Stimme vom Himmel
Sie galt als die große Rivalin von Maria Callas. Am 1. Februar wäre die Sopranistin Renata Tebaldi 100 Jahre alt geworden.

Meine erste Bekanntschaft mit Renata Tebaldi schloss ich als Teenager Ende der 1950er-Jahre. Virtuell natürlich, über Verdis „Messa da requiem“ in der Decca-Aufnahme von 1951 unter Victor de Sabata. Es gab vor und auch nach ihr kaum Sopranistinnen, die etwa das „Libera me“ so überirdisch schweben lassen konnten wie sie. Arturo Toscanini soll von „la voce d᾽angelo“ gesprochen haben; die Tebaldi hat dies allerdings stets bestritten – zumindest, dass es Toscanini war. Wie auch immer: Der Begriff „Engelsstimme“ wurde ihr Markenzeichen. Und für uns war sie damals eine der beiden Protagonistinnen unseres musikalischen Elysiums.
Die andere war natürlich jene Diva, nach der die Ära des (italienischen) Operngesangs von den 1940er-Jahren bis zum Anfang der 1970er häufig benannt wird: Maria Callas. Das Business schuf, dabei von der dualistisch- antithetischen Machart der Welt profitierend, in der Tebaldi ein Gegenbild zur großen Griechin: Hier die so virtuose wie furiose „Tigerin“ mit der unnachahmlichen Bühnenexpression und den inszenierten Wutausbrüchen, dort der empfindsame, stille „Engel“ mit der adäquat himmlischen Stimme. Doch gibt es da auch die berühmten Fotos von der Metropolitan Opera aus dem Jahre 1958 mit den beiden Primadonnen, die einander nachgerade entwaffnend anlächeln, ja beinahe herzen. War die angeblich so tief wurzelnde Feindschaft, für die man das Oxymoron einer „Hassliebe“ gebrauchte, also bloß von der Schlagzeilen- Presse (Jürgen Kesting schuf in diesem Zusammenhang das schöne Wort „Indiskretins“) inszeniert?
Natürlich waren Callas und Tebaldi Rivalinnen, und vermutlich haben sie auch tatsächlich gesagt, was die Anekdote wissen will. Dass nämlich beider Stimmen nebeneinander zu stellen hieße, Champagner mit Coca-Cola zu vergleichen (Callas). Und dass die Callas fast alles hätte, aber eines bestimmt nicht: Herz (Tebaldi). Den Sie galt als die große Rivalin von Maria Callas. Am 1. Februar wäre die Sopranistin Renata Tebaldi 100 Jahre alt geworden. Von Gerhard Persché eigentlichen Krieg der Primadonnen trugen jedoch die Fans aus, die sich zur jeweiligen Claque formierten. So sollen beispielsweise die Anhänger der Callas der Tebaldi Radieschen auf die Bühne geworfen haben. Elvira de Hidalgo, die Gesangslehrerin der Griechin, erzählte allerdings in privatem Kreis, es wären vielmehr Tebaldi-Claqueure gewesen, die der Callas zum Schlussapplaus eines Abends an der Scala ein Bündel Rettiche zugeworfen hatten – ein hinterlistiger Hinweis auf die „Schärfe“ von deren Stimme. Die Callas, stark kurzsichtig, hielt es für einen Blumenstrauß, hob ihn auf und roch daran. Wie auch immer: „Se non è vero, è ben trovato…“
Stimmlich waren die beiden Diven zweifellos Gegenpole. Kesting schrieb in diesem Zusammenhang vom vermeintlich „natürlichen“, im Grunde anachronistischen Singen der Tebaldi gegenüber dem artifiziellen, den „Canto fiorito“ souverän beherrschenden der Callas. Letztere hätte dem Gesang jene zweite Natur der Künstlichkeit gegeben, die das wahre Wesen großen Singens sei. Auf jeden Fall polarisierte die Stimme der Tebaldi weit weniger als jene der Callas, weil sie bei aller Individualität und Erkennbarkeit ohne große Ecken und Kanten war (sie sang stets „mit Haltung“, hat man über sie gesagt), und von vielen nicht zuletzt ihrer betörenden Piani und des unvergleichlichen „Mezzavoce“ wegen als überirdisch schön empfunden wurde. Wobei sie, was wie ein Widerspruch wirkt, dem veristischen Ausdruck, den sie bei ihrer Lehrerin Carmen Melis aufnahm, treu zu bleiben suchte. Gerade dadurch wirkte sie – vor allem in Aufnahmen späterer Jahre – auf manche ihrer Kritiker altbacken.
