Schritte zurückgehen. In der Tiefe dann bitte wieder vorkommen.‘ Ja, du meine Güte, wo ist dann da der Fortschritt? So hatten wir es doch schon vor …zig Jahren. Ich finde, dass man sehr, sehr selten meine Stimme richtig aufgenommen hat. Weil ich eine voluminöse Höhe habe, macht man die Höhe dünn und eng, um es ‚richtig‘ hinzukriegen. Alle Leute, die mich von der Bühne her kennen, bestätigen mir, dass die Platten nur sehr bedingt meiner wirklichen Stimme entsprechen.“

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Birgit Nilsson bei der „Oberon“-Aufnahme mit Plácido Domingo

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ff: „Sie sind nicht die einzige, die unter diesem Dilemma leidet.“

Nilsson: „Nur die großen Stimmen. Bei der Flagstad war es dasselbe. Sie mit ihrer Orgel-Stimme war schrecklich schwierig aufzunehmen. Für kleine Stimmen ist es natürlich das reinste Zuckerschlecken. Es gibt welche, die aufgrund ihrer hochmanipulierten Plattenstimme große Karriere gemacht haben. Ja, für die Platte ideale Stimmen. Wenn sie aber live auftraten, waren die Leute entsetzt über die klitzekleine Stimme. Die großen Stimmen drosselt man und die kleinen macht man riesengroß. Es wäre doch zum Beispiel absolut möglich, dass etwa eine Erika Köth auf der Platte den Isolde-Liebestod singt. Oder: jetzt die Sutherland eine Turandot. Sie sagt: ‚Ich würde nicht im Traum daran denken, das auf der Bühne zu singen.‘ Ja, du liebe Zeit, das ist doch einfach Schwindel! Wo landen wir denn da eigentlich? Das Publikum sagt: ‚Ach, sie kann alles. Sie singt eine Gilda wie eine Turandot. Klingt wunderbar!‘ Ja, allerdings. Aber nur auf der Platte. Ich finde, man darf das Publikum nicht so betrügen und nur das auf der Platte singen, was man auch auf der Bühne singen kann.“

ff: „Dann allerdings müsste wohl heutzutage der Wagner-Laden geschlossen werden. - Frau Nilsson, hören Sie Schallplatten?“

Nilsson: „Da ich ständig auf Reisen bin, habe ich kaum Gelegenheit dazu. Meine eigenen mag ich ohnehin nicht hören. Die machen mich nervös.“

ff: „Würden Sie gerne einige Aufnahmen noch einmal neu aufnehmen und welche?“

Nilsson: „Alle!“

ff: „Sie nannten den Namen Flagstad. Sie sind ihre einzige und legitime Nachfolgerin. So sei die Frage gestattet, ob Sie auch - eines sicher noch fernen Tages - den gleichen Weg gehen möchten? Hätten Sie Lust, nach Beendigung Ihrer sängerischen Laufbahn à la Flagstad die Intendanz eines Opernhauses zu übernehmen? Möchten Sie Regie führen?“

Nilsson: „Regie führen möchte und könnte ich nicht. Wir haben genügend schlechte Regisseure. Deren Zahl möchte ich nicht noch vermehren. Und Theaterintendant ist in heutiger Zeit ein unmöglicher Beruf. Die Flagstad hat diesen Schritt, glaube ich, auch sehr bereut. Nein, wirklich, wenn man eine so lange Karriere hinter sich hat, dann hat man - glaube ich - wirklich etwas Besseres verdient als das.“

ff: „Wie wäre es dann wenigstens mit Memoiren? Jeder Schauspieler und Sänger, der auf sich hält, veröffentlicht doch heutzutage seine Lebensbeichte.“

Nilsson: „Das vielleicht noch am ehesten.“

ff: „Besonders, wo es doch so viele Ghostwriter gibt.“

Nilsson: „Eben, eben …“

*

Vorerst ist es allerdings noch viel zu früh, so kräftig Zukunftsmusik zu blasen. Für die nächsten Jahre ist zumindest die Wagner-Bühne nicht denkbar ohne eine Birgit Nilsson. Denn noch ist kein neuer Stern im Norden aufgegangen.

