Musikgeschichte

Das unerfüllte Wunder

Von
Wiebke Roloff Halsey
Erschienen in der Printausgabe im
April 2021
Lesezeit ca.
…
Minuten
War Josef Hassid das größte Geigentalent des 20. Jahrhunderts? Das überschwängliche Lob renommierter Musiker spricht daür.
War Josef Hassid das größte Geigentalent des 20. Jahrhunderts? Das überschwängliche Lob renommierter Musiker spricht daür.

Michael Josef Chasyd wird am 9. Dezember 1922 in Königsberg geboren. So steht es in der Geburtsurkunde. Am 28. Dezember 1923 in Suwałki, so liest man vielerorts. Die Differenz ist nicht geklärt – eines von vielen Fragezeichen in dieser Biografie, deren Spuren Krieg und Genozid verwischt haben. Gehen wir nach dem amtlichen Dokument in Sachen Josi, wie ihn seine Eltern und drei Geschwister rufen. Die Familie lebt im Schtetl einer polnischen Kleinstadt nahe der litauischen Grenze, umgeben von Seen und Kiefernwäldern. Der Handel blüht, die hier stationierten Garnisonen treiben die Wirtschaft. Die Chasyds sind immer wieder als arm beschrieben worden, doch zunächst haben sie zumindest ein zuverlässiges Einkommen – Brajna ist Modistin in einem Geschäft für Damenhüte, Owsiej (genannt Jehoschua) arbeitet als Buchhalter in einer Bank.

Jehoschua liebt Musik. Sein Vater und Großvater waren Kantoren, er selbst leitet einen Chor. Dass sein Sohn Talent hat, erkennt er rasch: Der Knabe kann Noten noch vor dem Alphabet lesen. Als Leihgabe von Freunden kommt eine erste Geige ins Haus. Ob Josi mit vier oder fünf Jahren zu spielen anfängt und ob er es sich wirklich selbst beibringt, wie Margaret Campbell in „The Great Violinists” berichtet, oder doch sein Vater, bleibt der Fantasie der Nachwelt überlassen. Jedenfalls muss ein eigenes Instrument her, ein richtiger Lehrer. Dieser gibt sich bald geschlagen – niemand in Suwałki kann dem Jungen genug beibringen. Also kündigt Jehoschua bei der Bank und zieht mit seinem Sohn nach Warschau.

Von da an sind sie dann wohl wirklich arm. Sie sparen am Essen, um ihre Dachkammer heizen zu können – mit klammen Fingern übt es sich schlecht. Josi, so sein Vater, war mit acht Jahren „nicht nur an seinem Geigenspiel interessiert, sondern auch an allen politischen Fragen. Er las jeden Tag mehrere Zeitungen und hatte einen ausgeprägt logischen Verstand, sehr unkindlich”. Am 16. Dezember 1932 stirbt Josis Mutter, vermutlich an Typhus. Mit seinem Vater reist der Junge nach Hause, spielt der in der Stube aufgebahrten Toten ein letztes Ständchen.

1933 fängt Josi an der Chopin Musikschule an. Ein folgenreicher Schritt: Direktor Adam Wieniawski veranstaltet zwei Jahre später zu Ehren seines berühmten Onkels die erste International Henryk Wieniawski Violin Competition. Aus 16 Ländern reisen Musiker an, Radio Warschau überträgt alle Aufführungen. So wird Josis Talent erstmals publik. Ginette Neveu macht Dawid Oistrach den ersten Platz streitig. Auch die sechsjährige Ida Haendel tritt an, gewinnt den siebten Preis. Der nun zwölfjährige Josi muss sich mit einem Ehrenpreis zufriedengeben, weil er ein Blackout hat. Ausgerechnet in Wieniawskis „Polonaise Brillante“ Op.4! Dabei hat er den rasenden Schluss des Bravourstücks gerade dem staunenden Felix Vandyl vorgeführt, „als ob Heifetz spielte, aber mit etwas mehr Charme“ wie sein Theorielehrer, selbst Virtuose, bemerkt. Der Junge soll nun von einem legendären Meister lernen: Carl Flesch. Irina Dubiska, die Josi am Staatlichen Konservatorium unterrichtet, legt ein gutes Wort für ihren Zögling ein. Ebenso Bronislaw Huberman. Auch Ida Haendels Vater – das Mädchen hat schon einen Platz.

