Globale Jazzromantik
Bei der Wahl-Amerikanerin Yelena Eckemoff findet die halbe Jazzwelt zusammen. Für ihre Produktionen fliegt die Pianistin auch nach Italien, Norwegen oder Finnland

Eine Reise nach North Carolina stellte 1991 ihr Leben auf den Kopf. Yelena Eckemoff hatte einige Psalmen aus der Bibel vertont und ihre Kompositionen an Baptistengemeinden in der ganzen Welt geschickt. Als sich eine Kirche in den USA zurückmeldete und sie einlud, reiste sie mit ihrem Ehemann hin – und blieb einfach dort. Ihre russische Heimat hat sie seitdem nicht wiedergesehen. „Ich vermisse die Orte, wo ich früher gelebt habe“, sagt sie. „Aber nach 35 Jahren ist mein adoptiertes Land zu meiner lieben Heimat geworden. Meine Kinder sind hier aufgewachsen, und wir haben viel intensive und erschöpfende Arbeit in unser Leben gesteckt. Diese zusätzliche Arbeit und das Aufziehen der Kinder und die Mühe, mit Unterrichten, Konzerten und Kirchenarbeit über die Runden zu kommen, haben meine Musikkarriere natürlich verzögert.“ Fast zwanzig Jahre dauerte es nach der Emigration, ehe Yelena Eckemoff ihre ersten Jazzaufnahmen veröffentlicht hat. Seitdem allerdings hat sie – wie sie selbst sagt – „eine Lawine von Alben“ losgetreten.
Yelena Eckemoff ist klassisch ausgebildete Pianistin. Sie studierte am Gnessin-Institut in Moskau (bei Anna Kantor) und am dortigen Staatskonservatorium (bei Galina Egiazarova). „Ich hatte das Glück, eine herausragende Ausbildung in der Tradition der berühmten alten slawischen Schule zu erhalten“, sagt sie. Besonders schätzt sie den Pianisten Arthur Rubinstein und unter den Jüngeren Evgeny Kissin – nicht zuletzt, weil auch Kissin von Anna Kantor unterrichtet wurde. Sie bewundere aber auch, sagt Eckemoff, die Bach- und Schostakowitsch-Interpretationen von Keith Jarrett. Zum Jazz wiederum hat sie als klassische Pianistin ihren ganz eigenen Zugang. „Ich mache es auf meine Art. In meinen Kompositionen verstehe ich die Improvisation als integralen Bestandteil der kompositorischen Entwicklung. Meine Improvisationen am Klavier sollen die Musik vorantreiben und enthalten manchmal genauso viel wichtiges musikalisches Material wie die durchkomponierten Stellen. Unnötig zu betonen, dass ich meine Improvisationen gut vorbereite!“
Der Weg zum Jazz
Schon als Teenager in Moskau hatte Yelena Eckemoff entdeckt, dass es neben ihrer geliebten klassischen Musik auch andere interessante Musikgenres gibt. Die Gleichaltrigen schwärmten damals von Rockbands wie Yes, Deep Purple oder Emerson Lake & Palmer. „Zuerst habe ich solche Musik abgelehnt. Aber ich begriff dann, dass diese ‚andere‘ Musik dieselben Gefühle ausdrückt wie die klassische Musik, nur eben mit anderen Mitteln. Viele dieser Bands öffneten mir eine andere Klangwelt, von der ich nicht gewusst hatte, dass sie existiert. Die Beatles, Pink Floyd und das Mahavishnu Orchestra wurden damals meine Lieblinge. Um ihre Musik zu hören, musste ich allerdings Bootleg-Kopien ergattern und eintauschen, weil vieles davon in der Sowjetunion offiziell nicht erhältlich war.“ Yelena Eckemoffs Weg führte dann von der Rockmusik über eine Jazzrock-Band hin zu einem Moskauer Jazz-Institut. „Das war eine weitere augenöffnende Erfahrung, als ich das Konzept von Swing entdeckt habe und lernte, in traditionellen Jazz-Idiomen zu improvisieren.“
Erst 2005 – nun längst in North Carolina zu Hause – begann sie wieder mit einer eigenen Band zu spielen. Einer der Mitmusiker war ein großer Fan des deutschen Jazzlabels ECM, dieser ganz besonderen Jazz-Sensibilität und Klangschönheit. Er lieh Eckemoff einige ECM-Alben und rannte bei ihr damit offene Türen ein. „Ich war überrascht von dieser Musik mit ihrer anspruchsvollen, klassisch inspirierten Ästhetik, die aber durchsetzt ist mit vielen Jazzelementen, mit viel Raum und schwermütigen Improvisationen. Es amüsierte mich, dass die musikalischen Tugenden von ECM dem ähnlich waren, was ich damals machte, und der Richtung nahekamen, in die ich mich als Komponistin und Pianistin damals entwickelt habe.“ Einige der ECM-Musiker gefielen Eckemoff ganz besonders, vor allem der Bassist Arild Andersen, ein Urgestein des europäischen Jazz. Einige Jahre später hat sie den Norweger kontaktiert. Sechs Alben haben die beiden bis heute zusammen gemacht – das sechste („Forgotten Artist“) soll erst 2028 erscheinen.
