Jazz Forum

Cool ohne Kompromiss

Von
Gerd Filtgen
Erschienen in der Printausgabe im
Februar 2021
Lesezeit ca.
…
Minuten
Foto: Archiv MPS-Studio
Foto: Archiv MPS-Studio

Bereits als 15-Jähriger hielt Hans Antonio Cyrill Koller, geboren am 12. Februar 1921 in Wien, das erste eigene Tenorsaxofon in den Händen. Mit welcher Intensität er sich dem Instrument widmete, zeigte sich schon, als er 1937 das Studium an der Wiener Akademie für Musik und darstellende Kunst begann. Dank seiner Vorkenntnisse stieg er sofort in ein höheres Semester ein und machte mit 19 seinen Abschluss. Schon da spielte er in diversen Bands. 1941 zur Armee einberufen, geriet er während des Krieges in amerikanische Gefangenschaft, konnte aber seine Lage verbessern, indem er eine Band gründete, die beliebte Swing-Nummern au  ührte. 1946 nach Wien zurückgekehrt, schloss er sich dem Hot Club Vienna an, übernahm bald dessen Leitung und initiierte den Übergang der Band vom Swing zum Modern Jazz. Das Ensemble bestand bis 1949, dann wirkte Koller kurzzeitig im Horst Winter Tanzorchester mit.

Zwar bot ihm die Band des Swing- Drummers Fritz „Freddie“ Brocksieper in München eine Alternative, doch vom Swing-Konzept hatte er sich schon zu weit gelöst. Mit relaxtem Sound und figurenreichen Improvisationen schuf er vielmehr eine eigene Cool-Jazz-Variante, die dem Vergleich mit amerikanischen Stars durchaus standhielt. Realisieren konnte er seine musikalischen Vorstellungen aber erst in Frankfurt. Dort gründete er 1952 ein Quartett, mit dem er seine Stellung als einer der einflussreichsten europäischen Modern-Jazz-Musiker stabilisierte. Erheblichen Anteil daran hatte die Pianistin der Band, Jutta Hipp, und auch die Rhythmiker, Shorty Roeder (Bass) und Karl Sanner (Drums), waren die richtige Wahl.

Kollers Debütalbum „Hans Is Hip“ erschien 1952 bei der amerikanischen Plattenfirma Discovery und errang auf Anhieb die Höchstbewertung im „Down Beat“-Magazin. Heute ist die 25-cm-LP ein gesuchtes Sammlerstück. Im Herbst des gleichen Jahres gab das erfolgreiche Quartett ein Konzert in Koblenz, das auf Jutta Hipps Album „The German Recordings, 1952-1955“ dokumentiert wurde. 1953 stieß Albert Mangelsdor zur Gruppe, dessen virtuoses Posaunenspiel den Saxofon-Chorussen Kollers perfekt entsprach. Ihre Feuerprobe bestanden die „Hans Koller New Jazz Stars“, wie die Band sich nannte, wenig später im Doppel mit dem Dizzy Gillespie Quintet im NDR-Studio, Hamburg. Beide Formationen bestritten ihr Repertoire mit Standards, wobei die Auslegungen von Kollers Band wesentlich moderner klangen. Als Jutta Hipp Kollers New Jazz Stars verließ, übernahm der Musikwissenschaftler Dr. Roland Kovac ihren Platz am Piano.

In der zweiten Hälfte der 1950er-Jahre tourte Koller mit Cool-Jazz-Größen wie den amerikanischen Saxofonisten Lee Konitz und Zoot Sims. Seine Zusammenarbeit mit dem Arrangeur und Big-Band-Leiter Eddie Sauter gipfelte in einem Konzert bei den Donaueschinger Musiktagen 1957. Außerdem wirkte er in berühmten Orchestern wie denen von Benny Goodman und Stan Kenton während ihrer Europatourneen mit, hatte trotz nachfolgender Angebote aber offenbar kein Interesse an einer Karriere in den USA. Gegen Ende des Jahrzehnts sorgte er mit einem neuen Quartett für Aufsehen, musizierte auf „Exclusiv“ mit dem ungarischen Gitarristen Attila Zoller, dem Drummer Jimmy Pratt und dem legendären Bassisten Oscar Pettiford. Mit dieser Session begann Kollers Aufnahmetätigkeit für das Schwarzwälder Label MPS. Gleichzeitig arbeitete er als bildender Künstler mit starker Affinität zur abstrakten Malerei.

