Die Cello-Ikone
Er war und blieb ein Vorbild, verehrt wegen seines bahnbrechenden Cellospiels, hochgeachtet in seinem Bemühen um Menschlichkeit. Vor 50 Jahren verstarb Pablo Casals in Puerto in Rico.

Wie Yehudi Menuhin verkörperte Pablo Casals universales Künstlertum, er war ein einzigartiges Phänomen. Seine zahlreichen Aufnahmen, die ältesten sind vor über 100 Jahren entstanden, sind in ihrem Wesenskern nicht gealtert. Immer noch sind sie aktuell, weil ihre musikalische Botschaft so authentisch und zeitlos ist. In besonderer Weise trifft dies auf die legendäre erste Gesamtaufnahme von Bachs Cellosuiten zu, die zwischen 1936 und 1939 in London und Paris entstand. Sie erschien bereits mehrfach unter dem EMI-Label in den historischen Reihen und ist jetzt Teil der aktuellen Edition „Pablo Casals – The Complete HMV Recordings 1926–1955“ von Warner. Casals brachte Bachs Cellosuiten aus dem Studierzimmer in die Konzertsäle, mit ihm wurde ein neues Kapitel der Bach-Rezeption aufgeschlagen. Für heutige Ohren mag bei Casals so manches unorthodox klingen und nach „historisch informierten“ Maßstäben völlig antiquiert erscheinen. Was dieser Interpretation Zeitlosigkeit verleiht, ist der unbedingte, ganz von innen kommende Ausdruckswille, mit dem Casals Bachs Musik „zur Sprache“ bringt, glaubhaft und echt.
Es gibt eine Reihe weiterer Casals- Highlights, die nie aus dem Blickfeld geraten sind. Brahms’ Doppelkonzert op. 102 (mit dem französischen Geiger Jacques Thibaud) oder das Dvořák-Konzert in der legendären Aufnahme mit der Tschechischen Philharmonie unter der Leitung von George Szell sind „Klassiker“. Sie zeigen Casals im Zenit seines instrumentalen Könnens. Sein kerniger, manchmal knorriger Ton und seine hochentwickelte Technik müssen damals geradezu aufregend gewirkt haben. Zum eisernen Bestand der Casals-Diskografie gehören die Klaviertrios, die er mit Alfred Cortot und Jacques Thibaud in den 1920er Jahren für „His Masters Voice“ (HMV) einspielte. Das Trio Cortot/ Thibaud/Casals stellte das wegweisende Vorbild einer aus drei Solisten bestehenden Klaviertrio-Formation dar, dem später immer wieder prominente Interpreten nacheiferten wie Rubinstein/ Heifetz/Piatigorsky, das berühmte „Million Dollar Trio“, von dem eine ähnliche Faszination ausging. Die Edition „The Philips Legacy“ (Decca/ Australian Eloquence) dokumentiert den späten Casals in Aufnahmen von 1956 bis 1961, überwiegend in Kammermusik von Beethoven. Manuelle Beeinträchtigungen bei Casals sind hier spürbar, ungebrochen geblieben ist sein Ausdruckwille.
Als „Fremdlabel“ hat sich besonders Naxos um das diskografische Erbe von Pablo Casals verdient gemacht. Es waren die renommierten Klangtüftler Ward Marston und Mark Obert-Thorn Schon, die klanglich hervorragende digitale Versionen auch ältester Aufnahmen mit Casals erstellt haben. In der Reihe „Great Cellists“ findet man unter anderem die Einspielungen der Bachsuiten, der Konzerte von Elgar und Dvořák sowie der Cellosonaten von Beethoven mit Otto Schulhof.
Von besonderem Interesse sind fünf CDs mit „Encores and Transcriptions“, aufgenommen zwischen 1915 und 1930. Seinen Geigerkollegen nacheifernd, spielte Casals gern romantische Miniaturen und effektvolle Zugaben, „leichteres“ Repertoires, das zudem mit den begrenzten Spielzeiten der Schellack-Platten kompatibel war. Sie werden unter Casals’ Händen zu Schmuckstückchen, jedem ist sein Charakter aufgeprägt. Man erhält einen Eindruck, wie Casals als junger Mann im Vollbesitz seiner instrumentalen Fähigkeiten Cello spielte. Volume I der Reihe vereint sämtliche akustischen Aufnahmen von 1915/16 für die amerikanische Columbia, es sind die ersten Schallplattenaufnahmen des Cellisten.