Das erste Album
Bei Yelena Eckemoffs erstem Jazzalbum half noch der Zufall mit. Auf MySpace hatte die Pianistin eines Tages entdeckt, dass der Jazzbassist Mads Vinding das Angebot machte, vorhandene Aufnahmen mit seinen Basslinien zu veredeln. Daraufhin schickte sie ihm einige Klaviersoloaufnahmen – und später kam dann noch die Schlagzeugspur von Peter Erskine dazu. So gestückelt entstand 2009 Eckemoffs Pianotrio-Album „Cold Sun“, das aber sofort begeisterte Kritiken erhielt. Die Stücke darauf heißen „After Blizzard“, „Scents Of Christmas“ oder „Freezing Point“ – es ist ein Konzeptalbum rund um das Thema „Winter“. Bruce Lindsay (All
About Jazz) schrieb damals: „Eckemoff spielt mit empfindsamem Anschlag: Jeder Ton zählt, keiner ist vergeudet. Der Winter mag die Inspiration sein, aber die Musik auf ‚Cold Sun‘ ist seltsam warm und anheimelnd und ebenso schön.“ Aus solchen Kritiken zog Eckemoff den Mut, von nun an mit klangvollen Namen der Jazzbranche zusammen ins Studio zu gehen – mit Marilyn Mazur (die einst mit Miles Davis gespielt hat), mit George Mraz (dem ehemaligen Begleiter von Oscar Peterson), mit Billy Hart (der auf über sechshundert Jazzalben zu hören ist) und mit ihrem größten ECM-Helden, Arild Andersen.
„Natürlich drängte es mich zunächst, mit ECM-Musikern zu arbeiten“, sagt Eckemoff. „Die ECM-Ästhetik hatte in den Anfangsjahren einigen Einfluss auch auf meine Art zu komponieren. Doch meine kreative Eigenständigkeit und meine Lust, Dinge neu zu erfinden, haben mich ständig weitergetrieben – und schließlich auch aus dem ECM-Umkreis hinaus in unbekannte Gebiete, die ich erforschen will. Durch das Hören neuer Jazzalben entdecke ich immer wieder mögliche neue Mitspieler. Sobald eine Projektidee in meinem Kopf Form annimmt, beginne ich mir vorzustellen, wer da mitspielen könnte. Auch beim Komponieren höre ich häufig die musikalische ‚Stimme‘ eines bestimmten Akteurs in mir. Dann frage ich die Musiker, die mir am besten geeignet scheinen, ob sie mitmachen wollen, und in den meisten Fällen erhalte ich ein Ja. Wenn nicht, suche ich weiter. Meistens finde ich die passenden Musiker auf der Basis ihres Sounds und dessen, was ich über sie weiß. Manchmal verlasse ich mich aber auch auf Empfehlungen von anderen Musikern und vom Toningenieur.“
Konzepte und Geschichten
Yelena Eckemoff ist eine Macherin. Von der ersten Idee bis zum fertigen CD-Produkt hat sie alles selbst in der Hand. Kein Produzent, kein Label redet ihr rein. Die Pianistin entwirft das Albumkonzept, komponiert und arrangiert sämtliche Stücke, sucht die Musiker aus, organisiert und leitet die Aufnahme. Sie gestaltet aber auch die Albumverpackung (oft mit einem eigenen Gemälde auf dem Cover), schreibt fürs Booklet Gedichte zu jedem Stück oder dichtet eine kleine Erzählung als Albumkonzept. Nicht zuletzt veröffentlicht sie ihre Jazzaufnahmen ausschließlich auf ihrem eigenen Label, L & H Production. Mehr als zwanzig Alben sind es inzwischen. Kein Wunder also, dass ihr neben alldem kaum Zeit bleibt für anderes. Seit den 1990er Jahren, sagt Eckemoff, spiele sie nur noch ihre eigene Musik. „Es gibt eine Menge fertig komponierter Stücke, die auf ihre Aufnahme warten. Der Stoß neuer Kompositionen wächst ständig an. Daher habe ich vor einigen Jahren auch aufgehört, Konzerte zu geben.“ Immerhin zwei Live-Aufnahmen finden sich im Katalog ihres Labels: ein Pianotrio-Auftritt von 2013 im New Yorker Birdland (mit Arild Andersen und Billy Hart) und ein Solokonzert von 2019 im Kito in Bremen.
