Der letzte Wiener Klassiker
Als letzter Schüler Joseph Haydns prägte Sigismund von Neukomm das Musikleben bis weit ins 19. Jahrhunderts hinein: als Komponist, Pianist und Diplomat auf drei Kontinenten.

„Sie sind mein Vater und der Schöpfer meines Glückes. Wie sehr beneide ich Wien um das Glück, Sie in seinen Mauern zu besitzen! Wie sehne ich mich oft, Sie, theuerster Papa, nur eine Stunde lang zu sehen. Soll mir denn diese Seligkeit nicht bald zuteil werden? Lassen Sie mich doch von Zeit zu Zeit etwas von Ihrem Wohlbefinden wissen und niemand wird glücklicher sein, als Ihr ewig dankbarer Zögling Neukomm.“
Sigismund Neukomms freundschaftliche Verbundenheit mit seinem verehrten Lehrer Joseph Haydn spürt man in jeder dieser tief empfundenen Zeilen. Neukomm, am 10. Juli 1778 in der Salzburger Getreidegasse (gegenüber dem Geburtshaus Mozarts!) geboren, wurde auf Empfehlung Michael Haydns 1797 in Wien Joseph Haydns Schüler. Ende 1808 besucht der weit gereiste Neukomm sein großes, hoch geschätztes Idol Haydn ein letztes Mal in Wien.
Im darauffolgenden Jahr lässt er sich in Paris nieder und findet hier erstaunlich schnell Zugang in die höchsten Kreise der Gesellschaft. So betont Neukomm immer wieder das enge, vertrauensvolle und geradezu freundschaftliche Verhältnis zu Charles-Maurice de Talleyrand, einem der wohl bedeutendsten französischen Staatsmänner dieser Epoche. „Ich hatte das Glück, von der Prinzessin Vaudemont dem Prinzen Talleyrand vorgestellt zu werden, der mir in der Folge ein ergebener Freund wurde. Bei ihm erhielt ich mehr als 20 Jahre Kost und Logis, was mich aber nicht hinderte, während dieser Zeit verschiedene Reisen zu machen. Sein Palais war Sammelpunkt aller hervorragenden Persönlichkeiten.“
1814 begleitet Neukomm seinen großen Gönner, nun französischer Außenminister, zum Wiener Kongress, später folgt er ihm nach London, immer im Windschatten dieses einflussreichen Diplomaten. Neukomm genießt die gesellschaftliche Anerkennung und die Gunst hochrangiger Freunde: „Ich kam am 23. Oktober (1821) in Paris an, wo ich vom Prinzen Talleyrand und meinen anderen Freunden mit dem gewohnten Wohlwollen empfangen wurde. Kurze Zeit darauf stellte mich meine Gönnerin, die Prinzessin von Vaudemont, dem Herzog von Orléans vor, der später König der Franzosen wurde. Ich wurde von dieser edlen Familie mit eben soviel Wohlwollen aufgenommen, als ob ich ein Mitglied ihres engsten Kreises wäre.“
Man kann nur staunen, wie es Neukomm immer wieder gelingt, das Vertrauen, den Respekt und nicht zuletzt die Freundschaft höchst einflussreicher Fürsten zu gewinnen. Eine schicksalshafte Fügung ergibt sich dann im Jahre 1816. Für Neukomm eine einmalige Gelegenheit: Er kann, wohl auf Vorschlag Talleyrands, den Herzog von Luxemburg nach Brasilien begleiten. Der hochrangige Diplomat ist als außerordentlicher Gesandter Ludwigs XVIII. beauftragt, dem portugiesischen König Johann VI. die Glückwünsche zur Thronbesteigung zu überbringen. Die historische Situation ist bizarr, aber schnell umrissen: 1806 stellt Napoleon Portugal ein Ultimatum. Das Land solle den Briten unverzüglich den Krieg erklären, anderenfalls würde Frankreich in Portugal einmarschieren. Portugal sieht sich in einer äußert misslichen Lage, hält aber letztlich an der bewährten Bündnistreue zu Großbritannien fest. Daraufhin trifft im November 1807 ein britisches Marine-Geschwader im Hafen von Lissabon ein, mit dem Auftrag, die königliche Familie samt Hofstaat und Verwaltungsapparat nach Brasilien zu eskortieren. Nachdem Königin Maria, Johanns kranke Mutter, gestorben war, kann Johann VI. in Rio de Janeiro den Thron besteigen. Am 6. Februar 1818 wird er schließlich zum König von Brasilien und Portugal gekrönt.
