Jazz Forum

„Ein Ort der Freiheit“

Von
Christina M. Bauer
Erschienen in der Printausgabe im
Juli 2023
Lesezeit ca.
…
Minuten
Das aktuelle Julia Kadel Trio mit Bassistin Athina Kontou und Drummer Devin Gray
Das aktuelle Julia Kadel Trio mit Bassistin Athina Kontou und Drummer Devin Gray

Edward Grieg habe ich geliebt“, bekennt Jazzmusikerin Julia Kadel. In den frühen Jahren, als sie Klavier lernte und sich die Welt der Musik erschloss, war klassisches Repertoire ein wesentlicher Teil davon. Schumann, Chopin, Strawinsky, Schostakowitsch, Debussy und Ravel hatten eine hohe Anziehungskraft auf die angehende Musikerin. Tatsächlich schimmern Einflüsse von Romantik bis Impressionismus gerade in ihren neuesten Kompositionen mehr durch als in den bisherigen Einspielungen. Allerdings ist die Fülle der Stile und Richtungen, die für sie in jungen Jahren wichtig waren, insgesamt enorm. Durch ihren Vater, einen jazz- und klavierbegeisterten Architekten, hörte sie früh Musik von Nina Simone, Bill Evans, Miles Davis und Django Reinhardt. Die Mutter, Juristin, spielte ebenfalls Klavier und ist künstlerisch begabt. Bis heute mag Tochter Julia außerdem Soul und Pop, etwa von Stevie Wonder, Curtis Mayfield oder Louis Cole. In jungen Jahren trat sie mit Popbands auf oder sang im Quartett mit ihren Cousinen Gospel. Nach den vielen Umzügen, die so manches Künstlerleben mit sich bringt, hat sie sich in den vergangenen Jahren in Berlin-Kreuzberg eingelebt. Gar nicht weit von dort ist sie in den 1980er- und 1990er-Jahren aufgewachsen, für sie ist es eine Art Heimkehr.

Bei einem Besuch Anfang des Jahres gibt sie bei grünem Tee und türkischem Gebäck Einblicke in ihre noch junge, dabei ungewöhnliche Jazzkarriere. Als einer von wenigen gelang es Kadel bereits mit ihrem Debüt, in der Jazzszene für Furore zu sorgen und dabei auch Medien auf sich aufmerksam zu machen, in denen Jazz sonst kaum vorkommt. „Im Vertrauen“ erschien 2014 bei Blue Note, Kadel war 28 Jahre alt und hatte gerade ihr Studium in Dresden abgeschlossen. An begeisterter Resonanz und positiven Kritiken mangelte es nicht, und so ging es bei den darauffolgenden Alben weiter. Früh genug angefangen hatte sie, ihr Trio mit dem Bassisten Karl-Erik Enkelmann und Drummer Steffen Roth entstand schon zu Beginn ihres Studiums. Für fast zehn Jahre wurde es für die drei einer der wichtigsten künstlerischen Entfaltungsorte für reflektierten zeitgenössischen Jazz. Mit MPS spielten sie 2019 für eine weitere legendäre, diesmal deutsche Plattenfirma Musik ein. Kadel improvisierte als Zwölfjährige am Klavier, als Jugendliche trat sie mit Bands auf. Es war ein Kabarettist, „der Klaviator“ Lars Reichow, der ihren ersten größeren „Spielflash“ auslöste, wie sie es nennt. „Der war ultrawitzig und spielte virtuos Klavier, das hab’ ich dann ein wenig nachgespielt“, erinnert sie sich schmunzelnd. Bei anderen Gelegenheiten interpretierte sie Songs von Stevie Wonder. An namhaften Idolen mangelte es nicht, sie begeisterte sich für die Musik von Ahmad Jamal und Oscar Peterson, Bill Evans und Keith Jarrett. Aus dem kontrastreichen Werk von Chick Corea haben es ihr besonders die improvisierten Soloalben angetan. Im Lauf der Zeit entdeckte sie weitere Künstler, deren Herangehensweise ans Klavierspiel sie anziehend findet, etwa Aaron Parks, Sylvie Courvoisier oder Judith Wegmann. Gleichzeitig entwickelte sie früh eigene Ideen und fand Wege, sie umzusetzen.

