Jazz Forum

Das Aroma des Abenteuers

Von
Hans-Jürgen Schaal
Erschienen in der Printausgabe im
November 2026
Lesezeit ca.
…
Minuten
Kalle Kalima; Foto: Maarit Kytöharju
Kalle Kalima; Foto: Maarit Kytöharju

Seit vielen Jahren ist er eine Zentralfigur und ein Kraftzentrum der Berliner Impro-Szene. Der Gitarrist aus Finnland mischte und mischt bei so vielen Formationen mit und hat so viele Bands gegründet und geleitet, dass die bloße Auflistung Seiten füllen würde. 1998 kam Kalle Kalima zum Jazzstudium nach Berlin – und ist dann einfach hiergeblieben. „Meine damalige Freundin (und jetzige Frau) und ich wollten einfach raus aus Finnland. Wir dachten uns, Berlin, Amsterdam oder Paris wären interessant.“ Sie entschieden sich dann für die deutsche Hauptstadt: „Ich war der erste Erasmus-Student an der Jazzabteilung der Hanns-Eisler-Hochschule. Ich konnte kein Deutsch und habe Verträge unterschrieben, die ich gar nicht verstanden habe.“ Zunächst lebte er mit seiner Freundin in einem ziemlich heruntergekommenen Studentenwohnheim am Potsdamer Platz. „Wir hatten Kakerlaken – der Kammerjäger ist alle zwei Monate vorbeigekommen. Es gab viele Ratten draußen bei den Mülltonnen und Dealer auf dem Hof.“

Kalima erlebte Berlin als wild, unorganisiert, krass, mysteriös, unübersichtlich. „Das hat mir gut gefallen“, sagt er. „Es hat allerdings eine Zeit lang gedauert, bis ich mich zu Hause gefühlt habe. Entscheidend war, Deutsch zu lernen – dann wurde alles einfacher.“ Und natürlich half ihm das Musikmachen. John Schröder wurde sein Gitarrenlehrer an der Hochschule und unterrichtete ihn auch privat. „Er wohnte in so einer Bruchbude in der Brunnenstraße – das Nebenhaus ist später eingestürzt. Wir haben zunächst mit E-Gitarren ohne Verstärker gespielt, weil sein Verstärker nur einen Eingang hatte.“ Bald schlug Schröder vor, den Unterricht im Bandformat fortzuführen. Schröder am Schlagzeug, Kalima an der Gitarre, Daniel Erdmann am Saxofon. Das war der Beginn von Kalimas erster eigener Formation, die er Momentum Impakto nannte. Zahllose weitere Bands sollten folgen. Durch John Schröder eröffnete sich ihm in Berlin ein Netzwerk interessanter Musiker.

Der unverkennbare Solist

Kalle Kalima ist in Jazz und Rock gleichermaßen zu Hause. Er hat aber auch eine Schwäche für Filmmusik und Country, arbeitet mit Songwritern genauso wie mit klassischen Orchestern. Wenn Journalisten die Palette seiner stilistischen Orientierungen umreißen wollen, nennen sie Musikerkombinationen wie Joni Mitchell, Henry Threadgill und Elliott Carter. Oder auch: Miles Davis, Morton Feldman und Robert Johnson. „Ich lege mich stilistisch nicht fest“, bestätigt Kalima. „Ich mag sehr viele unterschiedliche Stile und lasse all das in meine Musik einfließen.“ Das Verrückte ist: Sein Gitarrenspiel passt zu dieser ganzen Vielfalt, weil es stilistisch selbst so wenig festgelegt ist. Kalle Kalima ist ein Gitarrist ganz eigener Art. Virtuos und krachig zugleich, raffiniert und zupackend, vertrackt und bodenständig – kurz: unberechenbar eigenwillig. Der Groove des Jazz, die Power des Rock und der Avantgardismus atonaler, sperriger Läufe finden bei ihm immer wieder beinahe magisch zusammen. Sein Sound und seine Phrasierung auf der E-Gitarre sind unverkennbar. Und er weiß das: „Meine Art zu spielen, ist bei allen Projekten immer ähnlich. Und die Leute, die mich anfragen, wissen das auch.“ Wer Kalima will, bekommt Kalima.