Der große amerikanische Kritiker Ernest Newman schrieb 1957 von ihr: „Ich bin glücklich, lange genug gelebt zu haben, um eine so junge Sängerin von solcher Perfektion gesehen und gehört zu haben.“ Wieland-Wagner-Bewahrer Lehmann in Bayreuth sagt: „Keine Persönlichkeit wie sie in Sicht. Was das Künstlerische, was die Perfektion und den Willen zur absoluten Hingabe an die Arbeit angeht.“ Und Karl Böhm behauptet gar: „Wenn Birgit nicht mehr singt, will ich nicht mehr dirigieren.“ Birgit Nilsson reist durch die Welt von Triumph zu Triumph. Er ist ihr täglich Brot. Sie leistet psychisch und physisch dauernd Schwerarbeit. Sie machte und macht Abertausende mit ihrer „Jahrhundertstimme“ glücklich. Sie selber aber ist im Bewusstsein des Publikums doch wohl mehr oder weniger ein angebetetes und bewundertes Idol, eine tabuierte „Institution“, die Hochdramatische an sich. Ihre Stimme ist „heiliges Gut“. Wer aber oder wie viele ihrer Anbeter fragen auch einmal nach dem Menschen Birgit Nilsson? Sie selber ist privat stets unauffällig geblieben. Keine Amouren, keine Skandale, keine hysterischen Rivalitäten. Kein Stoff für Schlagzeilen und Klatschspalten. Die folgende Aufzeichnung eines Gesprächs ist der Versuch, Birgit Nilsson als Menschen zu porträtieren, ihre künstlerischen Motivationen aufzuzeigen. Wenige Tage, nachdem es stattfand, ereignete sich in Hamburg übrigens im Verein mit Horst Stein am Pult eine „Götterdämmerung“-Sternstunde. Bevor der Beifallsorkan losbrach, gab es nach Nilssons Schlussgesang den größten Beifall, der möglich ist: sekundenlange Stille der Erschütterung. Die Nilsson ist von heiterer, gelassener Ruhe und Freundlichkeit. Nicht eine Sekunde wird Allüre oder Ungeduld spürbar bei dieser für sie doch im Grunde höchst lästigen Pflichterfüllung eines Interviews, dessen sie nicht bedarf. Ihr Zimmer in Hamburgs Nobel-Hotel „Vier Jahreszeiten“ gleicht einem Blumenladen. Auf einem verbliebenen Rest-Plätzchen des Tisches liegen mehrere Zeitungsausschnitte. Englische.

ff: „Oh, Sie lesen Kritiken, Frau Nilsson?“

Nilsson: „Immer.“

ff: „Und Sie akzeptieren auch negative Urteile, sofern es die geben würde?“

Nilsson: „Ja, vorausgesetzt, dass sie mit Fachkenntnis geschrieben sind. Das sieht man ja auf den ersten Blick. Wenn jemand etwas vom Singen versteht, kann es unter Umständen eine echte Hilfe sein. Wenn man nicht gut gewesen ist, bringt es einen eventuell auf Dinge, die man selber noch gar nicht präzise registriert hat. Wissen Sie, es ist eine ganz, ganz große Gefahr, sich nur mit Komplimenten - und besonders mit falschen Komplimenten - zu umgeben und sich in ihnen zu sonnen. Nicht abzusehen, wo man dann landen würde.“

ff: „Was in Ihrem Fall ganz besonders naheliegend ist. Sie befinden sich im Olymp. Sozusagen als oberste Göttin der Hochdramatischen. Und es steht geschrieben: … ‚denn Göttinnen tadelt man nicht‘.“

Nilsson (mit abwehrender Handbewegung): „Na, ich weiß nicht …“

ff: „Keine Angst, das kam nicht aus der ‚falschen Ecke‘. Die Wahrheit ist doch, dass Sie heute schlechthin die Inkarnation der Hochdramatischen sind. Die Wahrheit auch, dass Sie bisher keine echte Nachfolgerin haben. Namen ausgeklammert, ist doch leider festzustellen, dass sich immer wieder nach kurzer Zeit die Hoffnungen auf hochdramatischen ‚Nachwuchs‘ als vergeblich erweisen.“

Nilsson: „Die Jungen, die sich zu vorzeitig an Wagner heranmachen, haben nur die Chance zum Überleben, wenn sie sehr viel absagen.“

ff: „Sie selber haben verhältnismäßig spät debütiert. Dann aber gleich mit der Freischütz-Agathe.“

Nilsson: „Ich war doch Bauerntochter. Und obendrein einziges Kind. Wer weiß denn auf dem Lande schon, ob man genügend Material hat und so. Außerdem waren meine Eltern strikt dagegen.“

ff: „Sie können also eine Kuh melken? Auch heute noch?“

Nilsson: „Oh ja, allerdings; aber heute machen das Maschinen. Ich war jedenfalls mit der Bauernarbeit nicht sehr glücklich. Gewissermaßen im letzten Moment habe ich die ‚Kurve‘ noch zu fassen bekommen. 1941 habe ich in der Stockholmer Akademie vorgesungen. Mit 49 anderen Bewerbern. Ich saß bis obenhin voller Komplexe, denn die anderen hatten alle ganz vornehm in Rom oder Frankreich oder sonst wo studiert. Ich fand sie alle großartig und wunderbar. Was war ich schon dagegen mit meinen sechs Monaten Unterricht bei unserem Organisten. Zwei von den 49 wurden angenommen. Die eine war ich. Ich glaube, das war der glücklichste Tag in meinem ganzen Leben. Dieses unwahrscheinliche, überwältigende Gefühl: Jetzt beginnt ein völlig neues Leben.“

ff: „Die Substanz war also von Anbeginn da?“

Nilsson: „Ja, ich hatte das Material. Meine zweite Rolle (nach fünfjährigem Studium) nach der Agathe an der Stockholmer Oper war keine geringere als die Lady Macbeth. Und 1949 auch schon die ‚Rosenkavalier‘-Marschallin. Die Kritik schrieb: ‚Ihr fehlt nur Eines, nämlich das Alter, aber das kommt bekanntlich von selber‘.“