Pablo Casals, auch „Pau“ genannt, wurde am 29. Dezember 1876 im katalanischen El Vendrell geboren, als Sohn eines Kantors und Organisten. Sein Instrument, das Cello, entdeckte er bei einem Konzert auf dem Marktplatz. „Der Celloklang hatte etwas so Zartes, Schönes, Menschliches. Nie zuvor hatte ich solch einen Ton vernommen“, erinnerte er sich später. Casals begann ein Studium an der Städtischen Musikschule von Barcelona und spielte bald im berühmtesten Café der Stadt. Weitere Studien führten ihn nach Madrid, Königin Marie-Christina gewährte ihm ein Stipendium. Auch Selbstzweifel und Depressionen konnten ihn nicht von seinem Weg abbringen. Mit 20 wurde er Professor an der Musikschule in Barcelona, 1899 gelang dem jungen Casals in Paris als Solist im ersten Cellokonzert von Saint-Saens schließlich der Durchbruch.
Die 1930er-Jahre brachten zusätzliche Bewegung in das Künstlerleben des weltweit konzertierenden Cellisten. Casals wurde unversehens zu einem politisch handelnden Menschen, als das Regime General Francos sein Heimatland mit Gewalt und Krieg überzog. Als sich Franco 1939 zum Sieger des Spanischen Bürgerkrieges erklärte, ging Casals ins Exil nach Prades, einer kleinen Stadt in den französischen Pyrenäen, fest entschlossen, solange die Faschisten in Spanien an der Macht waren, nie mehr öffentlich aufzutreten in Ländern, die das Franco-Regime anerkannten. 1950 gründete er in Prades ein Kammermusikfestival und lud berühmte Musikerfreunde ein. Im Laufe der Jahre kamen sie alle, etwa Isaac Stern, David Oistrach, Yehudi Menuhin, Rudolf Serkin, Wilhelm Kempff und Mieczysław Horszowski. Vom Festival in Prades existieren viele eindrucksvolle Aufnahmen.
Casals war zu einer Symbolfigur im Kampf für Gerechtigkeit und Frieden geworden. Seine Waffen waren das Cello und der Dirigentenstab, auch das klug gewählte Wort. Er gab zahllose Benefizkonzerte, organisierte Sammelaktionen. Mit seinem im Exil komponierten Oratorium „El Pesebre“ (Die Krippe) startete er einen „Kreuzzug für den Frieden“. Casals hatte das politische Parkett betreten, er sprach und musizierte vor den Vereinten Nationen. Er wurde für den Friedensnobelpreis nominiert, Präsident John F. Kennedy verlieh ihm die Freiheitsmedaille der Vereinigten Staaten. Auf einer Columbia-Langspielplatte erschien der Mitschnitt eines Konzertes, das Casals mit Alexander Schneider und Mieczysław Horszowski auf Einladung des amerikanischen Präsidenten am 13. November 1961 im Weißen Haus gab. Ein besonders bewegender Augenblick: der 85-jährige Pablo Casals und Mieczysław Horszowski spielen die katalanische Volksweise „El cant dels ocells“ (Der Gesang der Vögel) als Zugabe. Dieses Tondokument war auch in der historisch wertvollen limitierten Edition „Th e Original Jacket Collection“ (2010) von Sony Classical enthalten.
„Am liebsten dirigiere ich“, sagte Casals einmal. Immer wieder griff er zum Dirigentenstab, besonders gern auf seinen Festivals in Prades, Perpignan oder Puerto Rico. Auch der Dirigent Pablo Casals ist vielfach auf Schallplatte dokumentiert. So entstand etwa im Juli 1964 unter seiner Stabführung eine Gesamtaufnahme der Brandenburgischen Konzerte von Johann Sebastian Bach beim Marlboro Music Festival in Vermont. Hier ist der vollgriffige Bachstil der 1960er-Jahre dokumentiert, spontan, groß im Klang, forsch in den Tempi. Und es wird noch einmal deutlich, welch ein Urmusikant Pablo Casals war.
Unvergessen und in die Geschichtsbücher eingegangen sind die Bilder des greisen Pablo Casals, wie er mit der Pfeife im Mundwinkel gutmütig und eins mit sich selbst in die Welt schaute, die er am 22. Oktober 1973 im biblischen Alter von 96 Jahren verließ. Die letzten Jahre hatte er zurückgezogen mit seiner zweiten Frau Marta in deren Heimat Puerto Rico gelebt. Und kein Tag verging, an dem er sich nicht ans Klavier setzte, um ein wenig Bach zu spielen. 1979, nachdem in Spanien wieder Demokratie herrschte, wurde sein Leichnam auf den Friedhof seines Geburtsortes El Vendrell überführt.