Flesch hält legendäre Sommerkurse ab, erst in seiner Baden-Badener Villa, dann in den belgischen Kurorten Spa und Knokke-sur-Mer. Zum Zuhören finden sich oft durchreisende Musiker und andere Interessierte ein. Sie wissen, dass man am besten nicht um 10 kommt, sondern um 12.15 Uhr, wenn die stärksten Schüler an der Reihe sind. Flesch selbst lauscht mit Samtrock, Zigarre und Klavierauszug, schreibt Notizen in die Hefte seiner Zöglinge, wobei er Individualität nicht nivellieren, sondern fördern will. Den Schülern gibt er seine „Tonleiterübungen durch alle Dur- und Moll-Tonarten für das tägliche Studium” auf (das „tägliche Gebet”). Er ist berüchtigt für seine Bissigkeit.

„Der Traum meines Sohnes ist unter Ihrer w. Richtung zu studieren“, schreibt Jehoschua nach London, wo der Flesch 1935 sein Lager zwangsaufgeschlagen hat, nachdem ihm die Nationalsozialisten die deutsche Staatsbürgerschaft entzogen haben. Jehoschua verweist auf seine „schwere materielle Lage“, bittet um „Erleichterung“. Zwei Londoner Kaufmannsbrüder, Pierre und Leon Gildesgame, springen als Mäzene ein. Der Reise nach Belgien steht nichts mehr im Wege.

Zunächst befürchtet Flesch, man habe ihm zu viel versprochen. Doch als Josi in seiner zweiten Stunde Brahms’ Sonate op. 108 in d-Moll spielt, lässt Flesch das Notizbuch sinken, hört einfach nur zu. Von da an wird Josi um 12.15 Uhr unterrichtet. Die zehn Kurswochen und die nächsten drei Jahre versüßt eine Mitschülerin: In Spa lernt er Elizabeth Lockhardt kennen, seine erste Liebe.

Im Herbst folgen Jehoschua und Josi Flesch nach London. Der unterrichtet den Jungen kostenlos; für Kost, Logis und Kleidung kommen Warschauer Wohltäter auf. Leon Gildesgame kümmert sich unter anderem um Obdach und die Visa. In Fleschs Wohnung in Hampstead hören etliche große Virtuosen Josi spielen. Zum Beispiel Joseph Szigeti, Jacques Thibaut, Dawid Oistrach, den Josi schon aus Warschau kennt – und natürlich Fritz Kreisler. Korrepetitorin Adela Kotowska (die später Felix Vandyl heiratet) berichtet, Kreisler sei so hypnotisiert gewesen von Josis Spiel, dass er ihr geistesabwesend das Sandwich vom Teller stahl. Einen Menuhin gebe es alle 100 Jahre einmal, soll er gesagt haben, einen Hassid nur alle 200! Und lieh dem Jungen eine seiner Violinen.

Auch andere Anekdoten sind überliefert, zusammengetragen von Josis Cousin Gerald Spear in „Yosi: The Life and Time of Josef Hassid“ (2020, Eigenpublikation, mit vielen neuen Dokumenten): Wie Josi mit der kostbaren Vuillaume unterm Arm an Wettspringen im Garten teilnimmt. Wie er, der anfangs nur Polnisch und Jiddisch spricht, zu Fleschs Anmerkungen heftig nickt, ohne zu verstehen. Mozarts A-Dur-Konzert KV 219 versteht er zu spielen „wie ich es nie zuvor und nie danach gehört habe“ (so der niederländische Violinist Jo Juda), aber die Sechzehntel am Schluss nimmt er auf einem Bogen im Staccato. Flesch hasst diese Praxis. Ob er, Josi, einen ernst zu nehmenden Geiger die Stelle so habe spielen hören? „Ja, Herr Professor.“ – „Wen denn?“ – „Na, Kreisler.“

