Britische Institution
Zum 150. Geburtstag des Komponisten Ralph Vaughan Williams

Als „Kuhfladen-Musik“ wurde sie verunglimpft, als Eskapismus ins Ländliche bezeichnet, doch all dies greift für das Schaffen von Ralph Vaughan Williams viel zu kurz. 1872 geboren, wuchs er südlich von London auf. Zu seinen Großeltern gehörte eine Schwester Charles Darwins, und schon früh kam er mit bedeutenden Persönlichkeiten seiner Zeit in Kontakt. Noch vor seinem Eintritt in das Internat Charterhouse hatte er Unterricht in Klavier, Violine und Orgel erhalten. 1890 trat der 18-Jährige dem Royal College of Music bei, zwei Jahre später wechselte er ans Trinity College Cambridge, wo er einen kleinen Chor gründete, und schloss später sein Studium mit dem Doctor of Music ab, daneben war er in London als Organist tätig gewesen. Für ein knappes Jahr kehrte Vaughan Williams anschließend an das Royal College of Music zurück, wo er sich mit Gustav Holst anfreundete.
1897 studierte er in Berlin bei Max Bruch und 1908 in Paris bei Maurice Ravel. Impulse für sein Schaffen suchte er auch im englischen Volksgut und der britischen Musik der Renaissance: Zusammen mit Holst und anderen betrieb er vor allem in Norfolk, Essex und Sussex selbst „Feldforschung“ und sammelte mehr als 800 Volksmelodien, die er jedoch nur in bereinigter Form veröffentlichte.
Aktiv war Ralph Vaughan Williams in verschiedensten Aspekten des musikalischen Lebens, unter anderem als Lehrer am Royal College of Music, als Herausgeber der „Welcome Songs“ für die Purcell Society und des „English Hymnal“ für die anglikanische Kirche (mit vielen neuen Melodien), als Chefdirigent des Leith Hill Musical Festival und als Dirigent des Bach Choir London. Seine Interpretation von Werken von Bach galten als nationale Ereignisse, da in ihnen dramatische und spirituelle Qualitäten besonders herausgearbeitet wurden.
Im Krieg diente er als Hilfskrankenpfleger in Frankreich und an der mazedonischen Front und kehrte später als Artillerieoffizier nach Frankreich zurück. Bereits 1919 verlieh ihm die Universität Oxford die Ehrendoktorwürde, zahlreiche weitere Ehrungen folgten. Er verzichtete auf einen Adelstitel ebenso wie auf die Ernennung zum „Master of the King’s Music“, obwohl er zur Krönung von George VI und seiner Gemahlin Königin Elisabeth 1937 wesentliche Werke beigesteuert hatte. Der Brite stand der politischen Linken nahe und setzte sich mehrfach für kommunistische oder sozialistische Komponisten ein, die etwa von der BBC mit Sendeverbot belegt wurden; sein Einsatz für die Flüchtlinge aus Nazideutschland führten zu einem Aufführungsverbot seiner Werke in Deutschland. Williams gilt als Schlüsselfigur der Wiederbelebung britischer Musik im 20. Jahrhundert, begründet nicht allein durch sein ausgesprochen umfangreiches Schaffen, sondern auch durch seine programmatische Schriften, etwa „Who wants the English composer?“ (1912), „National Music“ (1934) und „Nationalism and Internationalism“ (1953). Schon früh war ihm die mangelnde britische musikalische Identität bewusst, doch betonte er stets den musikalischen Individualstil über jedem „nationalistischen“ oder „internationalistischen“ Ansatz. Zu seinem eigenen musikalischen Stil gehörte die Nutzung von aus dem Volksgut und der englischen Musik des 16. Jahrhunderts (Tudor-Periode) abgeleiteten modalen Skalen. Seine Harmonik ist spätromantisch tonal erweitert und gelegentlich bitonal. Seine Musik richtet sich nicht an Intellektuelle, sondern an Durchschnittsmenschen.