Und wieder ist es ein Empfehlungsschreiben Talleyrands, das Neukomm nun auch die Türen der prächtigen Palais in Rio öffnet. Neukomm erhält zudem eine gut dotierte Stellung am Hofe Johanns VI. und erteilt der Infantin Isabel Maria, dem Kronprinzen Pedro und dessen musikalisch hochgebildeten Gemahlin Erzherzogin Leopoldine, einer Tochter des österreichischen Kaiser Franz I., Unterricht: Musik und Französisch.
Neukomm ist glücklich und fühlt sich sichtlich wohl in Brasilien. Denn hier in diesem tropischen Paradies kann er auch seinen anderen Neigungen nachgehen: Botanik und Insektenkunde. Vor allem die bunten Schmetterlinge haben es ihm angetan. Auch von den komplexen Rhythmen der indigenen Völker ist Neukomm fasziniert. Doch bei all den exotischen Reizen, die die Neue Welt zu bieten hat, hält der Salzburger die Pflege von Mozarts und Haydns Werken auch hier in Rio für seine erste Pflicht. Am 21. Januar 1821, kurz vor seiner Rückkehr nach Europa, trägt Neukomm noch ein „Libera me“ in sein Werkverzeichnis ein. Dieses Responsorium ist nicht nur eine Reverenz an Wolfgang Amadé Mozart, sondern aus Neukomms Sicht auch eine notwendige liturgische Ergänzung zu Mozarts Requiem anlässlich einer Aufführung in Rio de Janeiro. Über eine höchst gelungene Aufführung des Mozart-Requiems im November 1819 durch den königlichen Kapellmeister Joze-Mauricio Garcia berichtet Neukomm selbst: „Die Aufführung des Mozartischen Meisterwerkes ließ nichts zu wünschen übrig; alle Talente wetteiferten, um den genialen Fremdling Mozart in dieser neuen Welt würdig zu empfangen. Dieser erste Versuch ist in jeder Hinsicht so gut gelungen, dass er hoffentlich nicht der letzte sein wird.“

Neukomms Mission in der Neuen Welt ist damit erfüllt. Nun sind die Werke seiner Hausgötter Haydn und Mozart endlich auch in der tropisch-exotischen Welt Brasiliens angekommen. Doch nicht nur die politischen Verhältnisse, die 1822 zur Gründung des Kaiserreichs Brasilien führen sollten, sondern auch „ein Anfall von Lungenschwindsucht“ veranlassen Neukomm schließlich zur Rückkehr nach Europa. Die stürmische Überfahrt über den Atlantik in 92 Tagen erweist sich dabei als ziemlich abenteuerlich: „Unser Schiff war in einem so schlechten Zustand, daß der Marine-Kommissär auf das wiederholte Bitten der Matrosen erklärte, es unfähig sei, die hohe See auszuhalten.“ Zweifellos sieht sich der Haydn- Schüler Neukomm ein Leben lang der Ästhetik der Wiener Tradition verpflichtet. Insbesondere in einer Zeit, in der sich gerade erst ein musikhistorisches Bewusstsein ausbildet, spürt Neukomm geradezu eine persönliche Verantwortung, die Werte der sogenannten „Wiener Klassik“ hochzuhalten. Immer enger verschränkt er nun seine politischen, von der Restauration geprägten Ideale mit musikästhetischen Konzepten, die rückwärtsgewandt oder zumindest klassizistisch ausgerichtet sind. Insofern entspricht seine Haltung einer Position, die besonders von den reaktionären Musikpublizisten der Leipziger „Allgemeinen musikalischen Zeitung“ vertreten werden. So betont der Göttinger Philosophieprofessor Amadeus Wendt dabei immer wieder die Notwendigkeit einer Kanonisierung der Wiener Schule: „Es ist aber unmöglich von der musikalischen Gegenwart zu sprechen, ohne auf die sogenannte classische Periode und die Coryphäen zurückzugehen, durch welche sie vorbereitet worden ist. Hier leuchtet uns das Kleeblatt: Haydn, Mozart, Beethoven entgegen.“
Spätestens ab den 1830er-Jahren nimmt Neukomm die Gegenwart zunehmend als Zeit des musikalischen Niedergangs wahr. Es schien, als könne die zeitgenössische Musik angesichts der großen „classischen“ Vergangenheit nur einen Rückschritt darstellen. So wird auch in der Publizistik der Begriff der „Wiener Klassik“ nicht nur als ästhetisches Idealbild, sondern auch als wirkmächtiger Kampfbegriff entwickelt, der dazu geeignet erschien, die zeitgenössische Musik nachhaltig zu diskreditieren.
