Musikgeschichte

Beglückender Zauderer

Von
Christoph Vratz
Erschienen in der Printausgabe im
April 2023
Lesezeit ca.
…
Minuten

Was ist Musik?! Eine ruhige Mondnacht; Das Rauschen der Blätter; Entferntes Abendläuten; Das, was von Herz zu Herz geht; Die Liebe; Die Schwester der Musik ist die Poesie – ihre Mutter: die Schwermut.“

Es ist eine Anfrage aus dem Jahr 1932. Sergei Rachmaninow wird gebeten, zu definieren, was Musik eigentlich sei. Seine Antwort enthält vieles von dem, was seine Rezeption bis heute ausmacht. Er ist beliebt und umstritten, er wird verehrt und als seicht verschmäht. Er polarisiert, weil er die Romantik ins 20. Jahrhundert hinübergerettet hat. „In meinen Kompositionen habe ich keine bewussten Anstrengungen unternommen, originell, Romantiker, Nationalist oder sonst etwas zu sein.“ Authentisch wollte er sein – und ist es stets geblieben, als Pianist und Komponist.

Sergei Wassiljewitsch Rachmaninow wird am 20. März 1873 auf einem der elterlichen Landgüter im Nordwesten Russlands geboren. Die Familie: alter russischer Adel. Der Vater: Ex-Militär und Verschwender eines großen Vermögens. Die Mutter: verschlossen. Die Kindheit ist nicht glücklich. Einzig die Großmutter bietet dem Jungen innere Heimat und Schutz. Früh wird seine musikalische Begabung erkannt. Sergei kommt aufs Konservatorium nach St. Petersburg. Doch nach eigenen Worten geht er lieber Schlittschuhlaufen. Entsprechend sind seine Leistungen. Die miesen Zeugnisnoten frisiert er auf der heimischen Toilette, bevor er sie vorzeigt.

Chorgesang in den Messen und der Klang von Kirchenglocken prägen den jungen Rachmaninow. Sie dienen ihm später nicht nur als Zitate, sie werden zu einem Kern seiner musikalischen Sprache. Mit 14 komponiert er erste kleinere Stücke. In St. Petersburg entlassen, wagt er in Moskau einen Neuanfang: Einer seiner Lehrer verwandelt „sein Haus, das ein musikalisches Gefängnis hätte werden können, in ein musikalisches Paradies. Sonntags pflegte er ein offenes Haus für die bedeutendsten Figuren der Moskauer Musikwelt.“ Ein Glücksfall. Rachmaninow schreibt eine Kurzoper, „Aleko“, und sein erstes Klavierkonzert. Hier findet er seine eigene Sprache, verdichtet Ausdrucksmittel, die in seine Seele blicken lassen. Die Orchestrierung verrät: Streicher und Holzbläser sind eher dunkel getönt, und hört man den Finalsatz, so erwächst dort inmitten des ganzen Wirbelns eine Insel voller Melos.

Wie besessen widmet er sich seinem nächsten Projekt, einer Sinfonie: „Ich schrieb von 5 Uhr morgens bis 8 Uhr abends fast ohne Pause.“ Trauriger Tiefpunkt, als Alexander Glasunow bei der Uraufführung sturzbetrunken dirigiert und mittendrin abbrechen muss. Der sensible Rachmaninow schwört, keine Note mehr zu Papier zu bringen. Er heiratet eine Kusine und bekommt zwei Töchter – ein neuer Halt, ein neuer Anlauf: Rachmaninow wird Dirigent am Bolschoi-Theater, Konzertreisen als Pianist folgen durch Europa und 1909 erstmals in die Vereinigten Staaten. Der auf einer Konzertbühne fast pathologisch scheue Rachmaninow wird zum gefeierten Star, gehört zu einer Generation großartiger Virtuosen: Godowsky, Hofmann, später der junge Horowitz. Rachmaninow komponiert wieder, darunter mehrere Sammlungen mit Klavierstücken, dazu zwei sehr unterschiedliche Sonaten. Doch sein Leben wirkt fragil. Er raucht Kette, hat Mühe, sein Geld zusammenzuhalten, er sehnt Ruhm und materielle Absicherung herbei und leidet unter Schlafstörungen, Selbstzweifeln, Depressionen. Die Ärzte wirken ratlos.

