Musikgeschichte

Der Leonardo der Musik

Von
Eva Blaskewitz
Erschienen in der Printausgabe im
September 2021
Lesezeit ca.
…
Minuten
Der Holzschnitt von Petrus Opmeer aus dem Jahr 1611 ist das einzige erhaltene Porträt von Josquin Desprez.
Der Holzschnitt von Petrus Opmeer aus dem Jahr 1611 ist das einzige erhaltene Porträt von Josquin Desprez.

Die beiden berühmtesten Komponisten ihrer Generation, Josquin Desprez und Heinrich Isaac, konkurrieren im Jahre 1502 um einen lukrativen Posten: Herzog Ercole I. d’Este sucht einen neuen Leiter für seine Hofkapelle in Ferrara, die größte und prächtigste Italiens. Er hat Agenten ausgeschickt, um nach geeigneten Kandidaten Ausschau zu halten. Einer von ihnen, ein gewisser Gian de Artiganova, spricht sich nach drücklich für Heinrich Isaac aus. Isaac sei sehr schnell im Komponieren, zudem freundlich und umgänglich, heißt es in seinem Brief an den Herzog. Und: „Dass Josquin besser komponiert, ist richtig, aber er tut es, wenn er es will und nicht, wenn man es von ihm erwartet, und er verlangt 200 Dukaten, während Isaac für 120 kommen will.“

Für Ercole d’Este, der sich für Musik begeistert und selbst gern in den Gesang seiner Kapelle einstimmt, ist der Beste gerade gut genug. Anstandslos bezahlt er Josquin die verlangte Summe, verspricht ihm außerdem ein Haus, Spesen und kirchliche Einkünfte. Und verleiht ihm als erstem seiner Musiker den Titel „Kapellmeister“.

Gewiss ist, dass sich die Investition gelohnt hat: Josquin hat mit seinem berühmten Namen und mit Kompositionen wie der Huldigungsmesse „Hercules Dux Ferrariae“ den Ruhm des Fürsten hell erstrahlen lassen. Ungewiss ist, warum er Ferrara schon im folgenden Jahr verlassen hat: Ob er vor der Pest geflohen ist, die seinen Nachfolger Jacob Obrecht dahinraffen sollte, ob er sich mit dem Herzog entzweit hat – man weiß es nicht.

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Die Marienverehrung spielt in Josquins Werk eine große Rolle (Bild: Leonardo da Vinci).

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Überhaupt liegt vieles in der Biografie des prominentesten Komponisten der Renaissance im Dunkeln. Das fängt schon bei seiner Geburt an: Mit detektivischem Spürsinn haben Musikforscher herausgefunden, dass er zwischen 1450 und 1455 geboren wurde, vermutlich im Hennegau, in der Nähe von Tournai, als Sohn eines gewissen Gossard Lebloitte dit Desprez – der Beiname könnte darauf hinweisen, dass die Familie aus einem nordfranzösischen Dorf namens Prez stammte.

Wahrscheinlich war er Chorknabe in Cambrai; ziemlich sicher hat er schon in jungen Jahren bei Verwandten im nordfranzösischen Condé-sur-l’Escaut, nahe seinem vermuteten Geburtsort, gelebt und von diesen später ein beträchtliches Vermögen geerbt, das ihm finanzielle Unabhängigkeit verschaffte. So richtig fassbar wird er erst im Jahre 1476, also mit ungefähr Mitte 20: Da ist er als Sänger Mitglied in der Kapelle des kunstsinnigen Herzogs René d’Anjou in Aix-en-Provence. Ein paar Jahre später, nach dem Tod des Herzogs, findet er sich am Hof Ludwigs XI. in Paris wieder, der kurzerhand die gesamte Kapelle übernommen hat. Und von dort zieht es ihn, wie fast alle namhaften franko-flämischen Musiker, nach Italien, wo spendable und kunstverständige Fürsten glanzvolle Hofkapellen zur Repräsentation nutzen und attraktive Arbeitsbedingungen bieten. Josquin tritt in die Dienste des Kardinals Ascanio Sforza in Mailand. Folgt ihm nach Rom. Und wird einige Jahre später in die päpstliche Kapelle aufgenommen.