Es liegt nahe, dass Neukomms musikalische Ästhetik, sein ausgeprägtes Sendungsbewusstsein und sein leidenschaftliches Bekenntnis zu Haydn und Mozart insbesondere in Kreisen eines reaktionären Bürgertums regen Zuspruch fanden. Wie sehr die öffentliche Musikpflege darauf ausgerichtet war, in repräsentativen Veranstaltungen kollektive nationale Identitäten zu fördern, wird deutlich an Neukomms Teilnahme an paraliturgisch inszenierten Festakten wie der feierlichen Enthüllung des Gutenberg-Denkmals in Mainz im Jahre 1837 oder der in Anwesenheit der Mozartsöhne Franz Xaver und Carl Thomas am 5. September 1842 umjubelten Enthüllung des Salzburger Mozart-Denkmals.
Das Lob der Kunst glich hier tatsächlich einem sakralen Ereignis, ja einem wahren Gottesdienst. Und man kann sich gut vorstellen, wie Neukomm standesbewusst in einer portugiesischen, von zahlreichen Orden geschmückten Uniform die Festrede hielt: „Seit mehr als einem halben Jahrhundert ist Mozarts Name ein europäischer geworden. So wie Rafael Sanzio, wurde Mozart in der Blüthe seines schönen Kunstlebens dahingerafft. Ueber Rafaels frühes Grab weinte sein kunstliebendes friedliches Zeitalter; aber Mozarts Leichenfackeln waren brennende Städte und sein Grabgesang das Angstgeheul einer durch böse zerstörende Umtriebe erschütterten Welt, und so verschwand der arme Sänger spurlos.
– Spurlos? Nein! Seine Zauberklänge tönten tröstlich fort und fort bis zu uns herüber in glückliche Zeiten langen Friedens, denen es endlich möglich ward das Andenken Mozarts durch ein würdiges Denkmal zu ehren. Von seiner Vaterstadt aus erging ein Aufruf an die ganze gebildete Welt, und Deutschland, so weit die deutsche Zunge reicht, und Böhmen, Ungarn, Galizien, Dänemark, Schweden und die Schweiz antworteten freundlich auf diesen Ruf, und so gelang es den vereinten wohlgeordneten Kräften, unterstützt von allgemein verehrten Künstlerhänden Mozarts Denkmal der Nachwelt zu überliefern. Aber nicht uns, Herr! nicht uns, sondern Deinem heiligen Namen allein gebührt Ehre und Ruhm! Dank sei Dir, von dem alles Gute kommt, daß Du diesen herrlichen Genius schufest. Es falle die Hülle und Mozarts Bild strahle fort, ehrend und geehrt bis in die spätesten Zeiten.“
Neukomms internationale Reputation als letzter noch lebender Vertreter der klassischen Wiener Schule spiegelt sich auch in zahlreichen, zum Teil höchst bedeutsamen Auszeichnungen. So ernennt ihn der französische König Ludwig XVIII. zum Ritter der Ehrenlegion, ein Titel übrigens, den Neukomm selbstbewusst auf die Titelblätter seiner Kompositionen drucken lässt. Zudem wird Neukomm Mitglied der Philharmonischen Gesellschaft Sankt Petersburg und der Königlich Schwedischen Musikakademie in Stockholm. Die Universität Dublin ernennt ihn zum Ehrendoktor, die Gesellschaft der Musikfreunde in Wien zum Ehrenmitglied.
Das Prädikat „weltberühmt“ verdient Neukomm insofern, als er sich nach seiner erfolgreichen Mission in Südamerika im Dezember 1834 auch noch als musikalischer Botschaft er zur nordafrikanischen Küste und nach Algier aufmacht. Damit ist er wohl der erste Musiker, der seinen künstlerischen Wirkungskreis auf drei Kontinente ausdehnen kann. Am 3. April 1858 stirbt Sigismund Ritter von Neukomm in seinem 80. Lebensjahr.