Nach der Oktober-Revolution verlässt Rachmaninow Russland. Er weiß noch nicht, dass es für immer sein wird. Gelegentlich zieht es ihn auch ins Aufnahmestudio, etwa 1928 mit dem Geiger Fritz Kreisler. Beredte Einspielungen, die viel von seiner Ästhetik verraten. 1930 lässt sich Rachmaninow in der Schweiz nieder, in der Gemeinde Weggis, am Ufer des Vierwaldstätter Sees, wo er ein rund 20 000 Quadratmeter großes Grundstück kauft. Zwei Schweizer Architekten bauten darauf ein Haus, für Rachmaninow und seine Frau. Der Name: „Villa Senar“ – Sergei und Natalia Rachmaninow. Später zieht dort sein Enkel ein, 2022 wird sie der Ort eines neuen Kulturzentrums. Wen es heute dorthin verschlägt, bekommt den Eindruck, der Hausherr sei nur gerade zum Einkaufen vor die Tür gegangen …

Rachmaninows Werke besitzen einen eigenen Charakter, alle, sie sind meist unverkennbar. Sie zeigen oft eine melancholische Seite und sind zutiefst in seiner Herkunft verwurzelt. Es gibt Musiker, die behaupten, dass man in seiner Musik die russische Landschaft sehen könne, ihre Wälder, ihre Seen, ihre Weite, ihren Schnee. Das gilt besonders für seine zweite Sinfonie.

Rachmaninow selbst hat die melodische Erfindung einmal als „das höchste Ziel eines jeden Komponisten“ bezeichnet. Daher sollte man Vorsicht walten lassen, etwa seine Klavierkonzerte als Schlachtrösser zu bezeichnen. Seine Sammlungen mit Klavierwerken werden gelegentlich zyklisch aufgenommen, im Konzertsaal erlebt man meist nur ausgewählte Essenzen.

Mit Ausbruch des Zweiten Weltkriegs emigriert Rachmaninow in die USA – schreibt aber kaum noch neue Werke. Als er einmal gefragt wird, warum er so viel weniger als früher komponiere, behauptet er: „Ein Komponist, der seine Heimat verliert, verliert den Impuls zum Komponieren.“ Gefragt ist er als gut bezahlter Pianist, glücklich aber ist Rachmaninow nicht: „Meiner Natur nach bin ich Pessimist.“ Sergei Rachmaninow stirbt am 28. März 1943 in Beverly Hills und wird nicht in Moskau, sondern nördlich von New York begraben.

Was ist Musik?! Eine ruhige Mondnacht; Das Rauschen der Blätter; Entferntes Abendläuten; Das, was von Herz zu Herz geht; Die Liebe; Die Schwester der Musik ist die Poesie – ihre Mutter: die Schwermut.“

Es ist eine Anfrage aus dem Jahr 1932. Sergei Rachmaninow wird gebeten, zu definieren, was Musik eigentlich sei. Seine Antwort enthält vieles von dem, was seine Rezeption bis heute ausmacht. Er ist beliebt und umstritten, er wird verehrt und als seicht verschmäht. Er polarisiert, weil er die Romantik ins 20. Jahrhundert hinübergerettet hat. „In meinen Kompositionen habe ich keine bewussten Anstrengungen unternommen, originell, Romantiker, Nationalist oder sonst etwas zu sein.“ Authentisch wollte er sein – und ist es stets geblieben, als Pianist und Komponist.

Sergei Wassiljewitsch Rachmaninow wird am 20. März 1873 auf einem der elterlichen Landgüter im Nordwesten Russlands geboren. Die Familie: alter russischer Adel. Der Vater: Ex-Militär und Verschwender eines großen Vermögens. Die Mutter: verschlossen. Die Kindheit ist nicht glücklich. Einzig die Großmutter bietet dem Jungen innere Heimat und Schutz. Früh wird seine musikalische Begabung erkannt. Sergei kommt aufs Konservatorium nach St. Petersburg. Doch nach eigenen Worten geht er lieber Schlittschuhlaufen. Entsprechend sind seine Leistungen. Die miesen Zeugnisnoten frisiert er auf der heimischen Toilette, bevor er sie vorzeigt.