Man könnte denken, dass Kadel sich sofort für Musik als Beruf entschieden hätte. Zunächst allerdings absolvierte sie ein Psychologiestudium bis zum Vordiplom. Dann wurde ihr klar, dass es doch die Musik sein musste. Nach bestandener Aufnahmeprüfung ging sie nach Dresden an die Hochschule für Musik Carl Maria von Weber. Die Stadt wurde zu ihrer ersten künstlerischen Heimat. Viel Zeit verlor sie nicht mehr, sondern initiierte in den frühen Studiensemestern ihr erstes Jazztrio, mit dem sie eigene Ideen umsetzen und ein von ihr selbst komponiertes Repertoire aufbauen konnte. Auch bei anderen Kooperationen knüpft e sie an ihre Studienzeit an. Aus einem Kurs bei Free-Jazz-Urgestein Günter „Baby“ Sommer zum freien Improvisieren hatte sie einige Ansätze in ihr Klavierspiel integriert. Seitdem tritt sie mit Sommer und weiteren Künstlern im Projekt „Vor der Mauer – nach der Mauer“ auf.

In der Musik für ihr Trio knüpfte sie anfangs noch weitgehend an die Tradition des modernen Jazzklaviertrios an, ließ dabei weite Räume fürs Improvisieren und begab sich mit ihren Mitspielern immer wieder auch in die Gefilde atonaler Klangerkundung. Nach fast zehn Jahren schließlich zog es die drei in unterschiedliche Richtungen. Die gemeinsamen Möglichkeiten waren ausgeschöpft, eine Suche nach anderen Entwicklungsbereichen zeichnete sich ab. „Ich wollte dann einen Neubeginn“, so Kadel. Für sie führte das zum Aufbau eines neuen Trios. Ab Ende 2020 arbeitete sie mit Schlagzeuger Devin Gray, seit 2022 vervollständigt Bassistin Athina Kontou die Formation. Das seit einem Jahr bestehende Trio hat sich so schnell entwickelt, dass es bereits ein fertig aufgezeichnetes eigenes Repertoire gibt. „Als wir anfingen zusammenzuspielen, haben wir die Stücke geprobt. Aber bald danach sind wir direkt auf die Bühne gegangen“, beschreibt Kadel die flott umgesetzte Anfangsphase.

Das vielschichtige Repertoire spielten die drei erneut in einem berühmten Studio ein, diesmal im Hansa Studio Berlin. Zunächst war an eine Aufzeichnung im MPS-Studio gedacht. Dass es anders kam, ist dennoch in ihrem Sinne. Sie kennt die Hansa Studios aus ihrer Jugend, in der sie gut vernetzt war, hat damals dort gespielt, allerdings nie aufgezeichnet. „So habe ich mir jetzt auf anderem Weg den Traum erfüllt, dort mal aufzunehmen“, stellt sie fest. Dass die feinsinnig ausbalancierten Stücke assoziative Titel erhielten, hat mit Kadels reflektierter Gedanken- und Erfahrungswelt zu tun. „Ich habe gemerkt, dass die Stücke mit dem Thema Verletzlichkeit verbunden sind“, fasst sie das in Worte. Der Umgang mit menschlichen Schwächen, mit denen sich kaum jemand gern beschäftigt, die Tatsache, nicht perfekt zu sein, die Auseinandersetzung mit Themen wie Empathie, Abhängigkeit, Unabhängigkeit und Fragilität in Beziehungen, mit menschlichen und allzu menschlichen Gefühlen, resultierten in entsprechenden Benennungen der Stücke. So entstand auch der etwas paradox anmutende Albumtitel „Powerful Vulnerability“, eine Umschreibung dessen, dass manchmal sogar das Zeigen von Verwundbarkeit eine Stärke sein kann.

Abgesehen von einer Ex-Freundin, an die sich die Musikerin liebevoll erinnert, und weiteren emotionalen Themen verknüpft sie mit ihren Stücken Ideen, die sich näher auf die Musik selbst beziehen. Besonders hebt sie hier den Jazz hervor: „Musik, in der frei improvisiert wird, ist an sich schon ein Risiko.“ Das Ausprobieren, das Risiko sucht sie genauso wie das sensible, aufeinander hörende Interagieren mit Sinn für feinste Details in immer überschaubaren, aber wechselnden Kooperationen. So spielte sie in verschiedenen Duos mit Cellisten und arbeitete mit dem bildenden Künstler Julian Day. Die Covid-Pandemie führte 2021 zu einem Projekt mit dem bildenden Künstler Stefan Mayer-Twiehaus. Zu dessen Fadenkonstruktionen improvisierte Kadel, eine Erfahrung, die sie sehr schätzt. „Was ich an diesem Projekt total liebe, ist, dass es interdisziplinär ist“, resümiert sie.

