Musikgeschichte

Unbekannte Regionen

Von
Matthias Kornemann
Erschienen in der Printausgabe im
August 2022
Lesezeit ca.
…
Minuten
César Franck war auch ein bedeutender Organist.
César Franck war auch ein bedeutender Organist.

Auch wenn zumindest im angloamerikanischen Raum die „Sinfonischen Variationen“ oder die d-Moll-Sinfonie über Jahrzehnte zu den absoluten Publikumslieblingen zählten, ist das Franck-Rezeptionsproblem ein globales Thema. Zu allen Zeiten hat man nur einen geringen Ausschnitt seiner Kunst überhaupt wahrnehmen wollen. Interpreten, Produzenten und Dramaturgen verließen sich in aller Bequemlichkeit auf die Biographen, die allein seine „ultima maniera“ gelten lassen wollten und auch dort Wesentliches ausschlossen. Der große Zuspätgekommene sollte, bis er die Mitte seiner Fünfziger erreicht hatte, angeblich außer den „Six Pièces“ für Orgel kaum Hörenswertes komponiert haben. Ein unhinterfragtes musikgeschichtliches Kuriosum.

Aber es gibt Stätten in Europa, in denen man das Jahr nutzt, den unbekannten Kontinent des Franck’schen Schaffens zu betreten. An erster Stelle steht der Palazetto Bru Zane in Venedig, eine Stiftung, die sich mit der Erweckung eines lange vernachlässigten Jahrhunderts der französischen Musikgeschichte längst einen bedeutenden Namen erarbeitet hat. Das „Centre de musique romantique française“ versteckt sich in einem zauberhaften Winkel nördlich der Frarikirche. Das ehemalige Gartenpalais einer venezianischen Neuadelsdynastie scheint der Stimmung der „Hauptstadt des 19. Jahrhunderts“ indes so weit entrückt, dass die Musik des überaus reiseunlustigen Einsiedlers als etwas sehr Fremdes, fast Unpassendes in die dichte venezianische Atmosphäre dringt.

Aber dieser Kontrast schärft die Wahrnehmung. In einem liebevoll kuratierten Franck-Festival wurde man in diesem Frühjahr vor allem in unbekannte Regionen seines Werkes gelockt. Wer kennt schon sein Liedschaff en? Oder die Klaviertrios, demonstrativ brillante Beweise früh erworbener Meisterschaft? Mit Frank Braley nahm sich ein Vollblut- Kammermusiker, unterstützt von zwei seiner Meisterschüler am Pariser Conservatoire, des fis-Moll-Trios an, dieses flackernd erregten Virtuosenschaustücks des kaum 18-Jährigen. Und ein Werk, das fast zwei Jahrhunderte im Schatten stand, vermochte zu „zünden“. Überhaupt staunt man, dass es in Venedig ein so kennerhaft es Publikum für solche Rara gibt. Dieses venezianische Festival öffnete so etwas wie eine erlesene Parallelwelt zu den touristenverführenden Vivaldikonzerten.

Aber die Arbeit des Palazetto zieht weitere Kreise. Nicht nur Konzerte, Tagungen, Publikationen, Editionen und Datenressourcen erweitern unser Bild César Francks, sondern vor allem (ko-) produzierte Tonträger. Eine im Palazetto aufgenommene Doppel-CD widmet sich dem erstmals (!) vollständig versammelten Liedschaff en Francks, das Tassis Christoyannis und Véronique Gens auf lyrisch-expressivem Höchstniveau abbilden. Ein Jahrhundert fast missachtender Vernachlässigung dieses Werkkorpus ist auf einen Streich „abgebüßt“. Um weite Bereiche der Franckschen Kammermusik ist es kaum besser bestellt. Auch hier ließ man nur die späte Periode mit ihrer kanonisierten Triade Quintett, Sonate und Quartett zu. Eine von Bru Zane mitproduzierte Box präsentiert nun erstmals das vollständige Oeuvre. Hier können Frank Braley, Anna Agafia Egholm und Ari Evan alle drei Trios des Opus 1 auf Referenzniveau ausbreiten – in Venedig hakte es gelegentlich etwas.

Vor allem bietet diese Box Gelegenheit, in noch entlegeneren Winkeln der Jugendwerke zu stöbern. Da entdeckt man das Trio des Zwölfjährigen, eine mehr als fingerfertige Wunderkindarbeit, oder ein kleines nie beachtetes „Andante quietoso“ für Violine und Klavier, das den ganzen kunstreligiösen Tonfall des späteren Franck in nuce enthält. Für solche Trouvaillen sollte man die Box erwerben. Bei den „Großen Drei“ der Spätzeit gibt es interessantere Alternativen.