Die wichtigsten Anstöße für seine faszinierende, ganz eigenständige Individualität als Gitarrist verdankt Kalima einem frühen Lehrer – dem legendären Gitarristen Raoul Björkenheim. Björkenheim ist einer der großen Helden des finnischen Jazz. Er leitete einst die Jazzrock-Band Krakatau und machte auch Aufnahmen mit Lukas Ligeti, Bill Laswell und Nicky Skopelitis. „Er verbindet die Freiheit von John Coltrane mit der Sound-Expression von Jimi Hendrix“, sagt Kalima über ihn. „Er hat mir geholfen, mutiger zu sein und meine eigene Stimme zu suchen.“ Beim siebzehn Jahre älteren Björkenheim durfte Kalima Musikstile aus aller Welt kennenlernen. Besonders gern aber erinnert er sich an die gute, positive Atmosphäre, die in Björkenheims Unterrichtsstunden herrschte. „Die Stimmung war immer so freundlich und witzig. Er tanzt und singt viel und verbreitet Freude in seiner Umgebung. Ich habe da verstanden, wie wichtig Spaß und Humor sind, wenn man etwas lernen will.“ Kalle Kalima hat von diesem Unterricht weit mehr mitgenommen als nur Gitarrenlektionen.

Helden der Gitarre

Zur Gitarre kam Kalle Kalima schon als Jugendlicher und natürlich durch die Rockmusik. „David Gilmour, George Harrison und Jimi Hendrix waren ganz wichtig für mich.“ Das Album „Dark Side Of The Moon“ von Pink Floyd sei seine erste Schallplatte gewesen. Die frei improvisierten Passagen auf anderen Pink-Floyd-Platten jedoch fand er noch viel reizvoller – „weil klar war, dass da etwas Merkwürdiges passiert, das in kein Raster passt“. Über John McLaughlins Mahavishnu Orchestra geriet er dann in den Strudel von Jazz und alternativer Rockmusik. Dabei waren Jazz und Fusion-Jazz, so erinnert er sich, in seiner Jugend – in den späten 80er Jahren – keineswegs populär. „Ich war gefühlt fast der einzige Jugendliche an meiner Schule, der Scofield, Montgomery und Metheny gehört hat. Erst nach und nach habe ich Leute gefunden, die meinen Geschmack teilten. Ich habe aber auch gerne Progrock gehört, Led Zeppelin zum Beispiel. In meiner Jugend in Helsinki war ich in einigen Progrock-Bands aktiv.“

Auch heute noch hat Kalima seine „Helden an der Gitarre“. Den Franzosen Marc Ducret zum Beispiel, der schon auf Kalimas erster Platte („Hippycone“, 2000) als Gast mit dabei war: „Er ist wirklich fantastisch.“ Oder den englischen Gitarren-Experimentator Allan Holdsworth – „weil er Unmögliches möglich gemacht hat“. Oder einen, den hierzulande kaum einer kennt: D’Gary aus Madagaskar. Mit etlichen der von ihm geschätzten Gitarrenkollegen hat Kalima auch schon im Team gearbeitet. Er mag es einfach, wenn zwei Gitarristen miteinander kontrastieren – oder wenn ihre Gitarren zu einem „Meta-Instrument“ verschmelzen. „Es ist herrlich, wie viel in der Musik noch nicht gemacht wurde. Es gibt endlos viel zu entdecken, allein mit Gitarren. Und es ist schön zu genießen, was die anderen machen. Die Gitarre ist so komplex. Ich lerne sehr viel von meinen Kollegen und Kolleginnen.“

Viele Projekte

Aus dem Berliner Jazzkosmos – und weit darüber hinaus – ist Kalle Kalimas Gitarrenstimme gar nicht mehr wegzudenken. Das anarchische Moment, das er einbringt, das Aroma des Abenteuers, setzt in vielen Fällen das Tüpfelchen aufs i. Unvergessen ist sein Trio Johnny La Marama mit Chris Dahlgren (Bass) und Eric Schaefer (Schlagzeug), das bis 2014 vier Alben veröffentlichte und regelmäßig eine Menge Aufregung in die Jazzclubs brachte. Der Gitarristen-Fachmann Alexander Schmitz beschrieb die Musik dieses Trios einmal als „Kreativ-Irrwitz“ und „Hör-Spiel“, einen „Mix aus Zappa, Mingus, Elektronik, Rock, Jazz und wer weiß sonst noch allem“. Neben Johnny La Marama gab es aber auch die Formation Long Winding Road (mit Greg Cohen und Max Andrzejewski), die Jazz Parasites (mit Ed Schuller und Ernst Bier) oder die Tenors Of Kalma (mit Jimi Tenor und Joonas Riippa). Überhaupt scheint das Trioformat Kalimas Idealbesetzung zu sein. „Anders als ein Duo ist ein Trio wirklich eine Gruppe“, sagt er. „Und da sind viele unterschiedliche Wechselwirkungen möglich. Auch Überraschungen kommen einfacher zustande.“