Manche von Eckemoffs Albumkonzepten sind sehr persönlicher, privater Natur. Vor allem ihre Kindheits- und Jugenderinnerungen an ihre russische Heimat inspirieren immer wieder ihre Kompositionen. Andere Albumkonzepte dagegen greifen weit hinaus in die Fantasie. „Desert“ (aufgenommen 2015, erschienen 2018) imaginiert die arabische Wüste, über die die Pianistin damals viele Bücher gelesen hat. In „Nocturnal Animals“ (2018/2019) fühlt sie sich mit ihrer Musik in eine Reihe von Nachttieren ein – die Zikade, den Fuchs, den Igel. Die Stücke auf „Adventures Of A Wildflower“ (2019/2021) und „Lonely Man And His Fish“ (2021/2023) folgen jeweils dem Gang einer märchenhaften Erzählung, die sich Eckemoff selbst ausgedacht hat. (Die jeweilige Geschichte ist im CD-Booklet nachzulesen.) Das abstrakteste Konzept hat das Duoalbum „Colors“ (2017/2018), dessen vierzehn Stücken genauso viele Farbtöne als Inspiration zugrunde liegen. Eckemoff blendet hier das Autobiografische und Erzählerische aus, überlässt sich zusammen mit dem Schlagzeuger Manu Katché dem musikalischen Abenteuer. „Er sucht ständig nach Grooves“, sagt sie. „Das war genau, was ich wollte – die würzigen Trommeln, die eine Welt für sich sind und nicht nur dem Klavier folgen.“
Zwischen New York und Helsinki
Yelena Eckemoffs Musik besitzt ganz eigene Stimmungen. Sie wirkt häufig melancholisch und schwärmerisch und nicht unbedingt jazztypisch. Viele klassische und romantische Gesten mischen sich immer wieder ins sensible Jazzfeeling. Bach, Chopin, Tschaikowsky gehören zu ihren Lieblingskomponisten. „Ich wurde schon einmal die letzte Vertreterin der romantischen russischen Schule genannt“, sagt Eckemoff mit einem Augenzwinkern. Der Schlagzeuger Peter Erskine meint, ihre Musik sei eigentlich ein ganz eigenes Genre neben Klassik und Jazz. Doch ihre besondere Spannung gewinnt Yelena Eckemoffs Musik gerade durch die Mitwirkung so vieler hervorragender Jazzmusiker, die diese eigenwilligen Stücke auf ihre Art interpretieren und improvisierend ausgestalten.
Seit 2014 hat die Pianistin fast regelmäßig auch Bläser in ihrer Studioband – das gibt der Musik zusätzliche, oft überraschende Konturen. Saxofonisten wie Jukka Perko, Chris Potter und Mark Turner, Trompeter wie Ralph Alessi, Kirk Knuffke und Verneri Pohjola werden von Eckemoffs gefühlvollen Vorlagen hörbar inspiriert. Und sie sind fähig, diese Vorlagen in brillanten Jazz zu verwandeln.
Auf der Suche nach den geeignetsten Mitspielern für ihr jeweiliges Projekt ist Yelena Eckemoff inzwischen weit herumgekommen. Mit amerikanischen Musikern geht sie meist in ein Studio in New York oder Kalifornien. Für das Album „Blooming Tall Phlox“ reiste sie 2013 aber zu ihren finnischen Wunschmusikern nach Helsinki. Das Album „Everblue“ wiederum entstand 2014 mit norwegischen Jazzern in Oslo, das Album mit Manu Katché 2017 in Frankreich. Zwei Alben mit italienischem Personal kamen 2023 in Mantua zustande, und im Jahr darauf traf sich Yelena Eckemoff mit schwedischen Akteuren in Stockholm. Besonders wohl scheint sie sich zurzeit in Finnland zu fühlen – nicht zuletzt, wie sie verrät, weil die finnische Landschaft sie an Russland erinnert. An das Land ihrer Kindheit und Jugend.