Josis musikalische Einführung in die Gesellschaft findet am 9. März 1938 statt. Bei dem Rezital in Gildesgames Haus ist auch ein Rezensent des „Daily Telegraph“ zugegen, der schreibt: „Yossef Hassid ... ist der glückliche Besitzer aller natürlichen Gaben, die ein Geiger sich nur wünschen kann. Sein Ton hat instinktive Wärme, die Linke ist schon jetzt jedem technischen Kniff gewachsen.“

Auch im Sommer 1938 nimmt Josi an Fleschs Sommerkurs teil – diesmal in Knokke-sur-Mer –, doch er reist auch zurück für eine Reihe von Privatkonzerten für wohlhabende Engländer. Man stelle sich vor: Damit machte er genug Eindruck, um von der Gramophone Company zu Probeaufnahmen eingeladen zu werden. Also tritt Josi am 9. Januar 1939 in der Abbey Road mit Elgars „Capricieuse“ op. 17 an. So überzeugend, dass sogleich weitere Studiositzungen und öffentliche Konzerte angedacht werden. Doch Josi hat nun einen Agenten, Harold Holt, und der hält es für klüger, damit noch ein wenig zu warten.

Das Jahr schreitet voran. Noch einmal Knokke. Schon wirft der Krieg seine Schatten voraus, der Kurs wird im August hastig abgebrochen. Im Lauf der nächsten Monate ändert sich Josis Welt dramatisch. Das Haus, das er einst in Warschau bewohnt hat, wird Teil des jüdischen Ghettos. Sein einstiger Mitschüler, Quartettpartner und inzwischen auch Schwager Daniel Krakowski verlässt es nur noch für die Gaskammern Treblinkas. Josis Geschwister? Von Malka keine Spur. Von Judyta und Lejb wissen wir nur, dass sie nach Suwałki zurückkehren. Und dass dort die jüdische Bevölkerung in den Wald getrieben und erschossen wird. Carl Flesch tritt im Frühjahr 1940 in den noch neutralen Niederlanden auf – und sitzt in der Falle, als am 10. Mai die Deutschen einmarschieren. Zweimal wird er verhaftet, kommt aber dank Wilhelm Furtwänglers Fürsprache frei. Er kann über Ungarn in die Schweiz fliehen und unterrichtet bis zu seinem Tod 1944 in Luzern. Nach London kehrt er nicht zurück. Weil auch England sich alles andere als sicher anfühlt, wandert Leon Gildesgame nach Amerika aus. Harold Holt versucht, auch Josi in die USA zu bringen, doch der Plan verläuft im Sand. Ab Herbst regnen deutsche Bomben auf London. Josi weigert sich, unterirdisch Schutz zu suchen: Ihm graut davor, unter Trümmern eingeschlossen zu werden.

Obwohl ringsum die Welt in Chaos und Gewalt versinkt, beginnt jetzt endlich Josis öffentliche Karriere – in der Wigmore Hall findet am 3. April, so die Anzeige, das „First Recital of/ Josef Hassid/ Polish Boy Violinist“ statt. Am Flügel sitzt niemand Geringeres als Gerald Moore. In der letzten Generation, so der Rezensent der „Times“, hätte ein technisch vernünft iger Bach schon als Wunder gegolten, heute komme es auf Kontraste, Phrasierung, Polyfonie an. Hier zeige „Mr. Hassid Vorstellungskraft und musikalische Einsicht“. Ein Lob, aber keine Hymne. Gerald Moore wird stärkere Worte fi nden, etwa 1973 in einem „Gramophone“-Interview: „das größte Instrumentalgenie, mit dem ich je gespielt habe“. Josi verfüge über „technische Perfektion, fabelhaft e Intonation, großartigen Klang – aber da war noch etwas Unfassliches, eine metaphysische Qualität“. Einen ähnlich starken Eindruck macht auf Moore nur Dietrich Fischer-Dieskau.