Wie Yehudi Menuhin verkörperte Pablo Casals universales Künstlertum, er war ein einzigartiges Phänomen. Seine zahlreichen Aufnahmen, die ältesten sind vor über 100 Jahren entstanden, sind in ihrem Wesenskern nicht gealtert. Immer noch sind sie aktuell, weil ihre musikalische Botschaft so authentisch und zeitlos ist. In besonderer Weise trifft dies auf die legendäre erste Gesamtaufnahme von Bachs Cellosuiten zu, die zwischen 1936 und 1939 in London und Paris entstand. Sie erschien bereits mehrfach unter dem EMI-Label in den historischen Reihen und ist jetzt Teil der aktuellen Edition „Pablo Casals – The Complete HMV Recordings 1926–1955“ von Warner. Casals brachte Bachs Cellosuiten aus dem Studierzimmer in die Konzertsäle, mit ihm wurde ein neues Kapitel der Bach-Rezeption aufgeschlagen. Für heutige Ohren mag bei Casals so manches unorthodox klingen und nach „historisch informierten“ Maßstäben völlig antiquiert erscheinen. Was dieser Interpretation Zeitlosigkeit verleiht, ist der unbedingte, ganz von innen kommende Ausdruckswille, mit dem Casals Bachs Musik „zur Sprache“ bringt, glaubhaft und echt.
Es gibt eine Reihe weiterer Casals- Highlights, die nie aus dem Blickfeld geraten sind. Brahms’ Doppelkonzert op. 102 (mit dem französischen Geiger Jacques Thibaud) oder das Dvořák-Konzert in der legendären Aufnahme mit der Tschechischen Philharmonie unter der Leitung von George Szell sind „Klassiker“. Sie zeigen Casals im Zenit seines instrumentalen Könnens. Sein kerniger, manchmal knorriger Ton und seine hochentwickelte Technik müssen damals geradezu aufregend gewirkt haben. Zum eisernen Bestand der Casals-Diskografie gehören die Klaviertrios, die er mit Alfred Cortot und Jacques Thibaud in den 1920er Jahren für „His Masters Voice“ (HMV) einspielte. Das Trio Cortot/ Thibaud/Casals stellte das wegweisende Vorbild einer aus drei Solisten bestehenden Klaviertrio-Formation dar, dem später immer wieder prominente Interpreten nacheiferten wie Rubinstein/ Heifetz/Piatigorsky, das berühmte „Million Dollar Trio“, von dem eine ähnliche Faszination ausging. Die Edition „The Philips Legacy“ (Decca/ Australian Eloquence) dokumentiert den späten Casals in Aufnahmen von 1956 bis 1961, überwiegend in Kammermusik von Beethoven. Manuelle Beeinträchtigungen bei Casals sind hier spürbar, ungebrochen geblieben ist sein Ausdruckwille.
Als „Fremdlabel“ hat sich besonders Naxos um das diskografische Erbe von Pablo Casals verdient gemacht. Es waren die renommierten Klangtüftler Ward Marston und Mark Obert-Thorn Schon, die klanglich hervorragende digitale Versionen auch ältester Aufnahmen mit Casals erstellt haben. In der Reihe „Great Cellists“ findet man unter anderem die Einspielungen der Bachsuiten, der Konzerte von Elgar und Dvořák sowie der Cellosonaten von Beethoven mit Otto Schulhof.
Von besonderem Interesse sind fünf CDs mit „Encores and Transcriptions“, aufgenommen zwischen 1915 und 1930. Seinen Geigerkollegen nacheifernd, spielte Casals gern romantische Miniaturen und effektvolle Zugaben, „leichteres“ Repertoires, das zudem mit den begrenzten Spielzeiten der Schellack-Platten kompatibel war. Sie werden unter Casals’ Händen zu Schmuckstückchen, jedem ist sein Charakter aufgeprägt. Man erhält einen Eindruck, wie Casals als junger Mann im Vollbesitz seiner instrumentalen Fähigkeiten Cello spielte. Volume I der Reihe vereint sämtliche akustischen Aufnahmen von 1915/16 für die amerikanische Columbia, es sind die ersten Schallplattenaufnahmen des Cellisten.