Am bekanntesten ist Vaughan Williams wohl durch seine neun Sinfonien. Die erste Gesamteinspielung erfolgte 1952–1958 unter der Leitung von Adrian Boult, der 1922 die Uraufführung der „Pastoral Symphony“ geleitet hatte (die Decca-Einspielung wurde für das Jubiläumsjahr 2022 durch Pristine Audio neu remastered). Weitere Gesamteinspielungen dirigierten etwa André Previn (RCA), Adrian Boult (EMI), Leonard Slatkin (RCA), Bryden Th omson (Chandos), Bernard Haitink (EMI), Andrew Davis (Teldec/Warner) und in jüngster Zeit Mark Elder (Th e Hallé), Andrew Manze (Onyx) und Martyn Brabbins (Hyperion); die Gesamteinspielungen von Roger Norrington (Decca) und Richard Hickox (Chandos) blieben unvollständig, Letztere wurde zum Jubiläumsjahr durch Andrew Davis komplettiert.
Weitere wichtige Dirigenten von Vaughan Williams Sinfonien waren unter anderem Leopold Stokowski, Malcolm Sargent, John Barbirolli sowie der Komponist selbst (4. Sinfonie). Einige Sinfonien erlebten eine besonders wechselvolle Geschichte, vor allem die „London Symphony“ (Nr. 2), deren Partitur 1913/14 auf dem Weg zum deutschen Verlag verloren ging und aus den Orchesterstimmen rekonstruiert werden musste. Zahlreiche substanzielle Umarbeitungen folgten bis 1933, so dass heute auf Tonträger mindestens drei unterschiedliche Fassungen greifbar sind. Die „Pastoral Symphony“ (Nr. 3, mit vokalisierendem Gesangssolo) ist weit entfernt von englischer ländlicher Idylle, sondern verarbeitet vielmehr die Erlebnisse des Ersten Weltkriegs; der Titel spiegelt gebrochen das verwüstete französische Schlachtfeld, auf dem der Komponist viele Freunde verlor. Nicht wenige der Sinfonien speisen sich aus außermusikalischen Ideen, die „Sinfonia Antartica“ (Nr. 7) etwa teilweise aus einer Filmpartitur – von denen schuf Vaughan Williams bis 1957 übrigens eine beträchtliche Anzahl.
Schon vor seinen Sinfonien hatte sich Vaughan Williams als Komponist von Orchestermusik profiliert, vor allem mit seiner „Fantasia On A Theme By Thomas Tallis“ für Streicher (1910); andere Werke bedienen in der Tat den „ländlichen“ Markt wie „In Th e Fen Country“ (1904) oder die „Norfolk Rhapsody No. 1“. Zahlreiche frühe Werke wurden zurückgezogen und sind erst posthum aus dem Nachlass veröffentlicht worden, nicht zuletzt dank der sorgfältigen Pfl ege durch seine Witwe, die Ralph Vaughan Williams Society und den Ralph Vaughan Williams Trust, der auch eine eigene CD-Linie betreibt. Neben der Orchestermusik sind einige Werke mit Soloinstrument hervorzuheben – neben dem Oboenkonzert (1944), dem Tubakonzert (1954) und dem in seiner Werkgenese komplizierten Konzert für ein bzw. zwei Klaviere und Orchester (1926/1930–31) vor allem „Th e Lark Ascending“ für Violine und Orchester (1914/1920), das von zahlreichen internationalen Solisten eingespielt wurde, und die Suite „Flos Campi“ für Viola, textlosen Chor und Orchester (1925, inspiriert durch Verse aus dem Hohelied Salomo). Vaughan Williams’ kammermusikalisches Schaffen ist überschaubar im Umfang und entfaltete sich vornehmlich in der Zeit nach 1940.