Kalimas dauerhafteste Formation – sie heißt Klima Kalima – ist natürlich auch ein Trio. Seit dem Jahr 2000 schon spielt Kalima in dieser Band mit Oliver Potratz (Bass) und Oliver Steidle (Schlagzeug) zusammen. Ebenfalls seit Jahren bestehen das Ensemble KUU! mit der serbischen Sängerin Jelena Kuljić, das Quartett ANOA mit dem Schweizer Vokalisten Andreas Schaerer oder das Quartett ROKC mit dem Gitarrenkollegen Ronny Graupe. Neuere Projekte von Kalima sind dagegen das Orgeltrio Detours, das finnische Quartett Kalmari (mit dem Pianisten Aki Rissanen) oder das Trio Witold (eine Hommage an Lutosławski). „Es ist wahr, dass ich an sehr vielen Projekten beteiligt bin“, sagt Kalima. „Vieles passiert in einem Netzwerk von Musikern – es gibt immer neue Möglichkeiten, zusammen kreativ zu sein. Ich versuche aber, den Bogen nicht zu überspannen. Viele dieser Bands spielen auch nur phasenweise und pausieren dann wieder. Es ist wie ein wilder Garten. Da wachsen Sachen nebeneinander, und es wird nicht allzu oft gejätet. Ich experimentiere gern und werfe viele Samen in den Garten. Dann schaut man, was weiterwächst.“

Ein Label in Bayern

Eine neue Entwicklung bei Kalle Kalima ist auch seine Beziehung zum Label TYXart. Die unabhängige Produktions- und Plattenfirma in Nittendorf bei Regensburg veröffentlicht seit 2012 Klassikaufnahmen und seit 2024 auch ein kleines Jazzprogramm. Praktisch den Anfang des Jazzprogramms machte Kalle Kalimas Duoalbum „Ilmonique“ mit dem Pianisten Achim Kaufmann. Die Idee zu diesem Duo war während der Pandemie entstanden. „Achim und ich haben uns zufällig beim Spazierengehen im Wedding getroffen und festgestellt, dass wir beide Zeit und Lust hätten, etwas Neues auszuprobieren – sonst hatten wir ja Lockdown.“ Es war übrigens Kaufmanns Idee, dass Kalima bei diesem Projekt ausnahmsweise die akustische Gitarre spielen sollte (mit Stahlsaiten). Durch diese Verfremdung des gewohnten Kalima-Sounds kann man den Improvisationsstil des Gitarristen hier ganz neu entdecken. Zwei Jahre lang haben Kaufmann und Kalima ihre Kompositionen für das Album entwickelt und geprobt – ein fesselnder Kammerjazz mit Untertönen aus Rock und Neuer Musik.

Seitdem hat Kalle Kalima auf dem bayerischen Label schon drei weitere Alben veröffentlicht – er ist der führende Jazzkünstler bei TYXart. „Das ist eine hervorragende Zusammenarbeit“, sagt er, „eine sehr angenehme Kommunikation. Ich habe Vorschläge – und dann sprechen wir darüber. Ich kann bei allem mitreden.“ Das neueste Album trägt den überraschenden Namen „Sinfonía de la Santa Muerte“. Der Titel spielt auf einen mexikanischen Volksglauben an, in dessen Zentrum der „Heilige Tod“ steht, den man durch Opfergaben um Glück und Gesundheit bittet. Erneut handelt es sich um ein Duoalbum, diesmal mit der Schlagzeugerin Mareike Wiening. „Mareike und ich haben uns bei einer ‚Residenz‘ in Luxemburg kennengelernt“, erzählt Kalle Kalima. „Die Organisatoren haben uns dort quasi blind für ein Duokonzert zusammengebucht. Das Konzert war dann so erfolgreich, dass wir uns entschieden haben, unsere Musik weiterzuentwickeln. Und backstage gab es dort ein Poster zu ‚La Santa Muerte‘ – das hat eigentlich sehr gut zu dem Sound gepasst, den wir machen wollten.“ Es ist eine intensive, packende, geheimnisvolle und teils angerockte Musik – nur mit E-Gitarre und Schlagzeug. Wie sagte Kalima über seinen früheren Lehrer Björkenheim? „Die Freiheit von Coltrane und die Expression von Hendrix.“