Über Beschäftigungsmangel brauchte sich Koller, der 1960 beim Jazzfestival in Antibes als bester europäischer Solist ausgezeichnet wurde, nicht zu beklagen. Bis 1965 leitete er rund sieben Jahre lang die NDR-Workshops in Baden-Baden, wirkte bei den European Jazz All Stars mit und komponierte Filmmusik. Auf Alben wie „Multiple Koller“ und „Relax With My Horns“ setzte er via Overdubbing das Saxofon mehrstimmig ein. In kammermusikalischem Kontext zählen „Zo-Ko-Ma“, sein Trio mit dem französischen Pianisten Martial Solal und dem Gitarristen Attila Zoller, sowie „Trinity“, mit dem amerikanischen Pianisten Roland Hanna, zu seinen emotional dichtesten Einspielungen. Ende der 1960er-Jahre arbeitete Koller als musikalischer Leiter am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg.

Nach rund 20 Jahren in Deutschland kehrte er nach Wien zurück. Getreu der Auffassung „Stillstand im Jazz ist ein Rückschritt“ suchte er mit der Band Free Sound neue musikalische Abenteuer. Auf „Phoenix“ treffen seine mitreißenden Diskurse auf die des E-Pianisten Albert Mair und der Rhythmiker Adelhard Roidinger (Bass) und Alex Bally (Drums). Auf „Kunstkopfindianer“, einer wahren Kultscheibe, tauscht sich Koller mit Wolfgang Dauner aus, der außer Klavier und E-Piano auch Synthesizer einsetzt; für weiteren Farbenreichtum und überraschende Wendungen sorgt Geiger und Altsaxofonist Zbigniew Seifert. Im Kontrast dazu steht die International Brass Company, die der Saxofonist von 1975 bis 1980 leitete.

Kollers Bedeutung als einer der wichtigsten europäischen Jazzmusiker würdigte der Verein „Wiener Musik Galerie“ 1993 mit einem dreitägigen Festival, bei dem dessen Kompositionen von ihm selbst und Weggefährten wie dem Trompeter Kenny Wheeler, dem Gitarristen Jimmy Raney und dem Posaunisten William Russo aufgeführt wurden. Mit zahlreichen Auszeichnungen geehrt, zog sich der Saxofonist zwei Jahre später aus der Musikszene zurück und trat nur noch sporadisch auf. Zu seinem 80. Geburtstag fand im Februar 2001 unter dem Motto „Licht und Schatten“ eine Ausstellung mit seinen Gemälden statt. Knapp zwei Jahre darauf, am 22. Dezember 2003, erlag Koller einer Lungenentzündung. Seine letzte Aufnahme als Leader, „Out On the Rim“, ist ein Saxofon-Summit mit befreundeten Musikern. Highlight darauf ist ein faszinierendes Duo mit dem Tenoristen Warne Marsh. Wie die beiden über den Standard „All The Things You Are“ musizieren, das hat etwas von musikalischer Telepathie.

Bereits als 15-Jähriger hielt Hans Antonio Cyrill Koller, geboren am 12. Februar 1921 in Wien, das erste eigene Tenorsaxofon in den Händen. Mit welcher Intensität er sich dem Instrument widmete, zeigte sich schon, als er 1937 das Studium an der Wiener Akademie für Musik und darstellende Kunst begann. Dank seiner Vorkenntnisse stieg er sofort in ein höheres Semester ein und machte mit 19 seinen Abschluss. Schon da spielte er in diversen Bands. 1941 zur Armee einberufen, geriet er während des Krieges in amerikanische Gefangenschaft, konnte aber seine Lage verbessern, indem er eine Band gründete, die beliebte Swing-Nummern au  ührte. 1946 nach Wien zurückgekehrt, schloss er sich dem Hot Club Vienna an, übernahm bald dessen Leitung und initiierte den Übergang der Band vom Swing zum Modern Jazz. Das Ensemble bestand bis 1949, dann wirkte Koller kurzzeitig im Horst Winter Tanzorchester mit.

Zwar bot ihm die Band des Swing- Drummers Fritz „Freddie“ Brocksieper in München eine Alternative, doch vom Swing-Konzept hatte er sich schon zu weit gelöst. Mit relaxtem Sound und figurenreichen Improvisationen schuf er vielmehr eine eigene Cool-Jazz-Variante, die dem Vergleich mit amerikanischen Stars durchaus standhielt. Realisieren konnte er seine musikalischen Vorstellungen aber erst in Frankfurt. Dort gründete er 1952 ein Quartett, mit dem er seine Stellung als einer der einflussreichsten europäischen Modern-Jazz-Musiker stabilisierte. Erheblichen Anteil daran hatte die Pianistin der Band, Jutta Hipp, und auch die Rhythmiker, Shorty Roeder (Bass) und Karl Sanner (Drums), waren die richtige Wahl.