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Birgit Nilsson als Wagner-Star

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ff: „Dieser Vorwurf entfällt, wenn Sie im nächsten Jahr die Marschallin an der Met singen werden.“

Nilsson: „Ein wenig mit Zittern und Zagen. Ich habe die Crespin an der Met in der Partie gehört. Sie war wunderbar. Hat auch herrlich gespielt mit ihren wunderschönen Händen. Ich habe die Partie ab 1960 in Stockholm noch mehrfach gesungen, aber - mein Gott - dann kamen all die großen dramatischen Partien, und alle konnten die Marschallin singen, aber nur wenige eine Salome oder Elektra oder so etwas. Wien hatte sie mir auch einmal angeboten, aber mit zwei oder drei Proben war mir das Pflaster zu heiß. Ausgerechnet Wien …“

ff: „Zwei Jahre nach der vermutlich jugendlichsten aller bisherigen Vertreterinnen der Rolle, nämlich 1951, begann Ihr Stern ganz langsam aufzugehen. Sie sangen in Glyndebourne die Elektra.“

Nilsson: „Ja, aber Mozarts Elektra im ‚Idomeneo‘, wohlverstanden.“

ff: „Sie haben auch später noch relativ lange die Donna Anna des Don Giovanni gesungen. Sie wissen vielleicht, dass die berühmte, die strenge Lilli Lehmann gesagt hat: ‚Nur wer Mozart beherrscht, kann Wagner singen‘.“

Nilsson: „Ach, das ist ja hochinteressant! Als ich nämlich 1954 in Wien meine erste Isolde gesungen habe, schrieb ein Kritiker: ‚Frau Nilsson singt die Isolde wie Mozarts Donna Anna.‘ Ich habe das nicht so ganz kapiert, aber da die ganze Kritik sehr positiv war, habe ich es als Kompliment aufgefasst. Jetzt begreife ich.“

ff: „Sie haben sich also eigentlich sehr schnell vom lyrischen über den jugendlich-dramatischen zum dramatischen Sopran gemausert. Eine sehr frühe Isolde!“

Nilsson: „Es gibt Sängerinnen, die sie noch früher singen. Aber es geht selten gut, wenn die Jungen zu früh mit Wagner anfangen. Ich werde ja manchmal von den jungen Kolleginnen um Rat gefragt. Meistens ist es in den Wind geredet, wenn ich ihnen sage: ‚Ihr müsst lernen, langsam zu gehen, wenn ihr nicht zugrunde gehen wollt.‘ Die wollen keinen Mozart und keinen Verdi singen, die wollen alle gleich auf Wagner los. Grundfalsch. Das machen die meisten Stimmen nicht mit. Sie geraten nur zu leicht außer Kontrolle. Eine verteufelte Sache: Ehe man sich umsieht, hat man ein dickes Tremolo drauf, und dann ist es meistens zu spät. Den jungen Sängern wird immer eingetrichtert: Du musst arbeiten, arbeiten und nochmal arbeiten. Natürlich muss man das; aber ich möchte behaupten, dass mehr Stimmen durch zu vieles als zu geringes Training kaputtgehen.“

ff: „Gretchenfrage: Wie halten Sie selber es damit? Probieren Sie morgens gleich nach dem Zähneputzen mit Mi-Mi-Mi, ob das Instrument intakt ist?“

Nilsson: „Keinen Ton. Nie. Ich fühle, ohne zu tönen, ob ich singen kann oder nicht.“

ff: „Ich denke an Sigrid Onegin, die in ihren autobiographischen Buchzutaten erzählt hat, mit welchen Zaubermixturen sie in kritischen Zeiten ihre Stimme behandelt hat, dass sie jeden Morgen, ob Dienst oder Nicht-Dienst (also auch in den Ferien), ganz eisern ihre Übungen absolviert hat. Die Beispiele ließen sich vermehren. Es gibt die ‚rohen Eier‘, die zwei Tage vor ihrem Auftritt nur noch im Telegrammstil flüstern, die ihren großen Schlaf vor der Vorstellung abschnarchen und sich stundenlang einsingen. Wie verhält Birgit Nilsson sich?“