Seit vielen Jahren ist er eine Zentralfigur und ein Kraftzentrum der Berliner Impro-Szene. Der Gitarrist aus Finnland mischte und mischt bei so vielen Formationen mit und hat so viele Bands gegründet und geleitet, dass die bloße Auflistung Seiten füllen würde. 1998 kam Kalle Kalima zum Jazzstudium nach Berlin – und ist dann einfach hiergeblieben. „Meine damalige Freundin (und jetzige Frau) und ich wollten einfach raus aus Finnland. Wir dachten uns, Berlin, Amsterdam oder Paris wären interessant.“ Sie entschieden sich dann für die deutsche Hauptstadt: „Ich war der erste Erasmus-Student an der Jazzabteilung der Hanns-Eisler-Hochschule. Ich konnte kein Deutsch und habe Verträge unterschrieben, die ich gar nicht verstanden habe.“ Zunächst lebte er mit seiner Freundin in einem ziemlich heruntergekommenen Studentenwohnheim am Potsdamer Platz. „Wir hatten Kakerlaken – der Kammerjäger ist alle zwei Monate vorbeigekommen. Es gab viele Ratten draußen bei den Mülltonnen und Dealer auf dem Hof.“

Kalima erlebte Berlin als wild, unorganisiert, krass, mysteriös, unübersichtlich. „Das hat mir gut gefallen“, sagt er. „Es hat allerdings eine Zeit lang gedauert, bis ich mich zu Hause gefühlt habe. Entscheidend war, Deutsch zu lernen – dann wurde alles einfacher.“ Und natürlich half ihm das Musikmachen. John Schröder wurde sein Gitarrenlehrer an der Hochschule und unterrichtete ihn auch privat. „Er wohnte in so einer Bruchbude in der Brunnenstraße – das Nebenhaus ist später eingestürzt. Wir haben zunächst mit E-Gitarren ohne Verstärker gespielt, weil sein Verstärker nur einen Eingang hatte.“ Bald schlug Schröder vor, den Unterricht im Bandformat fortzuführen. Schröder am Schlagzeug, Kalima an der Gitarre, Daniel Erdmann am Saxofon. Das war der Beginn von Kalimas erster eigener Formation, die er Momentum Impakto nannte. Zahllose weitere Bands sollten folgen. Durch John Schröder eröffnete sich ihm in Berlin ein Netzwerk interessanter Musiker.

Der unverkennbare Solist

Kalle Kalima ist in Jazz und Rock gleichermaßen zu Hause. Er hat aber auch eine Schwäche für Filmmusik und Country, arbeitet mit Songwritern genauso wie mit klassischen Orchestern. Wenn Journalisten die Palette seiner stilistischen Orientierungen umreißen wollen, nennen sie Musikerkombinationen wie Joni Mitchell, Henry Threadgill und Elliott Carter. Oder auch: Miles Davis, Morton Feldman und Robert Johnson. „Ich lege mich stilistisch nicht fest“, bestätigt Kalima. „Ich mag sehr viele unterschiedliche Stile und lasse all das in meine Musik einfließen.“ Das Verrückte ist: Sein Gitarrenspiel passt zu dieser ganzen Vielfalt, weil es stilistisch selbst so wenig festgelegt ist. Kalle Kalima ist ein Gitarrist ganz eigener Art. Virtuos und krachig zugleich, raffiniert und zupackend, vertrackt und bodenständig – kurz: unberechenbar eigenwillig. Der Groove des Jazz, die Power des Rock und der Avantgardismus atonaler, sperriger Läufe finden bei ihm immer wieder beinahe magisch zusammen. Sein Sound und seine Phrasierung auf der E-Gitarre sind unverkennbar. Und er weiß das: „Meine Art zu spielen, ist bei allen Projekten immer ähnlich. Und die Leute, die mich anfragen, wissen das auch.“ Wer Kalima will, bekommt Kalima.