Schon zu Lebzeiten war Josquin ein berühmter Mann, um den sich Anekdoten rankten. Zum Beispiel die, wie ihm Ludwig XII. eine Pfründe versprochen, das Versprechen aber nicht eingelöst habe. Josquin habe daraufhin die Motette „Memor esto verbi tui“, „Denk an das Wort für deinen Knecht“, komponiert – und der beschämte König seine Zusage eilends wahrgemacht. Oder wie er einen Chorsänger, der eigenmächtig Verzierungen angebracht hatte, vor aller Ohren als Esel beschimpfte und ihn barsch aufforderte, wenn er Kompositionen verbessern wolle, gefälligst seine eigenen zu machen.

Selbstsicher, streitbar, beseelt von seinem Schaffensdrang – so zeichnet sich Josquins Persönlichkeit in den überlieferten Geschichten ab. Wie viel Wahrheit sie enthalten, bleibt Spekulation. Aber dass er allen Grund hatte, selbstbewusst aufzutreten, das steht fest. Ottaviano Petrucci, der Erfinder des Notendrucks mit beweglichen Typen, widmete ihm als erstem Komponisten einen eigenen Band, schnörkellos „Misse Josquin“, „Josquin-Messen“, betitelt. Ein Verkaufsschlager: Mindestens fünf Nachdrucke brachte Petrucci im Laufe der Jahre heraus, zudem zwei weitere Messen-Bände. Kein anderer Komponist wurde von den Zeitgenossen und noch über seinen Tod hinaus so hoch geschätzt wie Josquin – manche seiner Werke sind in mehr als 50 verschiedenen Handschriften und Drucken überliefert – kein anderer so oft nachgeahmt und von Kollegen, Schriftstellern, Theoretikern als Vorbild gerühmt.

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Josquins „Adieu mes amours“ ist in Petruccis „Odhecaton A“ zu finden, dem ersten Notendruck.

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Und kein anderer, ausgenommen Heinrich Isaac, hat ein so umfassendes, vielgestaltiges Oeuvre hinterlassen. Als gesichert gelten rund 150 Werke. Allein 18 vollständige Messen. Einzelne Mess-Sätze. Lateinische Motetten. Französischsprachige Chansons. Instrumentalwerke. Ein Oeuvre von atemberaubender Vielfalt, von einer enormen stilistischen Breite auch bei Werken, die nahezu gleichzeitig entstanden sind. Nicht zuletzt deswegen sind bei sehr vielen Kompositionen heute sowohl Echtheit als auch Datierung heftig umstritten.

Die Werke zeugen von einer meisterhaften Beherrschung des Kontrapunkts und der raffinierten Stimmführung. Variantenreich, elegant in den melodischen Linien, klar in der Form. Und: von einzigartiger Ausdruckskraft . Josquin ist einer der Ersten, die den Text plastisch ausdeuten, einer der Ersten, die individuelle Empfindungen in Töne umsetzen. In melancholischen Liebesliedern. In innigen geistlichen Gesängen. Ein paarmal auch in frechen volkstümlichen Chansons.

„Niemand hat die Leidenschaft der Seele besser musikalisch zum Ausdruck gebracht als dieser Komponist, niemand kommt ihm an Anmut und Leichtigkeit gleich“, schreibt der Musiktheoretiker Heinrich Glarean 1547, ein Vierteljahrhundert nach Josquins Tod. Vielleicht liegt hier der Schlüssel zu dem, was Josquins Musik auch heute so unmittelbar ansprechend macht, trotz aller Fremdheit, trotz der Barriere, die ein halbes Jahrtausend zwischen den Komponisten und seine heutigen Hörer schiebt. Und was wünschen lässt, man möge mehr über „der noten meister“, wie ihn Martin Luther tituliert, erfahren, als die spärlichen Quellen preisgeben.

Josquins letzte Lebensphase liegt ebenso im Dunkeln wie seine frühen Jahre. Von Ferrara aus kehrte er nach Condésurl’Escaut zurück, wo er das Amt des Propstes an der Kollegiatkirche Notre-Dame de Condé innehatte, also für die äußeren Angelegenheiten der Kirche zuständig war. Ein gut dotierter Posten, zudem war die Kirche berühmt für ihr reiches Musikleben. Was genau er indes dort getan hat – man weiß es nicht.

Am 27. August 1521, 17 Jahre nach seiner Ankunft , ist Josquin in Condé gestorben. Seinen Besitz hinterließ er der Kollegiatkirche, geknüpft an die Bedingung, dass jeden Samstag und vor Marienfesten eine Andacht für ihn gelesen und bei Prozessionen seine Motette „Pater noster/ Ave Maria“ vor dem Marienbild an seinem Haus am Marktplatz gesungen werde. Man mag darin einen Ausweis seines Glaubens sehen – und vielleicht auch eines gewissen Künstlerstolzes. Eine weitere Facette seiner Persönlichkeit, die schemenhaft durch den Nebel der Geschichte schimmert.