Nilsson: „Als ich mit der Singerei anfing, hatte ich das Gefühl, es sei Spielerei und hätte mit Arbeit sehr wenig zu tun. Langsam habe ich gelernt, mich vor der Vorstellung ein wenig hinzulegen. Schlafen? Nein. In den Ferien singe ich keinen Ton. Früher habe ich mich sehr kurz eingesungen. Jetzt dauert es schon etwas länger. Aber, um auf die jungen Sängerinnen zurückzukommen: Es gibt eine ganze Reihe wirklich guter, begabter Sopranistinnen. Das Schlimme ist nur, dass sie alle eine Blitzkarriere machen wollen und sich mit Überenergie hineinstürzen. Natürlich liegt es auch an und in der Zeit, am mörderischen, verhetzten Tempo. Die Jungen glauben alle, wenn sie heute debütieren, müssen sie sich in den nächsten zwei Jahren schon in die Weltkarriere hinaufkatapultiert haben.“

ff: „Nun ja, die Dirigenten, Opernregisseure und Intendanten tun das Ihre dazu. Sie verführen nur zu oft und sind schuld, dass …“

Nilsson: „Oooh!!! Wem sagen Sie das! Sie alle wollen junge, gut aussehende Sänger, und es ist ihnen völlig egal, ob sie in zwei oder drei Jahren fertig sind. Ich sprach einmal mit einem dieser Herren wegen einer jungen Kollegin und beschwor ihn: ‚Lassen Sie ihr noch zwei, drei Jahre bis zur Brünnhilde! Andernfalls wird sie in spätestens vier Jahren restlos fertig sein.‘ Wissen Sie, was ich zur Antwort bekam? ‚Was geht das uns an. Pech, wenn es so sein sollte. Dann müssen wir uns eben eine andere suchen.‘“

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Birgit Nilsson heute, auf der Höhe des Ruhms

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ff: „Sie selber haben ja mit den Dirigenten nicht die Sorgen, die all den Kleinkalibrigen zu schaffen machen. Sie haben so viel Kraft und so unbesiegbares Stimmvolumen, dass Sie noch über die dickste Orchestersauce hinwegkommen.“

Nilsson: „Da bin ich nicht sicher. Aber das ist auch so eine Sache: Heute sind alle Kapellmeister meistens schrecklich laut. Alles große Stimmmörder. Da sagt man immer, es gibt keine Wagner-Stimmen mehr. Ja, bitte schön, wenn dem so ist, dann sollen die Herren Regisseure und Dirigenten doch gefälligst auf die kleineren Stimmen Rücksicht nehmen. Zum Beispiel: Da kommt ein Regisseur aus Europa nach Amerika. In Europa fassen die Häuser 1500-2000 Menschen, in Amerika sind sie doppelt so groß. Trotzdem machen die Regisseure nahezu die gleichen Inszenierungen, postieren die Sänger möglichst weit im Bühnenhintergrund (wo sie kein Orchester mehr hören) und machen die Bühnen stockdunkel. Alle Menschen hören aber auch mit den Augen. Bei dunkler Bühne heißt es darum: lauter singen. Oder das andere: die Unsitte mit diesem phantastischen, schwarzen Netz zwischen Bühne und Orchester. Die Regisseure können angeblich ohne dieses Ungetüm keine Stimmung und Atmosphäre schaffen. Ich bin der Ansicht, wenn sie das nicht können, sollen sie nach Hause gehen und ausschlafen, bis ihnen besseres einfällt. Alle amerikanischen Sänger wehren sich dagegen. Beverly Sills - mit ihrer kleinen Stimme - hat in La Scala das Netz kurzerhand weggerissen. Wenn in einem großen Haus zu dem dicken, schwarzen Schleier dann noch ein Dirigent kommt, der mit Pauken und schwerem Blech hereinhaut, dann ist das Handicap für kleinere Stimmen total. Und dann lamentiert alle Welt über die zu kleinen Stimmen und vergleicht ständig mit den früheren Sängern. Das ist auch so ein Kapitel. In Amerika fällt unweigerlich der Name Callas, wenn eine Sängerin das italienische Fach singt. Ich selber habe ja an der Met (weil Bing mit Wagner nicht viel im Sinn hatte) überwiegend - und Gottlob - das große italienische Fach gesungen. Im Gegensatz zu Deutschland, wo ich ja leider nur das schwere Wagner-Fach singe. Meine erste ‚europäische‘ Tosca in München musste ich kürzlich leider aus persönlichen Gründen absagen. Schade! Aber ich werde sie im nächsten Jahr in Covent Garden in London singen. Die englischen Kritiker sind entsetzlich hart und strenge. Sie werden mich fertigmachen, aber ich werde es ertragen.“

ff: „Dafür lieben die Italiener Sie um so mehr. Ich sprach zum Beispiel kürzlich mit einem italienischen Musikmanager. Bei Ihrem Namen bekam er verklärte Augen und flötete: ‚Wir verehren sie, sie ist einmalig, großartig, wunderbar, und sie wird noch mit siebzig Jahren eine hinreißende Isolde und Turandot sein!‘ Leider hat sie keinen Tristan mehr, seitdem Windgassen abgetreten ist.“