Eine Reise nach North Carolina stellte 1991 ihr Leben auf den Kopf. Yelena Eckemoff hatte einige Psalmen aus der Bibel vertont und ihre Kompositionen an Baptistengemeinden in der ganzen Welt geschickt. Als sich eine Kirche in den USA zurückmeldete und sie einlud, reiste sie mit ihrem Ehemann hin – und blieb einfach dort. Ihre russische Heimat hat sie seitdem nicht wiedergesehen. „Ich vermisse die Orte, wo ich früher gelebt habe“, sagt sie. „Aber nach 35 Jahren ist mein adoptiertes Land zu meiner lieben Heimat geworden. Meine Kinder sind hier aufgewachsen, und wir haben viel intensive und erschöpfende Arbeit in unser Leben gesteckt. Diese zusätzliche Arbeit und das Aufziehen der Kinder und die Mühe, mit Unterrichten, Konzerten und Kirchenarbeit über die Runden zu kommen, haben meine Musikkarriere natürlich verzögert.“ Fast zwanzig Jahre dauerte es nach der Emigration, ehe Yelena Eckemoff ihre ersten Jazzaufnahmen veröffentlicht hat. Seitdem allerdings hat sie – wie sie selbst sagt – „eine Lawine von Alben“ losgetreten.
Yelena Eckemoff ist klassisch ausgebildete Pianistin. Sie studierte am Gnessin-Institut in Moskau (bei Anna Kantor) und am dortigen Staatskonservatorium (bei Galina Egiazarova). „Ich hatte das Glück, eine herausragende Ausbildung in der Tradition der berühmten alten slawischen Schule zu erhalten“, sagt sie. Besonders schätzt sie den Pianisten Arthur Rubinstein und unter den Jüngeren Evgeny Kissin – nicht zuletzt, weil auch Kissin von Anna Kantor unterrichtet wurde. Sie bewundere aber auch, sagt Eckemoff, die Bach- und Schostakowitsch-Interpretationen von Keith Jarrett. Zum Jazz wiederum hat sie als klassische Pianistin ihren ganz eigenen Zugang. „Ich mache es auf meine Art. In meinen Kompositionen verstehe ich die Improvisation als integralen Bestandteil der kompositorischen Entwicklung. Meine Improvisationen am Klavier sollen die Musik vorantreiben und enthalten manchmal genauso viel wichtiges musikalisches Material wie die durchkomponierten Stellen. Unnötig zu betonen, dass ich meine Improvisationen gut vorbereite!“
Der Weg zum Jazz
Schon als Teenager in Moskau hatte Yelena Eckemoff entdeckt, dass es neben ihrer geliebten klassischen Musik auch andere interessante Musikgenres gibt. Die Gleichaltrigen schwärmten damals von Rockbands wie Yes, Deep Purple oder Emerson Lake & Palmer. „Zuerst habe ich solche Musik abgelehnt. Aber ich begriff dann, dass diese ‚andere‘ Musik dieselben Gefühle ausdrückt wie die klassische Musik, nur eben mit anderen Mitteln. Viele dieser Bands öffneten mir eine andere Klangwelt, von der ich nicht gewusst hatte, dass sie existiert. Die Beatles, Pink Floyd und das Mahavishnu Orchestra wurden damals meine Lieblinge. Um ihre Musik zu hören, musste ich allerdings Bootleg-Kopien ergattern und eintauschen, weil vieles davon in der Sowjetunion offiziell nicht erhältlich war.“ Yelena Eckemoffs Weg führte dann von der Rockmusik über eine Jazzrock-Band hin zu einem Moskauer Jazz-Institut. „Das war eine weitere augenöffnende Erfahrung, als ich das Konzept von Swing entdeckt habe und lernte, in traditionellen Jazz-Idiomen zu improvisieren.“
Erst 2005 – nun längst in North Carolina zu Hause – begann sie wieder mit einer eigenen Band zu spielen. Einer der Mitmusiker war ein großer Fan des deutschen Jazzlabels ECM, dieser ganz besonderen Jazz-Sensibilität und Klangschönheit. Er lieh Eckemoff einige ECM-Alben und rannte bei ihr damit offene Türen ein. „Ich war überrascht von dieser Musik mit ihrer anspruchsvollen, klassisch inspirierten Ästhetik, die aber durchsetzt ist mit vielen Jazzelementen, mit viel Raum und schwermütigen Improvisationen. Es amüsierte mich, dass die musikalischen Tugenden von ECM dem ähnlich waren, was ich damals machte, und der Richtung nahekamen, in die ich mich als Komponistin und Pianistin damals entwickelt habe.“ Einige der ECM-Musiker gefielen Eckemoff ganz besonders, vor allem der Bassist Arild Andersen, ein Urgestein des europäischen Jazz. Einige Jahre später hat sie den Norweger kontaktiert. Sechs Alben haben die beiden bis heute zusammen gemacht – das sechste („Forgotten Artist“) soll erst 2028 erscheinen.