„Sie sind mein Vater und der Schöpfer meines Glückes. Wie sehr beneide ich Wien um das Glück, Sie in seinen Mauern zu besitzen! Wie sehne ich mich oft, Sie, theuerster Papa, nur eine Stunde lang zu sehen. Soll mir denn diese Seligkeit nicht bald zuteil werden? Lassen Sie mich doch von Zeit zu Zeit etwas von Ihrem Wohlbefinden wissen und niemand wird glücklicher sein, als Ihr ewig dankbarer Zögling Neukomm.“
Sigismund Neukomms freundschaftliche Verbundenheit mit seinem verehrten Lehrer Joseph Haydn spürt man in jeder dieser tief empfundenen Zeilen. Neukomm, am 10. Juli 1778 in der Salzburger Getreidegasse (gegenüber dem Geburtshaus Mozarts!) geboren, wurde auf Empfehlung Michael Haydns 1797 in Wien Joseph Haydns Schüler. Ende 1808 besucht der weit gereiste Neukomm sein großes, hoch geschätztes Idol Haydn ein letztes Mal in Wien.
Im darauffolgenden Jahr lässt er sich in Paris nieder und findet hier erstaunlich schnell Zugang in die höchsten Kreise der Gesellschaft. So betont Neukomm immer wieder das enge, vertrauensvolle und geradezu freundschaftliche Verhältnis zu Charles-Maurice de Talleyrand, einem der wohl bedeutendsten französischen Staatsmänner dieser Epoche. „Ich hatte das Glück, von der Prinzessin Vaudemont dem Prinzen Talleyrand vorgestellt zu werden, der mir in der Folge ein ergebener Freund wurde. Bei ihm erhielt ich mehr als 20 Jahre Kost und Logis, was mich aber nicht hinderte, während dieser Zeit verschiedene Reisen zu machen. Sein Palais war Sammelpunkt aller hervorragenden Persönlichkeiten.“
1814 begleitet Neukomm seinen großen Gönner, nun französischer Außenminister, zum Wiener Kongress, später folgt er ihm nach London, immer im Windschatten dieses einflussreichen Diplomaten. Neukomm genießt die gesellschaftliche Anerkennung und die Gunst hochrangiger Freunde: „Ich kam am 23. Oktober (1821) in Paris an, wo ich vom Prinzen Talleyrand und meinen anderen Freunden mit dem gewohnten Wohlwollen empfangen wurde. Kurze Zeit darauf stellte mich meine Gönnerin, die Prinzessin von Vaudemont, dem Herzog von Orléans vor, der später König der Franzosen wurde. Ich wurde von dieser edlen Familie mit eben soviel Wohlwollen aufgenommen, als ob ich ein Mitglied ihres engsten Kreises wäre.“
Man kann nur staunen, wie es Neukomm immer wieder gelingt, das Vertrauen, den Respekt und nicht zuletzt die Freundschaft höchst einflussreicher Fürsten zu gewinnen. Eine schicksalshafte Fügung ergibt sich dann im Jahre 1816. Für Neukomm eine einmalige Gelegenheit: Er kann, wohl auf Vorschlag Talleyrands, den Herzog von Luxemburg nach Brasilien begleiten. Der hochrangige Diplomat ist als außerordentlicher Gesandter Ludwigs XVIII. beauftragt, dem portugiesischen König Johann VI. die Glückwünsche zur Thronbesteigung zu überbringen. Die historische Situation ist bizarr, aber schnell umrissen: 1806 stellt Napoleon Portugal ein Ultimatum. Das Land solle den Briten unverzüglich den Krieg erklären, anderenfalls würde Frankreich in Portugal einmarschieren. Portugal sieht sich in einer äußert misslichen Lage, hält aber letztlich an der bewährten Bündnistreue zu Großbritannien fest. Daraufhin trifft im November 1807 ein britisches Marine-Geschwader im Hafen von Lissabon ein, mit dem Auftrag, die königliche Familie samt Hofstaat und Verwaltungsapparat nach Brasilien zu eskortieren. Nachdem Königin Maria, Johanns kranke Mutter, gestorben war, kann Johann VI. in Rio de Janeiro den Thron besteigen. Am 6. Februar 1818 wird er schließlich zum König von Brasilien und Portugal gekrönt.