Drei Wochen nach dem Wigmore Hall-Auft ritt folgt Josis Orchester-Debüt: Tschaikowskis Violinkonzert mit dem London Philharmonic Orchestra unter Grzegorz Fitelberg. Eigentlich hätte Ida Haendel dieses Konzert spielen sollen (Holt managte beide Wunderkinder). Sie erfuhr von der Besetzungsänderung recht stillos aus der Zeitung, ging aber dennoch in die Queen’s Hall – und war hinterher, erzählt sie in ihrer Autobiografi e, überrascht von den eher lauwarmen Kritiken. Das von Musikerkollegen kolportierte fabelhaft e Können kann Josi der Presse offenbar nicht recht vermitteln.

Im Juni und November dieses Jahres finden auch vier Aufnahmesitzungen statt, versehen von Produzenten-Legende Walter Legge – eine weitere Stimme im Chor der Josi-Überzeugten. 29 Minuten Musik: eine schmale Zahl von Genre-Stücken, die dennoch eine Ahnung vermitteln von Hassids schier atemraubender Fingerfertigkeit und geschmeidigen Musikalität. Eine Ahnung davon, was hätte sein können. Unbezahlbar sind die Einspielungen, weil Josi insgesamt nur fünf (!) öffentliche Konzerte gibt.

Elizabeth Lockhart zieht nach Cambridge. Josi besucht sie dort heimlich, hält um ihre Hand an. Stattdessen zerbricht die Beziehung. Und da geht Josi verloren. Im Februar bemerkt sein Vater „einen völligen Geisteswandel. Er geriet ganz aus der Fassung ... begann, zu seltsamen Zeiten in Abendkleidung durch die Straßen zu streifen. Er attackierte mich. Er schimpft e auf die Juden, stritt ab, dass er selbst einer sei. Er stand vor dem Spiegel, schnitt allerlei Grimassen, lachte zur Unzeit laut auf. Er zog sich viele Male am Tag um. Er behauptete, seine Aufnahmen stammten nicht von ihm.“ Als Josi am 1. März Brahms’ Violinkonzert mit dem (nach seinem Dirigenten benannten) Sydney Beer Orchestra spielt, will sein Vater nicht hingehen, weil Josi die Geige seit Wochen nicht angerührt hat. Was in dem Konzert tatsächlich passiert, ist schwer nachzuvollziehen. Der „Daily Telegraph“ würdigte Technik und Intonation, während die „Times“ Josis Leistung als „kaum mehr als das Spiel eines braven Schülers“ abtut – der seine Noten vergisst. Was der Violinist Yfrah Neaman berichtet – Josi habe derart den Faden verloren, dass er von der Bühne geführt werden musste – bestätigen die Zeitungen indes nicht.

Am 2. März dann das letzte Konzert. Noch einmal spielt Josi den Brahms, für die Liverpool Philharmonic Society. Und hier, fern der Hauptstadt, steht endlich eine Hymne in der Zeitung. Aber aufbauen kann er darauf nicht mehr. Am 19. Juni wird er ins Saint Andrews Hospital in Northhampton eingewiesen: Schizophrenie. Als er fast ein Jahr, 60 Insulin-Komas und 25 Elektroschock-Sitzungen später zurück in die Obhut seines Vaters entlassen wird, kann er noch immer spielen wie fast kein Zweiter. Im November berichtet Jehoschua, wie Josi „Sonaten mit der Gabe und Technik eines Virtuosen spielte. Jeder bewunderte ihn, weil er fast zwei Jahre nicht geübt hatte. Doch nach mehreren solcher Gelegenheiten gab er die Geige seinem Besitzer zurück, brach den Bogen in Stücke, sammelte all seine Sachen zusammen und warf sie in den Fluss“. Mitte Dezember geht es nicht mehr, Josi muss zurück in die Psychiatrie. Im Dezember 1943 verliert er seinen Vater an ein Krebsleiden. Josi bleibt noch sieben Jahre im Long Grove Hospital im Süden Londons. Dann bohrt man ihm beide Schläfen auf, für eine Lobotomie. Die brutale Prozedur beschert dem einstigen Wunderkind eine Hirnhautentzündung – Josef Hassid stirbt am 7. November 1950.