Musik ist für sie immer auch ein Weg des gesellschaftlichen Engagements, und so hat sie 2022 mit Gleichgesinnten die Initiative Future Bloom gestartet. Diese soll Künstler mit verschiedenem Hintergrund zusammenbringen, insbesondere auch queere Menschen. Austausch, Vernetzung und das Kreieren von „safe spaces“ sehen sie als ihre Aufgabe. „Wir wollen eine Struktur von Artists für Artists schaffen und Festivals veranstalten“, so Kadel. Ihr gehe es darum, etwas einzulösen, für das der Jazz zwar steht, das aber in der Szene keineswegs immer realisiert werde: „Jazz ist schon per definitionem ein Ort der Freiheit.“

Edward Grieg habe ich geliebt“, bekennt Jazzmusikerin Julia Kadel. In den frühen Jahren, als sie Klavier lernte und sich die Welt der Musik erschloss, war klassisches Repertoire ein wesentlicher Teil davon. Schumann, Chopin, Strawinsky, Schostakowitsch, Debussy und Ravel hatten eine hohe Anziehungskraft auf die angehende Musikerin. Tatsächlich schimmern Einflüsse von Romantik bis Impressionismus gerade in ihren neuesten Kompositionen mehr durch als in den bisherigen Einspielungen. Allerdings ist die Fülle der Stile und Richtungen, die für sie in jungen Jahren wichtig waren, insgesamt enorm. Durch ihren Vater, einen jazz- und klavierbegeisterten Architekten, hörte sie früh Musik von Nina Simone, Bill Evans, Miles Davis und Django Reinhardt. Die Mutter, Juristin, spielte ebenfalls Klavier und ist künstlerisch begabt. Bis heute mag Tochter Julia außerdem Soul und Pop, etwa von Stevie Wonder, Curtis Mayfield oder Louis Cole. In jungen Jahren trat sie mit Popbands auf oder sang im Quartett mit ihren Cousinen Gospel. Nach den vielen Umzügen, die so manches Künstlerleben mit sich bringt, hat sie sich in den vergangenen Jahren in Berlin-Kreuzberg eingelebt. Gar nicht weit von dort ist sie in den 1980er- und 1990er-Jahren aufgewachsen, für sie ist es eine Art Heimkehr.

Bei einem Besuch Anfang des Jahres gibt sie bei grünem Tee und türkischem Gebäck Einblicke in ihre noch junge, dabei ungewöhnliche Jazzkarriere. Als einer von wenigen gelang es Kadel bereits mit ihrem Debüt, in der Jazzszene für Furore zu sorgen und dabei auch Medien auf sich aufmerksam zu machen, in denen Jazz sonst kaum vorkommt. „Im Vertrauen“ erschien 2014 bei Blue Note, Kadel war 28 Jahre alt und hatte gerade ihr Studium in Dresden abgeschlossen. An begeisterter Resonanz und positiven Kritiken mangelte es nicht, und so ging es bei den darauffolgenden Alben weiter. Früh genug angefangen hatte sie, ihr Trio mit dem Bassisten Karl-Erik Enkelmann und Drummer Steffen Roth entstand schon zu Beginn ihres Studiums. Für fast zehn Jahre wurde es für die drei einer der wichtigsten künstlerischen Entfaltungsorte für reflektierten zeitgenössischen Jazz. Mit MPS spielten sie 2019 für eine weitere legendäre, diesmal deutsche Plattenfirma Musik ein. Kadel improvisierte als Zwölfjährige am Klavier, als Jugendliche trat sie mit Bands auf. Es war ein Kabarettist, „der Klaviator“ Lars Reichow, der ihren ersten größeren „Spielflash“ auslöste, wie sie es nennt. „Der war ultrawitzig und spielte virtuos Klavier, das hab’ ich dann ein wenig nachgespielt“, erinnert sie sich schmunzelnd. Bei anderen Gelegenheiten interpretierte sie Songs von Stevie Wonder. An namhaften Idolen mangelte es nicht, sie begeisterte sich für die Musik von Ahmad Jamal und Oscar Peterson, Bill Evans und Keith Jarrett. Aus dem kontrastreichen Werk von Chick Corea haben es ihr besonders die improvisierten Soloalben angetan. Im Lauf der Zeit entdeckte sie weitere Künstler, deren Herangehensweise ans Klavierspiel sie anziehend findet, etwa Aaron Parks, Sylvie Courvoisier oder Judith Wegmann. Gleichzeitig entwickelte sie früh eigene Ideen und fand Wege, sie umzusetzen.

Man könnte denken, dass Kadel sich sofort für Musik als Beruf entschieden hätte. Zunächst allerdings absolvierte sie ein Psychologiestudium bis zum Vordiplom. Dann wurde ihr klar, dass es doch die Musik sein musste. Nach bestandener Aufnahmeprüfung ging sie nach Dresden an die Hochschule für Musik Carl Maria von Weber. Die Stadt wurde zu ihrer ersten künstlerischen Heimat. Viel Zeit verlor sie nicht mehr, sondern initiierte in den frühen Studiensemestern ihr erstes Jazztrio, mit dem sie eigene Ideen umsetzen und ein von ihr selbst komponiertes Repertoire aufbauen konnte. Auch bei anderen Kooperationen knüpft e sie an ihre Studienzeit an. Aus einem Kurs bei Free-Jazz-Urgestein Günter „Baby“ Sommer zum freien Improvisieren hatte sie einige Ansätze in ihr Klavierspiel integriert. Seitdem tritt sie mit Sommer und weiteren Künstlern im Projekt „Vor der Mauer – nach der Mauer“ auf.