Und wieder ist es ein Empfehlungsschreiben Talleyrands, das Neukomm nun auch die Türen der prächtigen Palais in Rio öffnet. Neukomm erhält zudem eine gut dotierte Stellung am Hofe Johanns VI. und erteilt der Infantin Isabel Maria, dem Kronprinzen Pedro und dessen musikalisch hochgebildeten Gemahlin Erzherzogin Leopoldine, einer Tochter des österreichischen Kaiser Franz I., Unterricht: Musik und Französisch.
Neukomm ist glücklich und fühlt sich sichtlich wohl in Brasilien. Denn hier in diesem tropischen Paradies kann er auch seinen anderen Neigungen nachgehen: Botanik und Insektenkunde. Vor allem die bunten Schmetterlinge haben es ihm angetan. Auch von den komplexen Rhythmen der indigenen Völker ist Neukomm fasziniert. Doch bei all den exotischen Reizen, die die Neue Welt zu bieten hat, hält der Salzburger die Pflege von Mozarts und Haydns Werken auch hier in Rio für seine erste Pflicht. Am 21. Januar 1821, kurz vor seiner Rückkehr nach Europa, trägt Neukomm noch ein „Libera me“ in sein Werkverzeichnis ein. Dieses Responsorium ist nicht nur eine Reverenz an Wolfgang Amadé Mozart, sondern aus Neukomms Sicht auch eine notwendige liturgische Ergänzung zu Mozarts Requiem anlässlich einer Aufführung in Rio de Janeiro. Über eine höchst gelungene Aufführung des Mozart-Requiems im November 1819 durch den königlichen Kapellmeister Joze-Mauricio Garcia berichtet Neukomm selbst: „Die Aufführung des Mozartischen Meisterwerkes ließ nichts zu wünschen übrig; alle Talente wetteiferten, um den genialen Fremdling Mozart in dieser neuen Welt würdig zu empfangen. Dieser erste Versuch ist in jeder Hinsicht so gut gelungen, dass er hoffentlich nicht der letzte sein wird.“

Neukomms Mission in der Neuen Welt ist damit erfüllt. Nun sind die Werke seiner Hausgötter Haydn und Mozart endlich auch in der tropisch-exotischen Welt Brasiliens angekommen. Doch nicht nur die politischen Verhältnisse, die 1822 zur Gründung des Kaiserreichs Brasilien führen sollten, sondern auch „ein Anfall von Lungenschwindsucht“ veranlassen Neukomm schließlich zur Rückkehr nach Europa. Die stürmische Überfahrt über den Atlantik in 92 Tagen erweist sich dabei als ziemlich abenteuerlich: „Unser Schiff war in einem so schlechten Zustand, daß der Marine-Kommissär auf das wiederholte Bitten der Matrosen erklärte, es unfähig sei, die hohe See auszuhalten.“ Zweifellos sieht sich der Haydn- Schüler Neukomm ein Leben lang der Ästhetik der Wiener Tradition verpflichtet. Insbesondere in einer Zeit, in der sich gerade erst ein musikhistorisches Bewusstsein ausbildet, spürt Neukomm geradezu eine persönliche Verantwortung, die Werte der sogenannten „Wiener Klassik“ hochzuhalten. Immer enger verschränkt er nun seine politischen, von der Restauration geprägten Ideale mit musikästhetischen Konzepten, die rückwärtsgewandt oder zumindest klassizistisch ausgerichtet sind. Insofern entspricht seine Haltung einer Position, die besonders von den reaktionären Musikpublizisten der Leipziger „Allgemeinen musikalischen Zeitung“ vertreten werden. So betont der Göttinger Philosophieprofessor Amadeus Wendt dabei immer wieder die Notwendigkeit einer Kanonisierung der Wiener Schule: „Es ist aber unmöglich von der musikalischen Gegenwart zu sprechen, ohne auf die sogenannte classische Periode und die Coryphäen zurückzugehen, durch welche sie vorbereitet worden ist. Hier leuchtet uns das Kleeblatt: Haydn, Mozart, Beethoven entgegen.“
Spätestens ab den 1830er-Jahren nimmt Neukomm die Gegenwart zunehmend als Zeit des musikalischen Niedergangs wahr. Es schien, als könne die zeitgenössische Musik angesichts der großen „classischen“ Vergangenheit nur einen Rückschritt darstellen. So wird auch in der Publizistik der Begriff der „Wiener Klassik“ nicht nur als ästhetisches Idealbild, sondern auch als wirkmächtiger Kampfbegriff entwickelt, der dazu geeignet erschien, die zeitgenössische Musik nachhaltig zu diskreditieren.