Michael Josef Chasyd wird am 9. Dezember 1922 in Königsberg geboren. So steht es in der Geburtsurkunde. Am 28. Dezember 1923 in Suwałki, so liest man vielerorts. Die Differenz ist nicht geklärt – eines von vielen Fragezeichen in dieser Biografie, deren Spuren Krieg und Genozid verwischt haben. Gehen wir nach dem amtlichen Dokument in Sachen Josi, wie ihn seine Eltern und drei Geschwister rufen. Die Familie lebt im Schtetl einer polnischen Kleinstadt nahe der litauischen Grenze, umgeben von Seen und Kiefernwäldern. Der Handel blüht, die hier stationierten Garnisonen treiben die Wirtschaft. Die Chasyds sind immer wieder als arm beschrieben worden, doch zunächst haben sie zumindest ein zuverlässiges Einkommen – Brajna ist Modistin in einem Geschäft für Damenhüte, Owsiej (genannt Jehoschua) arbeitet als Buchhalter in einer Bank.

Jehoschua liebt Musik. Sein Vater und Großvater waren Kantoren, er selbst leitet einen Chor. Dass sein Sohn Talent hat, erkennt er rasch: Der Knabe kann Noten noch vor dem Alphabet lesen. Als Leihgabe von Freunden kommt eine erste Geige ins Haus. Ob Josi mit vier oder fünf Jahren zu spielen anfängt und ob er es sich wirklich selbst beibringt, wie Margaret Campbell in „The Great Violinists” berichtet, oder doch sein Vater, bleibt der Fantasie der Nachwelt überlassen. Jedenfalls muss ein eigenes Instrument her, ein richtiger Lehrer. Dieser gibt sich bald geschlagen – niemand in Suwałki kann dem Jungen genug beibringen. Also kündigt Jehoschua bei der Bank und zieht mit seinem Sohn nach Warschau.

Von da an sind sie dann wohl wirklich arm. Sie sparen am Essen, um ihre Dachkammer heizen zu können – mit klammen Fingern übt es sich schlecht. Josi, so sein Vater, war mit acht Jahren „nicht nur an seinem Geigenspiel interessiert, sondern auch an allen politischen Fragen. Er las jeden Tag mehrere Zeitungen und hatte einen ausgeprägt logischen Verstand, sehr unkindlich”. Am 16. Dezember 1932 stirbt Josis Mutter, vermutlich an Typhus. Mit seinem Vater reist der Junge nach Hause, spielt der in der Stube aufgebahrten Toten ein letztes Ständchen.

1933 fängt Josi an der Chopin Musikschule an. Ein folgenreicher Schritt: Direktor Adam Wieniawski veranstaltet zwei Jahre später zu Ehren seines berühmten Onkels die erste International Henryk Wieniawski Violin Competition. Aus 16 Ländern reisen Musiker an, Radio Warschau überträgt alle Aufführungen. So wird Josis Talent erstmals publik. Ginette Neveu macht Dawid Oistrach den ersten Platz streitig. Auch die sechsjährige Ida Haendel tritt an, gewinnt den siebten Preis. Der nun zwölfjährige Josi muss sich mit einem Ehrenpreis zufriedengeben, weil er ein Blackout hat. Ausgerechnet in Wieniawskis „Polonaise Brillante“ Op.4! Dabei hat er den rasenden Schluss des Bravourstücks gerade dem staunenden Felix Vandyl vorgeführt, „als ob Heifetz spielte, aber mit etwas mehr Charme“ wie sein Theorielehrer, selbst Virtuose, bemerkt. Der Junge soll nun von einem legendären Meister lernen: Carl Flesch. Irina Dubiska, die Josi am Staatlichen Konservatorium unterrichtet, legt ein gutes Wort für ihren Zögling ein. Ebenso Bronislaw Huberman. Auch Ida Haendels Vater – das Mädchen hat schon einen Platz.