Die beiden berühmtesten Komponisten ihrer Generation, Josquin Desprez und Heinrich Isaac, konkurrieren im Jahre 1502 um einen lukrativen Posten: Herzog Ercole I. d’Este sucht einen neuen Leiter für seine Hofkapelle in Ferrara, die größte und prächtigste Italiens. Er hat Agenten ausgeschickt, um nach geeigneten Kandidaten Ausschau zu halten. Einer von ihnen, ein gewisser Gian de Artiganova, spricht sich nach drücklich für Heinrich Isaac aus. Isaac sei sehr schnell im Komponieren, zudem freundlich und umgänglich, heißt es in seinem Brief an den Herzog. Und: „Dass Josquin besser komponiert, ist richtig, aber er tut es, wenn er es will und nicht, wenn man es von ihm erwartet, und er verlangt 200 Dukaten, während Isaac für 120 kommen will.“

Für Ercole d’Este, der sich für Musik begeistert und selbst gern in den Gesang seiner Kapelle einstimmt, ist der Beste gerade gut genug. Anstandslos bezahlt er Josquin die verlangte Summe, verspricht ihm außerdem ein Haus, Spesen und kirchliche Einkünfte. Und verleiht ihm als erstem seiner Musiker den Titel „Kapellmeister“.

Gewiss ist, dass sich die Investition gelohnt hat: Josquin hat mit seinem berühmten Namen und mit Kompositionen wie der Huldigungsmesse „Hercules Dux Ferrariae“ den Ruhm des Fürsten hell erstrahlen lassen. Ungewiss ist, warum er Ferrara schon im folgenden Jahr verlassen hat: Ob er vor der Pest geflohen ist, die seinen Nachfolger Jacob Obrecht dahinraffen sollte, ob er sich mit dem Herzog entzweit hat – man weiß es nicht.

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Die Marienverehrung spielt in Josquins Werk eine große Rolle (Bild: Leonardo da Vinci).

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Überhaupt liegt vieles in der Biografie des prominentesten Komponisten der Renaissance im Dunkeln. Das fängt schon bei seiner Geburt an: Mit detektivischem Spürsinn haben Musikforscher herausgefunden, dass er zwischen 1450 und 1455 geboren wurde, vermutlich im Hennegau, in der Nähe von Tournai, als Sohn eines gewissen Gossard Lebloitte dit Desprez – der Beiname könnte darauf hinweisen, dass die Familie aus einem nordfranzösischen Dorf namens Prez stammte.

Wahrscheinlich war er Chorknabe in Cambrai; ziemlich sicher hat er schon in jungen Jahren bei Verwandten im nordfranzösischen Condé-sur-l’Escaut, nahe seinem vermuteten Geburtsort, gelebt und von diesen später ein beträchtliches Vermögen geerbt, das ihm finanzielle Unabhängigkeit verschaffte. So richtig fassbar wird er erst im Jahre 1476, also mit ungefähr Mitte 20: Da ist er als Sänger Mitglied in der Kapelle des kunstsinnigen Herzogs René d’Anjou in Aix-en-Provence. Ein paar Jahre später, nach dem Tod des Herzogs, findet er sich am Hof Ludwigs XI. in Paris wieder, der kurzerhand die gesamte Kapelle übernommen hat. Und von dort zieht es ihn, wie fast alle namhaften franko-flämischen Musiker, nach Italien, wo spendable und kunstverständige Fürsten glanzvolle Hofkapellen zur Repräsentation nutzen und attraktive Arbeitsbedingungen bieten. Josquin tritt in die Dienste des Kardinals Ascanio Sforza in Mailand. Folgt ihm nach Rom. Und wird einige Jahre später in die päpstliche Kapelle aufgenommen.

Schon zu Lebzeiten war Josquin ein berühmter Mann, um den sich Anekdoten rankten. Zum Beispiel die, wie ihm Ludwig XII. eine Pfründe versprochen, das Versprechen aber nicht eingelöst habe. Josquin habe daraufhin die Motette „Memor esto verbi tui“, „Denk an das Wort für deinen Knecht“, komponiert – und der beschämte König seine Zusage eilends wahrgemacht. Oder wie er einen Chorsänger, der eigenmächtig Verzierungen angebracht hatte, vor aller Ohren als Esel beschimpfte und ihn barsch aufforderte, wenn er Kompositionen verbessern wolle, gefälligst seine eigenen zu machen.