Chorgesang in den Messen und der Klang von Kirchenglocken prägen den jungen Rachmaninow. Sie dienen ihm später nicht nur als Zitate, sie werden zu einem Kern seiner musikalischen Sprache. Mit 14 komponiert er erste kleinere Stücke. In St. Petersburg entlassen, wagt er in Moskau einen Neuanfang: Einer seiner Lehrer verwandelt „sein Haus, das ein musikalisches Gefängnis hätte werden können, in ein musikalisches Paradies. Sonntags pflegte er ein offenes Haus für die bedeutendsten Figuren der Moskauer Musikwelt.“ Ein Glücksfall. Rachmaninow schreibt eine Kurzoper, „Aleko“, und sein erstes Klavierkonzert. Hier findet er seine eigene Sprache, verdichtet Ausdrucksmittel, die in seine Seele blicken lassen. Die Orchestrierung verrät: Streicher und Holzbläser sind eher dunkel getönt, und hört man den Finalsatz, so erwächst dort inmitten des ganzen Wirbelns eine Insel voller Melos.

Wie besessen widmet er sich seinem nächsten Projekt, einer Sinfonie: „Ich schrieb von 5 Uhr morgens bis 8 Uhr abends fast ohne Pause.“ Trauriger Tiefpunkt, als Alexander Glasunow bei der Uraufführung sturzbetrunken dirigiert und mittendrin abbrechen muss. Der sensible Rachmaninow schwört, keine Note mehr zu Papier zu bringen. Er heiratet eine Kusine und bekommt zwei Töchter – ein neuer Halt, ein neuer Anlauf: Rachmaninow wird Dirigent am Bolschoi-Theater, Konzertreisen als Pianist folgen durch Europa und 1909 erstmals in die Vereinigten Staaten. Der auf einer Konzertbühne fast pathologisch scheue Rachmaninow wird zum gefeierten Star, gehört zu einer Generation großartiger Virtuosen: Godowsky, Hofmann, später der junge Horowitz. Rachmaninow komponiert wieder, darunter mehrere Sammlungen mit Klavierstücken, dazu zwei sehr unterschiedliche Sonaten. Doch sein Leben wirkt fragil. Er raucht Kette, hat Mühe, sein Geld zusammenzuhalten, er sehnt Ruhm und materielle Absicherung herbei und leidet unter Schlafstörungen, Selbstzweifeln, Depressionen. Die Ärzte wirken ratlos.

Nach der Oktober-Revolution verlässt Rachmaninow Russland. Er weiß noch nicht, dass es für immer sein wird. Gelegentlich zieht es ihn auch ins Aufnahmestudio, etwa 1928 mit dem Geiger Fritz Kreisler. Beredte Einspielungen, die viel von seiner Ästhetik verraten. 1930 lässt sich Rachmaninow in der Schweiz nieder, in der Gemeinde Weggis, am Ufer des Vierwaldstätter Sees, wo er ein rund 20 000 Quadratmeter großes Grundstück kauft. Zwei Schweizer Architekten bauten darauf ein Haus, für Rachmaninow und seine Frau. Der Name: „Villa Senar“ – Sergei und Natalia Rachmaninow. Später zieht dort sein Enkel ein, 2022 wird sie der Ort eines neuen Kulturzentrums. Wen es heute dorthin verschlägt, bekommt den Eindruck, der Hausherr sei nur gerade zum Einkaufen vor die Tür gegangen …

Rachmaninows Werke besitzen einen eigenen Charakter, alle, sie sind meist unverkennbar. Sie zeigen oft eine melancholische Seite und sind zutiefst in seiner Herkunft verwurzelt. Es gibt Musiker, die behaupten, dass man in seiner Musik die russische Landschaft sehen könne, ihre Wälder, ihre Seen, ihre Weite, ihren Schnee. Das gilt besonders für seine zweite Sinfonie.

Rachmaninow selbst hat die melodische Erfindung einmal als „das höchste Ziel eines jeden Komponisten“ bezeichnet. Daher sollte man Vorsicht walten lassen, etwa seine Klavierkonzerte als Schlachtrösser zu bezeichnen. Seine Sammlungen mit Klavierwerken werden gelegentlich zyklisch aufgenommen, im Konzertsaal erlebt man meist nur ausgewählte Essenzen.

Mit Ausbruch des Zweiten Weltkriegs emigriert Rachmaninow in die USA – schreibt aber kaum noch neue Werke. Als er einmal gefragt wird, warum er so viel weniger als früher komponiere, behauptet er: „Ein Komponist, der seine Heimat verliert, verliert den Impuls zum Komponieren.“ Gefragt ist er als gut bezahlter Pianist, glücklich aber ist Rachmaninow nicht: „Meiner Natur nach bin ich Pessimist.“ Sergei Rachmaninow stirbt am 28. März 1943 in Beverly Hills und wird nicht in Moskau, sondern nördlich von New York begraben.