Nilsson: „Ach! Ein schlechter Abend an der Scala kann verheerende Folgen auf Jahre haben. Gerade Windgassen hat das erfahren. Er sang dort einmal einen schlechten Tristan, und schon hieß es in der ganzen Welt: Windgassen ist kaputt. Tatsächlich war er in einer Woche wieder völlig in Ordnung. Der Mensch hat nämlich ganz phantastische Stimmbänder. Wenn man ständig das Wagner-Fach singt, gerät man sehr leicht einmal in kritische Phasen.“

ff: „Ja, und dann kommen von den Kritikern die bösen Anwürfe, dass der Tonansatz zu schwer und unpräzise geworden ist, nicht wahr?“

Nilsson: „Was durchaus stimmen kann.“

ff: „Ihre letzte Philips-Platte mit den Wesendonk-Liedern ist gerade in dieser Hinsicht vorbildlich. Und Sie gehen ungeachtet Ihrer schweren Stimme unwahrscheinlich leicht und locker in die Höhe.“

Nilsson: „Wissen Sie, die Höhe darf man nie über sich, man muss sie immer unter sich haben. Ich ging einmal ratsuchend zu meiner großen Bayreuther Vorgängerin Nanny Larsen-Todsen. Sie sagte zu mir: ‚Um Himmels willen, Ihre Höhe ist ja viel zu leicht! Alles, was Sie in der Mittellage haben, müssen Sie mit raufnehmen.‘ Stellen Sie sich vor: Das ist doch gerade so, als wenn man jedes Mal einen schweren Eichenstuhl vom Boden aufheben müsste. Bis man ihn über dem Kopf hat, ist man total müde …“

ff: „Apropos müde, Frau Nilsson. Sie sind jetzt 28 Jahre im Singgeschäft. Davon annähernd fünfzehn Jahre unentwegt an der Spitze. Sie haben alles erreicht, was ein Künstler erreichen kann. Sie befinden sich konstant in der schwierigen Situation, die von Ihnen selbst gesetzten Maßstäbe zu verteidigen. Von Ihnen werden permanent nur Höchstleistungen verlangt. Sie haben selber einmal gesagt, Sie wohnten in Ihren Koffern. Ganz vulgär gefragt: ‚Hängt Ihnen das Ganze nicht manchmal zum Halse heraus?‘ Haben Sie diesen mörderischen Beruf nicht oft bis obenhin satt? Sehnen Sie sich nicht zuweilen danach, ein ganz normaler Mensch zu sein?“

Nilsson: „Sicher, aber eine Gegenfrage: Was bekommt man nicht satt? Das Hausfrauendasein wird einem genauso über. Es gibt Kolleginnen, die groß verkündet haben, von ihrem 40. Lebensjahr ab würden sie keinen Ton mehr singen. Haha, sie singen alle weiter. Wenn es nämlich so weit ist, ergibt sich die Frage: ‚Und was kommt nun, wie geht es weiter?‘ Natürlich quält man sich, möchte zu Hause sein, ausspannen und so weiter. Andererseits hat man nun einmal diesen Beruf gewählt und muss dazu stehen. Man kann nicht beides: Einen großen Kuchen haben wollen und ihn zugleich auffressen. Außerdem gibt es natürlich auch immer wieder unendlich viel Versöhnliches.“

ff: „Zum Beispiel die Beifallsstürme. Wie ist das: Stehen Sie nicht bereits unter einem solchen Tabu, dass die Bravo-Rufe für die ‚größte Hochdramatische‘ schon auf Ihr Konto eingehen, bevor Sie überhaupt den ersten Ton gesungen haben? Und ist das nicht vielleicht sogar ein wenig deprimierend, wenn Sie feststellen, wie wenig das Publikum allgemein differenziert?“

Nilsson: „Es gibt Leute, die lieben irgendeinen Künstler grundsätzlich und unabhängig von seiner Leistung. Unverdienter Beifall ist verführerisch. Da weiß man zum Beispiel selber: Das war nicht gut heute Abend. Dann kommt man raus und einem brandet dieser phantastische Jubel entgegen, und man sagt sich: Ja, du meine Güte, das Publikum hat es also gar nicht gemerkt. Das ist schlimm, das ist sehr gefährlich für den Künstler. Ich bin gewiss nicht für die Ausbuherei, aber ein wenig mehr Ehrlichkeit in der Wertung der Leistungen wäre schon gut.“

ff: „Gibt Ihnen Ihre Beliebtheit Sicherheit? Derart, dass Sie sich sagen: Wie es auch kommt, mir kann nichts geschehen?“