Selbstsicher, streitbar, beseelt von seinem Schaffensdrang – so zeichnet sich Josquins Persönlichkeit in den überlieferten Geschichten ab. Wie viel Wahrheit sie enthalten, bleibt Spekulation. Aber dass er allen Grund hatte, selbstbewusst aufzutreten, das steht fest. Ottaviano Petrucci, der Erfinder des Notendrucks mit beweglichen Typen, widmete ihm als erstem Komponisten einen eigenen Band, schnörkellos „Misse Josquin“, „Josquin-Messen“, betitelt. Ein Verkaufsschlager: Mindestens fünf Nachdrucke brachte Petrucci im Laufe der Jahre heraus, zudem zwei weitere Messen-Bände. Kein anderer Komponist wurde von den Zeitgenossen und noch über seinen Tod hinaus so hoch geschätzt wie Josquin – manche seiner Werke sind in mehr als 50 verschiedenen Handschriften und Drucken überliefert – kein anderer so oft nachgeahmt und von Kollegen, Schriftstellern, Theoretikern als Vorbild gerühmt.

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Josquins „Adieu mes amours“ ist in Petruccis „Odhecaton A“ zu finden, dem ersten Notendruck.

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Und kein anderer, ausgenommen Heinrich Isaac, hat ein so umfassendes, vielgestaltiges Oeuvre hinterlassen. Als gesichert gelten rund 150 Werke. Allein 18 vollständige Messen. Einzelne Mess-Sätze. Lateinische Motetten. Französischsprachige Chansons. Instrumentalwerke. Ein Oeuvre von atemberaubender Vielfalt, von einer enormen stilistischen Breite auch bei Werken, die nahezu gleichzeitig entstanden sind. Nicht zuletzt deswegen sind bei sehr vielen Kompositionen heute sowohl Echtheit als auch Datierung heftig umstritten.

Die Werke zeugen von einer meisterhaften Beherrschung des Kontrapunkts und der raffinierten Stimmführung. Variantenreich, elegant in den melodischen Linien, klar in der Form. Und: von einzigartiger Ausdruckskraft . Josquin ist einer der Ersten, die den Text plastisch ausdeuten, einer der Ersten, die individuelle Empfindungen in Töne umsetzen. In melancholischen Liebesliedern. In innigen geistlichen Gesängen. Ein paarmal auch in frechen volkstümlichen Chansons.

„Niemand hat die Leidenschaft der Seele besser musikalisch zum Ausdruck gebracht als dieser Komponist, niemand kommt ihm an Anmut und Leichtigkeit gleich“, schreibt der Musiktheoretiker Heinrich Glarean 1547, ein Vierteljahrhundert nach Josquins Tod. Vielleicht liegt hier der Schlüssel zu dem, was Josquins Musik auch heute so unmittelbar ansprechend macht, trotz aller Fremdheit, trotz der Barriere, die ein halbes Jahrtausend zwischen den Komponisten und seine heutigen Hörer schiebt. Und was wünschen lässt, man möge mehr über „der noten meister“, wie ihn Martin Luther tituliert, erfahren, als die spärlichen Quellen preisgeben.

Josquins letzte Lebensphase liegt ebenso im Dunkeln wie seine frühen Jahre. Von Ferrara aus kehrte er nach Condésurl’Escaut zurück, wo er das Amt des Propstes an der Kollegiatkirche Notre-Dame de Condé innehatte, also für die äußeren Angelegenheiten der Kirche zuständig war. Ein gut dotierter Posten, zudem war die Kirche berühmt für ihr reiches Musikleben. Was genau er indes dort getan hat – man weiß es nicht.

Am 27. August 1521, 17 Jahre nach seiner Ankunft , ist Josquin in Condé gestorben. Seinen Besitz hinterließ er der Kollegiatkirche, geknüpft an die Bedingung, dass jeden Samstag und vor Marienfesten eine Andacht für ihn gelesen und bei Prozessionen seine Motette „Pater noster/ Ave Maria“ vor dem Marienbild an seinem Haus am Marktplatz gesungen werde. Man mag darin einen Ausweis seines Glaubens sehen – und vielleicht auch eines gewissen Künstlerstolzes. Eine weitere Facette seiner Persönlichkeit, die schemenhaft durch den Nebel der Geschichte schimmert.