Geboren wurde Renata Tebaldi am 1. Februar 1922 in Pesaro als Tochter eines Orchestermusikers. Mit drei Jahren erkrankte sie an Kinderlähmung, lernte erst mit sechs zu gehen. Sie studierte Gesang am Konservatorium zu Parma und gab 1944 ihr Debüt in Rovigo als Elena von Boitos „Mefistofele“. Im Jahr 1946 schaffte die 24-Jährige am Teatro alla Scala in Mailand ihren Durchbruch, sang auch im legendären Konzert zur Wiedereröffnung des Hauses unter Arturo Toscanini. Sie interpretierte sogar Wagner-Partien, vor allem in ihren ersten Jahren: Elsa in „Lohengrin“, Eva in den „Meistersingern“, Elisabeth in „Tannhäuser“ – Letztere etwa 1950 in Neapels San Carlo unter Karl Böhm, mit Hans Beirer und Boris Christoff (wobei Beirer den deutschen Originaltext sang, alle anderen die italienische Übertragung).
Doch blieben dies bei aller Schönheit des Tons (etwa in der Hallenarie) für sie Ausflüge in idiomatisches Fremdland; ihre wahre Heimat hatte sie längst bei Verdi – ab dessen mittlerer Periode – und Puccini gefunden. In den 1950er-Jahren verlegte sie ihre Tätigkeit zunehmend in die USA, da die Scala unter Intendant Antonio Ghiringhelli auf Maria Callas setzte. An New Yorks Met debütierte sie 1955 in einer ihrer Paraderollen, als Desdemona in Verdis „Otello“; daraus entstand eine beinahe zwei Jahrzehnte währende Liebesbeziehung zu diesem Haus.
1973 zog die 51-Jährige sich vom Opernbetrieb zurück – durchaus in stimmlicher Blüte; vielleicht sollte man sagen: Reife. Sie wollte nicht, dass das Publikum sich zu fragen begann, warum sie denn noch immer singe. Und ob sie nicht eher die „Mutter“ der von ihr interpretierten jungen Frauencharaktere sei. Ihr Privatleben machte sie indes, anders als die Callas, nie öffentlich; doch äußerte sie in einem Interview, Gesang sei so sehr Inhalt ihres Lebens gewesen, dass sie nie daran dachte, eine Familie zu gründen. Nach längerer Krankheit starb sie am 19. Dezember 2004 im 83. Lebensjahr in ihrem Heim in San Marino.
Meine erste Bekanntschaft mit Renata Tebaldi schloss ich als Teenager Ende der 1950er-Jahre. Virtuell natürlich, über Verdis „Messa da requiem“ in der Decca-Aufnahme von 1951 unter Victor de Sabata. Es gab vor und auch nach ihr kaum Sopranistinnen, die etwa das „Libera me“ so überirdisch schweben lassen konnten wie sie. Arturo Toscanini soll von „la voce d᾽angelo“ gesprochen haben; die Tebaldi hat dies allerdings stets bestritten – zumindest, dass es Toscanini war. Wie auch immer: Der Begriff „Engelsstimme“ wurde ihr Markenzeichen. Und für uns war sie damals eine der beiden Protagonistinnen unseres musikalischen Elysiums.
Die andere war natürlich jene Diva, nach der die Ära des (italienischen) Operngesangs von den 1940er-Jahren bis zum Anfang der 1970er häufig benannt wird: Maria Callas. Das Business schuf, dabei von der dualistisch- antithetischen Machart der Welt profitierend, in der Tebaldi ein Gegenbild zur großen Griechin: Hier die so virtuose wie furiose „Tigerin“ mit der unnachahmlichen Bühnenexpression und den inszenierten Wutausbrüchen, dort der empfindsame, stille „Engel“ mit der adäquat himmlischen Stimme. Doch gibt es da auch die berühmten Fotos von der Metropolitan Opera aus dem Jahre 1958 mit den beiden Primadonnen, die einander nachgerade entwaffnend anlächeln, ja beinahe herzen. War die angeblich so tief wurzelnde Feindschaft, für die man das Oxymoron einer „Hassliebe“ gebrauchte, also bloß von der Schlagzeilen- Presse (Jürgen Kesting schuf in diesem Zusammenhang das schöne Wort „Indiskretins“) inszeniert?