Das erste Album
Bei Yelena Eckemoffs erstem Jazzalbum half noch der Zufall mit. Auf MySpace hatte die Pianistin eines Tages entdeckt, dass der Jazzbassist Mads Vinding das Angebot machte, vorhandene Aufnahmen mit seinen Basslinien zu veredeln. Daraufhin schickte sie ihm einige Klaviersoloaufnahmen – und später kam dann noch die Schlagzeugspur von Peter Erskine dazu. So gestückelt entstand 2009 Eckemoffs Pianotrio-Album „Cold Sun“, das aber sofort begeisterte Kritiken erhielt. Die Stücke darauf heißen „After Blizzard“, „Scents Of Christmas“ oder „Freezing Point“ – es ist ein Konzeptalbum rund um das Thema „Winter“. Bruce Lindsay (All
About Jazz) schrieb damals: „Eckemoff spielt mit empfindsamem Anschlag: Jeder Ton zählt, keiner ist vergeudet. Der Winter mag die Inspiration sein, aber die Musik auf ‚Cold Sun‘ ist seltsam warm und anheimelnd und ebenso schön.“ Aus solchen Kritiken zog Eckemoff den Mut, von nun an mit klangvollen Namen der Jazzbranche zusammen ins Studio zu gehen – mit Marilyn Mazur (die einst mit Miles Davis gespielt hat), mit George Mraz (dem ehemaligen Begleiter von Oscar Peterson), mit Billy Hart (der auf über sechshundert Jazzalben zu hören ist) und mit ihrem größten ECM-Helden, Arild Andersen.
„Natürlich drängte es mich zunächst, mit ECM-Musikern zu arbeiten“, sagt Eckemoff. „Die ECM-Ästhetik hatte in den Anfangsjahren einigen Einfluss auch auf meine Art zu komponieren. Doch meine kreative Eigenständigkeit und meine Lust, Dinge neu zu erfinden, haben mich ständig weitergetrieben – und schließlich auch aus dem ECM-Umkreis hinaus in unbekannte Gebiete, die ich erforschen will. Durch das Hören neuer Jazzalben entdecke ich immer wieder mögliche neue Mitspieler. Sobald eine Projektidee in meinem Kopf Form annimmt, beginne ich mir vorzustellen, wer da mitspielen könnte. Auch beim Komponieren höre ich häufig die musikalische ‚Stimme‘ eines bestimmten Akteurs in mir. Dann frage ich die Musiker, die mir am besten geeignet scheinen, ob sie mitmachen wollen, und in den meisten Fällen erhalte ich ein Ja. Wenn nicht, suche ich weiter. Meistens finde ich die passenden Musiker auf der Basis ihres Sounds und dessen, was ich über sie weiß. Manchmal verlasse ich mich aber auch auf Empfehlungen von anderen Musikern und vom Toningenieur.“
Konzepte und Geschichten
Yelena Eckemoff ist eine Macherin. Von der ersten Idee bis zum fertigen CD-Produkt hat sie alles selbst in der Hand. Kein Produzent, kein Label redet ihr rein. Die Pianistin entwirft das Albumkonzept, komponiert und arrangiert sämtliche Stücke, sucht die Musiker aus, organisiert und leitet die Aufnahme. Sie gestaltet aber auch die Albumverpackung (oft mit einem eigenen Gemälde auf dem Cover), schreibt fürs Booklet Gedichte zu jedem Stück oder dichtet eine kleine Erzählung als Albumkonzept. Nicht zuletzt veröffentlicht sie ihre Jazzaufnahmen ausschließlich auf ihrem eigenen Label, L & H Production. Mehr als zwanzig Alben sind es inzwischen. Kein Wunder also, dass ihr neben alldem kaum Zeit bleibt für anderes. Seit den 1990er Jahren, sagt Eckemoff, spiele sie nur noch ihre eigene Musik. „Es gibt eine Menge fertig komponierter Stücke, die auf ihre Aufnahme warten. Der Stoß neuer Kompositionen wächst ständig an. Daher habe ich vor einigen Jahren auch aufgehört, Konzerte zu geben.“ Immerhin zwei Live-Aufnahmen finden sich im Katalog ihres Labels: ein Pianotrio-Auftritt von 2013 im New Yorker Birdland (mit Arild Andersen und Billy Hart) und ein Solokonzert von 2019 im Kito in Bremen.