Nilsson: „Nein, nein, um Gottes willen, nein! Das denke ich nie, dass ich ‚meine Sünden auf der Gnade betten‘ will (Anm.: vermutlich ein schwedisches Sprichwort). Das Risiko bleibt immer. Ich bin heute vor jeder Vorstellung genauso entsetzlich aufgeregt wie am ersten Tag. Ich empfinde jede gut gegangene Aufführung immer wieder als ein Wunder. Wenn man bedenkt, was alles mit diesen beiden kleinen Stimmbändern hätte passieren können. Natürlich hat man in den Jahren Erfahrungen gesammelt. Aber ich hasse das Wort Routine. Ich habe zu viel Ehrfurcht und Disziplin, um mich auf den Lorbeeren auszuruhen.“

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Birgit Nilsson als „Mädchen aus dem goldenen Westen“

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ff: „Haben Sie Ihre Rollenkonzeptionen im Laufe der Jahre geändert?“

Nilsson: „Ja, man entwickelt sich ja weiter. Und man findet immer wieder Neues, Interessantes, probiert und sucht immer wieder nach besseren Lösungen. Da fragen mich die Leute manchmal: ‚Ist es nicht schrecklich langweilig, immer wieder die Isolde zu singen?‘ Eben nicht! Mit Wagner wird man nämlich nie fertig. Er ist so tief, es gibt soviel heraus zu graben, dass man am Ende seines Sängerlebens froh sein kann, wenn man vielleicht gerade 40% davon erfasst und umzusetzen vermocht hat.“

ff: „Rein gesanglich ist Wagner doch wohl auch weitgehend eine Frage der Disposition. Manche Isolde verausgabt sich im ersten Akt so, dass sie im letzten Akt dann nur noch piep sagen kann. Sie beherrschen diese Kunst.“

Nilsson: „Sie irren. Das geht bei mir ganz automatisch. Ich habe überhaupt keine ökonomischen Überlegungen. Varnay kann das fabelhaft. Ich habe einige Male mit ihrem Mann (der ja Repetitor in Bayreuth war) gearbeitet. Er sagte mir: ‚Hier können Sie sich schonen, und da brauchen Sie viel weniger geben‘; und so fort. Ich hatte nur immer das Gefühl: Du lieber Himmel, wie entsetzlich, wenn ich an all das im Ernst denken müsste. Nein, ich kann überhaupt nicht planen.“

ff: „Weil Sie über soviel Substanz verfügen, dass Sie es sich leisten können, würde ich hinzufügen. Etwas anderes: Eine Ihrer großen Tugenden ist Ihre Intonationsreinheit. Es heißt, Sie haben absolutes Gehör. Wie kommen Sie zurecht, wenn Sie mit einem Orchester mit sehr hoher Stimmung, wie zum Beispiel den Wienern, singen?“

Nilsson: „Oh, Sie wissen? Ja, ich kam einmal von der Met, wo ich viermal Elektra gesungen hatte, und war auch in Wien damit angesetzt. Ich sang, ich kann es beschwören, beinahe durchgehend so um einen Viertelton zu tief. Es saß so anders in meiner Kehle, dass ich ganz einfach die Höhe nicht erreichen konnte. Ich hatte das Gefühl, die ganze Oper laufend in falschen Tonarten zu singen. Oh Gott, wie habe ich gelitten! Genau das Gleiche mit der Lady Macbeth. Das hohe Des in der Arie soll Pianissimo gesungen werden. Ich kann es auf jeder anderen Bühne, nur nicht in Wien.“

ff: „Dafür klingen aber die Geigen um so besser!“

Nilsson: „Oh ja, die Wiener Philharmoniker können glänzen, und die Sänger müssen sterben! Wenn ich Tenor wäre, würde ich mich weigern, in Wien zu singen.“

ff: „Sie haben nahezu alle jugendlich-dramatischen, dramatischen und hochdramatischen Partien des deutschen und italienischen Fachs gesungen. Erstaunlicherweise weder die Ortrud noch die Kundry.“

Nilsson: „Die Kundry werde ich jetzt gerade - partiell - zusammen mit Brilioth bei Philips einsingen. Zusammen mit Walküre erster Akt. Grundsätzlich finde ich, dass die Kundry, die ja recht tief liegt, einfach schöner mit einem Mezzo klingt.“

ff: „Und die Ortrud ist eine gemeine Partie, ja?“

Nilsson: „Gemein und kurz. Niemand würde mich als Ortrud engagieren. Alle wollen große Partien von mir. Die Theater, weil sie für ihre Gage möglichst viel haben wollen, und das Publikum sowieso. Wieland Wagner wollte mich als Ortrud, aber da hatte ich ganz einfach Hemmungen, denn ich hatte die Varnay gesehen und gehört. Sie war die Inkarnation, sie war grandios! Ich habe verzichtet, weil ich keine zweitrangige Ortrud sein wollte.“

ff: „Haben Sie noch irgendeine geheime Wunschpartie?“

Nilsson: „Ich habe nie geheime Wünsche. Mir werden und wurden viele Rollen angeboten; aber ich habe ein so großes, wunderschönes Repertoire. Warum soll ich eine Antiklimax betreiben und weniger Interessantes oder eigentlich schon außerhalb meiner Möglichkeiten Liegendes singen?“