Die wichtigsten Anstöße für seine faszinierende, ganz eigenständige Individualität als Gitarrist verdankt Kalima einem frühen Lehrer – dem legendären Gitarristen Raoul Björkenheim. Björkenheim ist einer der großen Helden des finnischen Jazz. Er leitete einst die Jazzrock-Band Krakatau und machte auch Aufnahmen mit Lukas Ligeti, Bill Laswell und Nicky Skopelitis. „Er verbindet die Freiheit von John Coltrane mit der Sound-Expression von Jimi Hendrix“, sagt Kalima über ihn. „Er hat mir geholfen, mutiger zu sein und meine eigene Stimme zu suchen.“ Beim siebzehn Jahre älteren Björkenheim durfte Kalima Musikstile aus aller Welt kennenlernen. Besonders gern aber erinnert er sich an die gute, positive Atmosphäre, die in Björkenheims Unterrichtsstunden herrschte. „Die Stimmung war immer so freundlich und witzig. Er tanzt und singt viel und verbreitet Freude in seiner Umgebung. Ich habe da verstanden, wie wichtig Spaß und Humor sind, wenn man etwas lernen will.“ Kalle Kalima hat von diesem Unterricht weit mehr mitgenommen als nur Gitarrenlektionen.

Helden der Gitarre

Zur Gitarre kam Kalle Kalima schon als Jugendlicher und natürlich durch die Rockmusik. „David Gilmour, George Harrison und Jimi Hendrix waren ganz wichtig für mich.“ Das Album „Dark Side Of The Moon“ von Pink Floyd sei seine erste Schallplatte gewesen. Die frei improvisierten Passagen auf anderen Pink-Floyd-Platten jedoch fand er noch viel reizvoller – „weil klar war, dass da etwas Merkwürdiges passiert, das in kein Raster passt“. Über John McLaughlins Mahavishnu Orchestra geriet er dann in den Strudel von Jazz und alternativer Rockmusik. Dabei waren Jazz und Fusion-Jazz, so erinnert er sich, in seiner Jugend – in den späten 80er Jahren – keineswegs populär. „Ich war gefühlt fast der einzige Jugendliche an meiner Schule, der Scofield, Montgomery und Metheny gehört hat. Erst nach und nach habe ich Leute gefunden, die meinen Geschmack teilten. Ich habe aber auch gerne Progrock gehört, Led Zeppelin zum Beispiel. In meiner Jugend in Helsinki war ich in einigen Progrock-Bands aktiv.“

Auch heute noch hat Kalima seine „Helden an der Gitarre“. Den Franzosen Marc Ducret zum Beispiel, der schon auf Kalimas erster Platte („Hippycone“, 2000) als Gast mit dabei war: „Er ist wirklich fantastisch.“ Oder den englischen Gitarren-Experimentator Allan Holdsworth – „weil er Unmögliches möglich gemacht hat“. Oder einen, den hierzulande kaum einer kennt: D’Gary aus Madagaskar. Mit etlichen der von ihm geschätzten Gitarrenkollegen hat Kalima auch schon im Team gearbeitet. Er mag es einfach, wenn zwei Gitarristen miteinander kontrastieren – oder wenn ihre Gitarren zu einem „Meta-Instrument“ verschmelzen. „Es ist herrlich, wie viel in der Musik noch nicht gemacht wurde. Es gibt endlos viel zu entdecken, allein mit Gitarren. Und es ist schön zu genießen, was die anderen machen. Die Gitarre ist so komplex. Ich lerne sehr viel von meinen Kollegen und Kolleginnen.“

Viele Projekte

Aus dem Berliner Jazzkosmos – und weit darüber hinaus – ist Kalle Kalimas Gitarrenstimme gar nicht mehr wegzudenken. Das anarchische Moment, das er einbringt, das Aroma des Abenteuers, setzt in vielen Fällen das Tüpfelchen aufs i. Unvergessen ist sein Trio Johnny La Marama mit Chris Dahlgren (Bass) und Eric Schaefer (Schlagzeug), das bis 2014 vier Alben veröffentlichte und regelmäßig eine Menge Aufregung in die Jazzclubs brachte. Der Gitarristen-Fachmann Alexander Schmitz beschrieb die Musik dieses Trios einmal als „Kreativ-Irrwitz“ und „Hör-Spiel“, einen „Mix aus Zappa, Mingus, Elektronik, Rock, Jazz und wer weiß sonst noch allem“. Neben Johnny La Marama gab es aber auch die Formation Long Winding Road (mit Greg Cohen und Max Andrzejewski), die Jazz Parasites (mit Ed Schuller und Ernst Bier) oder die Tenors Of Kalma (mit Jimi Tenor und Joonas Riippa). Überhaupt scheint das Trioformat Kalimas Idealbesetzung zu sein. „Anders als ein Duo ist ein Trio wirklich eine Gruppe“, sagt er. „Und da sind viele unterschiedliche Wechselwirkungen möglich. Auch Überraschungen kommen einfacher zustande.“