Obwohl er eine beachtliche Menge umfangreicher geistlicher Chorwerke verfasste, darunter nur wenig Kirchenmusik im engeren Sinne (unter ihnen eine anspruchsvolle A-cappella-Mes- se), empfand sich Vaughan Williams für den größten Teil seines Lebens als Agnostiker, der sich aber gerne und intensiv mit christlichen Themen befasste. Zum Beispiel über mehrere Jahrzehnte hin mit „The Pilgrim’s Progress“, einer Art Oper, die den mittelalterlichen Mysterienspielen nicht fern steht und die ihn mehr als 40 Jahre beschäftigte. Schon das Chorlied „Toward The Unknown Region“ (auf einen Text von Walt Whitman) erweist aber schon früh, dass es für Vaughan Williams mehr Richtungen als nur die religiös-humanistische gab. „Dona nobis pacem“ (1936), eine im besten Sinne pazifistische Komposition, verknüpft in der Textwahl christliches und humanistisches Gedankengut und gilt als Vorbild für Benjamin Britten „War Requiem“. Aus den sehr guten Einspielungen ragen jene unter Vaughan Williams (Somm) und unter Matthew Best (Hyperion) besonders hervor.
Doch auch das Oratorium „Sancta Civitas“ (1923–25) ist von beträchtlicher auch spiritueller Wirkung (besonders in der Einspielung unter David Willcocks; EMI/Warner). Das umfänglichste von Vaughan Williams’ weltlichen Chorwerken sind die „Five Tudor Portraits“ (1935), am idiomatischsten eingespielt unter David Willcocks (EMI/Warner). Die „Serenade To Music“ (1938, auf einen Shakespeare-Text) zum 50-jährigen Dirigentenjubiläum von Henry Wood liegt in zwei im Gesamteindruck äußerst harmonischen Einspielungen vor (unter Adrian Boult, EMI/Warner und unter Roger Norrington, Decca).
Große Vielfalt bietet Vaughan Williams auch als Komponist für die Bühne. Das Ballett „Job“ (1927–30) wurde von den Ballets Russes zur Aufführung abgelehnt, wurde aber ein beachtlicher Erfolg als Konzertwerk. Die Oper „Sir John In Love“ (nach Shakespeare, 1924-28) blieb stets im Schatten von Verdis „Falstaff“, andere Werke, etwa „The Poisoned Kiss“ (1927–29, rev. bis 1957), erlangten nur auf Tonträger einen Achtungserfolg (unter Richard Hickox für Chandos). Von der Schauspielmusik zu „The Wasps“ nach Aristophanes (1909) wurde allein die Ouvertüre populär (die Gesamteinspielung erfolgte erst 2006 unter Mark Elder; The Hallé). Und den Einakter „Riders To The Sea“ hat man sogar fürs Fernsehen verfilmt. Wie die Kammermusik sind auch die Sololieder eher ein Nebenbereich von Vaughan Williams’ Schaffen, auch wenn insbesondere „Silent Noon“, „The Watermill“ und „Linden Lee“ zum Standardrepertoire britischer Sänger zählen. Die „Five Mystical Songs“ und vor allem der Zyklus „On Wenlock Edge“ in den Fassungen mit Kammerensemble bzw. Orchester erfreuen sich ebenfalls einiger Beliebtheit.
Während diverse kleinere Plattenlabels mit einer beträchtlichen Anzahl an Neueinspielungen das Jubiläum würdigen, ist die 30 CDs umfassende „New Collector’s Edition“ von Warner Classics bis auf einen einzigen Track unverändert zur Collector’s Edition von EMI Classics 2008, das Begleitheft ist karg. Dafür enthält diese Box aber eine beachtliche Anzahl an Referenzeinspielungen, etwa Lieder mit Ian Partridge, einige chorsinfonische Werke unter David Willcocks sowie die Opernproduktionen „The Pilgrim’s Progress“ unter Adrian Boult, „Sir John In Love“ und „Riders To The Sea“ unter Meredith Davies sowie „Hugh The Drover“ unter Charles Groves. Und auch die Aufnahmen der Sinfonien unter Vernon Handley stehen in der vordersten Reihe der Gesamteinspielungen.