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Birgit Nilsson als Wagner-Brünnhilde mit Hans Hotter

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ff: „Würde es Sie nicht einmal reizen, etwas völlig Anderes zu machen? Nur so zum Jux?“

Nilsson: „Der Otto Schenk in Wien sagt immer zu mir: ‚Du bist so wunderbar lustig. Ich möchte eine komische Oper mit Dir machen.‘ Aber privat lustig und komisch auf der Bühne ist zweierlei. Ich glaube, das könnte ich nicht. Vor einiger Zeit ist mir auch eine Wagner-Parodie-Platte angeboten worden. Aber so weit geht es ja nun auch wieder nicht, dass ich mich selber auf den Arm nehme.“

ff: „Womit wohl zu allerletzt Ihr Publikum einverstanden wäre. Das will immer wieder die große, seriöse Birgit Nilsson. Das Stimmwunder der unerschöpflich scheinenden Kraftreserven. Karl Böhm hat von Ihnen gesagt, Sie seien die einzige Sängerin, die nie, selbst im dritten Tristan-Akt, eine Spur von Ermüdung zeigten.“

Nilsson: „Nun ja, es ist bisher meistens gut für mich ausgegangen. - Aber wissen Sie, was die Met einmal mit mir machen wollte? Salome und Elektra an einem Abend. Ich sollte mit Elektra anfangen.“

ff: „Und wieviel Partner sollten dabei verbraucht werden?“

Nilsson: „Keine Ahnung. Einmal habe ich dort ja auch einen Tristan mit drei verschiedenen Tenören gesungen. Einer noch schwächer als der andere.“

ff: „Also frei nach Uhland: sah man zur Rechten wie zur Linken einen halben Tristan herniedersinken. Und was wurde aus dem geplanten Strauss-Spektakel?“

Nilsson: „Nichts. Ich selber war nicht unschuldig an der ganzen Geschichte. Wenn ich die Elektra gesungen hatte, fühlte ich mich nämlich immer so frisch und pudelwohl, dass ich einmal äußerte, ich könnte glatt noch eine Salome dranhängen. Das haben die ernst genommen. Aber allein bei der Vorstellung, beide Werke auf dem Plakat mit meinem Namen dekoriert zu sehen, wurde mir dann doch etwas mulmig zumute.“

ff: „Auf Ihrem Programm stehen jetzt Konzerttourneen durch Australien und Amerika. In Deutschland konzertieren Sie gar nicht. Es heißt, dass Sie Zugeständnisse an den amerikanischen Publikumsgeschmack machen. Als Zugabe zum Beispiel ‚I could have danced all night‘ mit einem kleinen Tänzchen rund um den Flügel.“

Nilsson: „Ja, leider habe ich das gemacht, weil das ganze Podium voll Publikum saß. Und jetzt wollen sie das immer wieder von mir … Ein Kritiker hat damals geschrieben, er sei nicht ganz sicher, ob ‚I could have danced all night‘, aber er sei absolut sicher, dass ich die ganze Nacht hindurch hätte singen können.“

ff: „In Deutschland erscheint im Herbst der Bayreuther ‚Ring‘-Mitschnitt 1967 mit Böhm. Sie singen Ihre dritte Walküre und nach Solti Ihre zweite Brünnhilde. An den beiden Tristan-Aufnahmen mit Ihnen (live: Böhm, Studio: Solti) ist der gewaltige Unterschied zwischen beiden Macharten abzulesen. Bei Solti hatten Sie allerdings mit Uhl einen relativ schwachen Tristan, der überdies teilweise in den Orchesterfluten ertrinkt.“

Nilsson: „Moment mal, daran waren weder Uhl noch Solti schuld. Das machen diese Ton-Menschen, das ist Decca-Methode. Wenn Sie wüssten, wie ich mich mit diesen Schallplatten-Leuten damals angelegt habe! Die Stimmen klingen ganz klein, und das Orchester ist enorm im Verhältnis zu den Sängern. Ich habe die Herren gefragt, auf welchem Platz, in welchem Opernhaus dergleichen zu hören wäre. Das sei doch keine Balance. Darauf hat mir der Tonmeister geantwortet: ‚Frau Nilsson, wir haben 100 Primadonnen im Orchester, die wollen alle gehört werden. Sie sind nicht die einzige.‘ Ich habe erwidert: ‚Ach so, dann brauchen Sie uns Sänger ja vielleicht gar nicht. Wenn Sie solche Auffassung von der Oper haben, sollte ich vielleicht lieber nach Hause gehen. Für mich ist die Oper immer noch Gesang mit Orchesterbegleitung.‘“

ff: „Ich bin mit Ihnen der Ansicht, dass die größere Perfektion der Studio-Aufnahmen …“