Es liegt nahe, dass Neukomms musikalische Ästhetik, sein ausgeprägtes Sendungsbewusstsein und sein leidenschaftliches Bekenntnis zu Haydn und Mozart insbesondere in Kreisen eines reaktionären Bürgertums regen Zuspruch fanden. Wie sehr die öffentliche Musikpflege darauf ausgerichtet war, in repräsentativen Veranstaltungen kollektive nationale Identitäten zu fördern, wird deutlich an Neukomms Teilnahme an paraliturgisch inszenierten Festakten wie der feierlichen Enthüllung des Gutenberg-Denkmals in Mainz im Jahre 1837 oder der in Anwesenheit der Mozartsöhne Franz Xaver und Carl Thomas am 5. September 1842 umjubelten Enthüllung des Salzburger Mozart-Denkmals.
Das Lob der Kunst glich hier tatsächlich einem sakralen Ereignis, ja einem wahren Gottesdienst. Und man kann sich gut vorstellen, wie Neukomm standesbewusst in einer portugiesischen, von zahlreichen Orden geschmückten Uniform die Festrede hielt: „Seit mehr als einem halben Jahrhundert ist Mozarts Name ein europäischer geworden. So wie Rafael Sanzio, wurde Mozart in der Blüthe seines schönen Kunstlebens dahingerafft. Ueber Rafaels frühes Grab weinte sein kunstliebendes friedliches Zeitalter; aber Mozarts Leichenfackeln waren brennende Städte und sein Grabgesang das Angstgeheul einer durch böse zerstörende Umtriebe erschütterten Welt, und so verschwand der arme Sänger spurlos.
– Spurlos? Nein! Seine Zauberklänge tönten tröstlich fort und fort bis zu uns herüber in glückliche Zeiten langen Friedens, denen es endlich möglich ward das Andenken Mozarts durch ein würdiges Denkmal zu ehren. Von seiner Vaterstadt aus erging ein Aufruf an die ganze gebildete Welt, und Deutschland, so weit die deutsche Zunge reicht, und Böhmen, Ungarn, Galizien, Dänemark, Schweden und die Schweiz antworteten freundlich auf diesen Ruf, und so gelang es den vereinten wohlgeordneten Kräften, unterstützt von allgemein verehrten Künstlerhänden Mozarts Denkmal der Nachwelt zu überliefern. Aber nicht uns, Herr! nicht uns, sondern Deinem heiligen Namen allein gebührt Ehre und Ruhm! Dank sei Dir, von dem alles Gute kommt, daß Du diesen herrlichen Genius schufest. Es falle die Hülle und Mozarts Bild strahle fort, ehrend und geehrt bis in die spätesten Zeiten.“
Neukomms internationale Reputation als letzter noch lebender Vertreter der klassischen Wiener Schule spiegelt sich auch in zahlreichen, zum Teil höchst bedeutsamen Auszeichnungen. So ernennt ihn der französische König Ludwig XVIII. zum Ritter der Ehrenlegion, ein Titel übrigens, den Neukomm selbstbewusst auf die Titelblätter seiner Kompositionen drucken lässt. Zudem wird Neukomm Mitglied der Philharmonischen Gesellschaft Sankt Petersburg und der Königlich Schwedischen Musikakademie in Stockholm. Die Universität Dublin ernennt ihn zum Ehrendoktor, die Gesellschaft der Musikfreunde in Wien zum Ehrenmitglied.
Das Prädikat „weltberühmt“ verdient Neukomm insofern, als er sich nach seiner erfolgreichen Mission in Südamerika im Dezember 1834 auch noch als musikalischer Botschaft er zur nordafrikanischen Küste und nach Algier aufmacht. Damit ist er wohl der erste Musiker, der seinen künstlerischen Wirkungskreis auf drei Kontinente ausdehnen kann. Am 3. April 1858 stirbt Sigismund Ritter von Neukomm in seinem 80. Lebensjahr.