Als „Kuhfladen-Musik“ wurde sie verunglimpft, als Eskapismus ins Ländliche bezeichnet, doch all dies greift für das Schaffen von Ralph Vaughan Williams viel zu kurz. 1872 geboren, wuchs er südlich von London auf. Zu seinen Großeltern gehörte eine Schwester Charles Darwins, und schon früh kam er mit bedeutenden Persönlichkeiten seiner Zeit in Kontakt. Noch vor seinem Eintritt in das Internat Charterhouse hatte er Unterricht in Klavier, Violine und Orgel erhalten. 1890 trat der 18-Jährige dem Royal College of Music bei, zwei Jahre später wechselte er ans Trinity College Cambridge, wo er einen kleinen Chor gründete, und schloss später sein Studium mit dem Doctor of Music ab, daneben war er in London als Organist tätig gewesen. Für ein knappes Jahr kehrte Vaughan Williams anschließend an das Royal College of Music zurück, wo er sich mit Gustav Holst anfreundete.
1897 studierte er in Berlin bei Max Bruch und 1908 in Paris bei Maurice Ravel. Impulse für sein Schaffen suchte er auch im englischen Volksgut und der britischen Musik der Renaissance: Zusammen mit Holst und anderen betrieb er vor allem in Norfolk, Essex und Sussex selbst „Feldforschung“ und sammelte mehr als 800 Volksmelodien, die er jedoch nur in bereinigter Form veröffentlichte.
Aktiv war Ralph Vaughan Williams in verschiedensten Aspekten des musikalischen Lebens, unter anderem als Lehrer am Royal College of Music, als Herausgeber der „Welcome Songs“ für die Purcell Society und des „English Hymnal“ für die anglikanische Kirche (mit vielen neuen Melodien), als Chefdirigent des Leith Hill Musical Festival und als Dirigent des Bach Choir London. Seine Interpretation von Werken von Bach galten als nationale Ereignisse, da in ihnen dramatische und spirituelle Qualitäten besonders herausgearbeitet wurden.
Im Krieg diente er als Hilfskrankenpfleger in Frankreich und an der mazedonischen Front und kehrte später als Artillerieoffizier nach Frankreich zurück. Bereits 1919 verlieh ihm die Universität Oxford die Ehrendoktorwürde, zahlreiche weitere Ehrungen folgten. Er verzichtete auf einen Adelstitel ebenso wie auf die Ernennung zum „Master of the King’s Music“, obwohl er zur Krönung von George VI und seiner Gemahlin Königin Elisabeth 1937 wesentliche Werke beigesteuert hatte. Der Brite stand der politischen Linken nahe und setzte sich mehrfach für kommunistische oder sozialistische Komponisten ein, die etwa von der BBC mit Sendeverbot belegt wurden; sein Einsatz für die Flüchtlinge aus Nazideutschland führten zu einem Aufführungsverbot seiner Werke in Deutschland. Williams gilt als Schlüsselfigur der Wiederbelebung britischer Musik im 20. Jahrhundert, begründet nicht allein durch sein ausgesprochen umfangreiches Schaffen, sondern auch durch seine programmatische Schriften, etwa „Who wants the English composer?“ (1912), „National Music“ (1934) und „Nationalism and Internationalism“ (1953). Schon früh war ihm die mangelnde britische musikalische Identität bewusst, doch betonte er stets den musikalischen Individualstil über jedem „nationalistischen“ oder „internationalistischen“ Ansatz. Zu seinem eigenen musikalischen Stil gehörte die Nutzung von aus dem Volksgut und der englischen Musik des 16. Jahrhunderts (Tudor-Periode) abgeleiteten modalen Skalen. Seine Harmonik ist spätromantisch tonal erweitert und gelegentlich bitonal. Seine Musik richtet sich nicht an Intellektuelle, sondern an Durchschnittsmenschen.