Pablo Casals, auch „Pau“ genannt, wurde am 29. Dezember 1876 im katalanischen El Vendrell geboren, als Sohn eines Kantors und Organisten. Sein Instrument, das Cello, entdeckte er bei einem Konzert auf dem Marktplatz. „Der Celloklang hatte etwas so Zartes, Schönes, Menschliches. Nie zuvor hatte ich solch einen Ton vernommen“, erinnerte er sich später. Casals begann ein Studium an der Städtischen Musikschule von Barcelona und spielte bald im berühmtesten Café der Stadt. Weitere Studien führten ihn nach Madrid, Königin Marie-Christina gewährte ihm ein Stipendium. Auch Selbstzweifel und Depressionen konnten ihn nicht von seinem Weg abbringen. Mit 20 wurde er Professor an der Musikschule in Barcelona, 1899 gelang dem jungen Casals in Paris als Solist im ersten Cellokonzert von Saint-Saens schließlich der Durchbruch.
Die 1930er-Jahre brachten zusätzliche Bewegung in das Künstlerleben des weltweit konzertierenden Cellisten. Casals wurde unversehens zu einem politisch handelnden Menschen, als das Regime General Francos sein Heimatland mit Gewalt und Krieg überzog. Als sich Franco 1939 zum Sieger des Spanischen Bürgerkrieges erklärte, ging Casals ins Exil nach Prades, einer kleinen Stadt in den französischen Pyrenäen, fest entschlossen, solange die Faschisten in Spanien an der Macht waren, nie mehr öffentlich aufzutreten in Ländern, die das Franco-Regime anerkannten. 1950 gründete er in Prades ein Kammermusikfestival und lud berühmte Musikerfreunde ein. Im Laufe der Jahre kamen sie alle, etwa Isaac Stern, David Oistrach, Yehudi Menuhin, Rudolf Serkin, Wilhelm Kempff und Mieczysław Horszowski. Vom Festival in Prades existieren viele eindrucksvolle Aufnahmen.
Casals war zu einer Symbolfigur im Kampf für Gerechtigkeit und Frieden geworden. Seine Waffen waren das Cello und der Dirigentenstab, auch das klug gewählte Wort. Er gab zahllose Benefizkonzerte, organisierte Sammelaktionen. Mit seinem im Exil komponierten Oratorium „El Pesebre“ (Die Krippe) startete er einen „Kreuzzug für den Frieden“. Casals hatte das politische Parkett betreten, er sprach und musizierte vor den Vereinten Nationen. Er wurde für den Friedensnobelpreis nominiert, Präsident John F. Kennedy verlieh ihm die Freiheitsmedaille der Vereinigten Staaten. Auf einer Columbia-Langspielplatte erschien der Mitschnitt eines Konzertes, das Casals mit Alexander Schneider und Mieczysław Horszowski auf Einladung des amerikanischen Präsidenten am 13. November 1961 im Weißen Haus gab. Ein besonders bewegender Augenblick: der 85-jährige Pablo Casals und Mieczysław Horszowski spielen die katalanische Volksweise „El cant dels ocells“ (Der Gesang der Vögel) als Zugabe. Dieses Tondokument war auch in der historisch wertvollen limitierten Edition „Th e Original Jacket Collection“ (2010) von Sony Classical enthalten.
„Am liebsten dirigiere ich“, sagte Casals einmal. Immer wieder griff er zum Dirigentenstab, besonders gern auf seinen Festivals in Prades, Perpignan oder Puerto Rico. Auch der Dirigent Pablo Casals ist vielfach auf Schallplatte dokumentiert. So entstand etwa im Juli 1964 unter seiner Stabführung eine Gesamtaufnahme der Brandenburgischen Konzerte von Johann Sebastian Bach beim Marlboro Music Festival in Vermont. Hier ist der vollgriffige Bachstil der 1960er-Jahre dokumentiert, spontan, groß im Klang, forsch in den Tempi. Und es wird noch einmal deutlich, welch ein Urmusikant Pablo Casals war.
Unvergessen und in die Geschichtsbücher eingegangen sind die Bilder des greisen Pablo Casals, wie er mit der Pfeife im Mundwinkel gutmütig und eins mit sich selbst in die Welt schaute, die er am 22. Oktober 1973 im biblischen Alter von 96 Jahren verließ. Die letzten Jahre hatte er zurückgezogen mit seiner zweiten Frau Marta in deren Heimat Puerto Rico gelebt. Und kein Tag verging, an dem er sich nicht ans Klavier setzte, um ein wenig Bach zu spielen. 1979, nachdem in Spanien wieder Demokratie herrschte, wurde sein Leichnam auf den Friedhof seines Geburtsortes El Vendrell überführt.