Flesch hält legendäre Sommerkurse ab, erst in seiner Baden-Badener Villa, dann in den belgischen Kurorten Spa und Knokke-sur-Mer. Zum Zuhören finden sich oft durchreisende Musiker und andere Interessierte ein. Sie wissen, dass man am besten nicht um 10 kommt, sondern um 12.15 Uhr, wenn die stärksten Schüler an der Reihe sind. Flesch selbst lauscht mit Samtrock, Zigarre und Klavierauszug, schreibt Notizen in die Hefte seiner Zöglinge, wobei er Individualität nicht nivellieren, sondern fördern will. Den Schülern gibt er seine „Tonleiterübungen durch alle Dur- und Moll-Tonarten für das tägliche Studium” auf (das „tägliche Gebet”). Er ist berüchtigt für seine Bissigkeit.

„Der Traum meines Sohnes ist unter Ihrer w. Richtung zu studieren“, schreibt Jehoschua nach London, wo der Flesch 1935 sein Lager zwangsaufgeschlagen hat, nachdem ihm die Nationalsozialisten die deutsche Staatsbürgerschaft entzogen haben. Jehoschua verweist auf seine „schwere materielle Lage“, bittet um „Erleichterung“. Zwei Londoner Kaufmannsbrüder, Pierre und Leon Gildesgame, springen als Mäzene ein. Der Reise nach Belgien steht nichts mehr im Wege.

Zunächst befürchtet Flesch, man habe ihm zu viel versprochen. Doch als Josi in seiner zweiten Stunde Brahms’ Sonate op. 108 in d-Moll spielt, lässt Flesch das Notizbuch sinken, hört einfach nur zu. Von da an wird Josi um 12.15 Uhr unterrichtet. Die zehn Kurswochen und die nächsten drei Jahre versüßt eine Mitschülerin: In Spa lernt er Elizabeth Lockhardt kennen, seine erste Liebe.

Im Herbst folgen Jehoschua und Josi Flesch nach London. Der unterrichtet den Jungen kostenlos; für Kost, Logis und Kleidung kommen Warschauer Wohltäter auf. Leon Gildesgame kümmert sich unter anderem um Obdach und die Visa. In Fleschs Wohnung in Hampstead hören etliche große Virtuosen Josi spielen. Zum Beispiel Joseph Szigeti, Jacques Thibaut, Dawid Oistrach, den Josi schon aus Warschau kennt – und natürlich Fritz Kreisler. Korrepetitorin Adela Kotowska (die später Felix Vandyl heiratet) berichtet, Kreisler sei so hypnotisiert gewesen von Josis Spiel, dass er ihr geistesabwesend das Sandwich vom Teller stahl. Einen Menuhin gebe es alle 100 Jahre einmal, soll er gesagt haben, einen Hassid nur alle 200! Und lieh dem Jungen eine seiner Violinen.

Auch andere Anekdoten sind überliefert, zusammengetragen von Josis Cousin Gerald Spear in „Yosi: The Life and Time of Josef Hassid“ (2020, Eigenpublikation, mit vielen neuen Dokumenten): Wie Josi mit der kostbaren Vuillaume unterm Arm an Wettspringen im Garten teilnimmt. Wie er, der anfangs nur Polnisch und Jiddisch spricht, zu Fleschs Anmerkungen heftig nickt, ohne zu verstehen. Mozarts A-Dur-Konzert KV 219 versteht er zu spielen „wie ich es nie zuvor und nie danach gehört habe“ (so der niederländische Violinist Jo Juda), aber die Sechzehntel am Schluss nimmt er auf einem Bogen im Staccato. Flesch hasst diese Praxis. Ob er, Josi, einen ernst zu nehmenden Geiger die Stelle so habe spielen hören? „Ja, Herr Professor.“ – „Wen denn?“ – „Na, Kreisler.“