Kalimas dauerhafteste Formation – sie heißt Klima Kalima – ist natürlich auch ein Trio. Seit dem Jahr 2000 schon spielt Kalima in dieser Band mit Oliver Potratz (Bass) und Oliver Steidle (Schlagzeug) zusammen. Ebenfalls seit Jahren bestehen das Ensemble KUU! mit der serbischen Sängerin Jelena Kuljić, das Quartett ANOA mit dem Schweizer Vokalisten Andreas Schaerer oder das Quartett ROKC mit dem Gitarrenkollegen Ronny Graupe. Neuere Projekte von Kalima sind dagegen das Orgeltrio Detours, das finnische Quartett Kalmari (mit dem Pianisten Aki Rissanen) oder das Trio Witold (eine Hommage an Lutosławski). „Es ist wahr, dass ich an sehr vielen Projekten beteiligt bin“, sagt Kalima. „Vieles passiert in einem Netzwerk von Musikern – es gibt immer neue Möglichkeiten, zusammen kreativ zu sein. Ich versuche aber, den Bogen nicht zu überspannen. Viele dieser Bands spielen auch nur phasenweise und pausieren dann wieder. Es ist wie ein wilder Garten. Da wachsen Sachen nebeneinander, und es wird nicht allzu oft gejätet. Ich experimentiere gern und werfe viele Samen in den Garten. Dann schaut man, was weiterwächst.“

Ein Label in Bayern

Eine neue Entwicklung bei Kalle Kalima ist auch seine Beziehung zum Label TYXart. Die unabhängige Produktions- und Plattenfirma in Nittendorf bei Regensburg veröffentlicht seit 2012 Klassikaufnahmen und seit 2024 auch ein kleines Jazzprogramm. Praktisch den Anfang des Jazzprogramms machte Kalle Kalimas Duoalbum „Ilmonique“ mit dem Pianisten Achim Kaufmann. Die Idee zu diesem Duo war während der Pandemie entstanden. „Achim und ich haben uns zufällig beim Spazierengehen im Wedding getroffen und festgestellt, dass wir beide Zeit und Lust hätten, etwas Neues auszuprobieren – sonst hatten wir ja Lockdown.“ Es war übrigens Kaufmanns Idee, dass Kalima bei diesem Projekt ausnahmsweise die akustische Gitarre spielen sollte (mit Stahlsaiten). Durch diese Verfremdung des gewohnten Kalima-Sounds kann man den Improvisationsstil des Gitarristen hier ganz neu entdecken. Zwei Jahre lang haben Kaufmann und Kalima ihre Kompositionen für das Album entwickelt und geprobt – ein fesselnder Kammerjazz mit Untertönen aus Rock und Neuer Musik.

Seitdem hat Kalle Kalima auf dem bayerischen Label schon drei weitere Alben veröffentlicht – er ist der führende Jazzkünstler bei TYXart. „Das ist eine hervorragende Zusammenarbeit“, sagt er, „eine sehr angenehme Kommunikation. Ich habe Vorschläge – und dann sprechen wir darüber. Ich kann bei allem mitreden.“ Das neueste Album trägt den überraschenden Namen „Sinfonía de la Santa Muerte“. Der Titel spielt auf einen mexikanischen Volksglauben an, in dessen Zentrum der „Heilige Tod“ steht, den man durch Opfergaben um Glück und Gesundheit bittet. Erneut handelt es sich um ein Duoalbum, diesmal mit der Schlagzeugerin Mareike Wiening. „Mareike und ich haben uns bei einer ‚Residenz‘ in Luxemburg kennengelernt“, erzählt Kalle Kalima. „Die Organisatoren haben uns dort quasi blind für ein Duokonzert zusammengebucht. Das Konzert war dann so erfolgreich, dass wir uns entschieden haben, unsere Musik weiterzuentwickeln. Und backstage gab es dort ein Poster zu ‚La Santa Muerte‘ – das hat eigentlich sehr gut zu dem Sound gepasst, den wir machen wollten.“ Es ist eine intensive, packende, geheimnisvolle und teils angerockte Musik – nur mit E-Gitarre und Schlagzeug. Wie sagte Kalima über seinen früheren Lehrer Björkenheim? „Die Freiheit von Coltrane und die Expression von Hendrix.“

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