Am bekanntesten ist Vaughan Williams wohl durch seine neun Sinfonien. Die erste Gesamteinspielung erfolgte 1952–1958 unter der Leitung von Adrian Boult, der 1922 die Uraufführung der „Pastoral Symphony“ geleitet hatte (die Decca-Einspielung wurde für das Jubiläumsjahr 2022 durch Pristine Audio neu remastered). Weitere Gesamteinspielungen dirigierten etwa André Previn (RCA), Adrian Boult (EMI), Leonard Slatkin (RCA), Bryden Th omson (Chandos), Bernard Haitink (EMI), Andrew Davis (Teldec/Warner) und in jüngster Zeit Mark Elder (Th e Hallé), Andrew Manze (Onyx) und Martyn Brabbins (Hyperion); die Gesamteinspielungen von Roger Norrington (Decca) und Richard Hickox (Chandos) blieben unvollständig, Letztere wurde zum Jubiläumsjahr durch Andrew Davis komplettiert.
Weitere wichtige Dirigenten von Vaughan Williams Sinfonien waren unter anderem Leopold Stokowski, Malcolm Sargent, John Barbirolli sowie der Komponist selbst (4. Sinfonie). Einige Sinfonien erlebten eine besonders wechselvolle Geschichte, vor allem die „London Symphony“ (Nr. 2), deren Partitur 1913/14 auf dem Weg zum deutschen Verlag verloren ging und aus den Orchesterstimmen rekonstruiert werden musste. Zahlreiche substanzielle Umarbeitungen folgten bis 1933, so dass heute auf Tonträger mindestens drei unterschiedliche Fassungen greifbar sind. Die „Pastoral Symphony“ (Nr. 3, mit vokalisierendem Gesangssolo) ist weit entfernt von englischer ländlicher Idylle, sondern verarbeitet vielmehr die Erlebnisse des Ersten Weltkriegs; der Titel spiegelt gebrochen das verwüstete französische Schlachtfeld, auf dem der Komponist viele Freunde verlor. Nicht wenige der Sinfonien speisen sich aus außermusikalischen Ideen, die „Sinfonia Antartica“ (Nr. 7) etwa teilweise aus einer Filmpartitur – von denen schuf Vaughan Williams bis 1957 übrigens eine beträchtliche Anzahl.
Schon vor seinen Sinfonien hatte sich Vaughan Williams als Komponist von Orchestermusik profiliert, vor allem mit seiner „Fantasia On A Theme By Thomas Tallis“ für Streicher (1910); andere Werke bedienen in der Tat den „ländlichen“ Markt wie „In Th e Fen Country“ (1904) oder die „Norfolk Rhapsody No. 1“. Zahlreiche frühe Werke wurden zurückgezogen und sind erst posthum aus dem Nachlass veröffentlicht worden, nicht zuletzt dank der sorgfältigen Pfl ege durch seine Witwe, die Ralph Vaughan Williams Society und den Ralph Vaughan Williams Trust, der auch eine eigene CD-Linie betreibt. Neben der Orchestermusik sind einige Werke mit Soloinstrument hervorzuheben – neben dem Oboenkonzert (1944), dem Tubakonzert (1954) und dem in seiner Werkgenese komplizierten Konzert für ein bzw. zwei Klaviere und Orchester (1926/1930–31) vor allem „Th e Lark Ascending“ für Violine und Orchester (1914/1920), das von zahlreichen internationalen Solisten eingespielt wurde, und die Suite „Flos Campi“ für Viola, textlosen Chor und Orchester (1925, inspiriert durch Verse aus dem Hohelied Salomo). Vaughan Williams’ kammermusikalisches Schaffen ist überschaubar im Umfang und entfaltete sich vornehmlich in der Zeit nach 1940.