Josis musikalische Einführung in die Gesellschaft findet am 9. März 1938 statt. Bei dem Rezital in Gildesgames Haus ist auch ein Rezensent des „Daily Telegraph“ zugegen, der schreibt: „Yossef Hassid ... ist der glückliche Besitzer aller natürlichen Gaben, die ein Geiger sich nur wünschen kann. Sein Ton hat instinktive Wärme, die Linke ist schon jetzt jedem technischen Kniff gewachsen.“

Auch im Sommer 1938 nimmt Josi an Fleschs Sommerkurs teil – diesmal in Knokke-sur-Mer –, doch er reist auch zurück für eine Reihe von Privatkonzerten für wohlhabende Engländer. Man stelle sich vor: Damit machte er genug Eindruck, um von der Gramophone Company zu Probeaufnahmen eingeladen zu werden. Also tritt Josi am 9. Januar 1939 in der Abbey Road mit Elgars „Capricieuse“ op. 17 an. So überzeugend, dass sogleich weitere Studiositzungen und öffentliche Konzerte angedacht werden. Doch Josi hat nun einen Agenten, Harold Holt, und der hält es für klüger, damit noch ein wenig zu warten.

Das Jahr schreitet voran. Noch einmal Knokke. Schon wirft der Krieg seine Schatten voraus, der Kurs wird im August hastig abgebrochen. Im Lauf der nächsten Monate ändert sich Josis Welt dramatisch. Das Haus, das er einst in Warschau bewohnt hat, wird Teil des jüdischen Ghettos. Sein einstiger Mitschüler, Quartettpartner und inzwischen auch Schwager Daniel Krakowski verlässt es nur noch für die Gaskammern Treblinkas. Josis Geschwister? Von Malka keine Spur. Von Judyta und Lejb wissen wir nur, dass sie nach Suwałki zurückkehren. Und dass dort die jüdische Bevölkerung in den Wald getrieben und erschossen wird. Carl Flesch tritt im Frühjahr 1940 in den noch neutralen Niederlanden auf – und sitzt in der Falle, als am 10. Mai die Deutschen einmarschieren. Zweimal wird er verhaftet, kommt aber dank Wilhelm Furtwänglers Fürsprache frei. Er kann über Ungarn in die Schweiz fliehen und unterrichtet bis zu seinem Tod 1944 in Luzern. Nach London kehrt er nicht zurück. Weil auch England sich alles andere als sicher anfühlt, wandert Leon Gildesgame nach Amerika aus. Harold Holt versucht, auch Josi in die USA zu bringen, doch der Plan verläuft im Sand. Ab Herbst regnen deutsche Bomben auf London. Josi weigert sich, unterirdisch Schutz zu suchen: Ihm graut davor, unter Trümmern eingeschlossen zu werden.

Obwohl ringsum die Welt in Chaos und Gewalt versinkt, beginnt jetzt endlich Josis öffentliche Karriere – in der Wigmore Hall findet am 3. April, so die Anzeige, das „First Recital of/ Josef Hassid/ Polish Boy Violinist“ statt. Am Flügel sitzt niemand Geringeres als Gerald Moore. In der letzten Generation, so der Rezensent der „Times“, hätte ein technisch vernünft iger Bach schon als Wunder gegolten, heute komme es auf Kontraste, Phrasierung, Polyfonie an. Hier zeige „Mr. Hassid Vorstellungskraft und musikalische Einsicht“. Ein Lob, aber keine Hymne. Gerald Moore wird stärkere Worte fi nden, etwa 1973 in einem „Gramophone“-Interview: „das größte Instrumentalgenie, mit dem ich je gespielt habe“. Josi verfüge über „technische Perfektion, fabelhaft e Intonation, großartigen Klang – aber da war noch etwas Unfassliches, eine metaphysische Qualität“. Einen ähnlich starken Eindruck macht auf Moore nur Dietrich Fischer-Dieskau.