In der Musik für ihr Trio knüpfte sie anfangs noch weitgehend an die Tradition des modernen Jazzklaviertrios an, ließ dabei weite Räume fürs Improvisieren und begab sich mit ihren Mitspielern immer wieder auch in die Gefilde atonaler Klangerkundung. Nach fast zehn Jahren schließlich zog es die drei in unterschiedliche Richtungen. Die gemeinsamen Möglichkeiten waren ausgeschöpft, eine Suche nach anderen Entwicklungsbereichen zeichnete sich ab. „Ich wollte dann einen Neubeginn“, so Kadel. Für sie führte das zum Aufbau eines neuen Trios. Ab Ende 2020 arbeitete sie mit Schlagzeuger Devin Gray, seit 2022 vervollständigt Bassistin Athina Kontou die Formation. Das seit einem Jahr bestehende Trio hat sich so schnell entwickelt, dass es bereits ein fertig aufgezeichnetes eigenes Repertoire gibt. „Als wir anfingen zusammenzuspielen, haben wir die Stücke geprobt. Aber bald danach sind wir direkt auf die Bühne gegangen“, beschreibt Kadel die flott umgesetzte Anfangsphase.

Das vielschichtige Repertoire spielten die drei erneut in einem berühmten Studio ein, diesmal im Hansa Studio Berlin. Zunächst war an eine Aufzeichnung im MPS-Studio gedacht. Dass es anders kam, ist dennoch in ihrem Sinne. Sie kennt die Hansa Studios aus ihrer Jugend, in der sie gut vernetzt war, hat damals dort gespielt, allerdings nie aufgezeichnet. „So habe ich mir jetzt auf anderem Weg den Traum erfüllt, dort mal aufzunehmen“, stellt sie fest. Dass die feinsinnig ausbalancierten Stücke assoziative Titel erhielten, hat mit Kadels reflektierter Gedanken- und Erfahrungswelt zu tun. „Ich habe gemerkt, dass die Stücke mit dem Thema Verletzlichkeit verbunden sind“, fasst sie das in Worte. Der Umgang mit menschlichen Schwächen, mit denen sich kaum jemand gern beschäftigt, die Tatsache, nicht perfekt zu sein, die Auseinandersetzung mit Themen wie Empathie, Abhängigkeit, Unabhängigkeit und Fragilität in Beziehungen, mit menschlichen und allzu menschlichen Gefühlen, resultierten in entsprechenden Benennungen der Stücke. So entstand auch der etwas paradox anmutende Albumtitel „Powerful Vulnerability“, eine Umschreibung dessen, dass manchmal sogar das Zeigen von Verwundbarkeit eine Stärke sein kann.

Abgesehen von einer Ex-Freundin, an die sich die Musikerin liebevoll erinnert, und weiteren emotionalen Themen verknüpft sie mit ihren Stücken Ideen, die sich näher auf die Musik selbst beziehen. Besonders hebt sie hier den Jazz hervor: „Musik, in der frei improvisiert wird, ist an sich schon ein Risiko.“ Das Ausprobieren, das Risiko sucht sie genauso wie das sensible, aufeinander hörende Interagieren mit Sinn für feinste Details in immer überschaubaren, aber wechselnden Kooperationen. So spielte sie in verschiedenen Duos mit Cellisten und arbeitete mit dem bildenden Künstler Julian Day. Die Covid-Pandemie führte 2021 zu einem Projekt mit dem bildenden Künstler Stefan Mayer-Twiehaus. Zu dessen Fadenkonstruktionen improvisierte Kadel, eine Erfahrung, die sie sehr schätzt. „Was ich an diesem Projekt total liebe, ist, dass es interdisziplinär ist“, resümiert sie.

Musik ist für sie immer auch ein Weg des gesellschaftlichen Engagements, und so hat sie 2022 mit Gleichgesinnten die Initiative Future Bloom gestartet. Diese soll Künstler mit verschiedenem Hintergrund zusammenbringen, insbesondere auch queere Menschen. Austausch, Vernetzung und das Kreieren von „safe spaces“ sehen sie als ihre Aufgabe. „Wir wollen eine Struktur von Artists für Artists schaffen und Festivals veranstalten“, so Kadel. Ihr gehe es darum, etwas einzulösen, für das der Jazz zwar steht, das aber in der Szene keineswegs immer realisiert werde: „Jazz ist schon per definitionem ein Ort der Freiheit.“