Obwohl er eine beachtliche Menge umfangreicher geistlicher Chorwerke verfasste, darunter nur wenig Kirchenmusik im engeren Sinne (unter ihnen eine anspruchsvolle A-cappella-Mes- se), empfand sich Vaughan Williams für den größten Teil seines Lebens als Agnostiker, der sich aber gerne und intensiv mit christlichen Themen befasste. Zum Beispiel über mehrere Jahrzehnte hin mit „The Pilgrim’s Progress“, einer Art Oper, die den mittelalterlichen Mysterienspielen nicht fern steht und die ihn mehr als 40 Jahre beschäftigte. Schon das Chorlied „Toward The Unknown Region“ (auf einen Text von Walt Whitman) erweist aber schon früh, dass es für Vaughan Williams mehr Richtungen als nur die religiös-humanistische gab. „Dona nobis pacem“ (1936), eine im besten Sinne pazifistische Komposition, verknüpft in der Textwahl christliches und humanistisches Gedankengut und gilt als Vorbild für Benjamin Britten „War Requiem“. Aus den sehr guten Einspielungen ragen jene unter Vaughan Williams (Somm) und unter Matthew Best (Hyperion) besonders hervor.
Doch auch das Oratorium „Sancta Civitas“ (1923–25) ist von beträchtlicher auch spiritueller Wirkung (besonders in der Einspielung unter David Willcocks; EMI/Warner). Das umfänglichste von Vaughan Williams’ weltlichen Chorwerken sind die „Five Tudor Portraits“ (1935), am idiomatischsten eingespielt unter David Willcocks (EMI/Warner). Die „Serenade To Music“ (1938, auf einen Shakespeare-Text) zum 50-jährigen Dirigentenjubiläum von Henry Wood liegt in zwei im Gesamteindruck äußerst harmonischen Einspielungen vor (unter Adrian Boult, EMI/Warner und unter Roger Norrington, Decca).
Große Vielfalt bietet Vaughan Williams auch als Komponist für die Bühne. Das Ballett „Job“ (1927–30) wurde von den Ballets Russes zur Aufführung abgelehnt, wurde aber ein beachtlicher Erfolg als Konzertwerk. Die Oper „Sir John In Love“ (nach Shakespeare, 1924-28) blieb stets im Schatten von Verdis „Falstaff“, andere Werke, etwa „The Poisoned Kiss“ (1927–29, rev. bis 1957), erlangten nur auf Tonträger einen Achtungserfolg (unter Richard Hickox für Chandos). Von der Schauspielmusik zu „The Wasps“ nach Aristophanes (1909) wurde allein die Ouvertüre populär (die Gesamteinspielung erfolgte erst 2006 unter Mark Elder; The Hallé). Und den Einakter „Riders To The Sea“ hat man sogar fürs Fernsehen verfilmt. Wie die Kammermusik sind auch die Sololieder eher ein Nebenbereich von Vaughan Williams’ Schaffen, auch wenn insbesondere „Silent Noon“, „The Watermill“ und „Linden Lee“ zum Standardrepertoire britischer Sänger zählen. Die „Five Mystical Songs“ und vor allem der Zyklus „On Wenlock Edge“ in den Fassungen mit Kammerensemble bzw. Orchester erfreuen sich ebenfalls einiger Beliebtheit.
Während diverse kleinere Plattenlabels mit einer beträchtlichen Anzahl an Neueinspielungen das Jubiläum würdigen, ist die 30 CDs umfassende „New Collector’s Edition“ von Warner Classics bis auf einen einzigen Track unverändert zur Collector’s Edition von EMI Classics 2008, das Begleitheft ist karg. Dafür enthält diese Box aber eine beachtliche Anzahl an Referenzeinspielungen, etwa Lieder mit Ian Partridge, einige chorsinfonische Werke unter David Willcocks sowie die Opernproduktionen „The Pilgrim’s Progress“ unter Adrian Boult, „Sir John In Love“ und „Riders To The Sea“ unter Meredith Davies sowie „Hugh The Drover“ unter Charles Groves. Und auch die Aufnahmen der Sinfonien unter Vernon Handley stehen in der vordersten Reihe der Gesamteinspielungen.