Nilsson: „Studio ist immer steril. Da sitzt der Ingenieur und fummelt an seinen Hebeln herum. Manchmal frage ich mich, ob die Technik wirklich so vorangekommen ist, wie man immer sagt. Wenn man in einem Aufnahmeraum wie den Sofiensälen in Wien ist, da glaubt man, man befindet sich auf Cape Kennedy und solle zum Mond abgeschossen werden. Enorm, was da los ist. Man denkt, da müsste Überwältigendes herauskommen. Und dann macht man eine Testaufnahme und bekommt zu hören: ‚Frau Nilsson, bei den hohen Tönen bitte drei Schritte zurückgehen. In der Tiefe dann bitte wieder vorkommen.‘ Ja, du meine Güte, wo ist dann da der Fortschritt? So hatten wir es doch schon vor …zig Jahren. Ich finde, dass man sehr, sehr selten meine Stimme richtig aufgenommen hat. Weil ich eine voluminöse Höhe habe, macht man die Höhe dünn und eng, um es ‚richtig‘ hinzukriegen. Alle Leute, die mich von der Bühne her kennen, bestätigen mir, dass die Platten nur sehr bedingt meiner wirklichen Stimme entsprechen.“

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Birgit Nilsson bei der „Oberon“-Aufnahme mit Plácido Domingo

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ff: „Sie sind nicht die einzige, die unter diesem Dilemma leidet.“

Nilsson: „Nur die großen Stimmen. Bei der Flagstad war es dasselbe. Sie mit ihrer Orgel-Stimme war schrecklich schwierig aufzunehmen. Für kleine Stimmen ist es natürlich das reinste Zuckerschlecken. Es gibt welche, die aufgrund ihrer hochmanipulierten Plattenstimme große Karriere gemacht haben. Ja, für die Platte ideale Stimmen. Wenn sie aber live auftraten, waren die Leute entsetzt über die klitzekleine Stimme. Die großen Stimmen drosselt man und die kleinen macht man riesengroß. Es wäre doch zum Beispiel absolut möglich, dass etwa eine Erika Köth auf der Platte den Isolde-Liebestod singt. Oder: jetzt die Sutherland eine Turandot. Sie sagt: ‚Ich würde nicht im Traum daran denken, das auf der Bühne zu singen.‘ Ja, du liebe Zeit, das ist doch einfach Schwindel! Wo landen wir denn da eigentlich? Das Publikum sagt: ‚Ach, sie kann alles. Sie singt eine Gilda wie eine Turandot. Klingt wunderbar!‘ Ja, allerdings. Aber nur auf der Platte. Ich finde, man darf das Publikum nicht so betrügen und nur das auf der Platte singen, was man auch auf der Bühne singen kann.“

ff: „Dann allerdings müsste wohl heutzutage der Wagner-Laden geschlossen werden. - Frau Nilsson, hören Sie Schallplatten?“

Nilsson: „Da ich ständig auf Reisen bin, habe ich kaum Gelegenheit dazu. Meine eigenen mag ich ohnehin nicht hören. Die machen mich nervös.“

ff: „Würden Sie gerne einige Aufnahmen noch einmal neu aufnehmen und welche?“

Nilsson: „Alle!“

ff: „Sie nannten den Namen Flagstad. Sie sind ihre einzige und legitime Nachfolgerin. So sei die Frage gestattet, ob Sie auch - eines sicher noch fernen Tages - den gleichen Weg gehen möchten? Hätten Sie Lust, nach Beendigung Ihrer sängerischen Laufbahn à la Flagstad die Intendanz eines Opernhauses zu übernehmen? Möchten Sie Regie führen?“

Nilsson: „Regie führen möchte und könnte ich nicht. Wir haben genügend schlechte Regisseure. Deren Zahl möchte ich nicht noch vermehren. Und Theaterintendant ist in heutiger Zeit ein unmöglicher Beruf. Die Flagstad hat diesen Schritt, glaube ich, auch sehr bereut. Nein, wirklich, wenn man eine so lange Karriere hinter sich hat, dann hat man - glaube ich - wirklich etwas Besseres verdient als das.“

ff: „Wie wäre es dann wenigstens mit Memoiren? Jeder Schauspieler und Sänger, der auf sich hält, veröffentlicht doch heutzutage seine Lebensbeichte.“

Nilsson: „Das vielleicht noch am ehesten.“

ff: „Besonders, wo es doch so viele Ghostwriter gibt.“

Nilsson: „Eben, eben …“

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Vorerst ist es allerdings noch viel zu früh, so kräftig Zukunftsmusik zu blasen. Für die nächsten Jahre ist zumindest die Wagner-Bühne nicht denkbar ohne eine Birgit Nilsson. Denn noch ist kein neuer Stern im Norden aufgegangen.