Drei Wochen nach dem Wigmore Hall-Auft ritt folgt Josis Orchester-Debüt: Tschaikowskis Violinkonzert mit dem London Philharmonic Orchestra unter Grzegorz Fitelberg. Eigentlich hätte Ida Haendel dieses Konzert spielen sollen (Holt managte beide Wunderkinder). Sie erfuhr von der Besetzungsänderung recht stillos aus der Zeitung, ging aber dennoch in die Queen’s Hall – und war hinterher, erzählt sie in ihrer Autobiografi e, überrascht von den eher lauwarmen Kritiken. Das von Musikerkollegen kolportierte fabelhaft e Können kann Josi der Presse offenbar nicht recht vermitteln.

Im Juni und November dieses Jahres finden auch vier Aufnahmesitzungen statt, versehen von Produzenten-Legende Walter Legge – eine weitere Stimme im Chor der Josi-Überzeugten. 29 Minuten Musik: eine schmale Zahl von Genre-Stücken, die dennoch eine Ahnung vermitteln von Hassids schier atemraubender Fingerfertigkeit und geschmeidigen Musikalität. Eine Ahnung davon, was hätte sein können. Unbezahlbar sind die Einspielungen, weil Josi insgesamt nur fünf (!) öffentliche Konzerte gibt.

Elizabeth Lockhart zieht nach Cambridge. Josi besucht sie dort heimlich, hält um ihre Hand an. Stattdessen zerbricht die Beziehung. Und da geht Josi verloren. Im Februar bemerkt sein Vater „einen völligen Geisteswandel. Er geriet ganz aus der Fassung ... begann, zu seltsamen Zeiten in Abendkleidung durch die Straßen zu streifen. Er attackierte mich. Er schimpft e auf die Juden, stritt ab, dass er selbst einer sei. Er stand vor dem Spiegel, schnitt allerlei Grimassen, lachte zur Unzeit laut auf. Er zog sich viele Male am Tag um. Er behauptete, seine Aufnahmen stammten nicht von ihm.“ Als Josi am 1. März Brahms’ Violinkonzert mit dem (nach seinem Dirigenten benannten) Sydney Beer Orchestra spielt, will sein Vater nicht hingehen, weil Josi die Geige seit Wochen nicht angerührt hat. Was in dem Konzert tatsächlich passiert, ist schwer nachzuvollziehen. Der „Daily Telegraph“ würdigte Technik und Intonation, während die „Times“ Josis Leistung als „kaum mehr als das Spiel eines braven Schülers“ abtut – der seine Noten vergisst. Was der Violinist Yfrah Neaman berichtet – Josi habe derart den Faden verloren, dass er von der Bühne geführt werden musste – bestätigen die Zeitungen indes nicht.

Am 2. März dann das letzte Konzert. Noch einmal spielt Josi den Brahms, für die Liverpool Philharmonic Society. Und hier, fern der Hauptstadt, steht endlich eine Hymne in der Zeitung. Aber aufbauen kann er darauf nicht mehr. Am 19. Juni wird er ins Saint Andrews Hospital in Northhampton eingewiesen: Schizophrenie. Als er fast ein Jahr, 60 Insulin-Komas und 25 Elektroschock-Sitzungen später zurück in die Obhut seines Vaters entlassen wird, kann er noch immer spielen wie fast kein Zweiter. Im November berichtet Jehoschua, wie Josi „Sonaten mit der Gabe und Technik eines Virtuosen spielte. Jeder bewunderte ihn, weil er fast zwei Jahre nicht geübt hatte. Doch nach mehreren solcher Gelegenheiten gab er die Geige seinem Besitzer zurück, brach den Bogen in Stücke, sammelte all seine Sachen zusammen und warf sie in den Fluss“. Mitte Dezember geht es nicht mehr, Josi muss zurück in die Psychiatrie. Im Dezember 1943 verliert er seinen Vater an ein Krebsleiden. Josi bleibt noch sieben Jahre im Long Grove Hospital im Süden Londons. Dann bohrt man ihm beide Schläfen auf, für eine Lobotomie. Die brutale Prozedur beschert dem einstigen Wunderkind eine Hirnhautentzündung – Josef Hassid stirbt am 7. November 1950.