Auch Lüttich, Francks Geburtsort, legt sich mächtig ins Zeug. Mit dem Orchestre Philharmonique Royal de Liège verfügt man über einen Klangkörper, dessen Musiker auch seltener gespielte Kompositionen Francks oder seines Schülers Lekeu mit der Muttermilch aufgesogen zu haben scheinen, so natürlich bewegen sie sich in deren Idiom. Aus dieser Quelle kommt nun das vollständige Orchesterwerk, eine Arbeit, die vor allem in der Erschließung des Frühwerkes neue Standards setzt. Pianist Florian Noack legt das h-Moll-Klavierkonzert und die frühen Variationszyklen für Klavier und Orchester mit mitreißender Biegsamkeit, Klangfinesse und Spielfreude hin.

Interessant auch der Vergleich der beiden Fassungen des „Morceau symphonique“ aus der „Rédemption“. Hier kann man grübeln, ob der übermächtige Schüler d’Indy Recht hatte, seinen sanftmütigen Lehrer zu einer Revision zu drängen. Und man wird auf die erste sinfonische Dichtung der Musikgeschichte stoßen, „Ce qu’on entend sur la montagne“, die Franck in seinem Schreibtisch verstauben ließ – und seinem Mentor Liszt den Vortritt gewährte. Die Version des OPRL unter Christina Arming, 2012 schon einzelveröffentlicht, ist technisch akkurater und transparenter als die Weltersteinspielung, aber es finden sich, wie dem Autor Klauspeter Bungert – wohl als einzigem – auffiel, Striche in der Coda. Das wirft im Kleinen ein Licht auf die Art, wie die Nachwelt mit Francks Text umgehen zu dürfen glaubt.

Zu Recht im Zentrum des Jubiläumsjahres steht Francks große späte Oper „Hulda“. In Freiburg hat man das ein Jahrhundert lang verkannte Werk 2019 mit größtem Erfolg rekonstruiert und eingespielt, Lüttich ehrte in Kooperation mit dem Palazetto Bru Zane das bis in den letzten Takt dichte, inspirierte Stück nun mit einer stimmlich erlesenen konzertanten Aufführung. Eine CD wird folgen.

So danken wir es kleinen Labels und peripheren Spielstätten, dass die kaum kartierten Weiten des Franckschen Schaffens mit mehr Liebe, Sorgfalt und interpretatorischer Qualität erkundet werden, als es jemals der Fall war.

Auch wenn zumindest im angloamerikanischen Raum die „Sinfonischen Variationen“ oder die d-Moll-Sinfonie über Jahrzehnte zu den absoluten Publikumslieblingen zählten, ist das Franck-Rezeptionsproblem ein globales Thema. Zu allen Zeiten hat man nur einen geringen Ausschnitt seiner Kunst überhaupt wahrnehmen wollen. Interpreten, Produzenten und Dramaturgen verließen sich in aller Bequemlichkeit auf die Biographen, die allein seine „ultima maniera“ gelten lassen wollten und auch dort Wesentliches ausschlossen. Der große Zuspätgekommene sollte, bis er die Mitte seiner Fünfziger erreicht hatte, angeblich außer den „Six Pièces“ für Orgel kaum Hörenswertes komponiert haben. Ein unhinterfragtes musikgeschichtliches Kuriosum.

Aber es gibt Stätten in Europa, in denen man das Jahr nutzt, den unbekannten Kontinent des Franck’schen Schaffens zu betreten. An erster Stelle steht der Palazetto Bru Zane in Venedig, eine Stiftung, die sich mit der Erweckung eines lange vernachlässigten Jahrhunderts der französischen Musikgeschichte längst einen bedeutenden Namen erarbeitet hat. Das „Centre de musique romantique française“ versteckt sich in einem zauberhaften Winkel nördlich der Frarikirche. Das ehemalige Gartenpalais einer venezianischen Neuadelsdynastie scheint der Stimmung der „Hauptstadt des 19. Jahrhunderts“ indes so weit entrückt, dass die Musik des überaus reiseunlustigen Einsiedlers als etwas sehr Fremdes, fast Unpassendes in die dichte venezianische Atmosphäre dringt.