Manche von Eckemoffs Albumkonzepten sind sehr persönlicher, privater Natur. Vor allem ihre Kindheits- und Jugenderinnerungen an ihre russische Heimat inspirieren immer wieder ihre Kompositionen. Andere Albumkonzepte dagegen greifen weit hinaus in die Fantasie. „Desert“ (aufgenommen 2015, erschienen 2018) imaginiert die arabische Wüste, über die die Pianistin damals viele Bücher gelesen hat. In „Nocturnal Animals“ (2018/2019) fühlt sie sich mit ihrer Musik in eine Reihe von Nachttieren ein – die Zikade, den Fuchs, den Igel. Die Stücke auf „Adventures Of A Wildflower“ (2019/2021) und „Lonely Man And His Fish“ (2021/2023) folgen jeweils dem Gang einer märchenhaften Erzählung, die sich Eckemoff selbst ausgedacht hat. (Die jeweilige Geschichte ist im CD-Booklet nachzulesen.) Das abstrakteste Konzept hat das Duoalbum „Colors“ (2017/2018), dessen vierzehn Stücken genauso viele Farbtöne als Inspiration zugrunde liegen. Eckemoff blendet hier das Autobiografische und Erzählerische aus, überlässt sich zusammen mit dem Schlagzeuger Manu Katché dem musikalischen Abenteuer. „Er sucht ständig nach Grooves“, sagt sie. „Das war genau, was ich wollte – die würzigen Trommeln, die eine Welt für sich sind und nicht nur dem Klavier folgen.“
Zwischen New York und Helsinki
Yelena Eckemoffs Musik besitzt ganz eigene Stimmungen. Sie wirkt häufig melancholisch und schwärmerisch und nicht unbedingt jazztypisch. Viele klassische und romantische Gesten mischen sich immer wieder ins sensible Jazzfeeling. Bach, Chopin, Tschaikowsky gehören zu ihren Lieblingskomponisten. „Ich wurde schon einmal die letzte Vertreterin der romantischen russischen Schule genannt“, sagt Eckemoff mit einem Augenzwinkern. Der Schlagzeuger Peter Erskine meint, ihre Musik sei eigentlich ein ganz eigenes Genre neben Klassik und Jazz. Doch ihre besondere Spannung gewinnt Yelena Eckemoffs Musik gerade durch die Mitwirkung so vieler hervorragender Jazzmusiker, die diese eigenwilligen Stücke auf ihre Art interpretieren und improvisierend ausgestalten.
Seit 2014 hat die Pianistin fast regelmäßig auch Bläser in ihrer Studioband – das gibt der Musik zusätzliche, oft überraschende Konturen. Saxofonisten wie Jukka Perko, Chris Potter und Mark Turner, Trompeter wie Ralph Alessi, Kirk Knuffke und Verneri Pohjola werden von Eckemoffs gefühlvollen Vorlagen hörbar inspiriert. Und sie sind fähig, diese Vorlagen in brillanten Jazz zu verwandeln.
Auf der Suche nach den geeignetsten Mitspielern für ihr jeweiliges Projekt ist Yelena Eckemoff inzwischen weit herumgekommen. Mit amerikanischen Musikern geht sie meist in ein Studio in New York oder Kalifornien. Für das Album „Blooming Tall Phlox“ reiste sie 2013 aber zu ihren finnischen Wunschmusikern nach Helsinki. Das Album „Everblue“ wiederum entstand 2014 mit norwegischen Jazzern in Oslo, das Album mit Manu Katché 2017 in Frankreich. Zwei Alben mit italienischem Personal kamen 2023 in Mantua zustande, und im Jahr darauf traf sich Yelena Eckemoff mit schwedischen Akteuren in Stockholm. Besonders wohl scheint sie sich zurzeit in Finnland zu fühlen – nicht zuletzt, wie sie verrät, weil die finnische Landschaft sie an Russland erinnert. An das Land ihrer Kindheit und Jugend.