Natürlich waren Callas und Tebaldi Rivalinnen, und vermutlich haben sie auch tatsächlich gesagt, was die Anekdote wissen will. Dass nämlich beider Stimmen nebeneinander zu stellen hieße, Champagner mit Coca-Cola zu vergleichen (Callas). Und dass die Callas fast alles hätte, aber eines bestimmt nicht: Herz (Tebaldi). Den Sie galt als die große Rivalin von Maria Callas. Am 1. Februar wäre die Sopranistin Renata Tebaldi 100 Jahre alt geworden. Von Gerhard Persché eigentlichen Krieg der Primadonnen trugen jedoch die Fans aus, die sich zur jeweiligen Claque formierten. So sollen beispielsweise die Anhänger der Callas der Tebaldi Radieschen auf die Bühne geworfen haben. Elvira de Hidalgo, die Gesangslehrerin der Griechin, erzählte allerdings in privatem Kreis, es wären vielmehr Tebaldi-Claqueure gewesen, die der Callas zum Schlussapplaus eines Abends an der Scala ein Bündel Rettiche zugeworfen hatten – ein hinterlistiger Hinweis auf die „Schärfe“ von deren Stimme. Die Callas, stark kurzsichtig, hielt es für einen Blumenstrauß, hob ihn auf und roch daran. Wie auch immer: „Se non è vero, è ben trovato…“
Stimmlich waren die beiden Diven zweifellos Gegenpole. Kesting schrieb in diesem Zusammenhang vom vermeintlich „natürlichen“, im Grunde anachronistischen Singen der Tebaldi gegenüber dem artifiziellen, den „Canto fiorito“ souverän beherrschenden der Callas. Letztere hätte dem Gesang jene zweite Natur der Künstlichkeit gegeben, die das wahre Wesen großen Singens sei. Auf jeden Fall polarisierte die Stimme der Tebaldi weit weniger als jene der Callas, weil sie bei aller Individualität und Erkennbarkeit ohne große Ecken und Kanten war (sie sang stets „mit Haltung“, hat man über sie gesagt), und von vielen nicht zuletzt ihrer betörenden Piani und des unvergleichlichen „Mezzavoce“ wegen als überirdisch schön empfunden wurde. Wobei sie, was wie ein Widerspruch wirkt, dem veristischen Ausdruck, den sie bei ihrer Lehrerin Carmen Melis aufnahm, treu zu bleiben suchte. Gerade dadurch wirkte sie – vor allem in Aufnahmen späterer Jahre – auf manche ihrer Kritiker altbacken.
Geboren wurde Renata Tebaldi am 1. Februar 1922 in Pesaro als Tochter eines Orchestermusikers. Mit drei Jahren erkrankte sie an Kinderlähmung, lernte erst mit sechs zu gehen. Sie studierte Gesang am Konservatorium zu Parma und gab 1944 ihr Debüt in Rovigo als Elena von Boitos „Mefistofele“. Im Jahr 1946 schaffte die 24-Jährige am Teatro alla Scala in Mailand ihren Durchbruch, sang auch im legendären Konzert zur Wiedereröffnung des Hauses unter Arturo Toscanini. Sie interpretierte sogar Wagner-Partien, vor allem in ihren ersten Jahren: Elsa in „Lohengrin“, Eva in den „Meistersingern“, Elisabeth in „Tannhäuser“ – Letztere etwa 1950 in Neapels San Carlo unter Karl Böhm, mit Hans Beirer und Boris Christoff (wobei Beirer den deutschen Originaltext sang, alle anderen die italienische Übertragung).
Doch blieben dies bei aller Schönheit des Tons (etwa in der Hallenarie) für sie Ausflüge in idiomatisches Fremdland; ihre wahre Heimat hatte sie längst bei Verdi – ab dessen mittlerer Periode – und Puccini gefunden. In den 1950er-Jahren verlegte sie ihre Tätigkeit zunehmend in die USA, da die Scala unter Intendant Antonio Ghiringhelli auf Maria Callas setzte. An New Yorks Met debütierte sie 1955 in einer ihrer Paraderollen, als Desdemona in Verdis „Otello“; daraus entstand eine beinahe zwei Jahrzehnte währende Liebesbeziehung zu diesem Haus.
1973 zog die 51-Jährige sich vom Opernbetrieb zurück – durchaus in stimmlicher Blüte; vielleicht sollte man sagen: Reife. Sie wollte nicht, dass das Publikum sich zu fragen begann, warum sie denn noch immer singe. Und ob sie nicht eher die „Mutter“ der von ihr interpretierten jungen Frauencharaktere sei. Ihr Privatleben machte sie indes, anders als die Callas, nie öffentlich; doch äußerte sie in einem Interview, Gesang sei so sehr Inhalt ihres Lebens gewesen, dass sie nie daran dachte, eine Familie zu gründen. Nach längerer Krankheit starb sie am 19. Dezember 2004 im 83. Lebensjahr in ihrem Heim in San Marino.