Aber dieser Kontrast schärft die Wahrnehmung. In einem liebevoll kuratierten Franck-Festival wurde man in diesem Frühjahr vor allem in unbekannte Regionen seines Werkes gelockt. Wer kennt schon sein Liedschaff en? Oder die Klaviertrios, demonstrativ brillante Beweise früh erworbener Meisterschaft? Mit Frank Braley nahm sich ein Vollblut- Kammermusiker, unterstützt von zwei seiner Meisterschüler am Pariser Conservatoire, des fis-Moll-Trios an, dieses flackernd erregten Virtuosenschaustücks des kaum 18-Jährigen. Und ein Werk, das fast zwei Jahrhunderte im Schatten stand, vermochte zu „zünden“. Überhaupt staunt man, dass es in Venedig ein so kennerhaft es Publikum für solche Rara gibt. Dieses venezianische Festival öffnete so etwas wie eine erlesene Parallelwelt zu den touristenverführenden Vivaldikonzerten.

Aber die Arbeit des Palazetto zieht weitere Kreise. Nicht nur Konzerte, Tagungen, Publikationen, Editionen und Datenressourcen erweitern unser Bild César Francks, sondern vor allem (ko-) produzierte Tonträger. Eine im Palazetto aufgenommene Doppel-CD widmet sich dem erstmals (!) vollständig versammelten Liedschaff en Francks, das Tassis Christoyannis und Véronique Gens auf lyrisch-expressivem Höchstniveau abbilden. Ein Jahrhundert fast missachtender Vernachlässigung dieses Werkkorpus ist auf einen Streich „abgebüßt“. Um weite Bereiche der Franckschen Kammermusik ist es kaum besser bestellt. Auch hier ließ man nur die späte Periode mit ihrer kanonisierten Triade Quintett, Sonate und Quartett zu. Eine von Bru Zane mitproduzierte Box präsentiert nun erstmals das vollständige Oeuvre. Hier können Frank Braley, Anna Agafia Egholm und Ari Evan alle drei Trios des Opus 1 auf Referenzniveau ausbreiten – in Venedig hakte es gelegentlich etwas.

Vor allem bietet diese Box Gelegenheit, in noch entlegeneren Winkeln der Jugendwerke zu stöbern. Da entdeckt man das Trio des Zwölfjährigen, eine mehr als fingerfertige Wunderkindarbeit, oder ein kleines nie beachtetes „Andante quietoso“ für Violine und Klavier, das den ganzen kunstreligiösen Tonfall des späteren Franck in nuce enthält. Für solche Trouvaillen sollte man die Box erwerben. Bei den „Großen Drei“ der Spätzeit gibt es interessantere Alternativen.

Auch Lüttich, Francks Geburtsort, legt sich mächtig ins Zeug. Mit dem Orchestre Philharmonique Royal de Liège verfügt man über einen Klangkörper, dessen Musiker auch seltener gespielte Kompositionen Francks oder seines Schülers Lekeu mit der Muttermilch aufgesogen zu haben scheinen, so natürlich bewegen sie sich in deren Idiom. Aus dieser Quelle kommt nun das vollständige Orchesterwerk, eine Arbeit, die vor allem in der Erschließung des Frühwerkes neue Standards setzt. Pianist Florian Noack legt das h-Moll-Klavierkonzert und die frühen Variationszyklen für Klavier und Orchester mit mitreißender Biegsamkeit, Klangfinesse und Spielfreude hin.

Interessant auch der Vergleich der beiden Fassungen des „Morceau symphonique“ aus der „Rédemption“. Hier kann man grübeln, ob der übermächtige Schüler d’Indy Recht hatte, seinen sanftmütigen Lehrer zu einer Revision zu drängen. Und man wird auf die erste sinfonische Dichtung der Musikgeschichte stoßen, „Ce qu’on entend sur la montagne“, die Franck in seinem Schreibtisch verstauben ließ – und seinem Mentor Liszt den Vortritt gewährte. Die Version des OPRL unter Christina Arming, 2012 schon einzelveröffentlicht, ist technisch akkurater und transparenter als die Weltersteinspielung, aber es finden sich, wie dem Autor Klauspeter Bungert – wohl als einzigem – auffiel, Striche in der Coda. Das wirft im Kleinen ein Licht auf die Art, wie die Nachwelt mit Francks Text umgehen zu dürfen glaubt.

Zu Recht im Zentrum des Jubiläumsjahres steht Francks große späte Oper „Hulda“. In Freiburg hat man das ein Jahrhundert lang verkannte Werk 2019 mit größtem Erfolg rekonstruiert und eingespielt, Lüttich ehrte in Kooperation mit dem Palazetto Bru Zane das bis in den letzten Takt dichte, inspirierte Stück nun mit einer stimmlich erlesenen konzertanten Aufführung. Eine CD wird folgen.

So danken wir es kleinen Labels und peripheren Spielstätten, dass die kaum kartierten Weiten des Franckschen Schaffens mit mehr Liebe, Sorgfalt und interpretatorischer Qualität erkundet werden, als es jemals der Fall war.