Kollers Debütalbum „Hans Is Hip“ erschien 1952 bei der amerikanischen Plattenfirma Discovery und errang auf Anhieb die Höchstbewertung im „Down Beat“-Magazin. Heute ist die 25-cm-LP ein gesuchtes Sammlerstück. Im Herbst des gleichen Jahres gab das erfolgreiche Quartett ein Konzert in Koblenz, das auf Jutta Hipps Album „The German Recordings, 1952-1955“ dokumentiert wurde. 1953 stieß Albert Mangelsdor zur Gruppe, dessen virtuoses Posaunenspiel den Saxofon-Chorussen Kollers perfekt entsprach. Ihre Feuerprobe bestanden die „Hans Koller New Jazz Stars“, wie die Band sich nannte, wenig später im Doppel mit dem Dizzy Gillespie Quintet im NDR-Studio, Hamburg. Beide Formationen bestritten ihr Repertoire mit Standards, wobei die Auslegungen von Kollers Band wesentlich moderner klangen. Als Jutta Hipp Kollers New Jazz Stars verließ, übernahm der Musikwissenschaftler Dr. Roland Kovac ihren Platz am Piano.

In der zweiten Hälfte der 1950er-Jahre tourte Koller mit Cool-Jazz-Größen wie den amerikanischen Saxofonisten Lee Konitz und Zoot Sims. Seine Zusammenarbeit mit dem Arrangeur und Big-Band-Leiter Eddie Sauter gipfelte in einem Konzert bei den Donaueschinger Musiktagen 1957. Außerdem wirkte er in berühmten Orchestern wie denen von Benny Goodman und Stan Kenton während ihrer Europatourneen mit, hatte trotz nachfolgender Angebote aber offenbar kein Interesse an einer Karriere in den USA. Gegen Ende des Jahrzehnts sorgte er mit einem neuen Quartett für Aufsehen, musizierte auf „Exclusiv“ mit dem ungarischen Gitarristen Attila Zoller, dem Drummer Jimmy Pratt und dem legendären Bassisten Oscar Pettiford. Mit dieser Session begann Kollers Aufnahmetätigkeit für das Schwarzwälder Label MPS. Gleichzeitig arbeitete er als bildender Künstler mit starker Affinität zur abstrakten Malerei.

Über Beschäftigungsmangel brauchte sich Koller, der 1960 beim Jazzfestival in Antibes als bester europäischer Solist ausgezeichnet wurde, nicht zu beklagen. Bis 1965 leitete er rund sieben Jahre lang die NDR-Workshops in Baden-Baden, wirkte bei den European Jazz All Stars mit und komponierte Filmmusik. Auf Alben wie „Multiple Koller“ und „Relax With My Horns“ setzte er via Overdubbing das Saxofon mehrstimmig ein. In kammermusikalischem Kontext zählen „Zo-Ko-Ma“, sein Trio mit dem französischen Pianisten Martial Solal und dem Gitarristen Attila Zoller, sowie „Trinity“, mit dem amerikanischen Pianisten Roland Hanna, zu seinen emotional dichtesten Einspielungen. Ende der 1960er-Jahre arbeitete Koller als musikalischer Leiter am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg.

Nach rund 20 Jahren in Deutschland kehrte er nach Wien zurück. Getreu der Auffassung „Stillstand im Jazz ist ein Rückschritt“ suchte er mit der Band Free Sound neue musikalische Abenteuer. Auf „Phoenix“ treffen seine mitreißenden Diskurse auf die des E-Pianisten Albert Mair und der Rhythmiker Adelhard Roidinger (Bass) und Alex Bally (Drums). Auf „Kunstkopfindianer“, einer wahren Kultscheibe, tauscht sich Koller mit Wolfgang Dauner aus, der außer Klavier und E-Piano auch Synthesizer einsetzt; für weiteren Farbenreichtum und überraschende Wendungen sorgt Geiger und Altsaxofonist Zbigniew Seifert. Im Kontrast dazu steht die International Brass Company, die der Saxofonist von 1975 bis 1980 leitete.

Kollers Bedeutung als einer der wichtigsten europäischen Jazzmusiker würdigte der Verein „Wiener Musik Galerie“ 1993 mit einem dreitägigen Festival, bei dem dessen Kompositionen von ihm selbst und Weggefährten wie dem Trompeter Kenny Wheeler, dem Gitarristen Jimmy Raney und dem Posaunisten William Russo aufgeführt wurden. Mit zahlreichen Auszeichnungen geehrt, zog sich der Saxofonist zwei Jahre später aus der Musikszene zurück und trat nur noch sporadisch auf. Zu seinem 80. Geburtstag fand im Februar 2001 unter dem Motto „Licht und Schatten“ eine Ausstellung mit seinen Gemälden statt. Knapp zwei Jahre darauf, am 22. Dezember 2003, erlag Koller einer Lungenentzündung. Seine letzte Aufnahme als Leader, „Out On the Rim“, ist ein Saxofon-Summit mit befreundeten Musikern. Highlight darauf ist ein faszinierendes Duo mit dem Tenoristen Warne Marsh. Wie die beiden über den Standard „All The Things You Are“ musizieren, das hat etwas von musikalischer Telepathie.

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